Tolpan fand diesen Vergleich wenig hilfreich, denn in seinen achtzehn Jahren war er fast so wenig geschwommen wie geflogen. Dennoch befolgte er den Rat und stellte fest, daß die Luftströmungen ihm weniger Probleme bereiteten.
Selana ließ ihn noch ein paar Minuten lang ausprobieren, bevor sie fragte: »Fühlst du dich schon sicher genug, um zur Burg aufzubrechen? Wir müssen uns wirklich beeilen.«
Tolpan nickte eifrig mit dem gefiederten Kopf. Während sie Tolpan mit einem Flügelschlag aufforderte, ihr zu folgen, schoß Selana in den Himmel hoch über den einfachen Straßen von Tantallon. Dicht hinter ihr flatterte Tolpan, der sich doch sehr wie ein Jungvogel auf seinem ersten Ausflug aus dem Nest vorkam.
Ah, die Welt sah durch Vogelaugen ganz anders aus, sagte sich Tolpan. Er sah alles in lebhaften Grautönen – viel mehr Grautöne, als er sich je vorgestellt hätte. Sein Blick war so scharf, daß er sogar Käfer auf den Blättern tief unter sich erkennen konnte. Besonders eine Raupe stach ihm ins Auge, weil sie so fett und saftig aussah, und Tolpan merkte, wie er kreisend zurückflog und sich den Leckerbissen schon vorstellte. Nur Sekunden, bevor er auf die arme Raupe herunterschoß, um sie mit seinem hungrigen Schnabel zu vertilgen, fiel Tolpan auf, was er da gerade vorhatte. Er schüttelte sich und sträubte die Federn.
»Igitt! Selana, ich hätte fast eine Raupe gefressen!« jaulte er.
Als sie sein erschüttertes, braunschwarzes Gesicht sah, sprach Selana wieder direkt in seinem Kopf. »Du handelst aus Instinkt«, erklärte sie ihm. »Denk dran, du bist jetzt ein Vogel.«
»Wie könnte ich das vergessen?« sagte er. Fliegen war viel aufregender, als er sich je vorgestellt hatte, und er hatte sich in seinem kurzen Leben schon viel vorgestellt. Immer wenn er in der Vergangenheit darüber nachgedacht hatte, hatte er jedoch seinen eigenen Körper gesehen, der mit den Armen flatterte. Oder er sah sich in Gestalt eines majestätischen Raubvogels, einer Eule zum Beispiel.
Plötzlich fühlte er sich schwerer und dicker. Der Wind hatte sich nicht verändert, aber er warf ihn viel weniger herum. Seine Flügel hatten enorme Kraft, und sein Blick war unglaublich geschärft. Er sah eine Maus zwischen ein paar Fässern in einer Gasse herumhuschen und beobachtete, wie das kleine Nagetier seinen Geschäften nachging, ohne zu merken, daß es belauert wurde.
Ein Schrei in seinem Kopf ließ Tolpan herumfahren. Beim Aufblicken sah er Selana herbeisausen.
»Tolpan! Sei nicht albern und konzentrier dich auf Spatzen!«
Plötzlich verstand Tolpan, warum er sich anders fühlte. Er war zur Eule geworden. Er schlug zweimal mit seinen ausgebreiteten Schwingen und schoß vorwärts, um dann auf einer Säule Warmluft aufwärts zu kreisen. Die Kraft und Geschmeidigkeit dieses Körpers waren berauschend. »Laß mich so bleiben, Selana, nur bis wir im Schloß sind.« Tolpans Stimme bettelte in Selanas Kopf.
»Dann bemerkt man uns auf jeden Fall«, erwiderte sie zornig. »Sperling!«
Widerstrebend konzentrierte sich Tolpan wieder auf die kleinere Vogelgestalt. Sofort fühlte er sich wieder leichter.
»So ist es gut«, hörte er Selana sagen. »Schau nach unten, dann siehst du, daß wir schon den Fluß überquert haben.« Und wenig später waren sie über die Befestigungsmauern mit den Steinsoldaten hinweg.
»Ich habe uns so weit gebracht, wie mein Wissen vermag«, sagte Selana. »Was machen wir jetzt?«
Tolpan hatte bereits ein Gebäude mit der Aufschrift »Kerker« entdeckt. Er vermutete, daß der Magier Flint und Tanis dorthin gebracht hatte, weil es sicherer war. Dennoch konnte es nie schaden, sich umzusehen und die Burganlage zu untersuchen. »Los, komm«, sagte er und winkte Selana neben sich herunter, als er knapp über das Zinnendach eines Wachturms fegte, der im hinteren Teil des Hofes stand, damit man das Kommen und Gehen in der Burg verfolgen konnte.
Tolpan ließ sich neben ein paar anderen Vögeln nieder – größtenteils weitere Spatzen mit ein paar fetten Tauben dazwischen, die allesamt instinktiv argwöhnisch zur Seite rückten. Die warme Sonne auf seinen Federn tat ihm gut, und Tolpans Augen klappten lethargisch zu.
»Schlaf hier bloß nicht in der Sonne ein«, warnte ihn seine Begleiterin mit ihrer inneren Stimme. Sie pickte ihn leicht mit dem Schnabel an.
»Aua!« Tolpans dunkle Perlenaugen flogen auf. »Hab’ ich doch gar nicht gemacht! Ich hab’ nur geblinzelt, um in dieser Helligkeit besser sehen zu können.« Er plusterte sein Gefieder auf und rutschte eine Vogelbreite beiseite.
»Nicht schlimm«, antwortete Selana. »Wo müssen wir jetzt hin?«
»Siehst du das Gebäude, wo ›Kerker‹ dran steht?« fragte er. Es stieß an die Außenmauer an und war mit der Burg über einen Kreuzgang verbunden, einem an den Seiten offenen, überdachten Weg. »Wenn wir Glück haben, hat man sie dorthin gebracht. Wenn nicht, sind sie immer noch tief unter der Erde, wo wir viel schwieriger rein und wieder raus kommen.« Tolpan suchte das Verlies nach vogelgroßen Eingängen ab. »Laß uns mal zu dem hohen Fenster an der Rückwand fliegen. Von da aus kommen wir rein.«
Sekunden später hatten sie den Platz überquert und hockten auf dem Fenstersims. Tolpan spähte ins Dunkle und war überrascht, wie schnell sich seine Augen an das Dämmerlicht anpaßten. Der Raum war offenbar eine Zelle. Eine schwere, metallbeschlagene Holztür verschloß den Eingang. Das Fenster, wo sie saßen, war zu schmal, als daß ein Mensch hindurchgepaßt hätte, und wäre selbst für Tolpan in seiner normalen Größe eng gewesen.
»Hier ist niemand«, dachte Selana. »Wie viele Räume wie der hier werden wohl noch da sein?«
»Wahrscheinlich zwei oder drei«, erwiderte Tolpan und legte den Kopf schief. Ein dicker Käfer krabbelte die Steine am Rand des Fensters hoch und hielt auf eine kleine Ritze im Mörtel zu. Tolpan sah ihn sich genau an, was den Käfer offensichtlich erschreckte, denn er rannte schneller auf die sichere Ritze zu.
Tolpan breitete die Flügel aus. »Wir bleiben am besten in Bewegung.«
»Warte!«
Selanas Warnung erwischte Tolpan mitten im Abflug. Als er versuchte, anzuhalten, wurde er statt dessen schneller und taumelte vom Sims ins Gefängnis hinein. Nach vergeblichem Geflatter landete er sanft auf einem schimmligen Strohhaufen auf dem Boden.
»Schnell!« schrie Selana, »das mußt du sehen!«
Immer noch mit Stroh in den Federn und ziemlich verärgert, huschte Tolpan auf den Sims zurück. »Was ist los?«
Selanas Stimme bebte immer noch vor Aufregung, obwohl sie direkt in Tolpans Kopf erklang. »Da unten in den Gängen zum Hauptturm. Der kahlköpfige Mann in Rot. Das ist der Zauberer! Und siehst du, was er am Handgelenk hat?«
Tolpans scharfe Augen fanden den Mann sofort. Er hatte eine warme Jacke über seine Robe gezogen.
»Wahrscheinlich hat er gerade Flint und Tanis ins Gefängnis gesteckt«, murmelte Tolpan. Der Blick des Kender-Vogels wanderte zum Arm des Mannes. Der mitschwingende Ärmel rutschte zurück und enthüllte ein kupfernes Band.
»Du hast recht! Das ist wirklich das Armband!« schrie Tolpan. Selbst auf die Entfernung war er ganz sicher, daß es das Schmuckstück war, das Flint für die Meerelfin gemacht hatte. Er konnte jede Rille und jeden Stein daran erkennen. »Wir fliegen rüber und holen es uns!«
»Wie?«
Tolpan dachte nur eine Sekunde nach. »Wir verwandeln uns in Bären und beißen ihm die Hand ab!«
Selana schüttelte sich. »Das ist abscheulich. Und gefährlich. Wir werden zwar wie Bären aussehen, aber wir haben trotzdem nur die Kraft einer Meerelfin und eines Kenders, und wir wären gezwungen, mit vielen Wachen zu kämpfen, ganz zu schweigen von dem Zauberer selbst.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, wir müssen ihm folgen und einen anderen Weg finden, wie wir ihm das Armband abnehmen können, an einem einsameren Ort vielleicht.« Selana hatte keine Ahnung, wo der sein mochte oder wie sie das machen sollten, besonders da die Wirkung des Tranks jederzeit nachlassen konnte.