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Plötzlich blieb sein Blick an etwas am Ende des Tischs hängen. Das braune Pelztierchen sprang vor und sperrte mühsam seinen Kiefer weit genug auf, um mit seinen scharfen, kleinen Zähnen das Armband zu packen.

»He, du kleines – «, begann Balkom zugleich verärgert und verwirrt. Er griff hin und wollte die tollkühne Maus festhalten, die sich abmühte, das schwere Armband zur Tischkante zu zerren.

In diesem Augenblick sprang eine weitere, kleinere, aber drahtige Maus hinter der blauen Schale hervor und senkte ihre rasiermesserscharfen Zähne in Balkoms Hand. Der Magier schrie vor Schmerz und Wut auf und schüttelte die Maus von seinem Finger ab auf den Boden, wo sie benommen herumtaumelte.

Die Maus auf dem Tisch bemühte sich unterdessen immer noch, das Armband zum Rand zu ziehen, kam aber nirgendwo hin. Als sie in Balkoms wutentbranntes Gesicht blickte, während seine Hand nach ihr griff, warf die Maus einen letzten, verzweifelten Blick auf das Armband und sprang freiwillig vom Tisch.

Sie kam jedoch nie unten an. Mitten im Flug verwandelte sie sich vor Balkoms überraschten Augen in einen Kolibri und schwirrte durch den engen Luftspalt davon und aus der Burg heraus. Balkom drehte sich der Magen um.

Das waren keine Mäuse.

Hektisch suchte der Zauberer auf dem Boden nach der anderen Maus. »Wer seid ihr wirklich? Was wollt ihr?«

Schließlich entdeckte er sie, als sie sich gerade unter der Tür zu Balkoms Schlafzimmer und zum Gang dahinter durchzwängte und sich damit dem Blick des Magiers entzog. Er konnte nicht hoffen, das verängstigte Tier zu erwischen.

Wenn der Zwerg und der Halbelf nicht irgendwie entwischt waren und sich in Mäuse verwandelt hatten, wußten jetzt noch zwei Leute, daß er das Armband hatte. Und es gab zwei andere: die Frau und den Kender, die seinem Netz entkommen waren! Der Zwerg und der Halbelf saßen sicher im Burgverlies. Hatte das Schattenmonster seinen Auftrag bezüglich der anderen beiden nicht erfüllt? Konnten sie mächtig genug sein oder so viel Glück haben und ihm entkommen?

Und was noch schlimmer war, sie hatten zweifellos sein Gespräch mit Hiddukel mitgehört. Auch wenn sie keine klare Vorstellung haben konnten, wo der Altar war, konnten Wesen mit der Fähigkeit, sich zu verwandeln, dessen Lage zweifellos entdecken. Um sicher zu sein, mußte er zum Altar, die Übergabe vollziehen und sofort Ladonnas Platz in der Versammlung übernehmen, wodurch er über dem Einfluß jedes Provinzzauberers in Tantallon oder sonstwo stehen würde.

Balkom bereitete sich so schnell wie möglich auf seine Abreise vor, doch zwei Fragen brannten in seinen Gedanken wie eine unlöschbare Flamme.

Wer waren die Frau und der Kender, und wieviel wußten sie?

TEIL III

14

Die Jagd

Nachdem sich Selana wieder in einen Sperling verwandelt hatte, versteckte sie sich und sah zu, wie Balkom von einem Sims vor seinem Fenster sprang. Das Armband an seinem Handgelenk war deutlich zu erkennen. Offenbar mit Hilfe eines Flugzaubers schwebte er dicht über die Baumwipfel im Norden des Dorfes davon und verbarg sich dann in den grauen Wolken, die seit dem Morgen tief am Himmel standen. Anscheinend wollte er tiefer in die Berge hinein, wobei er dem Ufer des großen Gebirgsflusses folgte, der die Klamm zwischen dem Schloß und dem stillen Örtchen Tantallon geformt hatte.

Selana wartete zwei Minuten, dann flog sie ihm hinterher, wobei sie einen Abstand ließ, der sie hoffentlich außerhalb der Reichweite eines möglichen Erkenntniszaubers hielt.

So nah! Sie hatte das Armband in den Zähnen gehalten! Beim Gedanken daran blutete ihr das Herz.

Die Meerelfin fühlte einen Anflug von Schuld, weil sie Flint und Tanis im Gefängnis zurückließ. Der Zwerg, der von der väterlichen Sorte war, schien – trotz seiner gelegentlichen Knurrigkeit – einer der nettesten Leute zu sein, die sie kennengelernt hatte, seit sie an Land war. Sie nahm an, daß viel von dem Gemaule nur Getue und Schau war, denn er bemühte sich offenbar wirklich darum, das Armband wiederzubeschaffen. Es tat ihr leid, ihn seinem Schicksal überlassen zu müssen.

Der Halbelf war etwas anderes… So jemanden hatte sie noch nie zuvor kennengelernt. Feuer und Eis. Aufreizend. Ungeduldig. Fesselnd… Eine mächtige Flamme, die aus seiner Seele genährt wurde, brannte in seinen Augen. Er war ein junger Mann, der von Extremen getrieben wurde, von den besten und den schlimmsten Leidenschaften. Aus irgendeinem, für sie unerklärlichen Grund schien sie das Schlimmste in ihm zu wecken, was sie traurig machte.

Sie wußte, ihre Verantwortung galt ihrem Bruder und ihrem Königreich, und wenn sie Balkom nicht sofort folgte, ehe die Wirkung des Tranks zu Ende war, würde der böse Magier entkommen, und das, wofür sie alle gekämpft hatten, würde verloren sein.

Mit etwas Glück würde es dem Kender gelingen, seine Freunde zu retten. Er schien jedenfalls zu der Sorte zu gehören, die immer auf den Füßen landete, egal wie aussichtslos die Situation wirken mochte. Der Kender war erfinderisch und unerschrocken, auch wenn dem noch etwas entgegenstand. Unverantwortlich war nicht ganz das richtige Wort, dachte sie. Er ließ sich leicht ablenken. Sie hoffte, er würde seinen Freunden helfen können, und sie fand, daß sie in dieser Hinsicht kaum etwas anderes tun konnte als hoffen.

Hoffnung schien auch der Hauptbestandteil ihrer augenblicklichen Strategie zu sein. Denn hoffentlich hielt ihr Trank lange genug an, um Balkom zu folgen. Hoffentlich würde sie vor Ablauf der Wirkung rechtzeitig genug gewarnt, damit sie den Erdboden ohne Schaden erreichen konnte. Hoffentlich war Balkom sich nicht darüber im klaren, daß er verfolgt wurde. Und hoffentlich konnte sie ihm das Armband auch abnehmen und damit entkommen.

Unterwegs schienen sie ständig demselben Tal zu folgen. Sie waren noch nicht von dem Hauptstrom des Flusses durch Tantallon abgewichen. Wenn ich ihn aus irgendeinem Grund verliere, beschloß Selana, dann werde ich diesem Fluß weiter folgen. Balkom scheint sich daran zu orientieren, und so verirre ich mich wenigstens nicht.

Sie konnte währenddessen die Berge kaum aus den Augen lassen. Selana hatte noch nie solche Gipfel gesehen. In ihrem Heimatreich konnte jeder leicht über die Unterwassergebirge hinwegschwimmen, aber die waren ziemlich trostlos, und ihre Spitzen und Kanten waren von der unermüdlichen Bewegung des Wassers rundgewaschen. Diese hier hingegen waren kühn zerklüftet und voller Leben. Dennoch erinnerte sie dieser interessante Flug mehr an ihr Zuhause als alles andere, seit sie das Meer verlassen hatte.

Burg Tantallon lag vielleicht dreißig Minuten zurück, als Selana sich allmählich merkwürdig schwer fühlte und ihr Blickfeld verschwamm. Der Trank. Wahrscheinlich ließ seine Wirkung nach. Mit klopfendem Herzen senkte die Meerelfin sofort ihren Kopf, legte die Flügel an und schoß direkt zur moosbedeckten Erde hinunter.

Sie hätte es fast geschafft.

Hinter den obersten Zweigen der Fichten und der knospenden Espen, genau über einem grasbewachsenen Abhang am Flußufer verwandelte sich der Sperling wieder in eine Meerelfin. Sie stürzte über acht Fuß tief ab, wobei ihr blauer Mantel um sie herumflatterte, und landete unsanft in einem großen, stacheligen Dickicht.

Mit einem durchdringenden Schmerzensschrei sprang Selana aus den Büschen, doch ihre Robe verfing sich in den spitzen Dornen. Tränen traten ihr in die Augen, während sie fast hysterisch an ihrem Umhang zerrte. Jetzt war das gute Stück, das schon bei dem Satyren und der Hetzjagd durch Tantallon arg gelitten hatte, völlig zerrissen. Sie zog an dem zerrissenen Stoff und heulte vor Enttäuschung und vor Erschöpfung nach all den Strapazen der vergangenen Tage, dem wenigen Schlaf, dem wenigen Essen. Das kleine Stück von dem Umhang, das noch um ihren Hals lag, riß sie ab und warf es wütend in den Busch, was ihren Ärger etwas besänftigte.

Ihr blaßsilbernes Haar war zerzaust und hing ihr in losen Strähnen um das verschwitzte, schmutzige, zerkratzte Gesicht. Mit nichts bekleidet als ihrer dünnen, gelblichen, wadenlangen Tunika sank die Prinzessin der Dargonesti-Elfen auf die Knie und weinte bitterlich.