Er erblickte Zado im ungewissen Dämmerlicht und stoppte die Maschine.
»Was willst du hier?« erkundigte er sich kopfschüttelnd. »Hier gibt’s keine Weiber…«
Zado winkte unmutig ab. Er mußte zuerst einige Male tief atmen, er war zu schnell gelaufen.
»Fährst du zurück?« fragte er.
»Ja. Wird Zeit Ich möchte hier nicht eins auf die Rübe kriegen.«
»Du kannst mir einen Gefallen tun«, sagte Zado erregt.
Der andere sah ihn verwundert an und stellte den Motor ab. »Was ist?« fragte er. »Willst du mit heimfahren? Setz dich drauf.«
»Das auch«, sagte Zado, »aber ich muß vorher noch zur dritten Kompanie.«
»Da läufst du erst hierher?« grinste der Melder. »Du weißt doch, daß die viel weiter links drüben liegen. Setz dich drauf, ich fahre dich bin. Aber ich mache das nicht umsonst. Was bietest du?«
»Du sollst dich nicht beklagen«, erklärte Zado. »Du kriegst von mir alle Zigaretten, die ich noch habe, und fünf Schachteln Schokolade.«
»Schön«, sagte der Melder, »aber wie viele Zigaretten sind das?«
»Zehn Schachteln«, antwortete Zado, »anständige. Korfu rot. Ein paar Zigarren sind auch noch da.«
»Die kannst du selbst rauchen«, sagte der Melder grinsend, »aber so viele Zigaretten will ich dir gar nicht abnehmen. Hast du nicht noch ein paar von euren Pervitintabletten?«
»Klar«, antwortete Zado sofort, »eine ganze Handvoll. Wenn du die willst, kannst du sie haben. Aber du brauchst mich gar nicht zur dritten Kompanie zu fahren. Ich brauche dein Krad, weiter nichts. Und das für zehn Minuten. Du kannst hier warten. Dann fahren wir zusammen heim. Einverstanden?« Der Melder schob den Helm ins Genick und kratzte sich über der Stirn in seinem Haar. Er verzog sein Gesicht und kniff ein Auge dabei zu. Dann sagte er: »Was steckt denn da wieder hinter?«
»Reg dich nicht auf!« sagte Zado. »Ich bin schon mehr auf dem Krad gefahren als du.«
»Und warum soll ich dich denn nicht fahren?«
»Weil ich keinen dabei brauchen kann.«
»Sag mir lieber, was los ist, dann kannst du gleich abfahren.«
Zado bedeutete ihm mit ein paar ungeduldigen Handbewegungen, abzusteigen, und der Melder bequemte sich kopfschüttelnd dazu. Er war ein schwerfälliger, gutmütiger Hannoveraner, und Zado war ihm nicht unsympathisch. Er sah erstaunt auf, als Zado sagte: »Es ist weiter nichts los, als daß ein paar Kumpels in Gefahr sind. Die will ich raushauen !«
»Mit meinem Krad?«
»Deinem Krad passiert nichts. Nun mach schon!«
Der Melder stieg ab und überließ Zado kopfschüttelnd das Rad. »Du bist ein verrückter Hund«, sagte er belustigt, »du bist der verrückteste Hund zwischen Ostpreußen und Moskau…«
»Geh einstweilen den Waldweg zurück!« rief ihm Zado noch zu, bevor er abfuhr. »Ich nehme dich dann schon auf!« Er lachte, und der Melder setzte sich, immer noch kopfschüttelnd, in Bewegung. Zado ließ die Maschine laufen. Er gab so viel Gas, daß er auf dem holprigen Waldweg mit einer geradezu verwegenen Geschwindigkeit dahinschoß. Er berauschte sich an dem Tempo. Er verdrängte die Gedanken damit. Zado konnte jetzt keine Gedanken brauchen. Er bereitete sich nüchtern und umsichtig darauf vor, die beiden Männer in dem Volkswagen zu töten.
Als er das Fahrzeug erreicht hatte, erklärte er dem verwunderten Oberfeldwebeclass="underline" »Sie haben den Melder abgeschossen, und es ist keiner da, der die Maschine zurückbringt. Ich bin der einzige, der sie fahren kann…«
Er wendete und setzte einen Fuß auf den Boden.
»Hören Sie, Herr Oberfeldwebel«, begann er, »die Dritte liegt hier drüben, einen halben Kilometer weiter links. Ich habe telefoniert. Der Bachmann hält sich in der Nähe des Gefechts- standes auf, Sie brauchen ihn nicht zu suchen. Sie werden dort erwartet.«
Der Oberfeldwebel nickte befriedigt. Er stieg ein, und bevor er den Schlag zumachte, rief ihm Zado zu: »Halten Sie sich immer hinter mir!«
Er fuhr hundert Meter in den Wald hinein und bog dann in einen schmalen Seitenweg nach links ab. Als die beiden Fahrzeuge einige Minuten gefahren waren, lichtete sich der Wald vor ihnen. Es war dunkel geworden, und sie mußten langsam fahren. Hinter dem Waldrand war nichts zu erkennen. Das Land lag beängstigend still unter dem wolkenverhangenen Himmel. Hier an dieser Stelle hatte die Frontlinie eine sackartige Einbuchtung. Der Waldrand verlief in einem großen, offenen Bogen, und dazwischen lagen einige hundert Meter freies Feld. Zado wußte das. Er wußte noch mehr. Die freie Ebene, die zwischen den beiden Waldspitzen lag, war Niemandsland. Auf diesem kleinen Fleckchen Erde lagen mehr als hundert sowjetische Minen. Sie lagen schon monatelang in der Erde, aber man hatte sie nicht geräumt, weil die Erde gefroren war. Man nahm lieber die Front ein paar hundert Meter zurück. Zado kannte das Minenfeld. Jeder, der hier eingesetzt war, kannte es. Es waren Minen, von denen ein kleines Drähtchen bis einige Zentimeter über die Erde führte, das die Zündung auslöste, wenn es berührt wurde. Die Minen waren gefährlich. Sie detonierten selbst bei diesem hartgefrorenen Erdboden. Zado wußte, daß es starke Ladungen waren. Sie würden einen Lastwagen zerreißen. Er hielt an der Waldspitze an und rieb sich die Augen. Der Volkswagen fuhr neben ihn, und der Oberfeldwebel erkundigte sich: »Na, sind wir da?«
»Dort drüben…«, erklärte Zado, »da unmittelbar an dieser Waldspitze liegt die Dritte. Sie können ruhig über das Feld fahren, die Russen liegen tiefer und haben keine Einsicht in das Gelände.« Er atmete unhörbar auf, als der Oberfeldwebel befriedigt nickte. Hastig sagte er: »Machen Sie aber besser kein Licht an, man kann nie wissen… Ich muß jetzt umkehren. Der Melder hatte die Tasche voll Zeug, das zur Division muß. Sie haben mir eingeschärft, wie ein Wilder abzurauschen…«
»Brechen Sie sich nicht das Genick«, sagte der Oberfeldwebel gönnerhaft. Er reichte ihm eine Schachtel Zigaretten aus dem Wagenfenster und sagte: »Nehmen Sie zwei, und vielen Dank.«
»Bitte«, sagte Zado heiser, »bitte, Herr Oberfeldwebel. War eine Selbstverständlichkeit.«
Er fuhr ein Stück in den Wald hinein und hielt dort an. Er ließ den Motor laufen und sah zurück. Der Volkswagen fuhr mit surrendem Motor auf die freie Fläche hinaus. Dort gab der Fahrer Gas, und das Fahrzeug brauste mit hoher Geschwindigkeit davon. Aber es kam nicht weit. Das Gesurr des Motors ging plötzlich in einer schmetternden Detonation unter, deren Stichflamme für Bruchteile von Sekunden das Gelände beleuchtete.
Zado sah im Schein der Detonation, wie der Wagen auseinander gerissen wurde. Bevor es wieder still wurde, klatschten ein paar Blechteile irgendwo auf den Boden. Ein Stück Metall schlug gegen einen Baumstamm. Dann war es still. Kein Laut, kein Schmerzensschrei, nichts. Zado lauschte eine Minute und noch eine. Dann hörte er von der anderen Waldseite her Stimmen, aber das waren Soldaten von der dritten Kompanie, die durch die Explosion aufmerksam geworden waren. Sie würden nichts finden, das wußte Zado. Die russischen Minen ließen von einem so leichten Fahrzeug nichts weiter übrig als den Explosionskrater und ein paar geschwärzte Blechfetzen. Vielleicht eine abgerissene Hand oder einen Fuß. Das würde alles sein. Er ließ die Maschine anfahren und jagte sie in halsbrecherischem Tempo zurück. Auf dem Rücken spürte er den Schweiß, der im scharfen Fahrtwind langsam erkaltete. Er traf den Melder unweit der Stelle, an der der Volkswagen ihn erwartet hatte. Als er vom Fahrersitz stieg, sagte er mit trockener Kehle: »Zu spät. Ich habe sie nicht mehr erwischt. Sie sind in die Minen gefahren.«