Die Meerelfin runzelte die Stirn, wickelte sich jedoch gezwungenermaßen ihren schmutzigen Seidenschal wieder kunstvoll um den Kopf. Während sie durch das geschwungene Portal schritt, überlegte sie sich ein paar Sätze und ging dann zu der mit Schnitzereien verzierten Tür. Dort nahm sie den Messingring fest in die Hand und schlug ihn wiederholt gegen die Metallscheibe an der festen Tür.
Auf einmal lugte ein runzliges Gesicht um die Türkante, dessen Haare eine seltsame Mischung aus Rattengrau und Maisgelb zeigten. Seine des Alters wegen trüben Augen waren rotgerändert. Nachdem der Mann seine Überraschung über das ungewöhnliche Aussehen der Meerelfin verwunden hatte, schob er sich in den Türspalt. Selana konnte sehen, daß er ein schwarzes Band um den dünnen, rechten Oberarm trug.
»Entschuldigt mich, Sir«, begann sie so lieblich, wie sie konnte. »Mein Name ist Selana, und ich suche nach einem Menschen namens Delbridge Fid-«
»Nie gehört. Geht weg.« Der alte Diener mit den hängenden Schultern wollte sich zurückziehen.
»Wartet!« rief Selana. »Es ist sehr wichtig, daß ich ihn finde, und ich habe gute Gründe zu der Annahme, daß er in der Burg ist. Könnte ich vielleicht Lord Curston sprechen?« Sie klimperte niedlich mit den Wimpern.
»Versucht so was nicht bei mir, junge Dame«, sagte der Alte schroff. »Seine Lordschaft empfängt niemanden. Jetzt geht weg.«
Selana steckte die Hand durch die Tür und legte sie auf den Türrahmen. »Vielleicht macht er ja doch eine kleine Ausnahme.«
Der Mann schüttelte traurig den Kopf. Seine Bissigkeit war anscheinend verflogen. »Ich fürchte, nicht einmal für Takhisis persönlich. Der junge Rostrevor ist verschwunden, vor zwei Tagen direkt unter seines Vaters Nase aus dem Schlafzimmer entführt. Die ganze Burg ist in Aufruhr, und ich habe strengsten Befehl, Lord Curston nicht zu stören.«
Der Diener wirkte wieder aufgewühlt. »Ich bin ein trauriger, alter Mann, der mehr gesagt hat, als er sollte. Überlaßt uns unserer Trauer.«
Selana schüttelte stumm den Kopf. »Ich – verzeiht mir, das habe ich nicht gewußt«, brachte sie schließlich leise heraus, während sie die Stufen wieder hinunterging. Zurück bei ihren Begleitern, berichtete die Meerelfin rasch, was sie erfahren hatte.
»Ziemliches Pech und ein ungünstiger Zeitpunkt für uns«, sagte Tanis.
»Wirklich?« warf Flint eilig ein, der sich gedankenvoll den Bart kratzte. »Ein gewiefter Schwindler kommt in die Stadt, der Sohn des Ritters wird entführt, und dann sind beide spurlos verschwunden, aber das Armband ist irgendwo in der Burg. Zufall?«
»Glaubst du vielleicht, dieser Möchtegern-Barde, den Gäsil uns beschrieben hat, hat aus irgendeinem merkwürdigen Grund den Sohn des Ritters entführt und dann aus einem gleichermaßen unerklärlichen Grund das Armband liegengelassen?« fragte Tanis ungläubig.
Der Zwerg ignorierte die Zweifel seines Freundes und zupfte sich am Bart. »Ich sage nur, ich habe da so eine Ahnung; diese zwei ungewöhnlichen Ereignisse könnten etwas miteinander zu tun haben, mehr nicht.«
Tanis runzelte bestürzt die Stirn. Die Eingebungen des Zwergs trafen oft genau den Punkt. Wenn das Armband irgend etwas mit dem Verschwinden des jungen Mannes zu tun hatte, dann würde diese ganze Expedition noch schwieriger werden. Dann mußten sie nicht bloß Delbridge finden und das gestohlene Schmuckstück aus ihm herausschütteln.
»Nun«, sagte Selana, »hier draußen finden wir das Armband jedenfalls nicht.«
»Und noch etwas steht fest«, erklärte Tolpan mit einem Blick auf die geschlossene Holztür. »Man wird uns nicht einladen, drinnen zu suchen.«
»Wenn du daran denkst, dich heimlich reinzuschleichen«, sagte Flint, »dann müssen wir den Schutz der Dunkelheit abwarten.«
»Das glauben alle«, fing Tolpan mit erhobenem Zeigefinger an, »aber ich habe da andere Erfahrungen. Ich weiß, ihr werdet mir nicht glauben, aber auf meinen Reisen habe ich immer wieder plötzlich aufgesehen und gemerkt, daß ich ganz woanders war, als ich dachte. Dabei denke ich vor allem an diesen Zauberring, der mich in die Schatzkammer von ein paar Riesen teleportiert hat, aber das waren besondere Umstände. Jedenfalls«, fuhr er fort, während er die Geschichte mit dem Ring mit einer wegwerfenden Bewegung abtat, »das Komische ist, wenn man so aussieht, als wenn man irgendwo hingehört, dann glauben die Leute meistens, es wäre wirklich so. Das Hingehören, meine ich.«
»Meinst du etwa, wir sollten einfach durch die Vordertür reinlaufen?« brachte Flint ungläubig heraus.
Tolpan zuckte mit den Schultern, während er nachlässig seinen Pferdeschwanz zwirbelte. »Wenn es dir lieber ist, könnten wir uns ja einen Seiteneingang suchen. Ich habe immer noch mein Werkzeug, also könnte ich diese Schlösser einfach so« – er schnipste mit den Fingern – »aufmachen.«
»Knacken, meinst du«, seufzte Tanis, der sich erschöpft mit der Hand durch die dichten Haare fuhr. »Ich hasse den Gedanken, mich zu Einbrechern zählen zu müssen. Das stellt uns auf eine Stufe mit diesem diebischen Delbridge.«
»Wer redet denn von Dieben?« erregte sich Tolpan. »Bloß weil wir uns selber reinlassen?«
»Das erniedrigt uns nicht!« stimmte Selana mit einem Naserümpfen zu. »Er hat etwas gestohlen, und wir holen uns einfach zurück, was rechtmäßig uns gehört.«
Tanis hielt in gespielter Verteidigung die Hände hoch und winkte dann alle vor. »Du gehst voran, Tolpan.«
Tolpan trat strahlend aus dem Schatten der Pumpe und blieb dann mit den Händen in den Hüften stehen und begutachtete die Burg. Neben ihm trat Flint unruhig von einem Bein aufs andere, umklammerte nervös seine Axt und sah sich über die Schulter um. Selana und Tanis standen dahinter. In Sekundenschnelle hatte Tolpan gefunden, was er suchte, und eilte hurtig auf die Burg zu, während seine Freunde ihm folgten.
An dem Punkt, den Tolpan ausgewählt hatte, grenzte ein kleineres Haus an die Burg. Wo die beiden Gebäude aneinanderstießen, führte ein tief zurückgesetzter Eingang in den Turm. Der Kender hielt geradewegs darauf zu und verschwand regelrecht in den Schatten. Die Tür lag sechs oder sieben Fuß tief in der Außenmauer der Burg, so daß alle vier sich leicht in den Eingang drücken konnten.
Selana sah fasziniert zu, wie Tolpan ein in Öltuch eingeschlagenes Bündel aus seinem Beutel zog. Er holte einen gebogenen Draht und eine Messerklinge ohne Griff heraus, in die tiefe Kerben eingeritzt waren. Augenblicke später verriet allen ein kräftiges »Klack«, daß das Schloß offen war.
»Nach euch«, sagte Tolpan, der die Tür aufstieß und beiseite trat. Die drei drangen in einen engen Gang ein, der kurz vom Sonnenlicht erhellt wurde, bis Tolpan leise die Tür zumachte.
Nachdem Tolpan ein paar Sekunden abgewartet hatte, ob sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, sagte er: »Ich kann hier drin überhaupt nichts sehen.«
»Wir können es nicht wagen, Licht zu machen«, flüsterte Tanis, und Selana und Flint stimmten leise zu.
»Klar, Zwerge und Elfen können im Dunkeln sehen. Aber was ist mit mir? Hier drin ist es stockfinster.«
»Du mußt einfach das beste draus machen«, sagte Tanis. »Halt dich einfach an demjenigen vor dir fest. Ich gehe vor, dann kommt Selana, dann du, und Flint hinten. Was hältst du von diesem Ort, Flint?«
Der Zwerg spähte in die Dunkelheit und benutzte dabei seine angeborene Fähigkeit, im Finstern Umrisse erkennen zu können. »Ich kann wenig sagen, Tanis. Sieht aus wie das Ende eines Korridors: Keine Türen oder Verbindungsgänge in Sicht, allerdings kann ich nicht sehen, was über zwanzig Fuß entfernt los ist. Das Ding scheint nach links abzubiegen und ist mächtig eng.«
Tanis stimmte zu. »Wir können soweit gehen, bis wir an eine Kreuzung kommen.«
Langsam schlichen sie den Gang entlang, während ihre Schritte in der feuchten Luft leise nachhallten. Tolpan stolperte hinter Selana her, eine Hand an der rauhen Steinmauer und die andere am Ende von Selanas Schal.