Выбрать главу

Mit vor Erleichterung fast hysterischem Lachen landete Selana neben Tolpan und verwandelte sich ebenfalls in eine Maus. Mit zitternden Beinen stand sie da, während Tolpan seine geschundenen Glieder reckte.

»Warum hast du nicht gleich daran gedacht?« fragte sie.

»Ich habe nicht gehört, wie du mir den Gedanken vorgeschlagen hast«, gab er zurück. »Auf jeden Fall ist ja alles gutgegangen. Warum bist du so verstört?«

Selana ignorierte seine Frage.

»Da ist ja unser altes Einauge«, sagte Tolpan. Sie sahen ihren Gegner vor einer Tür am Ende eines langen, kerzenerleuchteten Korridors stehen. Die beiden Mäuse flitzten den Gang hinunter, wobei sie sich dicht an der Mauer und in den Schatten hielten, bis sie gegenüber der Tür waren. Der Magier machte die unauffällige Holztür auf und trat ein. Tolpan, der vor Selana war, konnte sehen, daß dahinter ein Raum lag, kein weiterer Gang. Aber die Tür ging zu, ehe sie sie erreichen konnten.

Die beiden Mäuse näherten sich vorsichtig der Tür. Ihre scharfen Mäuseohren konnten hören, wie der Zauberer auf der anderen Seite herumlief. Der untere Rand der Tür war mindestens einen Fingerbreit vom Steinboden entfernt, womit die beiden Mäuse genug Platz hatten, sich durchzuquetschen.

»Nach dir«, dachte Tolpan und zeigte mit seiner bärtigen Schnauze hin. Selana schlüpfte lautlos unter der Tür durch, gefolgt von dem Kender, während sich beide fragten, was sie auf der anderen Seite erwarten würde.

13

Zwei Seiten der Medaille

Mit einem Spatel löffelte Balkom etwas Eichhörnchengehirn in eine Steingutschüssel. Sein Labor grenzte an seine Gemächer in Schloß Tantallon, und er arbeitete an einem bauchhohen Holztisch. Der Raum war für ein Zaubererlabor klein, aber im Vergleich zu den anderen Räumen der Burg recht groß. Ein schmaler Spalt in der Außenmauer ließ etwas Licht herein, doch zusätzlich brannten noch einige Fackeln.

Stirnrunzelnd leckte er die letzten, bitteren Tropfen aus der Porzellanschale in seiner rechten Hand. Der Zaubertrank aus einer schneeweißen Perle und einer Eulenfeder schärfte seine Sinne auf unangenehme Weise. Geräusche bekamen einen mißtönenden Beiklang und hallten ungedämpft in seinem Kopf nach; Gerüche verwirrten den Sinn für Zeit und die Abfolge vergangener Ereignisse beunruhigend; am schlimmsten aber waren die Farben und Formen, die deutlicher hervortraten, als wenn sie nicht länger zusammengehörten, sondern unabhängig voneinander wären und einzeln untersucht werden könnten. Genau darum ging es natürlich. Das Elixier verlieh ihm die Macht, die Eigenschaften eines magischen Gegenstands zu erkennen. Er konnte die magischen Fähigkeiten buchstäblich sehen, fühlen, hören und riechen. Augenblicklich untersuchte er das Kupferarmband an seinem Handgelenk.

Balkom fuhr mit den Fingern über das Armband, wie man eine Geliebte berühren würde. Er mochte das Gefühl von schwerem Schmuck und hatte an manchen Stücken fast sinnliches Vergnügen. Das hier war in dieser Hinsicht besonders aufregend, weil es zusätzlich noch mit Edelsteinen besetzt war. Er liebte geschliffene Steine aller Art.

Balkom konnte erkennen, daß das Armband seinem Besitzer durch Visionen die Zukunft zeigte, genau wie der erbärmliche, kleine Schwindler gesagt hatte. Viel interessanter jedoch war seine Herkunft. Es schien von einem Zwerg zu stammen, trug aber auch die unverwechselbaren Zeichen elfischer Handwerkskunst. Aus welchem Elfenreich es stammte, konnte er nicht herausfinden, doch er war sich sicher, daß es weder Silvanesti noch Qualinesti waren. Ein leichter, aber hartnäckiger Salzgeruch, dem er noch nie zuvor begegnet war, haftete daran. Vielleicht kam es von der Insel Sankrist, vielleicht von einem noch weiter entfernten Ort.

Unabhängig von seinem Ursprung, vermutete Balkom, daß ein geübter Besitzer innerhalb von vierundzwanzig Stunden jeweils Antworten auf eine bestimmte Anzahl gezielter Fragen über die nahe Zukunft erhalten würde. In den Händen eines erfahrenen Benutzers barg es enorme Möglichkeiten, doch seine Beherrschung würde viel Übung erfordern. Er beschloß, es irgendwann in der nächsten Woche einen ganzen Tag lang zu tragen, doch jetzt war er zu müde, um damit herumzuexperimentieren, darum streifte er das Armband mühsam von seinem Handgelenk, denn es saß ziemlich eng. Schließlich hatte er es sich von der Hand gewunden und legte es auf den Tisch.

Der Magier ließ die Schultern erschöpft sinken. Für diesen Zauberspruch brauchte man zehn Stunden Zeit. Die ersten acht Stunden nahm allein die Reinigung des Armbands in Anspruch, das erforderte die Identifikation. Außerdem mußte man alle Einflüsse ausschalten, die seine magische Empfindungsfähigkeit beeinträchtigen oder verändern konnten. Gerade, als er diese Arbeit hatte abschließen wollen, war sein neuester Zombie, der frühere Omardicar, im Kerker erwacht und hatte ihn unterbrochen.

Balkom dachte an die beiden Gefangenen, die sicher hinter Schloß und Riegel saßen. Da sie weit intelligenter und aufmerksamer gewesen waren als der Seher, hatten sie für den Magier eine weit größere Herausforderung dargestellt. Er hatte sie eingehend verhört, hatte schließlich auch magische Mittel zu Hilfe genommen, doch der Zwerg war von Natur aus gegen Magie resistent, und mit dem Halbelf, der selbst magische Fähigkeiten hatte, war der Erfolg nicht größer geworden.

Sie hatten eine starke Verbindung zu dem, den sie Delbridge nannten, Balkoms kurzlebigem Zombie. Allerdings behaupteten sie, ihn nie zuvor gesehen zu haben, was ein Lügen entdecken von Balkom als wahr bestätigte. Gegen Ende des Verhörs war sich Balkom ziemlich sicher, daß sie nichts von seiner Beteiligung an Rostrevors Verschwinden ahnten.

Sie würden ausgezeichnete Zombies abgeben.

Sehnsüchtig erwartete er die Nachricht, daß die beiden, die entkommen waren, die merkwürdig blasse, junge Frau und der Kender, durch sein Schattenmonster den Tod gefunden hatten. Er wollte kein Risiko mehr eingehen, jetzt, wo er seinem Ziel so nahe war.

Balkom gähnte und blinzelte mit den schweren Lidern. Die Vorbereitung des Zaubers hatte ihn körperlich erschöpft, doch die Ereignisse im Verlies und im Gefängnis hatten seinen Verstand aufgerüttelt. Er mußte sich unbedingt entspannen. Von einem Regal nahm er eine blaue Schale und das einfache Rasiermesser, mit dem er sich gewöhnlich den Kopf rasierte. Er trug beides zu einer Tür, durch die er in sein luxuriöses, mit vielen Teppichen ausgelegtes Schlafzimmer gelangte. Dort machte er es sich auf einem mit malvenfarbenem Samt bezogenen Diwan bequem und lehnte sich in einen Haufen Federkissen zurück.

Balkom stellte die Schale auf den Boden. Dann hielt er seinen linken Arm über den Rand des Diwans und über die Schüssel, klappte das Rasiermesser auf und legte seine Schneide in seine Handfläche. So verharrte er mehrere Augenblicke, um die Vorfreude auf das nun Folgende zu genießen. Parallel zu der glänzenden Klinge verlief ein zartes Gitter haarfeiner Narben. Mit einem irren Ausdruck in den Augen drückte er die Klinge gerade so weit in seine Hand, daß in seiner Handfläche eine leichte Kerbe zu sehen war. Dann zog er das Messer mit gepreßtem Lächeln langsam heraus. Ein dünner Blutstrahl drang unter dem Messer hervor, lief warm über seine gekrümmte Handfläche und tropfte in die Schale auf dem Boden. Der Blutstrahl pulsierte mit seinem Herzschlag, und sein Kopf nickte zu dem beruhigenden Rhythmus. Bald liefen dünne Blutstreifen kreuz und quer über seine Hand, denn sie folgten dem zarten Netzwerk der eingeritzten Linien. Ein paar Augenblicke später war seine Handfläche bereits blutüberströmt und wurde klebrig, weil die rote Flüssigkeit zu gerinnen begann.