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Noch bedrückender war die Erkenntnis, daß sie nicht einfach am Flußufer liegenbleiben konnte, bis ihre Wunde heilte. Sie brauchte ihre Hände, um sich zu verbinden, und mußte schlafen, um wieder denken zu können. Wenn sie als Delphin in dieser Strömung einschlief, würde sie unweigerlich ertrinken. Da sie wirklich keine Wahl hatte, seufzte Selana niedergeschlagen und nahm wieder ihre menschenähnliche Gestalt an.

Das Wasser rann ihr von den Brüsten, während sie so dastand. Die fingerlange, knochentiefe Wunde unter dem Ärmel ihrer triefenden Tunika begann sofort, unerträglich weh zu tun. Ein pulsierender, dicker, roter Blutstrahl spritzte heraus. Während sie darum kämpfte, bei Besinnung zu bleiben, zog sie sich mit ihrem heilen Arm die Böschung hoch. Dort angekommen, lag sie auf dem gefrorenen Boden und zitterte im eisigen Wind.

Selana konnte es kaum glauben, aber sie war jetzt tatsächlich schlimmer dran als vorher. Die Temperatur im Fluß war nahezu konstant geblieben, doch die Luft war in dieser Höhe viel kälter als das Wasser. Jetzt war sie ernsthaft verletzt, jedoch noch immer ohne Essen oder Schutz. Ihr wurde klar, daß sie leicht tot sein konnte, ehe die Sonne wieder aufging.

Ich muß trocken werden, dachte Selana erschöpft, obwohl ihr von dem Blutverlust schwindelig war. Indem sie ihren ganzen Willen zusammennahm, nutzte sie den allerletzten Zauber aus ihrem Gedächtnis: einen Zaubertrick, eigentlich nur etwas zum Üben, der so unscheinbar war, daß er praktisch nicht zählte. Wenn man sie jedoch einmal beherrschte, waren Zaubertricks ungeheuer flexibel, und darauf setzte Selana jetzt. Es strengte sie sehr an, doch mit Hilfe des Zaubertricks gelang es ihr, das eisige Wasser aus ihrer dünnen Tunika zu wringen und sie trockenzublasen. Diese Anstrengung schwächte sie jedoch noch mehr.

Sie riß einen Streifen Tuch vom zerfetzten Saum ihrer Tunika ab und verband damit fest die brennende, blutende Wunde, um die Verletzung zu schließen und die Blutung zu stoppen. Der zusätzliche Druck der Bandage schmerzte zwar, gab Selana jedoch gleichzeitig ein beruhigendes Gefühl.

»Du mußt dich ein wenig ausruhen«, murmelte sie laut, weil sie hoffte, daß der Klang einer Stimme – und wenn es nur ihre eigene war, sie wachhalten würde. »Such dir eine windgeschützte Stelle.« Stolpernd taumelte Selana auf einen auffällig weißen Felsvorsprung am Berghang zu. Bestimmt konnte sie dort ein Eckchen finden, wo sie sich vor den gnadenlosen Böen des Bergwinds verstecken konnte.

Schließlich fand sie eine kleine, niedrige Höhle, die gerade für ihren zierlichen Körper ausreichte. Sie rollte sich – an den kalten Granit gedrängt – zusammen. Während sie ihre zerrissene Tunika fest um sich zog, blinzelte sie mit verschleierten Augen in die trostlose Landschaft vor sich.

Sie wußte mit erschreckender Klarheit, daß sie sterben würde… Unter dem heulenden Wind würde sie ins ewige Vergessen fortgleiten und niemals wieder erwachen – wenn sie nicht den Klerikern glaubte, die behaupteten, daß es ein Leben nach dem Tode gäbe, sofern man an die wahren Götter glaubte (wer die auch waren). Doch das tat sie nicht. Sie dachte, sie hätte eine Bewegung gesehen, und zwang sich, die Augen offenzuhalten. Vielleicht ein Ast, der heruntergefallen war? Oder eine Halluzination? Sie verwarf den Gedanken, denn was auch immer sie gesehen hatte, es war viel größer als ein Ast und verschmolz perfekt mit dem grauen Granit der Bergwand. Sie glaubte, einen riesigen Minotaurus zu sehen, eine wilde Mischung aus Mensch und Rind, doch der hier bestand aus poliertem, weißem Granit. Er sprang über den Fluß und kam auf sie zu.

Ich habe wirklich Halluzinationen, dachte sie. Ich mache einfach die Augen zu und schlafe, und wenn ich aufwache, ist er weg. Aber als sie die Augen schloß, hörte sie keuchendes Atmen und böses Schnauben. Ich halte mir einfach auch die Ohren zu, dachte sie dämmrig. Mit fest zugepreßten Augen und den Fingern in den Ohren wartete sie.

Da ergriffen zwei große Hände, die genauso kalt waren wie Granit, Selana an den Schultern und hoben sie in die Luft. Kurz vor der Ohnmacht schlug Selana noch einmal die Augen auf und sah wieder den erschreckenden Granitminotaurus mit den Hörnern auf dem Kopf.

Einen letzten, kurzen Moment lang dachte sie fast dankbar, daß sie bestimmt schon tot war.

15

Ein Edelstein als Lösung

Flint verzog das Gesicht und kratzte sich am Bart. »Das ganze Viehzeug krieg’ ich nie wieder raus«, knurrte er Tanis an. »Kein Wunder, daß Vögel keine Haare haben.«

»Und kein Wunder, daß du keine Flügel hast«, antwortete der Halbelf. »Aus lauter Angst um deinen kostbaren Bart würdest du sie nie benutzen. Paß bei dem Geröll auf, das ist locker.«

Genau in dem Moment, wo er diese Warnung aussprach, rutschte Tanis ein melonengroßer Stein unter dem Fuß weg und kullerte den steinigen Hang hinunter. Flint wich zur Seite aus. Dicht hinter ihm knallte er gegen einen Felsen und sprang über die Köpfe von Tolpan und den drei Phaetonen hinweg, die das Schlußlicht der Gruppe bildeten. Er verschwand unter ihnen in der Finsternis, aber wiederholtes Krachen ließ sie deutlich jeden Aufschlag hören, als der Stein bis zum dreihundert Schritt tiefer gelegenen Ende des Hangs hinabpolterte.

»Wieder daneben, Tanis. Das war das zweite Mal«, sagte Tolpan, der wieder zu klettern begann.

»Aller guten Dinge sind drei«, murmelte Flint.

Nanda Lokir, der die Gruppe anführte, drehte sich zu den anderen um. »Wir nähern uns dem Grat. Seid jetzt still und paßt auf. Oben ist der Hang steiler.«

Sie waren so nah zu Balkoms Höhle geflogen, wie die Phaetone es wagten. Leider wirkten ihre Flammenflügel im Dämmerlicht wie Leuchtkugeln, so daß sie es für besser hielten, hinter einem Berg zu landen, der sie vom Eingang zur Höhle abschirmte.

Nanda, Hoto, Cele und die anderen vier Phaetone, die die Gruppe begleiteten, waren an das Gelände und die Höhe gewöhnt. Ihre Stiefel mit den festen Sohlen eigneten sich gut dazu, über Geröll zu klettern. Tolpan, Flint und Tanis hatten Mühe und keuchten vor Anstrengung, weil die Luft in dieser Höhe schon ziemlich dünn war. Flint trug wenigstens eisenbeschlagene Stiefel. Tanis und Tolpan hatten einiges auszustehen, während sie über die Steine stolperten, die durch ihre dünnbesohlten Mokassins stachen, welche eher für grasbewachsene Ebenen und staubige Straßen gemacht waren.

Alle atmeten auf, als sie einer nach dem anderen oben ankamen und kurz vor dem Grat eine Pause einlegten. Die andere Seite war lange nicht so steil. Zehn Gesichter spähten in die Dämmerung.

Etwa vierhundert Schritt entfernt war am gegenüberliegenden Hang der Eingang zu einer Höhle zu sehen. Von innen strömte ein einladendes Licht heraus, das einen warmen Glanz über die verkrüppelten Bäume um den Eingang warf. Ein Bach, der sich tief in die Erde eingeschnitten hatte, trennte die Gruppe von der Höhle. Auf beiden Seiten fielen die Hänge allmählich ab und waren mit Gestrüpp bedeckt: Dornenbüsche und kleine Bäume.

»Ich kann es zwar kaum glauben, aber der Eingang sieht nicht bewacht aus«, stellte Tanis fest.

Flint war skeptisch. »Dann glaub’ es lieber nicht, Junge. Du hast Balkom doch kennengelernt. Er ist ein gewiefter Zauberer und obendrein ein schlauer Fiesling. Der läßt nicht einfach die Tür offen stehen.«

»Er weiß, daß wir ihm auf den Fersen sind«, fügte Tolpan hinzu. »Wir wissen nicht, was er aus Selana herausgequetscht hat.« Tanis erschauerte, weil ihm bei diesen Worten sein eigenes Verhör einfiel.

Nanda warf einen Blick an den Himmel. Jetzt funkelten Sterne in der Dunkelheit. Im Osten, wo die Berge zum Neumeer hin abfielen, ging Lunitari, der schnelle Mond, auf, der auf seinem unentwegten Lauf über den Himmel eilte. Darüber stand Nuitari, der unsichtbare Mond. Nur Zauberer, die die schwarze Robe des Bösen anlegten, konnten diesen Trabanten wirklich sehen. Aufmerksame Augen konnten ihn in Nächten wie dieser als schwarze Scheibe erkennen, die die Sterne hinter sich verdeckte. »Seht nach oben, Freunde. In der nächsten Stunde wird Lunitari Nuitari überholen. Hoto sagt, daß dieser Balkom seinen Zauber sprechen wird, wenn sie zusammenstehen. Uns bleibt nur noch wenig Zeit.«