»Wir können in der Burg nicht einfach weiter herumfliegen«, wandte Tolpan ein. »Dann würde man versuchen, uns zu fangen oder uns rauszuscheuchen.« Er warf einen Blick auf den Magier dort unten, der bald verschwunden sein würde. »Wir sollten uns lieber schnell etwas ausdenken.«
»Mach dasselbe wie ich«, wies ihn Selana schnell an. »Und daß du mir nicht einmal daran denkst, mich zu fressen.« Mit einem winzigen lila Funkenschauer verwandelte sich der Spatz in eine Fliege.
»Auf die Idee wäre ich nie gekommen!« rief Tolpan aus. Könnte interessant sein, sagte er sich. Der Kender-Vogel schloß fest die Augen und konzentrierte sich. Funken stoben, und plötzlich kam er sich wirklich sehr klein vor. Als er die Augen wieder aufschlug, wurde ihm schwindelig, denn er sah Dutzende von Bildern vor sich. Wenn ihn nicht sechs Beine gehalten hätten, wäre er vielleicht getaumelt. Er brauchte eine Weile, bis er sich an diese neue Sehweise gewöhnt hatte. Das erste, was er klar sehen konnte, war Selana, die in die Richtung davonsummte, die der Magier eingeschlagen hatte. Der Wind warf ihn herum, als er sich in die Luft erhob.
»Langsam, Selana«, beschwerte sich Tolpan, der Mühe hatte, sie nicht aus den Augen zu verlieren. »Ich kann kaum sehen, wo ich hinfliege, und auf jeden Fall sehe ich nicht sehr weit.«
»Mit dem Sichtproblem habe ich nicht gerechnet«, gab Selana zu. »Wahrscheinlich müssen wir uns daran gewöhnen. In der Zwischenzeit versuchst du, bei mir zu bleiben. Und was du auch machst, denk jetzt bloß nicht daran, etwas anderes zu sein.«
»Na gut, aber wenn wir ihn nicht bald einholen, verlieren wir ihn in der Burg.«
Das dicke, zentrale Steingebäude, das für Tolpan nichts als ein dunkler Fleck im Hintergrund war, wurde immerhin ständig größer. Plötzlich löste sich der unscharfe, graue Umriß in Steine auf. »Wir sind zu weit links«, schrie Selana. »Die Tür zum Kreuzgang ist da drüben, rechts von uns.« Die beiden Fliegen bogen scharf nach rechts ab und flogen an der Mauer entlang, die sie in Sichtweite behielten.
Tolpan bekam heraus, daß er, wenn er genau geradeaus guckte – anscheinend die einzig mögliche Blickrichtung –, die Mauer links von sich sehen konnte, Selana vor sich und die verschwommenen Umrisse von Kerker und Hof rechts. Er konnte sich auf jeden Teil dieses Blickfelds konzentrieren, ohne den Kopf oder die Augen zu drehen. »Wenn man es erst einmal raus hat, ist es gar nicht so schlecht«, sagte er sich.
Dann begann er sich zu fragen, was er mit seinen Beinen machen sollte. Als Vogel war es ihm ganz natürlich vorgekommen, sie unter seinem Körper einzuziehen. Im Moment baumelten alle sechs Beine nutzlos unter ihm herum. Tolpan zog sie fest an seinen Bauch. Nein, dachte er, das fühlt sich auch nicht richtig an. Er beschloß, in Zukunft mehr auf fliegende Insekten zu achten.
»Bitte, laß das«, flehte Selana. »Du lenkst mich furchtbar ab. Vergiß nicht, alles, was du denkst, höre ich auch in meinem Kopf.«
»Huch, entschuldige, daß ich denke«, murmelte Tolpan, dem erst zu spät einfiel, daß auch dieser Kommentar zu Selana gesendet wurde.
»Hast du bemerkt, wie schnell wir vorwärtskommen?« Jetzt, wo er sich an der Wand gut orientieren konnte, war Tolpan verblüfft, wie schnell sie flogen. Bevor Selana antworten konnte, merkte der Kender, daß sie schon im Kreuzgang waren, gleich rechts von der Tür, auf die der Zauberer zugegangen war.
»Sie ist zu«, dachte Selana. »Können wir uns an der Seite oder unten durchquetschen?«
»Brauchen wir nicht. Guck mal nach hinten.«
Aus der verschwommenen Ferne kam ihr Feind, kahl und in seiner Robe. Tolpan erschauerte beim gräßlichen Anblick des fehlenden rechten Auges des Zauberers und dessen vernarbter Höhle.
»Wir haben ihn überholt!« jauchzte der Kender. »Wir waren noch viel schneller, als ich dachte. – Schnell, zur Mauer an der Tür. Wenn er aufmacht, schlüpfen wir auch hindurch.«
Beide Fliegen setzten sich in Bauchhöhe auf die Steinmauer, kurz bevor die schwere Tür aufgezogen wurde. Ein Schwall kalter Luft erwischte sie, dann war der Magier schon vorbei und durch die Tür verschwunden. Beide Fliegen huschten hinein. Selana stieß mit der Robe des Mannes zusammen, als dieser stehenblieb und sich umdrehte, um die Tür zuzuziehen. Mit einem Bums sperrte sie das Licht aus, und die drei befanden sich in einem schwach beleuchteten Gang.
Selana summte hin und her, um den schweren Falten der Zaubererrobe zu entkommen. Schließlich konnte sie sich befreien, hielt sich aber außen fest und ließ sich unbemerkt mittragen, während der Mensch den Gang entlang und an Türen vorbei eilte, an deren Seiten tropfende Kerzen hingen. Tolpan summte allein hinterher und versuchte dabei, unterwegs die Türen zu zählen, falls er diesen Weg noch einmal nehmen mußte.
Sein Zählen wurde von Selanas gedanklichem Drängen unterbrochen. »Tolpan, setz dich auf seinen Rücken. Dann kannst du uns nicht verlieren.«
Obwohl dem Kender das wie eine gute Idee vorkam, merkte er schnell, daß es viel leichter gesagt als getan war. Der Körper einer Fliege war lange nicht so geschickt wie der eines Spatzen, und der Rücken des Magiers war ständig in Bewegung. Seine Kleider hoben und senkten sich bei jedem Schritt. Tolpans erster Anlauf ging mehrere Fingerbreit daneben. Beim zweiten Versuch knallte er auf die sich bewegende Oberfläche und wurde zurückgestoßen. »Das ist zu schwierig«, protestierte er. »Und ich verzähle mich mit den Türen.«
Der Zauberer trat über eine Schwelle und auf eine Treppe, die links nach oben führte. Beim Hochsteigen wurde Tolpan bewußt, wie müde er schon war. Anscheinend, dachte er, haben Fliegen nicht viel Ausdauer. Seine Flügel taten weh, und er war sehr hungrig. Dieser Hunger, stellte er fest, war etwas Neues. Fliegen mußten Nahrung furchtbar schnell verbrennen. Er überlegte, ob er nach etwas Eßbarem Ausschau halten sollte, aber als er sich daran erinnerte, was Fliegen so fraßen, änderte er schnell seine Meinung. Er beschloß zu warten, bis etwas Genießbares auftauchte. Dann würde er sich augenblicklich in etwas verwandeln, das es essen konnte.
Jetzt kamen sie am oberen Ende der Treppe an. Der Magier trat durch den offenen Ausgang und ging nach links. Als Tolpan ihm nachsauste, stieß er mit etwas Unsichtbarem zusammen und blieb hängen. Er versuchte, seine Flügel zu bewegen, doch der rechte klebte fest. Der linke surrte vergeblich, bis auch er gegen etwas stieß und festhing.
Selanas Stimme erklang in seinem Kopf. »Was ist los? Warum hast du angehalten?«
»Ich weiß nicht genau«, antwortete Tolpan. »Ich hänge irgendwo fest, aber… oh je!«
»Was ist denn?«
Tolpans Stimme klang sorgenvoll. »Es ist ein Spinnennetz, und ich bin total verstrickt. Meine Arme und Beine hängen fest, und je mehr ich strampel’, desto mehr verheddere ich mich.«
»Warte.« Selana erhob sich vom Rücken des Magiers und eilte wieder zu dem Durchgang zurück. Kaum sah sie das Netz, da hörte Tolpan, der sich bemühte, seine Beine zu befreien, das geistige Gegenstück zu einem Schrei. »Über dir, Tolpan – die Spinne!«
Der Kender sah gerade noch rechtzeitig, wie ein braunes, haariges, mörderisches Ungetüm mit giftbewehrten Fängen über das klebrige Netz auf ihn zu raste. Bevor er etwas tun konnte, war sie über ihm und spann Fäden, während sie die gefangene Fliege zwischen ihren Hinterbeinen herumwarf. Mit jeder Umdrehung fühlte Tolpan, wie die Fäden enger wurden.
Er hatte keine Angst – das haben Kender selten –, aber die Lage sah doch ernst aus. Gleichzeitig war er fasziniert. Er bestaunte die Zielstrebigkeit und das Tempo der Spinne. Jedes Mal, wenn sie ihn umdrehte, konnte er sehen, wie sich sein eigenes, dunkles Gesicht in den facettenreichen Augen der Spinne spiegelte.
Selana summte hilflos hinter dem Netz herum, denn sie hatte einerseits zu viel Angst, um näher heranzukommen, und war andererseits zu verstört, um klar denken zu können. Die Spinnweben legten sich allmählich über Tolpans Gesicht. Die unbewegten Augen der Spinne hingen über Tolpans Hals und zielten, um ihre lähmenden Fänge in die Beute zu schlagen. Tolpan machte schnell die Augen zu und entspannte sich. Einen Augenblick später wurde aus der Fliege unter winzigen, blinkenden Blitzen eine kleine, braune Maus. Die Spinnweben, die ihn einschnürten, platzten, das Netz selbst zerriß, und Tolpan plumpste als Maus auf den Boden, nicht ohne sich noch in der Luft zu drehen, um auf allen Vieren zu landen. Die Spinne fiel von ihm ab, fing sich jedoch an einem eiligst gesponnenen Faden, an dem sie so schnell wie möglich zur sicheren Decke hochkletterte.