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»Ich habe es gehört«, sagte der Melder teilnahmslos, »welche von uns?«

»Ich weiß nicht«, gab Zado zurück, »ein Oberfeldwebel und ein Unteroffizier. Sie fragten mich nach dem Weg zur Dritten, und ich sagte ihnen, daß da vorn die Minen wären, aber sie fuhren dann doch drauflos, und ehe ich mit dem Rad hinterherkam, waren sie schon drin.«

»Pech«, sagte der Melder. Er stieg auf und bedeutete Zado mit einer Kopfbewegung, sich auf den Soziussitz zu hocken. »Laß uns hier verschwinden. Mir kommt diese Stille heute abend nicht geheuer vor…«

Sie waren hundert Meter gefahren, als Zado das Rollen hinter der Front der Russen hörte. Es war ein dumpfes, grollendes Geräusch, das dem Ton mehrerer großer Trommeln glich, die in einem monotonen Rhythmus geschlagen wurden. Zado beugte sich nach vorn und schrie dem Fahrer ins Ohr: »He, sieh zu, daß du aufdrehst, es geht los!«

Aber es war zu spät. Die erste Lage Granaten schlug in den Wald. Sie krepierte zwischen den Bäumen, mit einem hellen Geflacker der einzelnen Einschläge. In das Geprassel der niedergerissenen Äste mischte sich das bösartige Jaulen der Splitter, die von den Stämmen abprallten. Der Meldefahrer trieb die Maschine vorwärts, aber soviel er auch an Geschwindigkeit aus ihr herausholte, es war zu spät, dem Feuer zu entfliehen. Der Melder wußte das. Er suchte mit den Augen den Wegrand ab, und plötzlich bremste er so scharf, daß Zado beinahe von seinem Sitz fiel. Neben dem Weg lag einer der alten, verfallenen Unterstände des Granatwerferzuges. Die Stämme, die ihn gegen direkte Volltreffer schützen sollten, waren durcheinander geraten, wahrscheinlich hatte irgendeine andere Einheit, die vorbeigezogen war, Brennholz gebraucht. Aber es blieb der Einstieg in die mehr als zwei Meter tiefe, modrig stinkende Grube. Zado begriff sofort, was der andere wollte. Er sprang von seinem Sitz und trat ein paarmal mit großer Wucht gegen die Wand des Einstieges. Binnen einiger Sekunden hatte er das Loch so erweitert, daß der Melder die Maschine hin- durchschieben konnte. Als die nächste Lage Granaten in den Wald schlug, waren die beiden noch dabei, in den Unterstand zu verschwinden, die dritte Lage jedoch schlug ein, als sie bereits in dem Loch untergetaucht waren.

Die Russen schossen mit den üblichen Siebzehnzwo, aber bereits nach der ersten Lage gurgelten die Werfergranaten dazwischen. Die Siebzehnzwo kämmte das Waldstück ab; sie begann an der Vorderkante, die sich bei Tage von drüben aus gut anmessen lassen mußte. Sie schossen die erste Lage genau fünfhundert Meter hinter diese Vorderkante, dorthin, wo sie die Gefechtsstände vermuteten. Die zweite Lage schlug ein paar hundert Meter hinter dieser Stelle ein, genau dort, wo sich in diesem Augenblick die befinden mußten, die aus den gefährdeten Gefechtsständen und Munitionsbereit-stellungen zurückliefen, um das Feuer weiter hinten abzuwarten. Sie hatten ein klug ausgerechnetes System in ihrem Feuer. Man spürte sofort, daß sie keinen Angriff vorbereiteten, denn sie ließen die Kampflinie beinahe völlig in Ruhe. Sie wußten, daß um diese Zeit das Abendessen nach vorn kam. Es befand sich nach ihren Berechnungen jetzt gerade in der Nähe der Gefechtsstände. Dort zerschlugen sie es. Dann kamen die Munitionsbereitstellungen an die Reihe, dann die Werferstellungen und zuletzt die Artillerie. Dazwischen immer wieder das Waldstück, wo alle die Zuflucht suchten, die sich weder bei den Gefechtsständen noch bei den Werfern oder der Artillerie aufhalten wollten.

Während die Granaten mit dem ihnen eigenen, schmetternden Krach barsten und ihre kreischenden Splitter durch das Gewirr der Baumäste sandten, explodierten die Werfergeschosse, die die Soldaten am meisten fürchteten, mit dumpfem, trockenem Knall. Die Werfergeschosse waren nicht zu hören. Sie waren ganz plötzlich da, über ihnen in der Luft, fielen vom Gipfelpunkt ihrer Flugkurve fast senkrecht herab und verstreuten eine Unmenge winzigkleiner Splitter sehr flach über dem Erdboden. Dagegen gab es kaum eine Deckung, wenn man nicht gerade in einem Loch hockte. Die Werfergeschosse waren überall. Beim Aufschlag erzeugten sie kleine, grelle Flämmchen, die sofort erloschen. Sie erfüllten die Luft mit ihrem Gegurgel und dem Zirpen der winzigen Stahlsplitter. Die Granateinschläge nahmen sich gegen sie beinahe wie plumpe, ungefährliche Riesen aus.

Der Meldefahrer hatte die Maschine so in das Einstiegloch des Unterstandes geschoben, daß sie nahezu verdeckt wurde. Dahinter, im Dunkel, an die rissige, mit Wurzeln verstrüppte Wand gedrückt, hockte er selbst. Er hatte sich nicht hingelegt, sondern nur zusammengekauert, als hielte er es für besser, den Körper so klein wie möglich zu machen. Zado hockte neben ihm, die Beine angezogen, nach der Öffnung starrend. Dort zuckten unablässig die Lichter der Explosionen auf, grell, wenn sie in der Nähe lagen, oder schwach, wenn sie weiter entfernt waren. Manchmal verschmolzen die einzelnen Detonationen sekundenlang zu einem einzigen, unablässigen Dröhnen und Krachen. Dann zog Zado unwillkürlich den Kopf ein. Er war nicht an Artilleriefeuer gewöhnt. Es hatte ihn selten erwischt. Einesteils fühlte er sich in dem Unterstand sicher, aber andererseits befürchtete er, daß eine der Granaten plötzlich in die Decke schlagen konnte. Dann werden sie von uns ebenso wenig finden wie von den beiden mit ihrem Volkswagen, dachte er.

Der Melder bewegte sich. Er ruckte mit dem Oberkörper hin und her wie eine Maus, die vor ihrem Loch hockt. Dann kam er mit seinem Gesicht Zados Ohr nahe und sagte so laut, daß Zado es im Gepolter der Einschläge gerade noch verstehen konnte: »Jetzt hätten wir schon zu Hause sein können… wenn du nicht hinter diesen beiden Trotteln hergefahren wärst…«

Er ließ sieh wieder zusammensinken und hielt die Hände ängstlich vor das Gesicht. Vor dem Unterstand krepierte mit kreischendem Ton eine Granate. Für einen Augenblick war das Loch hell erleuchtet. Zado sah, daß vor ihm, auf der festgestampften Erde, ein abgebrochenes Seitengewehr lag. Es war ein deutsches. Es war verrostet, und der Griff war in den Boden getreten.

Noch ehe das Schlaglicht der Granate erlosch, klirrte ein Splitter ins Gestänge der Maschine. Der Melder seufzte auf; »Fehlt noch, daß sie mir die Mühle zerschießen… dann kann ich zur Infanterie marschieren…« Nach einer Weile fügte er vorwurfsvoll hinzu: »Und alles deinetwegen…«

Zado antwortete ihm nicht gleich. Er dachte an die beiden, die in das Minenfeld gefahren waren. Es ist eigentümlich, sagte er sich, man kann töten, ohne sein Gewissen zu belasten. Er wußte schon jetzt nicht mehr, wie die beiden ausgesehen hatten. Er hatte sie beinahe vergessen. Es würde ihn auch nichts weiter an sie erinnern. Er hatte sie getötet, darüber gab es keinen Zweifel. Ebensowenig darüber, daß es nötig gewesen war, sie zu töten, wenn Bindig, dieser Hitzkopf, nicht zu irgendeiner Strafeinheit kommen sollte. Aber was lag schon an ihrem Tod? Zado versuchte den Unterschied herauszufinden zwischen den drei Russen, die er beim letzten Einsatz getötet hatte, und diesen beiden Männern. Es gab diesen Unterschied. Allein die Qual der Erinnerung bewies es. Bei diesen beiden Männern würde es keine Qual geben. Sie waren tot. Gut. Sie waren so tot, als wären sie neben Zado an dem Geschoß irgendeines fremden Scharfschützen gestorben, nicht an der Mine, über die er selbst sie berechnend und kalt geschickt hatte.

Er duckte sich unter dem nächsten Einschlag und schüttelte unwillig die Erdklumpen aus dem Genick. Er hatte sich an das Feuer gewöhnt. Er hatte nicht geglaubt, daß es so schnell gehen würde, aber jetzt störte es ihn kaum noch. Es konnte einschlagen, dann war es aus. Oder durch das Gestänge der Maschine hindurch konnte ein Splitter ihm den Hals zerreißen, das Gesicht. Egal. Man konnte es nicht ändern.

Er griff nach einer Zigarette. Während er sie anrauchte, erinnerte er sich an den Melder. Er gab ihm ebenfalls eine Zigarette. Der Mann brannte sie mit zitternden Händen an. Sein Gesicht war schweißüberströmt, Zado konnte es im Schein des Feuerzeuges sehen.

»Rauch!« sagte er. »Wenn die mit ihrer beschissenen Schießerei aufhören, fahren wir gemütlich heim.«