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»Was für ein Auto wirst du kaufen?« erkundigte sich Madame Doris. Werner antwortete ihr nach einigem Überlegen: »Einen Hansa.«

»Schöner Wagen. Wirst du mich auch mal mitnehmen?« »Vielleicht.« Er steckte eine Zigarette an. Er verdiente gut. Er warf Messer und machte Bodenakrobatik. Im letzten halben Jahr hatte er eine Anzahl Salontricks einstudiert. Die Karloff-Truppe brauchte einen Illusionisten. Er beherrschte zwölf Tricks. Sie würden keinen Illusionisten anstellen. Sie würden Werner nehmen. Werner würde dreifache Gage beziehen. Er erinnerte sich, daß er aus Kopenhagen nicht an Franziska geschrieben hatte. Ich werde ihr nichts von Kopenhagen erzählen, dachte er. Ich werde ihr überhaupt nichts erzählen. Das Mädchen ist zu gut, als daß man ihr erzählt, wie die Welt aussieht.

Sie empfing ihn am Bahnhof, und sie küßten sich, bis der Bahnsteig menschenleer war. Dann sagte er belustigt: »Rotschwänzchen, wir müssen durch die Sperre!« Sie schlug ihm leicht auf die Lippen, so wie immer, wenn er Rotschwänzchen gesagt hatte. Er beschloß, es nicht mehr zu tun.

Der Vater lag im Hospital. Er lag schon ein Vierteljahr. In einem hellen, luftigen Einzelzimmer. Werner besuchte ihn noch am selben Tag.

»Ich muß mit Ihnen reden…«, begann der Arzt. Er machte ein ernstes Gesicht und nahm Werner beiseite. Er legte ihm seine Hand auf die Schulter. Er war ein alter Arzt, er hatte graues Haar und müde Augen.

»Krebs!« sagte er. »Es ist hoffnungslos, Herr Zadorowski. Ihr Herr Vater wird noch eine Zeit leben, aber er wird unser Haus nicht mehr verlassen. Er bewohnt unser schönstes Zimmer. Er fühlt sich wohl darin. Wir werden dafür sorgen, daß er ohne Schmerzen stirbt. Er hat auch jetzt keine Schmelzen. Wir geben ihm Morphium.«

Die Operation hatte nichts mehr genutzt. Sie hatten ihm den Leib geöffnet und sogleich wieder zugenäht. Sie hatten ihm am zweiten Tag nach der Operation ein Holsteiner Schnitzel gegeben, und der alte Zadorowski war in dem festen Glauben, über den Berg zu sein. Er machte Pläne, als Werner bei ihm saß. Werner ertrug es nicht länger als eine Stunde.

Er kaufte den Hansa, einen funkelnagelneuen, violett gespritzten Wagen. Die Leute in der Straße hielten ihn für einen Millionär. Er holte Franziska ab, am anderen Tag. Er parkte vor der Näherei, in der sie arbeitete, und vom Lehrmädchen bis zum Meister lag alles über die Fensterbretter gebeugt, als sie abfuhren. Er hatte zwei Wochen Ruhe. Franziska nahm Urlaub, und sie fuhren in den Schwarzwald. Fischbach und Kuckucksrufe, wenn die Sonne sank. Die Bäche mit Forellen und dunkle Tannen vor den Fenstern.

Zum erstenmal hatte er wieder diesen biegsamen Körper mit der milchweißen Haut. Er ließ das Haar durch seine Finger gleiten. Franziska hatte feuchte Augen. Es fiel ihm auf, daß sie nicht fragte, ob er eine andere Frau gehabt hatte. Sie war sehr still, und er dachte: Sie heißen Madame Doris oder Meisje oder Franziska.

»Was hast du die ganze Zeit getrieben?« fragte er.

»Pläne gemacht«, erwiderte sie, »Pläne für uns zwei. Und gespart. Ich habe achthundert Mark gespart.«

»Du bist eine gute Partie!« meinte er lachend. Und er fütterte sie mit Bananen und Orangen. Er kaufte ihr Kleider und Schuhe. Er stieg in den teuersten Hotels ab, und sie verbrauchten eine Menge von dem Geld, das er gespart hatte. Als er sie wieder verließ, sagte er ihr: »Ich werde dir eine Vollmacht schreiben. Wenn Vater stirbt, wirst du alles verkaufen, was uns gehört. Außer dem, was in meinem Zimmer ist Das nimmst du zu dir. Vater wird nicht mehr lange leben.«

Der alte Zadorowski starb, als Werner in Sofia gastierte. Sie waren auf Balkantournee. Die Nachricht kam an einem Abend, an dem Werner mit einer schwarzhaarigen Opernsängerin verabredet war. Sie hieß Melinda, und er sagte ihr nichts davon, daß sein Vater gestorben war. Er schickte Geld heim. Es waren ansehnliche Summen, denn Werner lebte sparsam, soweit er sich nicht mit Frauen abgab. Manchmal suchte er solche Frauen, die ihn freihielten. Er erinnerte sich ungern an Franziska. Seine Stimmung sank, wenn er einem Mädchen mit rotem Haar begegnete.

Als sie heimkehrten, kündigten die Blätter an, daß die Karloff-Truppe ein Sensationsprogramm zusammenstelle. Es war zwar kein Sensationsprogramm, aber es war sehr gut. Sie hatten einen Polen dabei, der auf einem Drahtseil, vier Meter über dem Boden, Rad schlug. Es war im Jahr neunzehnhundertneununddreißig. Sie pfiffen den Polen im Wintergarten aus. Die Pfiffe kamen aus einer Ecke des Saales, dort saßen mehr als hundert Leute, die einer dem anderen aufs Haar ähnlich sahen.

Der Pole hieß Edward. Er war jung, und er weinte, als er in seiner Garderobe saß. Werner tröstete ihn. Er holte eine Flasche Mampe und trank sie mit ihm zusammen aus. Sie verließen das Haus so, wie sie waren, in dunklen Anzügen, mit Puder und Schminke auf den Gesichtern, schwankenden Schrittes. Werner randalierte, und der Pole war still, mit traurigen, versonnenen Augen. Sie schliefen irgendwo am Kurfürstendamm in einem Zimmer, das zwei Huren bewohnten, die auf gute Kundschaft eingerichtet waren. Am Morgen verkündete der Manager ihnen, daß sie mit dem Programm nach Hamburg reisen würden.

Die Zeitungen erklärten, daß Deutschland den Osten brauche und Polen nicht in der Lage sei, sein Land ordentlich zu verwalten, Edward sagte nichts dazu. Er sagte nur einmal zu Werner: »Wenn mein Vertrag abläuft, mache ich nicht weiter. Ich reise zurück nach Warschau. Ich fühle mich wie ein Hase unter Hunden.«

Werner tröstete ihn mit Mampe, aber Edward blieb bei seiner Absicht.

Edward war nicht dabei, als Werner in Hamburg ausging. Er landete im »Zillertal«, und es waren noch mehr Artisten dort. Sie saßen alle zusammen in einer Nische an einem Tisch und lärmten.

Der Mann, mit dem Werner Streit bekam, trug kein Parteiabzeichen. Er setzte sich zu ihnen an den Tisch und bestellte Wein. Dann hielt er eine Rede, denn er war schon stark betrunken. Er sagte: »Was meint ihr, Jungens, wie wir diesen Polacken die Jacke vollhauen! Wenn sie nicht nachgeben, spielen wir in drei Wochen in Warschau das Deutschlandlied!«

Er hob sein Glas und verschüttete die Hälfte des Weines, bevor er es an die Lippen brachte. Er saß neben Werner. Er schüttete Werner den Wein auf die Hose.

»Hör auf!« sagte Werner ärgerlich. »Geh nach Hause, du bist voll!«

»Wir werden das Deutschlandlied in Warschau spielen!« grölte der Betrunkene.

»Ja«, sagte Werner, »ist ja gut. Hau ab!«

»Das Deutschlandlied…«, grölte der Mann.

Die anderen beachteten ihn nicht. Aber Werner sagte boshaft : »Ihr mit eurem Deutschlandlied! Ein einziger polnischer Seiltänzer ist mehr wert als euer beschissenes Deutschlandlied und der ganze Reichstag dazu…«

Der Mann schlug zuerst. Er traf zwar nicht, aber er stürzte sich auf Werner, und der drückte ihm sein Weinglas ins Gesicht. Er drückte es ihm auf den Mund, um seine Augen nicht zu verletzen. Der Mann torkelte zurück und stieß an den nächsten Tisch. Er nahm von dort eine halbvolle Sektflasche und warf sie nach Werner. Er brüllte dabei, man solle den Staatsverräter greifen. Werner ging auf ihn zu und schlug ihm die Faust in den Magen. Er tat es nicht des Deutschlandliedes wegen und nicht, weil er noch immer an Edward gedacht hätte. Er hatte das nur so hingesagt. Der Mann sackte zusammen, und Werner schleifte ihn aus dem Lokal. Er ließ ihn dort liegen und beging den Fehler, sich wieder an den Tisch zu setzen, an dem er gegessen hatte.

Sie vernahmen ihn, aber er hatte Glück. Die Reichskulturkammer verhängte ein befristetes Auftrittsverbot über ihn. Sein Rechtsanwalt wurde zur Gestapo bestellt. Als er zurückkam, riet er Werner: »Sie haben eine Chance. Melden Sie sich freiwillig zum Militär. Sie entgehen allen Weiterungen dadurch. Die Sache verläuft im Sande, und wenn der Krieg vorbei ist, wird alles vergessen sein.«