»Ich bitte um Vergebung, Hiddukel. Der Gedanke daran, daß meine Rache endlich so nah ist, macht meine Worte unüberlegt. Du weißt, daß ich dir zehn Jahre treu gedient habe. Ich erbitte nur das, was du mir versprochen hast. Und bedenke, was es für dich bedeuten würde, einen treuen Diener in einer so hohen Stellung wie der Versammlung der Zauberer sitzen zu haben«, fuhr er fort. »Wir können beide davon profitieren.«
Balkom wußte, indem er die Aufmerksamkeit des Gottes auf etwas anderes lenkte, konnte er sich selbst vor Hiddukels Zorn schützen. In diesem Fall war der beste Köder wie gewöhnlich das, was der Gott sich nach Seelen am meisten wünschte: Gewinn und Macht.
»Es stimmt schon«, erklärte das großzügige Gesicht der Münze, »ich habe deinem Fall über die Jahre viel Aufmerksamkeit geschenkt.« Aber dann sprang das Goldstück herum und zeigte die unbeugsame Seite. Jetzt wurden die Verhandlungen erst richtig schwierig, das wußte Balkom aus Erfahrung. Das strenge Gesicht feilschte viel härter als das gutmütige, aber es feilschte auch um erheblich höhere Einsätze.
»Aber täusche dich nicht«, zischte es. »Auch andere wollen Ladonnas Position. Manche verdienen sie vielleicht mehr als du. Manche haben einen stärkeren Glauben als du, andere sind unterwürfiger. Und dann wäre da noch Ladonna selbst. Warum sollte ich dich vorziehen?«
Wie immer, wenn er mit Hiddukel sprach, war Balkom hochkonzentriert. »Andere verzehren sich vielleicht nach der Position, aber mir wurde Rache versprochen. Wir wissen beide, du mußt deine Verträge halten, wenn sie einmal abgeschlossen sind. Ich war geduldig, Hiddukel, aber ich warte schon lange. Und jetzt bringe ich dir eine Seele, wie du sie lange nicht gesehen hast.«
Die Münze schnitt Balkom das Wort ab, bevor er fortfahren konnte. »Was weißt du von Zeit, Mensch? Ich habe schon Zeitalter erlebt, die du dir nicht einmal vorstellen könntest. Ich bin aus deiner Welt verbannt worden, und man hat mir lange die Seelen verweigert, die ich brauche. Was sind Jahre, Jahrzehnte? Was bedeutet dein Warten im Vergleich zu meinem? Solche erbärmlichen Bitten beeindrucken mich nicht.«
»Aber dein Zeitmaß kann nicht für mich gelten«, antwortete Balkom. »Im Gegensatz zu dir werde ich älter. Meine Zeit auf dieser Welt ist begrenzt. Je länger du damit zögerst, mir meine Bitte zu gewähren, desto weniger Zeit werde ich haben, dir aus einer wirklich mächtigen Position heraus zu dienen. Bedenke, welche Seelen ich dir schicken könnte, wenn ich in der Versammlung säße. Das wäre mit nichts zu vergleichen, was du je gekannt hast, und würde mit Ladonna losgehen. Wir würden beide bekommen, was wir uns am meisten wünschen.«
Jahrelange Erfahrung hatte Balkom gelehrt, wie er am besten an Hiddukels Gier appellierte. Wenn dieser Ansatz fehlschlug, würde er es anders versuchen. Balkom hatte keine Brücken hinter sich verbrannt, aber er konnte sich auch dem Schutzgott der Seelenfänger gegenüber kein wirksameres Argument vorstellen.
Die Münze sprang auf die freundlichere Seite zurück. Vergeblich versuchte Balkom, sie zu fangen, damit das strenge Gesicht wieder oben lag. Er war zu langsam. Er wußte, jetzt würde das großzügige Gesicht, das keinen so bedeutenden Pakt abschließen wollte, die Verhandlungen abbrechen.
»Bring die Seele zum vereinbarten Ort, wo ich sie genauer ansehen kann«, sagte die Münze lächelnd. »Dann werde ich mir die Sache durch den Kopf gehen lassen.« Daraufhin machte die Münze ihren Mund zu, und das Ding in Balkoms Hand war wieder eine einfache groteske Medaille.
Weil er sich nicht sicher war, ob er niedergeschlagen oder begeistert sein sollte, schloß Balkom fest die Faust um das Goldstück. Er hatte dem Gott keine neuen Versprechungen abgerungen und auch keine Zusicherungen erhalten. Andererseits war er aber auch nicht abgewiesen worden, und schon das war eine gewisse Ermutigung. Solang Hiddukel zum Reden bereit war, gab es begründete Hoffnung.
Nachdem er seinen muskulösen, sechs Fuß großen Körper gereckt hatte, steckte Balkom die Münze in seine Geheimtasche, um anschließend den Seelenstein sorgsam in sein genau ausgetüfteltes Versteck zurückzulegen.
Als nächstes, sagte er sich, mußte er den Altar für die Zeremonie vorbereiten, bei der die Seele des Knappen Hiddukel ausgeliefert werden würde. Das mußte reibungslos vonstatten gehen, wußte Balkom, denn ihm würde vielleicht nie wieder eine so makellose Seele in die Hände fallen.
Es gab da allerdings ein Problem, denn der Altar war nicht in der Burg. Das Risiko einer zufälligen Entdeckung war zu groß, deshalb hatte er den Altar nicht im Umkreis der Stadt aufbauen können. Wenn seine grauenvollen Praktiken oder gar sein Dienst an Hiddukel jemals öffentlich bekannt oder Lord Curston hinterbracht wurden, war es aus mit Balkoms Laufbahn und wahrscheinlich auch mit seinem Leben. Aus diesem Grund lag der Altar gut versteckt meilenweit außerhalb der Stadt in einem unwegsamen Teil des Ostwall-Gebirges.
Zu Fuß dorthin zu gelangen, würde Balkom mindestens einen harten Reisetag kosten, vielleicht auch mehr. Aber mit einem Flugzauber konnte er in einer guten Stunde dort sein.
Dennoch war es immer noch eine schwierige und gefährliche Reise. Die höheren Regionen der Berge waren von feindseligen Wesen bewohnt. Die eigentliche Übergabezeremonie war zeitraubend; das bedeutete, er brauchte eine gute Ausrede, damit seine Abwesenheit vom Hof unverdächtig wirkte. Getreu seiner solamnischen Herkunft mißtraute Curston der Magie und den Zauberern. Er hatte nur deshalb einen Hofzauberer, weil jemand in seiner Machtposition eindeutig einen brauchte, und weil Balkom sich viele Male als nützlich erwiesen hatte. Deshalb traute Curston seinem Zauberer noch lange nicht.
Balkom drehte sich um und betrachtete die Darstellung der Mondzyklen an der Wand. Die drei Monde von Krynn – Lunitari, Solinari und Nuitari – kontrollierten während ihrer Phasen die Macht der Magie in der Welt. Als böser Gott war Hiddukel auf dem Höhepunkt seiner Macht, wenn Nuitari, der schwarze Mond, am höchsten Punkt stand. Dasselbe galt für Hiddukels Gläubige. Nur zu diesem Zeitpunkt konnte Balkom Hiddukel Seelen übergeben. Sieben von achtundvierzig Tagen stand Nuitari ganz oben am Himmel.
Balkom wußte, daß morgen die erste Nacht von Nuitaris Höchststand war. Am Tag darauf würden Nuitari und Lunitari einen Tag lang zusammenstehen. Während dieser Zeit würde die Macht aller Zauberer auf Ansalon erhöht sein, besonders aber die der Schwarzen und der Roten Roben. An Balkoms Hals traten die Adern hervor, als er an die mißlungene Prüfung zurückdachte, die ihn vom Orden der Roten Roben ferngehalten und in Hiddukels Dienst getrieben hatte. Weil er Hiddukel diente, konnte er von Nuitari ebenso profitieren wie jeder Zauberer der Schwarzen Roben.
Während er noch über seine nahende Verabredung am Altar nachdachte, bemerkte Balkom ein kleines Nagetier, das auf seinem Arbeitstisch herumkrabbelte. In der Burg wimmelte es von Ratten und Mäusen, und Balkom hatte sich im Laufe der Jahre sogar mit einigen von ihnen angefreundet, auch wenn er nicht zögern würde, sie als Versuchstiere zu benutzen. Sie knabberten gerne an heruntergefallenen Stückchen von Zauberkräutern und tranken die Reste der Flüssigkeiten in seinen Mörsern.
Diese Maus hatte Balkom ganz sicher noch nie in seinem Labor gesehen. Ein so zartes, kleines Tier mit so klugen Augen wäre ihm aufgefallen. Er sah zu, wie es zwischen den chirurgischen Instrumenten und Schalen herumwieselte und mit seiner feinen Nase an Krümeln schnupperte.