Mit aufgeregt klopfendem Herzen stellte sich Tolpan dem Monster. Er machte einen schnellen, aber vergeblichen Versuch, die Reste des magischen Netzes an einem Holzpfosten von der Klinge seines Dolches abzukratzen. Während er die verklumpte Waffe vor sich hielt, erwartete er den Angriff.
Das Schattenmonster duckte sich, fauchte und schlug mit seinem tintenschwarzen Schwanz. Dann sprang es los und überwand die Entfernung zu Tolpans Platz mit einem Satz. Obwohl er wußte, daß seine Reflexe dem magischen Untier weit unterlegen waren, warf sich Tolpan zur Seite, weil er hoffte, so dem eigentlichen Angriff zu entgehen.
Eine Klaue fuhr heraus und schmiß den Kender in einen Stapel Häute. Er rollte sich zur Seite und sprang auf, weil er erwartete, zu Salat verarbeitet zu werden, doch es kam kein Angriff. Das Schattentier zuckte und flackerte, um sich dann in zahlreiche, schnell schrumpfende, dunkle Fäden aufzulösen.
Zerschlagen und keuchend warf Tolpan mit einem Triumphschrei die Arme hoch. Der Spruch des Zauberers war abgelaufen! Der jubelnde Kender schlug mit dem Knauf seines Messers an Türen und Fensterläden und schrie: »Ich hab’s besiegt! Heda! Ihr könnt jetzt rauskommen!«
Tanzend und hüpfend, machte er sich durch die verstreuten Waren zurück zur Hauptstraße auf. Langsam kamen die Leute wieder aus ihren Häusern.
Wo war Selana, fragte der Kender sich plötzlich. Keuchend stieg Tolpan aus der engen Gasse auf eine größere Straße. Während er gleichmäßig dahintrabte, sah er den unbewachten Verkaufsstand eines Bäckers. Ein langer, heller, knuspriger Brotlaib stach ihm ins Auge. Er griff zu und steckte ihn sich unter den Arm, während er weiterlief und immer nach Selanas blauer Robe Ausschau hielt.
»Bißchen komisch, einen Wagen voll Essen einfach so stehenzulassen«, murmelte er vor sich hin, »aber was für ein Glück für mich! Ich habe in letzter Zeit etwas wenig Geld. Ich muß dran denken, diesen Bäcker zu finden und zu bezahlen, sobald ich dazu komme.«
Tolpan sah sich um, falls Selana zufällig hinter ihm aus einer Gasse treten würde. Doch da erblickte er niemanden außer einer alten Frau, die ihre verstreuten Waren aufsammelte. Er bog um eine weitere Ecke.
Plötzlich umklammerte eine Hand verzweifelt seinen Oberarm. Er fuhr herum, und weitere Finger legten sich über seinen Mund, woraufhin er in die Schatten eines zurückgesetzten Eingangs gerissen wurde. Auf der Stelle biß Tolpan fest in die Finger und rammte seinem Angreifer den Ellbogen in den Magen, während er seinen Arm losriß. Als er sich umdrehte, sprang er mit hoch erhobenem Brot kampfbereit in Verteidigungsstellung.
»Selana!«
Stöhnend lag die Meerelfin auf den Knien, hielt sich den schmerzenden Bauch und versuchte zwischendurch, das Blut zu stillen, das von ihren verletzten Fingern tropfte. Beschämt zog der Kender eine Baumwollbinde aus seinem Gepäck und machte sich daran, ihr die Hand zu verbinden.
»Bei den Göttern, Selana, das tut mir furchtbar leid. Ich wußte nicht, daß du das warst«, murmelte der Kender. »Das ist aber auch keine gute Idee, einem auf die Art aufzulauern. Ich hätte dich umbringen können!« Er half ihr dann auf die Beine. »Es geht doch schon wieder, oder?«
Die Meerelfin war eindeutig schwer mitgenommen. Ein Arm lag immer noch über ihrem Magen. Mit großer Anstrengung stellte sie sich aufrecht hin und nickte dann. »Ich hatte da hinten beschlossen, einen anderen Weg zu nehmen, weil es nur einem von uns folgen konnte«, brachte sie pfeifend heraus, denn das Atmen fiel ihr immer noch schwer.
Tolpan schlug die Arme übereinander und reckte sein Kinn in die Luft. »Ich hätte dich beschützt«, sagte er beleidigt. »Jetzt ist es jedenfalls weg.«
Der Meerelfin war ihr kornblumenblauer Schal von den Schultern gerutscht, den sie jetzt ängstlich wieder über ihr helles Haar zog. »Was machen wir jetzt?«
Da er nicht zu denen gehörte, die im Kampf lieber davonrannten, merkte der Kender, daß er angesichts ihrer mißlichen Lage wütend wurde. Er zeigte mit dem langen Brotlaib auf Selana. »Wir haben Freunde in der Burg zurückgelassen. Wir können Tanis und Flint nicht einfach da sitzenlassen. Ich würde sagen, wir gehen sofort zurück und holen sie.« Tolpan trat auf die Straße, doch Selanas Hand erwischte den Riemen seines Schulterbeutels und zog ihn zurück. »Laß mich los!« fauchte er, während er sich grob aus ihrem Griff wand.
»Denk doch mal nach, Tolpan!« Selanas Augen funkelten, und zum ersten Mal sah Tolpan sie so, wie sie bei sich zu Hause sein mußte – kein verwirrter, dummer Dickkopf, sondern königlich und befehlend. Er hörte zu.
»Jeder in der Burg muß gesehen haben, wie wir von diesem Monster gejagt wurden«, sagte sie. »Wenn du es schaffst, unbemerkt bis zur Burg zu kommen, was sagst du dann? Daß wir im Keller der Burg herumgeschnüffelt haben, einen Zombie fanden und von einem Zauberer verjagt wurden – ihrem Zauberer? Das bringt dir nur ein, daß du selbst verhaftet wirst, und das hilft überhaupt keinem, am wenigsten Tanis und Flint.«
Tolpan steckte seine Hände unter die Achseln und zog die Schultern bis zu den Ohren hoch. »Wir können Tanis und Flint nicht da drin lassen«, sagte er finster.
Selana sah ihn wütend an. »Natürlich nicht.« Die Meerelfin knabberte stirnrunzelnd an ihrem Fingernagel, während sie nachdachte. »In der Burg gehen seltsame Dinge vor, und ich glaube, wir sind mitten hineingestolpert. Wenn wir nur noch einmal dort reingehen und ein bißchen herumforschen könnten…«
»Ich wünschte, ich hätte noch meinen magischen Transportring«, warf Tolpan ein. »Dann könnten wir einfach überall auftauchen, wo wir wollen. Hab’ ich dir schon von meinem Ring erzählt?«
Natürlich hatte er das. Tolpan erzählte jedem, den er traf, irgendwann von diesem höchst erstaunlichen Gegenstand. Aber diese Bemerkung brachte Selana auf eine andere Idee. Mit geschürzten Lippen griff sie in ihre bauschige Robe, fummelte herum und zog ein langes, dünnes Gefäß aus glattem, lila Glas heraus, das von einem wolkigen Kristallstopfen in Form eines Seetangwedels verschlossen war. Sie hielt es nachdenklich hoch und traf dann eine spontane Entscheidung.
»Wir trinken das hier!«
12
Vögel aus einer Feder
Was ist das? wollte Tolpan wissen und griff instinktiv nach dem kleinen, lila Gefäß, das Selana in der Hand hatte.
Die Meerelfin drehte sich rasch um, um seinem Griff auszuweichen. »Ein Trank.«
»Was bewirkt er?«
»Es ist ein Verwandlungstrank«, erwiderte sie, während sie ihn immer noch schützend festhielt. Tolpans Gesicht verzog sich erstaunt. »Verwandlung?«
»Ja. Wer ihn trinkt, kann jede beliebige Gestalt annehmen.«
»Du meinst, man kann dick oder dünn oder klein oder groß werden oder seine Haarfarbe ändern oder so?« fragte Tolpan. »Dann erkennt uns keiner. Wir könnten schnurstracks in die Burg marschieren.«
Selana lächelte. »Man kann all das tun und noch viel mehr. Du kannst dich sogar in etwas ganz anderes verwandeln – in einen Hund zum Beispiel oder in ein Pony oder sogar in einen Fisch.«
Tolpan riß die Augen vor Staunen weit auf, als er die schlanke Phiole anstarrte und ungeahnte Möglichkeiten durch seinen Kopf zuckten. »Worauf warten wir dann?« Wieder griff er spontan nach dem Trank, doch Selana schob ihn zurück.
»Sei vorsichtig«, schimpfte sie. »Mehr hab’ ich nicht.«
Tolpan wich verlegen zurück, doch seine Augen wichen nicht von dem Trank in Selanas Hand. »Ich mein’ ja nur, je eher wir loskommen, desto eher können wir Tanis und Flint rausholen.«
»Und desto eher bekomme ich mein Armband. Es gibt da nur ein Problem«, fuhr Selana langsam fort. »Es ist nur diese eine Portion. Ich fürchte, daß nur ich sie benutzen sollte.«