Tolpans Gesicht war enttäuscht. »Du kannst mich nicht zurücklassen! Du wirst meine Hilfe brauchen. Du weißt überhaupt nichts über Schlösser. Diese Burg ist ein unglaublicher Irrgarten, nicht zu vergessen all die Ecken und Winkel in den Nebengebäuden. Ich kann dir helfen, dich dort zurechtzufinden.«
Selana zuckte mit den Schultern. »Ich fürchte, ich kann nichts machen, Tolpan. Ich habe nur den einen Trank.«
»Aber wenn du mich hierläßt, schickt dieser Zauberer bestimmt seine Schläger los, die mich fangen und foltern und mich dazu bringen, ihnen von dir und dem Trank zu erzählen. Überleg doch, in welcher Gefahr du dann schwebst!«
Die Meerelfin unterdrückte ein amüsiertes Lächeln.
»He, ich hab’ eine Idee«, redete Tolpan weiter. »Was würde passieren, wenn wir den Trank teilen?«
Selana überlegte eine Weile, bevor sie die Frage beantwortete. Sie wußte, daß der Kender bestimmt etwas Unüberlegtes tun und gefangen werden würde, wenn man ihn sich selbst überließ. Und darüber hinaus war sie bisher nur in einem einzigen Schloß gewesen, und das war während der Umwälzung ins Meer gesunken und inzwischen zur Ruine verfallen. Schon die normalen Häuser der Landbewohner waren ihr fremd; wie erschreckend würde dann erst eine Burg sein? Vielleicht würde sie Tolpans Hilfe wirklich brauchen.
»Wenn wir den Trank teilen«, sagte sie langsam, »dann hält er bei uns beiden nur halb so lange an. Ich weiß, wenn ihn einer ganz austrinkt, wirkt er vier oder fünf Stunden, je nach Gewicht, und wir sind beide ziemlich leicht.«
Selana sah dem Kender direkt in die Augen. »Ich will dir eine wichtige Frage stellen, Tolpan. Glaubst du ehrlich, daß wir beide in weniger als zwei Stunden einen Weg durch die Burg finden, Flint und Tolpan suchen und befreien, mein Armband finden und wieder verschwinden können?«
Tolpan plusterte sich auf. »Ich weiß, daß ich es könnte. Ich war in Dutzenden von Burgen vom Blutmeer bis zum Düsterwald. Ich hab’ den Trick raus, wie ich da rein und wieder raus komme. Wenn du mich dabei hast, wird das so einfach, wie einen Fisch in der Pfütze zu erlegen.«
»Ich wünschte, wir könnten zum Schloß laufen und den Trank erst in letzter Minute trinken«, murmelte sie, »aber wir können es nicht riskieren, daß man uns sieht. Wir müssen eine Gestalt annehmen, die schnell vorwärtskommt.«
»Ein Pferd, meinst du?« schlug Tolpan vor.
»Ich meine, etwas Unverdächtiges.« Selana nagte wieder an ihrem Fingernagel, während sie nachdachte. »Ein Vogel vielleicht.«
»Toll!« schrie Tolpan. »Ich wollte schon immer mal fliegen. Ein Falke – oder wie wär’s mit einem Kondor? Die sind wirklich stark. Oder vielleicht ein Riesenziegenmelker?«
»Ich weiß nicht mal, was das ist. Schau mal, Tolpan«, erklärte Selana überaus geduldig, »wir wollen doch nicht gesehen werden. Wir müssen einen ganz gewöhnlichen Vogel nehmen, damit wir nicht auffallen.«
Genau in diesem Moment landete ein kleiner, graubrauner Vogel in ihrem Eingang, wo er nach Krümeln suchte. »So wie der da«, fügte Selana hinzu.
»Ein Sperling? Die sind schrecklich klein und wenig beeindruckend«, schmollte Tolpan.
»Dann sind sie perfekt«, sagte Selana und entkorkte das Gefäß. Sie setzte es an die Lippen, doch bevor sie schluckte, warf sie einen forschenden Blick auf das eifrige Gesicht des Kenders. Bevor Selana an Land gegangen war, hatte sie noch nie etwas von Kendern gehört. Tolpan, der einzige Kender, den sie kannte, wirkte zwar ehrlich und offen, aber unberechenbar. Sie hielt inne. »Das hier ist kein Spiel, Tolpan. Was wir vorhaben, könnte gefährlich werden. Versprich mir, daß du dicht bei mir bleibst und keine Zeit verschwendest.«
»Wer verschwendet hier Zeit?« fragte der Kender beleidigt, während er ungeduldig mit dem Fuß tappte.
Selana verdrehte die Augen, neigte das Gefäß dann wieder und trank etwas weniger als die Hälfte. Nachdem sie abgeschätzt hatte, wieviel noch übrig war, nahm sie einen letzten, kleinen Schluck, bevor sie den Trank Tolpan gab.
Mit kugelrunden Augen legte der Kender achtlos das Brot beiseite und kippte ohne Zögern den Rest des scharfen Tranks herunter.
»Ich merke keinen Unterschied«, sagte er sofort, während er zur Bestätigung mit den Händen über seinen schlanken Körper fuhr. Dann begann seine Kehle zu jucken, als wenn ihm die Zunge einschliefe. Dieses Gefühl breitete sich rasch durch den Hals in den Magen aus, um dann durch jeden Teil seines Körpers zu sausen, bis es mit einem leisen »Plopp« in seinen Fingern und Zehen ankam. Danach war das Kitzeln vorbei, und er fühlte sich plötzlich hellwach.
»Mir geht’s phantastisch! Was machen wir jetzt?«
»Denk einfach, du wärst ein Vogel«, sagte Selana. »In eurer Sprache kann man es leider nicht besser erklären. Du mußt dich entspannen und es dir einfach vorstellen. Wenn du dich zu sehr bemühst, klappt es nicht.«
Tolpan sah staunend zu, wie zarte, glitzernde, gelbe Fäden Selana umschwirrten. Eine Sekunde später war die Meerelfin verschwunden, und an ihrer Stelle flatterte ein kleiner Vogel mit ungewöhnlich großen Augen herum.
»Selana?« fragte Tolpan mit seinem breitesten Grinsen. »Das war wirklich sauber! Ich – «
Der kleine Vogel landete auf Tolpans Schulter und zirpte ungeduldig.
»Ja, verstanden, ich beeil’ mich schon«, sagte der Kender. Während er die Augen fest zumachte, um sich zu konzentrieren, versuchte er, sich vorzustellen, wie seine Arme sich mit Federn bedeckten und an seinen Seiten flatterten. Als er ein Auge aufschlug, schnappte er angesichts der graugefleckten Flügel, die dort waren, wo seine Arme sein müßten, nach Luft. Als er an sich herunterblickte, sah er – Füße! Er war kein Vogel, er war nur ein Kender mit Flügeln! Etwas piepste und flatterte wild um seinen Kopf. Ohne darauf zu achten, ob vielleicht jemand zusah, schloß Tolpan wieder die Augen. Er rief sich Selanas Hinweis ins Gedächtnis, atmete tief durch und stellte sich einen Sperling vor.
Nachdem er ganz in diesem Vorhaben versunken war, fiel Tolpan plötzlich auf, daß die Welt größer klang und voller Echos war, daß seine Nase sich mit Gerüchen füllte, die er vorher nie bemerkt hatte – Steine und Erde und Pollen, vermischt mit summenden Insekten und donnernden Schritten. Ein plötzlicher, kräftiger Wind erfaßte ihn und warf ihn um. Überrascht schlug er die Augen auf. Die Welt hatte alle Farben verloren, war nur noch schwarz und weiß.
»He, Selana!« wollte er sagen, doch es kam nur Zirpen und Piepsen aus seinem Mund. Während er über den Plattenweg flatterte, warf er einen Blick auf seine Nase und erkannte den Grund: Er hatte einen Schnabel! Er streckte die Arme aus und fühlte, wie die Federn den Wind einfingen. Das ist noch besser als Teleportieren, dachte er.
Tolpan breitete die Flügel aus und düste nach oben. Er neigte einen Flügel und fegte über die kleine Veranda, verschätzte sich mit der Entfernung und streifte mit der Flügelspitze an der Ziegelmauer entlang. Während er ins Freie steuerte, um sich zu fangen, lernte er eifrig, seinen neuen Körper zu beherrschen, indem er dessen Besonderheiten ausprobierte. Als er gerade fand, jetzt hätte er alles begriffen, fegte der Wind um eine Hauswand und wirbelte ihn wie ein Blatt herum.
»Tolpan, kämpf nicht gegen die Strömung«, sagte eine Stimme, die sich entfernt nach Selana anhörte, aber einen komischen Akzent hatte. Tolpan suchte herum, bis er die in einen Sperling verwandelte Meerelfin entdeckt hatte, die mehrere Dutzend Schritt entfernt kreiste. Ihre Stimme hatte sich allerdings viel näher angehört, überlegte er.
»Ja, du hörst wirklich mich«, sagte der kleine Vogel, dessen Federkrönchen wippte, »aber ich rede nicht richtig. Ich habe einen Zauber benutzt, der es uns gestattet, miteinander zu ›denken‹, sonst könnten wir uns gar nicht verständigen. Falls Vögel sich unterhalten, weiß ich nicht wie, und wir haben keine Zeit, das herauszufinden. Wir haben auch keine Zeit zum Spielen«, fuhr ihre leise Stimme in Tolpans Kopf fort. »Nutze die Strömungen – laß dich von ihnen tragen. Es ist ganz ähnlich wie Schwimmen.«