Beim Umdrehen zog er die Karte des Kenders vom Marktplatz aus einem Kasten unter dem Sitz hervor. Von den Vorjahren her wußte er, daß der Markt am Westende der Stadt in Sichtweite des Krystallmirsees abgehalten wurde. Im Augenblick war Gäsil im Nordosten von Solace. Es gab keinen direkten Weg zum Festplatz, deshalb ließ er Bella auf der Südstraße zurückkehren, bog dann aber nach rechts ab und durchquerte die Nordseite der Stadt. Die Straße wurde enger und verwandelte sich in Morast.
Er hörte das Fest, noch bevor er etwas davon sah, denn es erstreckte sich im Schutz der Vallenholzbäume auf dem gegen Westen abfallenden Land. Auf Jahrmärkten ging es immer laut und zügellos zu, egal zu welcher Jahreszeit. Im Frühling versank man im Matsch, im Sommer erstickte man fast in den Staubwolken. Und in schneereichen Regionen wie Abanasinia fanden sie natürlich selten im Winter statt.
Gäsil blickte noch einmal auf die Karte des Kenders. Anstatt den direkten Weg über die überfüllte Hauptgasse zu nehmen, wo die Besucher gingen, fuhr er mit dem Zeigefinger einen Weg hinter den Ständen nach. Sein Finger war voller Narben, nachdem er jahrelang stumpfe Messer rasierklingenscharf gewetzt und Kesselflickerarbeiten verrichtet hatte. Die Wagen und Karren zahlloser Händler hatten Furchen in die frisch getaute Erdoberfläche getrieben, dennoch kam man hier besser voran.
Der Kesselflicker fand den Stand des Zwergs ohne Schwierigkeiten und band seinen Karren so nah wie möglich daneben an. Ein einfacher, grauer Vorhang hing an der Rückseite und an den Seiten des Stands herunter. Dahinter lag ein kleiner, grasbewachsener Platz mit drei schlichten Stühlen, einem sauberen Heuhaufen, der mit einer grobgewebten Decke zugedeckt war, einer leeren Bierflasche und ein paar leergeräumten Regalen. Der Zwerg benutzte sie wahrscheinlich, um weitere Ware aufzubewahren, hatte seine Sachen jedoch vermutlich sicherheitshalber über Nacht nach Hause mitgenommen. Hinter einem zweiten Vorhang war der eigentliche Stand: drei einfache Holzplanken auf Böcken unter freiem Himmel. Sie waren niedriger eingestellt, als Gäsil lieb war, aber es wäre ihm nicht wohl dabei gewesen, den Stand ohne Erlaubnis zu verändern. Ein enger Eingang an der Vorderseite gestattete es den Kunden, zwischen den Waren hereinzukommen. Auf dem Boden war wegen des Matsches Heu verteilt.
Einfach, aber zweckmäßig, befand der Kesselflicker. Nachdem er Bella abgezäumt hatte, packte er sein Werkzeug zusammen und lief ein paarmal zwischen Karren und Stand hin und her, bis er alles drüben hatte. Zum Schluß holte er sein Schild: »Schleifen. Löten. Reparaturen aller Art.« Dann stellte er sich auf einen Stuhl, um das Schild an den vorderen Vorhang zu hängen.
Als er sich bückte, um den Stuhl zu verrücken, merkte er, wie etwas aus seiner Tasche fiel. Im Heu neben seinen Füßen lag das Kupferarmband. Gäsil hob es wieder auf. Er überlegte, ob er es in den Kasten unter dem Sitz seines Wagens packen sollte, doch der Wagen hinter dem Stand war unbeaufsichtigt. Da war sein eigenes Handgelenk seiner Meinung nach doch noch sicherer. Er schob das kühle, leuchtende Metall über seine Hand und an sein knochiges Gelenk.
Die Marktbesucher hatten ihn bald bemerkt. Einige bedauerten, daß sie ohne ihre kaputten, reparaturbedürftigen Sachen gekommen waren, aber viele versprachen, daß sie mit ihren stumpfen Messern, undichten Töpfen und anderen Kleinigkeiten zurückkommen würden. Die Bewohner von Solace holten sie von zu Hause, die anderen Händler von ihren Wagen. Bald hatte Gäsil reichlich Arbeit. Die dicke Nadel und der grobe Faden flogen praktisch in seinen Händen, als er altes, abgetragenes Leder mit neuem vernähte. Große und kleine Klingen glänzten im Sonnenschein, nachdem Gäsil sie schnell und gekonnt über seinen Schleifstein gezogen hatte. Er flickte drei lecke Holzeimer, band neues Stroh an einen etwas dünnen Besen und verkaufte in nur drei Stunden fast die Hälfte seines Vorrats von vierzig Flaschen Kiefernölseife.
Als er gerade seinen Schleifstein für das nächste Messerschärfen einölte, rutschte ihm das schmierige Glas aus der Hand, wodurch ihm stinkende, schwarze Schmiere über Gesicht und Hände spritzte. Er schnappte sich ein sauberes Tuch und wischte die Bescherung weg, so gut es ohne Wasser und Seife ging. Da er mehrere Tropfen auf dem Armband entdeckte, wischte er es an seiner Hose ab und schob es dann bis unter den zusammengerafften Ärmel seiner Tunika hoch.
Es war schon später Nachmittag, doch der Markt würde erst in ein paar Stunden für die Nacht schließen. Gäsil saß auf einem Stuhl und hatte sein Kinn in die Hände gestützt, während er die Leute am Stand vorbeiziehen sah. Aus dem Augenwinkel nahm er rechts die verhüllte Gestalt einer jungen Frau wahr, die ihn von der anderen Seite des Hauptdurchgangs aus beobachtete. Als sie merkte, daß er sie gesehen hatte, durchquerte die Frau den Besucherstrom und kam zum Stand.
Große, meerfarbene Augen sahen Gäsil unter einem großzügigen Seidenschal heraus an, der so geschickt um ihren Kopf gewickelt war, daß man nur ihr blasses, fast milchweißes, faltenloses Gesicht sehen konnte. Eine winzige, weißsilberne Haarsträhne lugte an der rechten Schläfe hervor. Ihr feingewebter Mantel, der mit einer Schnur am Hals zusammengehalten wurde, floß wie eine weiche, tiefblaue Wolke von den Schultern bis zu den Knöcheln.
»Verzeiht mir, daß ich Euch angestarrt habe«, setzte sie an, und ihre leise Stimme klang so beruhigend wie Wellen, die an den Stand schlagen, »aber ist das nicht der Stand von Flint Feuerschmied?«
Gäsil hörte auf, sie seinerseits zu mustern. »Ja, das war er – ich meine, ist er, aber Flint mußte, ähm, unerwartet die Stadt verlassen.«
Die Frau wirkte sehr besorgt. »Die Stadt verlassen? Für wie lange?«
Gäsil war die Sache peinlich. »Tja, das weiß ich nicht. Er könnte heute noch zurückkommen, vielleicht aber auch erst in einer Weile…« Der Kesselflicker hatte wirklich keine Ahnung, wie bald der Zwerg den Kender einholen würde – wenn überhaupt.
»In einer Weile?« Die Augen der Frau verengten sich wütend. »Aber er sollte sich hier mit mir treffen.« Sie sah aus, als würde sie gleich in Panik ausbrechen.
»Seit Ihr eine Freundin von ihm? Vielleicht kann ich Euch helfen?« bot Gäsil freundlich an, weil er angesichts ihrer offensichtlichen Bedrängnis Mitleid hatte.
Die ungewöhnliche Frau drehte sich zur Seite und wischte sich mit der Hand, über der sie einen Handschuh trug, den Staub von ihrem blassen Gesicht. »Nein, das bin ich nicht. Und ich glaube nicht, daß Ihr mir helfen könnt… Das kann keiner außer Meister Feuerschmied. Ich komme später wieder.« Bevor Gäsil antworten konnte, drehte sich die Frau um und verschwand in der Menschenmenge vor dem Stand.
Gäsil stand da und schüttelte traurig den Kopf. Etwas an der exotisch aussehenden Frau hatte ihm ans Herz gerührt.
Etwas rührte sich auch an seinem Handgelenk. Ohne ersichtlichen Grund fühlte Gäsil das Armband an seinem Handgelenk warm werden. Ihm wurde – ebenfalls ohne ersichtlichen Grund – ganz schwindelig. Dann wurde ihm flau im Magen und anschließend richtig übel. Aber dieses Gefühl ging gleich vorbei.
Zu seinem großen Erstaunen stellte Gäsil fest, daß er seinen Karren anschaute, obwohl der doch hinter ihm auf der anderen Seite des Vorhangs stand, und obwohl seine Augen geschlossen waren! Er hatte keine Ahnung, was los war, aber er stellte fest, daß ein Teil seiner Ware aus dem Wagen fehlte – das Ochsenjoch, das er unter dem Kasten festgebunden hatte, war verschwunden.
Als Gäsil die Augen wieder aufschlug, war der Wagen verschwunden. Er saß wieder in einem geliehenen Stand auf dem Jahrmarkt von Solace.
Natürlich fragte sich Gäsil sofort, was dieser seltsame Vorgang zu bedeuten hatte. Aus purer Neugier steckte er den Kopf durch den Vorhang, um nach dem Wagen zu sehen. Natürlich, da war das Joch, genau da, wo es hingehörte. Was also hatte die Vision zu bedeuten? Wollte jemand es vom Wagen stehlen?