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Die Entdeckung, daß der Anblick seines eigenen Blutes ihn beruhigte und das Gefühl eigener Schmerzen ihn erregte, hatte er in einer schauerlichen Nacht vor zehn langen Jahren gemacht. In jener feuchten, monderhellten Nacht hatte ein gebrochener Jungzauberer am Rande des Abgrunds getaumelt, nur um zuletzt doch noch dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, indem er einen Pakt mit dem Teufel schloß.

Seither hatte Balkom viel gelernt. Der einstige Adept hatte sich eine Stellung als Hofzauberer bei einem entrechteten Ritter von Solamnia gesichert, der mit seinem Verfolgungswahn in einen vergessenen Winkel von Abanasinia ausgewandert war.

Er konnte in aller Ruhe – sogar gegen Bezahlung – seine magischen Fähigkeiten in luxuriöser Umgebung verfeinern, ohne daß sich jemand einmischte oder unerwünscht seine Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Und er konnte in aller Ruhe die Flammen seines Hasses auf diejenigen nähren, die er für sein Versagen bei der Prüfung im Turm verantwortlich machte: die Versammlung der Zauberer, die ihm seine Aufgabe gestellt hatte und die ihn nun für tot hielt.

Er konnte sich nicht entscheiden, welchen der drei Orden er am meisten haßte. Das Oberhaupt der Versammlung, Par-Salian, war ein mächtiger Zauberer der Weißen Roben. Beim einzigen Mal, als Balkom ihn getroffen hatte – von ihm hatte er seinen ersten Auftrag als Lehrling erhalten –, hatte der mittelalte Erzmagier des Guten den Neuling auf Distanz gehalten. Balkom hielt es für wahrscheinlich, daß Par-Salian sich auch die Prüfungsaufgabe ausgedacht hatte.

Erst kurz vor Balkoms Prüfung war Justarius zum Oberhaupt der Roten Roben ernannt worden, jenem Orden, dem sich Balkom hatte anschließen wollen. Jetzt fand Balkom die Neutralität dieses Ordens nervtötend, besonders da sie Justarius wahrscheinlich davon abgehalten hatte, während der Prüfung zugunsten von Balkom einzutreten.

Damit blieb nur noch Ladonna. Die Zauberin mit dem eisengrauen Haar war ebenfalls in mittlerem Alter und Oberhaupt des Ordens der Schwarzen Roben. Über sie wußte Balkom weniger als über die anderen, weil er während seiner eigentlichen Ausbildung nie daran gedacht hatte, die Schwarze Robe zu tragen. Wegen ihrer Neigung zum Bösen gab er ihr eigentlich am wenigsten die Schuld.

Deshalb wollte er ihren Platz in der Versammlung.

Wie konnte er sich besser an Par-Salian und Justarius rächen als dadurch, daß sie Balkom, der in ihrer unmöglichen Prüfung versagt hatte, als Gleichrangigen akzeptieren mußten? Er würde weit größere Macht erlangen, als er sich bei seiner ersten Reise in den Wald von Wayreth je erträumt hatte.

Wenn nur Hiddukel seinen Teil des Handels einhielt.

Seit er die Abmachung getroffen hatte, hatte Balkom gelernt, wie man verhandeln mußte. Zehn Jahre und zahllose Seelen nachdem er in der Finsternis des Walds von Wayreth den Pakt mit dem bösen Gott geschlossen hatte, hatte der Zauberer einen Plan, der ihm helfen würde, sein Ziel zu erreichen und seinen Vertrag mit Hiddukel ein für allemal zu erfüllen. Er würde dem Gott der Abmachungen und Seelenmakler eine so unberührte, kostbare Seele anbieten, daß der Gott freiwillig seinen mündlichen Kontrakt mit Balkom auflösen würde, nur um sie zu bekommen.

Aber Balkom wollte einen noch höheren Preis rausschlagen. Hiddukel hatte ihm vor langer Zeit sowohl Macht als auch Rache zugesagt. Das erste hatte sich erfüllt, denn Balkom war der mächtigste Zauberer der Gegend. Jetzt würde er auch seine Rache bekommen, wenn er Ladonnas Platz in der Versammlung übernahm.

Während er überlegte, wie er das Thema dem Gott gegenüber anschneiden sollte, drückte Balkom auf die Wunde in seiner Handfläche, bis der Blutstrom verebbte. Dann umwickelte er ihn fest mit einem sauberen Stück Seide aus einem emaillierten Kästchen neben dem Diwan. Mit der kleinen Schale kehrte er in sein Labor zurück. Dort vermischte er das gerinnende Blut mit süß duftenden Pülverchen zu einer Paste. Die setzte er über einem rotglühenden Kohlebecken auf und steckte dann den Kopf in die Rauchwolke, die aus der Schale aufstieg. Dieser widerliche Dunst ließ die Erschöpfung der letzten zehn Stunden verschwinden, so daß Balkom sich wieder frisch und wach fühlte.

Er hatte dieses Ritual unzählige Male durchgeführt, bevor er Hiddukel beschwor. Jede Begegnung mit dem scharfzüngigen Gott war ein Duell des Willens. Hiddukel war der unsterbliche Herr der Verträge. Alles, was während einer Unterhaltung mit ihm gesagt wurde, ganz gleich, wie unbedeutend es scheinen mochte, konnte einen auf ewig binden. Balkom hatte schon vor langer Zeit erkannt, daß jede erdenkliche Vorsicht angebracht war, wenn man mit einem solchen Wesen verhandelte.

Nachdem er sich klar und gestärkt fühlte, ging Balkom von seinem Arbeitstisch zu einem reich verzierten Schrank in der Ecke. Dieser enthielt oben und unten symmetrisch angeordnete Fächer und dazwischen eine Unmenge kleiner Schubladen. Der Zauberer wählte eine Schublade aus und zog sie vollständig heraus. Dann griff er dahinter ins Leere und holte ein kleines Kästchen aus glänzend poliertem, grauem Schiefer hervor. Jede Seite war nur ungefähr zwei Finger breit. Er zog eine zweite Schublade ganz heraus und ließ flink ein verborgenes Fach an der Rückseite aufschnappen, aus dem er einen winzigen Bronzeschlüssel zog. Er wandte sich wieder dem Schieferkästchen zu, drehte es in den Händen, bis er die Seite gefunden hatte, die er suchte. Vorsichtig zog er den Bronzeschlüssel über diese Seite des Kästchens, und dann erschien eine Vertiefung in der Größe des Schlüssels. Balkom drückte den Schlüssel in die Kerbe, und sofort ging das Kästchen auf; ein kleiner, tiefblauer Samtbeutel lag darin.

Vorsichtig faltete Balkom den Beutel auf, der zunächst leer erschien. Das Erstaunlichste daran waren die sechs winzigen Stahlhände, die die Beutelöffnung fest geschlossen hielten. Der Zauberer sprach die Worte: »Buldi vetivich«, und entließ damit die magischen Hüter, die das Täschchen schützten. Die sechs Händchen verschwanden.

Vor Aufregung zitternd, kippte Balkom den scheinbar leeren Beutel um, und heraus kullerte ein perfekt geschliffener, faustgroßer Rubin. Obwohl Balkom den Stein ins Licht einer der vielen Kerzen im Raum hielt, konnte er das verängstigte, junge Gesicht tief in den weinfarbenen Facetten des Steins kaum erkennen, das hin und her blickte und vergeblich die Dinge außerhalb seines magischen Gefängnisses zu erkennen suchte.

Sie hatten es ihm so leichtgemacht, der Ritter und sein Sohn und besonders der nichtsahnende Delbridge, der durch die Enthüllung des geheimen Plans allen außer sich selbst ein Alibi verschafft hatte. Es war ein Kinderspiel gewesen, den Edelstein zwischen Rostrevors Laken zu schieben, während er die Umgebung angeblich magisch versiegelte. In dem Moment, wo der Knappe den Stein berührte, wurde er hineingezogen und saß wie ein Flaschengeist gefangen. Als Balkom den Raum am Morgen öffnete, mußte er nur noch den Edelstein unbemerkt einstecken. Alle anderen waren viel zu sehr mit dem unerklärlichen Verschwinden des Knappen beschäftigt gewesen.

Aber eine Seele einzufangen war kein leichtes Unterfangen, nicht einmal für einen so mächtigen Zauberer wie Balkom. Zuerst brauchte der Zauberer ein Behältnis, das ein Edelstein von unschätzbarem Wert sein mußte, weil er sonst zerspringen würde, wenn man die Seele hineinzwang. Dann war es notwendig, den Stein zu bezaubern, damit er überhaupt für Magie aufnahmefähig wurde. Anschließend mußte der Magier ein Zauberlabyrinth innerhalb des Edelsteins erschaffen, das als Gefängnis für eine Seele dienen konnte. All diese Schritte waren vor dem Zauber erforderlich, der die Seele letztendlich einfing, und mußten wie ein Ritual jedes einzelne Mal nacheinander befolgt werden, wenn Balkom ein Opfer brauchte, um Hiddukels Hunger zu stillen.

Hunger war vielleicht das falsche Wort. Balkom fragte sich, wie so oft, welchen Nutzen Hiddukel aus den Seelen zog, die er von seinen Anhängern erhielt. Ernährte er sich von ihnen, oder war er über jegliches Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme hinaus? Vielleicht wurden sie Sklaven in irgendeinem alptraumhaften Reich, das sich kein Sterblicher vorstellen könnte. Oder – was Balkom noch reizvoller fand – vielleicht waren die Seelen für Hiddukel eine Art Währung, wenn er mit Wesen verhandelte, die noch abscheulicher waren als er selbst. Letzten Endes war es Balkom egal, was aus den Seelen wurde; seine Neugier war rein akademisch.