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Einen halben Tag nach ihrer Begegnung mit den Kriegerdämonen lagerten sie. Vivanas Vater bot an, ihren Gefangenen zu füttern, damit der Dämon keine Gelegenheit bekam, sie zu beeinflussen. Vivana war damit einverstanden und kümmerte sich stattdessen um Ruac.

Der Tatzelwurm häutete sich schon wieder. Sie rieb ihm die alte Haut ab, was Ruac sichtlich genoss. Aus alter Gewohnheit wollte er ihr auf den Schoß klettern. Sie konnte ihn nur mit Mühe davon abhalten. Er war inzwischen so schwer, dass er sie erdrückt hätte. Vivana gab ihm ein Stück Fleisch und betrachtete ihn besorgt, während er fraß. Ruac hatte seine Größe mehr als vervierfacht, seit er sich in dem kochenden Pfuhl gesuhlt hatte. Das Futterproblem wurde immer heikler. Hin und wieder gab sie ihm von ihren eigenen Vorräten, aber das war auf Dauer auch keine Lösung.

Sie sah auf, als sie ihren Vater schimpfen hörte. Suppe troff von seinem Wams – offenbar hatte der Dämon ihn angespuckt. Er drohte, ihm die Suppe mit Gewalt einzuflößen, falls er das noch einmal machte, und schlurfte fluchend zum Gaskocher, um seinen Napf nachzufüllen.

In diesem Moment legte der Dämon den Kopf in den Nacken und stieß einen Schrei aus. Es war kein gewöhnlicher Schrei, sondern ein kreischender Ton von einer solchen Lautstärke, dass Vivana vor Schmerz aufkeuchte und sich unwillkürlich die Ohren zuhielt. Lucien ließ seine Schüssel fallen. Ruac ergriff die Flucht und verkroch sich hinter einem Felsen. Ihr Vater fiel zu Boden und vergrub seinen Kopf in den Armen.

Vivana hatte schon viele schreckliche Geräusche gehört. Das Krächzen der Ghule. Die Todesschreie der Vílen. Doch dieser Laut übertraf alles. Ihr war, als raspelten sich rostige Sägeblätter durch ihren Schädel.

Als es endlich vorbei war, stellte sie fest, dass sie auf dem Boden lag – genau wie ihre Gefährten. Lucien war der Erste, der wieder aufstand. Mit gezogenem Messer sprang er vor, packte den Dämon an den Haaren und hielt ihm die Klinge an die Kehle. »Was hast du getan?«

Der Dämon kicherte nur. »Das wirst du gleich sehen, Alb.«

Lucien ließ ihn los. »Packt alles zusammen!«, rief er Vivana und ihrem Vater zu. »Wir müssen sofort hier weg.«

Hastig begann Vivana, ihre Sachen in die Taschen zu stopfen, obwohl ihre Ohren klingelten und ihre Hände zitterten. Doch auch ohne Luciens Aufforderung war ihr klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Den Schrei hatte man meilenweit gehört. Vermutlich wurden davon sämtliche Dämonen im Gebirge angelockt.

Eilends schulterten sie ihr Gepäck und machten sich auf den Weg. Lucien wählte einen schmalen Pfad, der im Schutz der Felsen hangabwärts führte und auf dem sie, wie er hoffte, nicht gesehen wurden.

Doch schon wenige Minuten später war der Himmel über ihnen voller Verschlinger. Die schwarzen Riesenvögel kreisten über den Hügeln und suchten das Felslabyrinth ab. Einer der geflügelten Dämonen entdeckte sie schließlich und schrie durchdringend.

»Lauft schneller!«, rief Lucien. »Wir müssen uns irgendwo verstecken!«

Der Pfad war so steil und tückisch, dass sie nur langsam vorwärtskamen. Vivanas Vater rutschte auf dem losen Geröll aus und fiel hin. Der schwere Tragekorb hinderte ihn am Aufstehen, und er versuchte mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Riemen abzustreifen.

»Vivana! Der Dämon!«, stieß er hervor.

Sie stellte fest, dass er das Seil losgelassen hatte. Ihr Gefangener machte sich dies zu Nutze und rannte den Pfad zurück. Vivana setzte ihm nach und bekam den Strick zu fassen. Sie zog so heftig daran, dass der Dämon auf den Rücken fiel.

»Halt ihn fest!«, schrie Lucien. »Lass ihn nicht entkommen!«

»Hilf meinem Vater«, rief sie. Mit dem Seil in den Händen wandte sie sich dem Dämon zu. »Steh auf!«

Er rührte sich nicht. Trotz des Knebels konnte sie sehen, dass er grinste.

»Steh auf!«

Plötzlich erklang von überall her Kreischen und Zirpen. Dämonen erschienen zwischen den Felsen und kamen auf sie zu, vierbeinige Krieger, hundsköpfige Kynokephale, Männer mit Schlangenhäuptern. Lucien schleuderte ein Wurfmesser und tötete einen Krieger, doch schon im nächsten Moment waren er und Vivanas Vater von den grotesken Leibern eingekreist.

Vivana zog ihr Messer und blickte sich hektisch um. Sie wollte ihren Gefährten zu Hilfe kommen, doch als sie loslief, versperrten ihr mehrere Riesenkäfer, die den Hang heraufkrabbelten, den Weg. Spitzohrige Wichte mit Messern und Speeren in den Klauenhänden ritten auf den Insekten und kicherten voller Vorfreude, als sie Vivana erblickten.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Nirgendwo ein Fluchtweg. »Vater! Lucien!«, schrie sie und stürzte den Pfad hinunter. Einer der Wichte wollte sie packen. Sie trieb ihm das Messer in den Arm, woraufhin er kreischend von ihr abließ und von seinem Käfer fiel. Die anderen Zwergdämonen stießen mit den Speeren nach ihr, sodass sie zurückweichen musste. Jemand ergriff sie von hinten und riss sie zu Boden. Ihr Messer rutschte klappernd über das Geröll. Zwei Wichte richteten ihre Waffen auf sie und verzogen die Mäuler zu einem triumphierenden Grinsen.

Sie hörte ein Fauchen. »Ruac!«, keuchte sie und wäre aufgesprungen, wenn ihr nicht einer der Wichte seine Speerspitze an die Kehle gehalten hätte. Der Tatzelwurm hatte auf einem Felsen Zuflucht gesucht und schnappte nach den Dämonen. Einen der Wichte bekam er mit dem Maul zu fassen und schleuderte ihn durch die Luft, dann eilten zwei Kynokephale mit einem Netz herbei und fingen ihn ein. Seine Flanken glühten, doch das Netz bestand aus einem wurzelartigen Material, dem Hitze nichts anhaben konnte.

Die nächsten Minuten verbrachte Vivana in einer stumpfen Trance. Die Wichte fesselten ihr die Hände, kicherten dabei und kniffen ihr mit ihren Krallenfingern in Arme und Beine. Ihr Vater und Lucien stolperten den Pfad herauf, gestoßen von den Speerschäften der Schlangenmänner. Auch ihnen hatte man die Hände gebunden. Zu Vivanas Erleichterung waren sie unverletzt, abgesehen von einigen Kratzern und Schrammen.

Die Kynokephale hatten ihnen all ihre Ausrüstung weggenommen. Die hundsköpfigen Dämonen wühlten in den Taschen, schnüffelten an einzelnen Stücken und luden schließlich alles auf einen Riesenkäfer. Den Chitinpanzer des monströsen Insekts hatte man in der Mitte aufgebrochen und ausgehöhlt; die Kynokephale stopften das Gepäck in die verhornte Mulde. Auch Vivanas Ledertasche mit dem Gelben Buch verschwand darin.

Währenddessen hatte einer der Krieger Liam von seinen Fesseln befreit. Vivana entging nicht, dass die Dämonen voller Ehrfurcht zurückwichen, als er durch die Horde schritt.

»Er hat einen Körper!«, wisperte einer der Wichte. »Einen richtigen Körper! Oh, wie ich ihn beneide!«

Liam baute sich vor ihnen auf und bedachte sie mit einem triumphierenden Lächeln. »Bringt sie zu meinem Bruder«, befahl er, woraufhin man die Gefährten zwang, aufzustehen und inmitten der dämonischen Schar den Pfad hinaufzumarschieren. Ruac hatte man ein dickes Seil um den Hals geschlungen. Zwei Kynokephale zogen ihn, zwei andere schlugen mit dreischwänzigen Peitschen auf ihn ein, wenn er sich widersetzte.

»Bruder?«, flüsterte Vivana. »Heißt das, er und Nachach sind Geschwister?«

»Möglich«, antwortete Lucien und zuckte zusammen, als einer der Schlangenmänner ihm einen Peitschenhieb versetzte und ihm mit zischender Stimme befahl, den Mund zu halten.

Vivana empfand weder Furcht noch Verzweiflung, während sie mit der Horde durch die Berge zog. Der Weg war so beschwerlich, dass sich eine empfindungslose Leere in ihr ausbreitete und alle Gefühle verdrängte. Ihre gesamte Konzentration richtete sie darauf, den nächsten Schritt zu tun, nicht zu stürzen. Die meiste Zeit hielt sie den Kopf gesenkt, denn wenn sie aufschaute oder gar einen ihrer Gefährten ansprach, riskierte sie, geschlagen und angespuckt zu werden.

Irgendwann erreichten sie den Talkessel, in dem Nachachs Burg stand. Liam schritt an der Spitze der Schar, herrisch wie ein Eroberer, als der Trupp über den Sattel zog, der den Bergrücken mit der Felsnadel verband. Endlose Serpentinen schraubten sich an dem turmartigen Gebilde empor, das aus wuchernden Felssträngen bestand, durchsetzt von Stützwänden und klaffenden Öffnungen. Eisig heulte der Wind um Wegbiegungen und Plattformen, und es erschien Vivana wie eine Ewigkeit, bis sie schließlich zum Tor gelangten. Das Böse, das sie vor einigen Tagen aus einer Entfernung von mehreren Meilen gespürt hatte, war hier so intensiv, dass sie kaum noch atmen konnte.