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Als er das Abitur in der Tasche hatte, fuhr er nach Berlin. Er brauchte zwei Tage, bis er einen Impresario gefunden hatte, der begriff, was aus diesem jungen Mann zu machen war. Der Impresario schenkte ihm einen Kognak ein. Werner nippte daran und lachte. »Nicht soviel trinken, davon bekommt man unsichere Hände…«

Der Impresario blätterte in seinem Katalog. Diesen Mann konnte er überall unterbringen. Dieser Mann war ein guter Griff.

»Wo haben Sie das gelernt?« wollte der Impresario wissen.

»Ich habe es mir selbst beigebracht«, sagte Werner, »immer ein bißchen geübt. Schon als Kind. Ich hatte Spaß daran. Messer waren meine Leidenschaft. Und im Turnen war ich immer gut.«

»Ich habe eine Partnerin für Sie«, erklärte der Impresario, »bei der Karloff-Truppe. Auserlesenes Programm. Kommt für beste Häuser in Frage. Die Dame, die ich meine, tritt mit dem Jongleur auf. Sehr schwierige Nummer. Macht sich ausgezeichnet. Ich werde sie für morgen herbestellen. Wo übernachten Sie?«

Werner übernachtete in einer kleinen Pension. Er griff den Vorschuß des Impresarios nicht an. Er besuchte ein Kino und ging früh schlafen. Am Morgen erinnerte er sich, nichts gegessen zu haben. Er lächelte und dachte an Franziska. Blütenprinzessin mit dem Flammenhaar…

Die Partnerin kam pünktlich. Eine üppige Blonde mit tänzelndem Gang. Wie eine gezähmte Wildkatze.

»Madame Doris…«, stellte der Impresario sie vor. Dann wandte er sich an sie und erklärte: »Der Herr ist neu in der Branche. Eins von diesen Naturtalenten, die man alle hundert Jahre einmal findet. Gehen wir in den Saal…«

Werner warf das Messer nach der Wand. Der Impresario hatte eine Frauengestalt mit Kreide auf die Bretter gezeichnet. Die Zeichnung war plump, und Madame Doris lächelte nachsichtig. Sie war die Tochter eines Schusters aus Bochum.

»Gut«, sagte sie, als Werner die Messer geworfen hatte. »Was können Sie noch?«

Der Impresario griff nach einer Matte, aber Werner fiel ihm in den Arm.

»Ich mache es ohne Matte!«

Sein Körper war trainiert. Er hatte all das tausendmal geübt. »Bodenakrobatik ist immer gut«, meinte Madame Doris, »so als Zwischendarbietung. Uns fehlt so was. Es wird Ihre Gage erhöhen, Herr… Wie war doch gleich Ihr Name?«

Der Impresario bot wieder Kognak an, als sie im Büro saßen. Madame Doris verlangte einen neuen Vertrag.

Der Impresario nickte. Er schrieb ihn aus, während Madame Doris sich mit Werner unterhielt. Sie blickte ihn unverwandt dabei an. Ihre Augen waren etwas entzündet. Sie hatte sehr braune Fingerkuppen, obwohl sie die Zigaretten nur bis zur Hälfte rauchte. Fünf Stück in einer Stunde, Memphis, aus einer Blech Schachtel. Sie lachte. Sie schlug Werner gut gelaunt auf das Knie.

»Was wird, wenn Sie mir ein solches Messer durch die Kehle jagen, Monsieur Artist?«

Ich werde ihr keins durch die Kehle jagen, dachte Werner. Ich werde es so werfen, daß es genau einen halben Zentimeter neben der Haut im Holz steckt.

»Dann sind Sie tot«, sagte er trocken. Er griff nach dem Kognakglas und hob es ihr entgegen. Der Impresario tippte, mit dem Rücken zu ihnen, auf seiner Schreibmaschine.

Madame Doris blinzelte Werner zu. »Sie scheinen gar nicht so schüchtern zu sein, wie Sie aussehen!« rief sie lachend. Sie verschluckte sich an dem Kognak und mußte husten.

»Komme gleich!« ließ sich der Impresario hören.

»Vergessen Sie nicht die Versicherung!« krächzte Madame Doris. Der Mann gab keine Antwort. Er tippte unentwegt weiter. Als der Vertrag fertig war, einigten sie sich auf den Termin, zu dem Werner mit seiner Arbeit beginnen sollte. Die Truppe beendete in zwei Wochen ihr Programm. Dann machte sie einige Zeit Pause, um das neue Programm zusammenzustellen.

»In zwei Wochen müssen Sie hier sein«, sagte der Impresario. Werner nickte. Madame Doris reichte ihm lächelnd die Hand. Er verbeugte sich. Er war gut erzogen. Als er zu Hause ankam, holte er Franziska aus der Schneiderei ab und ging mit ihr in ein Kaufhaus. Er kaufte ihr von dem Vorschuß ein Kleid, einen Mantel und ein Paar Schuhe. Zwei Wochen später fuhr er ab. Sein Vater schüttelte den Kopf. Er war zu schwach, den Sohn von seinem Vorhaben zurückzuhalten. Außerdem war der Vertrag unterschrieben. Der alte Zadorowski hatte ihn mit unterschreiben müssen. Er hatte es ebenso kopfschüttelnd getan.

Madame Doris stand, von den Scheinwerfern grell angeleuchtet, an dem Brett in der Manege, und die Messer zuckten auf sie zu. Sie rührte sich nicht. Sie schloß auch nicht die Augen. Zadorowski warf sicher. Bei ihm gab es keine Verletzungen. Die gab es eher noch bei dem Jongleur, wenn ihm bei der Probe ein Stapel Teller vom Stab rutschte.

Werner warf die Messer sehr ruhig. Das Haus war bis auf den letzten Platz besetzt. Karloff im Wintergarten. Berlin gab etwas aus für ein gutes Variete.

Übermorgen geht es auf Tournee, dachte er. Zum erstenmal. Nach Paris. Ob Paris wirklich so schön ist wie in den Prospekten? Er warf das letzte Messer. Gute, auf ein Milligramm ausgewogene Messer. Es blieb zitternd in dem Brett stecken, ein paar Millimeter über dem blonden Scheitel von Madame Doris. Werner ließ die Arme sinken und verbeugte sich vor dem Publikum. Der Beifall rauschte auf. Madame Doris trat von dem Brett weg und verbeugte sich ebenfalls. Sie trug ein äußerst knapp sitzendes Trikot, mit Goldpailletten bestickt. Sie hat einen Körper wie ein Vamp, dachte Werner. Dora Budelmann aus Bochum. Er verbeugte sich nochmals und griff nach der Hand von Madame Doris. Die Hand drückte die seine sehr stark. Der Scheinwerfer schwenkte herum. Die Leute tobten. Während er die Messer geworfen hatte, war es still gewesen wie in einem Totenhaus. Nun lärmten die Leute. In der ersten Reihe saßen ein paar Offiziere. Sie klatschten, indem sie die zusammengerollten Programmhefte gegen die Handflächen schlugen. Aufgeblasenes Pack, dachte Werner. Er verbeugte sich noch einmal und verließ die Manege. Das Publikum beruhigte sich sehr langsam. Der Messerwerfer war Klasse.

Madame Doris erschien, mit einem lose übergeworfenen Bademantel, in seiner Garderobe. Sie schloß geräuschlos die Tür und hockte sich in einen Sessel. Sie roch nach Puder; sie war noch nicht abgeschminkt. Aus der Tasche des Bademantels nahm sie eine Kognakflasche. Auf dem Toilettentisch standen Gläser. Sie waren benutzt, aber Madame Doris goß den Kognak hinein, ohne sie auszuwaschen.

»Prost, Kleiner«, sagte sie gut gelaunt. »Morgen haben wir Ruhe. Und dann noch drei Tage Reise, und wir sind in Paris. Wollen wir heute abend einen trinken?«

Werner wischte sich die falschen Koteletten ab und sagte wenig interessiert: »Du trinkst doch schon! Willst du die ganze Nacht durchsaufen?«

»Nein«, sagte die Frau, »Murmeln spielen.«

Als sie Paris hinter sich hatten, reisten sie nach Kopenhagen, von da nach Budapest und von da nach Wien. Den Winter über gastierten sie in London und Dublin. Als es Frühling wurde, reisten sie nach Rom. Von da nach Amsterdam.

Werner logierte sich bei einer Tänzerin ein, die ein Halbblut war. Sie spielte ihm malaiische Schallplatten vor und traktierte ihn mit blauem Bols.

»Nicht so viel, Meisje«, sagte Werner, »dieser Schnaps ist nicht der beste…«

In Stockholm lud ihn der Besitzer eines Kinotheaters ein, in dem sie gastierten. Sein Sohn warf auch Messer. Der Sohn ging um acht Uhr zu Bett, und der Theaterbesitzer rüstete sich zu einer Reise. Er nahm seine Frau nicht mit, und sie lud Werner immer wieder ein.

Er lag neben ihr und sah zu, wie sie an einer Tonpfeife mit winzigem Kopf zog. Sie hatte einen schlaffen und trotzdem aufreizenden Körper. Sie roch nach einem Parfüm, das entfernt an den Duft von Zimtblüten erinnerte. Das ganze Bett roch danach, als Werner gegen Morgen einschlief. Er lag öfter in diesem Bett. Als der Hausherr von seiner Reise zurückkam, gastierte Werner in Brüssel. Die Tournee näherte sich Ihrem Ende. Karloff kehrte heim nach Berlin, um auszuruhen, ein neues Programm zusammenzustellen, erneut das Publikum zu begeistern. Madame Doris saß in dem gleichen Eisenbahnabteil wie Werner. Der Zug ratterte auf den Schienen zwischen Hannover und Berlin.