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»Hier hat jemand wirklich erstklassige Arbeit geleistet«, sagte er über die Schulter, doch ein ganzer Chor von »Psst!« erinnerte Tolpan daran, wo er war.

Nachdem er jetzt die richtige Vorstellung davon hatte, was vor ihm lag, nahm Tolpan seine Suche wieder auf. Er ging den Tunnel nur wenige Schritte weiter hinunter, bevor er stehenblieb, die Hand hob und die anderen anhalten ließ. Er zeigte an die Decke, wo Spinnweben und Staub wie eine haarige Decke am Fels klebten. Als alle nach oben schauten, stach er mit dem Ende seines Hupaks in ein Moospolster am Boden.

Mehrere Phaetone japsten auf, als ein scheinbarer Deckenteil in einer Staubwolke herunterfiel. Ein festes Netz, das mit kopfgroßen Steinen beschwert war, krachte auf den Boden. Der Staub hatte sich noch nicht gelegt, als Kelu nach vorne kam, um sich das genauer anzusehen, doch Tolpan versperrte ihm schnell mit seinem Hupakstock den Weg. Sekunden später drang ein lautes »Pling« durch den Tunnel, denn sechzehn Metallspitzen, jede einen Fuß lang und mit Widerhaken am Schaft, sprangen aus dem Boden und bohrten sich nach oben durchs Netz.

Tolpan nahm den Hupak herunter. »Jeder, der da drunter gewesen wäre, wäre vom Gewicht des Netzes auf den Boden gedrückt worden, und dann hätten ihm die Spieße den Garaus gemacht. Teuflisch«, erklärte Tolpan, der sich anhörte wie ein Philosoph vor seinen Schülern. »Ihr bleibt lieber auf den Zehenspitzen, falls ich etwas übersehe«, meinte er, um dann bescheiden hinzuzufügen, »so unwahrscheinlich das auch ist.«

Mit alarmierender Unbekümmertheit suchte sich Tolpan einen Weg durch die Spitzen und das Netz. Obwohl sie alle Gefahren gewöhnt waren, mußten die Phaetone und besonders Nanda heftig schlucken angesichts des gräßlichen Schicksals, dem der Kender so leichtherzig ausgewichen war.

Nur wenige Schritte hinter der Falle mündete der Gang in einem runden Raum. Wände und Boden waren aus poliertem, korallenrotem Granit, der von grauen Adern durchzogen war. Drei magische Lichtquellen leuchteten gleichmäßig an den Wänden und erfüllten den Raum mit weißem Licht. Alle, die eintraten, sahen Tolpan in der Mitte des Raums stehen und mit seinem langen Pferdeschwanz spielen.

Tanis und Flint gingen zu dem Kender hin, der sie fragte: »Was sagt ihr dazu?« Mit einer Armbewegung zeigte er auf die Wände der Kammer. Sie waren in jeder Hinsicht völlig unauffällig, bis auf eins.

»Es gibt keinen Ausgang«, stellte Tanis verwundert fest. Die Wände zeigten keinerlei Fugen. Die einzige Tür war die, durch die die Gruppe gerade eingetreten war.

»Keinen, den wir sehen können, meinst du«, stellte Tolpan richtig. »Ich wette um Flints Bart, daß es mindestens einen Ausgang gibt, abgesehen von dem, durch den wir reingekommen sind. Wahrscheinlich sogar noch mehr. Wir müssen sie nur finden.« Rasch machte sich der Kender an die Arbeit und suchte nach Geheimtüren. Er tastete Wände, Boden und Decke ab, stocherte, fühlte, klopfte, drehte und zog.

Als er gegen scheinbar festen Granit drückte, fiel Tolpan auf einmal hindurch, so daß nur noch seine Füße aus der Wand guckten. Was wie eine einfache Wand ausgesehen hatte, schimmerte und verblaßte und zeigte jetzt einen offenen Torbogen. Der Kender, der genauso überrascht war wie alle anderen, rappelte sich wieder auf. Flint strahlte.

»Das ist einer, aber wie ich schon sagte, es gibt bestimmt noch mehr. Nachdem wir jetzt wissen, wonach wir suchen müssen, sollten wir schnell den Rest aufstöbern.«

Eine knappe Minute später hatten sie zwei weitere Zugänge entdeckt. Alle drei führten in Gänge, nicht in Räume. Zwei waren glattpoliert wie die Kammer, in die alle Gänge mündeten. Der dritte, der nach links führte, war uneben wie der Gang, durch den sie vom Eingang hergekommen waren.

Nanda wandte sich an seinen Urgroßvater. »Hoto, hast du eine Ahnung, wo diese Gänge hinführen?«

Der Alte schüttelte nur seine weiße Mähne. »Ich bin noch nie hier drin gewesen, und ich bin es nicht gewohnt, unter der Erde zu sein. Mein Orientierungssinn ist hier unten ziemlich schlecht.«

»Meiner ist bestens«, sagte der Zwerg, der in den unterirdischen Tunneln aufgewachsen war, die die Vorberge des Kharolis-Gebirges durchzogen. »Wenn man von der Stelle ausgeht, wo deiner Beschreibung nach der Schornstein liegen soll, müßte einer der beiden polierten Gänge dorthin führen. Wohin der dritte führen mag, bleibt jedem selbst überlassen.«

»Da beide gleich gut möglich sind«, sagte Tanis, »schlage ich vor, daß wir den hier nehmen.« Er zeigte auf den Gang ganz rechts und ging ein paar Schritte darauf zu.

»Warte mal«, wies Tolpan ihn an. Indem er sich so weit wie möglich reckte, nahm er eine der magischen Lampen aus ihrer Wandhalterung und drängelte sich dann vor Tanis in den unerforschten Gang. »Okay, alles bereit.«

Langsam folgten sie dem Gang, bis Tolpan auf einmal stehenblieb und die anderen heranwinkte. Tanis wollte gerade fragen, was los war, als er es auch schon sah. Es stand im Schatten und wurde von Tolpans Licht nur teilweise erleuchtet, doch Tanis hatte nicht die Absicht, es sich genauer anzusehen.

»Vater der Schöpfung!« rief Flint aus, als er hinter Tanis vortrat. »Was zur Hölle ist das?«

Das Wesen vor ihnen, das einige Schritte weiter im Gang wartete, war einst ein Mensch gewesen. Jetzt war sein Fleisch vertrocknet, eingesunken und aufgesprungen. Braune Knochen waren durch die zerrissene Haut zu sehen. In steifer Habacht-Stellung stand es in der Mitte des Durchgangs, bekleidet mit einer hinreißenden Kettenrüstung. Nicht einmal die vielen Löcher und das im Laufe vieler Jahre angelaufene Metall konnten die Pracht der Rüstung schmälern. Der große Schild am linken Arm des Skelettwesens war von oben zur Mitte hin gespalten. Ein knappes Dutzend abgeknickter Pfeilschäfte ragte in merkwürdigen Winkeln aus dem Schild, und von jeder verrosteten, eisernen Pfeilspitze lief ein brauner Streifen herunter.

In der rechten Hand des Wesens baumelte lose ein Bastardschwert. Der gepolsterte Lederhandschuh und der zerfallende Ledergriff des Schwerts waren zu einem einheitlichen, schimmligen Klumpen geworden, doch das Schwert war nur an wenigen Stellen angerostet. Der größte Teil seiner drei Fuß langen Klinge war immer noch glänzend und scharf. In Tolpans Kehle bildete sich ein unangenehmer Klumpen, als er erkannte, daß der Rost auf der Klinge Blutflecken waren, die nie abgewischt worden waren.

»Das ist nicht bloß ein weiterer Zombie«, meinte Tolpan.

»Er hat sich noch nicht bewegt. Vielleicht ist er ja nichts weiter als ein Toter«, schlug Kelu vor.

Tolpan wußte, daß das nicht stimmte. Weil er kleiner war als alle anderen, konnte er etwas sehen, was sie nicht sahen: Die Augenschlitze im Helm des Monsters. Unter diesen Stahlrändern lagen zwei schwarze Höhlen, und in jeder leuchtete ein stecknadelkopfgroßes, flackerndes Licht.

Mit einem markerschütternden Knirschen hob das Wesen seinen Kopf und richtete die bösartig funkelnden Augen auf die Eindringlinge. Knochen rieben aneinander, als es Schild und Schwert erhob. Da Tolpan die schwankende Gangart erwartete, die für die meisten Untoten typisch war, war er sprachlos vor Entsetzen, als das Monster geschmeidig auf sie zusprang. Die schwere, blitzende Klinge pfiff in Halshöhe durch die Luft. Der Kender warf sich auf den Boden und rollte direkt auf das Monster zu, um so an ihm vorbeizukommen.

Der Tod hatte die Reflexe des Wesens nicht langsamer gemacht. Der Skelettkrieger wich aus und trat Tolpan mit seinem stahlbewehrten Fuß derb in den Magen. Der unglückliche Kender kullerte über den glatten Boden zurück und blieb wegen der Wucht des Tritts benommen und nach Luft schnappend liegen. Ein hinterhältiger Schlag des großen Schwerts hätte ihn halbiert, doch der tödliche Hieb wurde von Flints Axt abgewehrt. Tolpan merkte, wie die Hände seiner Freunde ihn wegzogen, aber seine Rippen schmerzten, und in seinen Ohren hallte der Aufprall nach.