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Allgemeines Gekicher und Gepruste ging durch den Raum. Der Wirt beugte sich dicht herüber und sagte: »Ich kann dir auch die Zukunft vorhersagen, Fremder. Ich sage, wenn du deinen dreisten, fetten Hintern nicht gleich hier rausschaffst, dann wirst du rausgeworfen.« Das Gelächter schwoll an, und Delbridge bemerkte erstmals, daß es einen wirklich unangenehmen Beiklang hatte.

Armband hin, Armband her, Delbridge wußte, daß es jetzt Zeit war, den Sprung ins Ungewisse zu wagen. In der Vergangenheit hatte diese Art Druck, wenn es ums Ganze ging, immer ausgezeichnet seine Sinne geschärft. Er schloß die Augen, legte eine Hand an die Stirn und hielt sich mit der anderen am Tresen fest. Sein Verstand richtete sich auf die Zukunft aus und suchte nach irgendeiner vagen Voraussage, die er machen und kurz darauf beweisen konnte.

Er hatte Glück, daß er eine Hand am Tresen hatte, denn sonst wäre er umgekippt, als die Bilderflut über ihn hereinbrach. So jedoch taumelte er nur zur Seite und konnte einen Sturz gerade noch verhindern, indem er sich automatisch am Tresen festklammerte.

Im Geiste sah Delbridge einen der anderen Gäste, einen schon etwas kahlen, mittelalten Herrn mit gichtigen Händen, der einen Riesenbissen gebackene Forelle in den Mund schob. Augenblicklich begann er zu husten und nach Luft zu schnappen. Seine Augen quollen hervor, die Hände fuhren zur Kehle, und seine Zunge schwoll gräßlich an, bis er Augenblicke später von der Bank auf den Boden fiel. Dort trat er um sich und wälzte sich noch ein paar Mal herum, bevor er reglos liegenblieb.

Taumeln war nicht das, was Delbridges Spötter erwartet hatten. Jetzt beobachteten sie ihn mit echter Neugier und fragten sich, was dieser offenbare Hochstapler von einem Künstler als nächstes probieren würde. Als er wieder fest stand und sich den kalten Schweiß von der Stirn wischte, sah er, wie sie ihn halb belustigt, halb befremdet anstarrten.

Wenn das auf das Armband zurückzuführen war, dachte Delbridge, dann neigte der Kesselflicker, von dem er es gestohlen hatte, zu grober Untertreibung. Aber, erinnerte er sich mit Stolz, jahrelange Erfahrung hatte ihn gelehrt, eine Gelegenheit zu ergreifen, wo immer sie sich bot. Zögern war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte.

Mit aller ihm möglichen Würde ging Delbridge zwei kühne Schritte vom Tresen weg, um dann den Arm zu erheben und auf die Gäste zu zeigen. »Ich habe gesehen, was geschehen wird. Der Tod lauert in diesem Raum und ist bereits hinter einem von euch her. Ich könnte euch sagen, wer es ist – oder ich kann meinen Mund halten und den Mann sterben lassen, weil mir sowieso keiner glaubt.« Er ließ den Arm wieder herabsinken und sah sie traurig an. »Ihr tut mir leid.«

Mehrere Zuschauer erblaßten, was Delbridge enorm befriedigte. Der Mann, der in der Vision aufgetaucht war, winkte mit dem Arm, als wolle er Delbridge verjagen und sich wieder seinem Essen widmen. Mit einer Mischung aus Frohlocken und Entsetzen sah Delbridge, daß er tatsächlich einen Teller mit gebackener Forelle vor sich hatte!

Einer der Soldaten meldete sich: »Na los, Orakel, sag uns wenigstens, wer es ist. Ich wüßte gerne, wer von uns über die Klinge springen wird, damit ich ihm vorher noch einen ausgeben kann.«

Auch ohne diese spaßige Einladung hätte Delbridge gehandelt. Als der Mann aus der Vision die Gabel mit Fisch zum Mund führte, sprang Delbridge hin und hielt ihn am Handgelenk fest. Der Gast fuhr zornig auf und versuchte, seinen Arm zu befreien. Delbridge stieß den Teller des Mannes weg und warf dann die Gabel samt Fisch auf den Tisch. Anschließend bat er den Nachbarn auf der Bank, während er innerlich inständig betete, daß das der tödliche Bissen war: »Bitte, untersuch das gründlich und sag uns, was du findest.«

Der Mann sah seine Begleiter um Unterstützung heischend an und nahm dann achselzuckend die hingeworfene Gabel, mit der er in dem Fischbrocken auf dem Tisch herumstocherte. Schon einen Moment später hatte er etwas gefunden. Mit den Fingern zog er einen Knochensplitter von der Länge seines Fingernagels heraus, der zu einer Spitze geformt und geschärft worden war. Es war das abgebrochene Stück eines selbstgemachten Angelhakens. Mit erstauntem Blick hielt ihn der Mann in der Handfläche hoch, so daß ihn jeder sehen konnte.

Der Mann, in dessen Mahlzeit der Knochenhaken gesteckt hatte, schluckte hörbar. »Ich glaube, wir brauchen kein Orakel, um zu wissen, was geschehen wäre, wenn ich das geschluckt hätte.« Die übrigen Anwesenden schwiegen. Delbridge gab sich Mühe, angemessen selbstbewußt auszusehen.

Der Mann, dem er das Leben gerettet hatte, wandte sich an den Wirt. »Shanus, ich weiß nicht, ob du diesem Mann ein Zimmer gibst, aber ich lade ihn zum Essen ein. Was willst du haben, mein Freund?«

Delbridge zögerte nicht. »Egal, bloß keinen Fisch«, erwiderte er, worauf im Raum herzlich gelacht wurde.

Als er sich nach dem Essen in seinem kostenlosen Zimmer ausruhte, fand Delbridge endlich Zeit zum Nachdenken. Er war kein besonders weiser Mann, aber er war auch nicht dumm. Daß hier Magie im Spiel war, war eindeutig, und genauso sicher wußte er, daß es der Einfluß des Armbands gewesen war. Das war wirklich das Tollste, was er je in die Finger bekommen hatte.

Er hatte keine Vorstellungen von den Fähigkeiten oder Grenzen des Armbands, aber die Möglichkeiten, es gewinnbringend zu nutzen, waren enorm. Wenn er erst einmal wußte, wie er das Ding beherrschen konnte, würde er leicht eine Vorstellung auf die Beine stellen können.

Beherrschung war allerdings ein Problem. Delbridge wußte praktisch gar nichts über Magie. Er wußte, daß ein angesehener Zauberer eine hohe Gebühr für die Untersuchung des Armbands fordern würde, und es kam gar nicht in Frage, es zu einem Zauberer von zweifelhaftem Ruf zu bringen. Also blieb ihm nichts weiter übrig, als selbst herumzuexperimentieren und seine Eigenschaften durch Versuch und Irrtum herauszufinden. Dieser Pfad erschien steinig, doch Delbridge sah zunächst keine andere Möglichkeit.

Inzwischen würde sich die Nachricht, was an diesem Abend geschehen war, wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreiten. Und was noch besser war, die beiden Soldaten, die während seiner Kostprobe in der Wirtsstube gesessen hatten, würden die Geschichte wahrscheinlich in die Garnison im Schloß tragen, wo sie vielleicht sogar dem Ritter – wie hieß er noch? Curston? – zu Ohren kommen würde.

Delbridge setzte sich auf. Daraus konnte viel mehr werden als aus einer umherziehenden Gauklerschau. Die Dienste eines fähigen Sehers wären für einen Herrscher unbezahlbar. Vielleicht würde er bei Hof angestellt werden, und dann würde Delbridge endlich bekommen, was er sich immer ersehnt hatte: Müßiggang, Ansehen, Würde und Reichtum.

Delbridge fiel der Zettel an der Wirtshaustür wieder ein. Morgen war Audienztag! Er beschloß, um eine Unterredung mit dem Ritter zu bitten und ihm seine Dienste anzubieten. Aber damit blieb ihm nur sehr wenig Zeit, das Armband zu untersuchen.

Er hatte eine lange Nacht vor sich.

8

Gerichtstag

»Einfach die Straße hier hoch«, sagte Shanus und zeigte mit dem Daumen in die Richtung. »Dann nehmt Ihr die erste rechts, bis zum Geschäft des Putzmachers, danach geht’s scharf links. Ihr könnt gar nicht falsch laufen, Meister Omardicar – «

»Omardicar reicht.«

»Ja, mein Herr. Es ist die erste Zugbrücke über den Fluß.«

Schon jetzt, dachte Delbridge, verhielten sich die Menschen ihm gegenüber anders. Um für den heutigen Tag vorbereitet zu sein, hatte er einen Laufburschen vom Gasthaus losgeschickt, der neue Kleider holen mußte, die besser zu einem Wahrsager paßten: einen langen, lila Umhang, der mit weißem Kaninchenpelz besetzt und mit allen möglichen Symbolen bedeckt war, dazu einen hohen Hut aus Kaninchenpelz. Shanus hatte Delbridge angeboten, ihm das Geld vorzuschießen. Er könnte es ihm nach seiner Audienz beim Ritter zurückzahlen.

Wohlgemut eilte Delbridge rechts die Straße hoch und dann zum Fluß. Eine große Steinbrücke spannte sich über das Wasser. Dahinter reckte sich die Burg in der Vormittagssonne hoch in die Luft.