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»Krieg?« fragte Werner.

»Ja. Krieg«, sagte der Rechtsanwalt, »es kann sich nur noch um Tage handeln.«

Er meldete sich zu den Fallschirmjägern. Die suchten Leute. Sie nahmen ihn sofort, und er bekam noch vierzehn Tage Frist, bis er einrücken mußte. Auf dem Einberufungsschreiben stand der Ort Stade. Werner nahm das alles so gleichgültig zur Kenntnis, als handle es sich um eine neue Tournee.

Er war lange nicht bei Franziska gewesen, und sein Gefühl sagte ihm, daß er die Treue dieses Madchens überschätzt habe. Als er das letztemal bei ihr gewesen war, war sie ein Mädchen gewesen, das ihn liebte. Nur ihn. Als er jetzt wieder zu ihr kam, fand er ein Weib. Sie erschien ihm fremd, aber er sagte nichts. Er nahm das Weib, und er fühlte, wie die letzte Saite in seinem Herzen, die er sich hatte erhalten wollen, zersprang. Es schmerzte ihn, und er dachte: So wie du jetzt bei ihr liegst, haben andere bei ihr gelegen. So wie du sie küßt, haben andere sie geküßt. Er meinte den Geruch der anderen zu spüren, ihre Pomade zu atmen. Es hatte ihm nie etwas ausgemacht, bei keiner anderen. Nur bei Franziska. Er begriff, daß er dieses Mädchen geliebt hatte.

»Was machst du mit dem Wagen?« fragte das Mädchen.

»Verkaufen«, sagte er einsilbig.

Sie glitten wieder zueinander. Es war eine schwüle Augustnacht.

»Du wirst gar nicht müde…«, sagte er.

Sie lachte leise. Dann flüsterte sie: »Du warst lange nicht bei mir.«

Er schluckte, aber er sagte nichts. Nach einer ganzen Weile sagte er: »Es ist ein Unsinn, wenn ein Mann von einer Frau verlangt, daß sie ihm treu bleibe. Es ist ein Unsinn…«

Sie lachte wieder. Sie hatte eine wohlklingende, tiefe Stimme. »Man soll das nicht verlangen«, sagte sie, »weder als Mann noch als Frau. Das Leben ist sehr kurz. Jeder Tag zählt. Man weiß nicht, was morgen ist. Man soll überhaupt nicht so viel nachdenken. Es nimmt einem die Lust an der Sache…«

Du hättest dich zu jeder beliebigen Hure legen können, dachte er, es wäre nicht anders gewesen. Du hättest in Hamburg bleiben können oder in Berlin. Du hättest dir das denken können. Ein Mädchen ist ein Mädchen. Sie sind alle gleich. Ob sie Madame Doris heißen oder Meisje oder Franziska. Man träumt, daß sie sich unterscheiden, aber sie unterscheiden sich nicht. Höchstens äußerlich. Sonst sind alle gleich. Und man ist selber so. Dieses Leben ist ein Misthaufen, und wir sind die Maden, die darauf herumkriechen. Es ekelt einen an. Aber man kann es nicht ändern. Die Träume der Jugend sind ausgeträumt. Das Mädchen mit dem Flammenhaar gibt es nicht mehr. Blütenprinzessin mit dem Flammenhaar. Hure mit den geschmeidigen Gliedern. Mit dem Parfüm unter den Achseln. Franziska stand aus dem Bett auf und öffnete das Fenster. Die Nachtluft wehte herein, und er sah die Silhouette ihres Körpers vor dem blassen Sternenhimmel. Sie neigte sich über ihn, nackt, wie sie war, und er erinnerte sich, wie sie früher die Decke über sich gezogen hatte, wenn sie sich nur aufrichtete.

»Morgen werde ich abfahren«, sagte er nachdenklich. Sie setzte sich zu ihm auf den Bettrand. Er sah ihre Nacktheit nicht. Sie berührte ihn nicht mehr.

»Ich werde dir schreiben«, versprach sie, »und ich werde auf dich warten. Wenn der Krieg vorbei ist, wirst du wieder arbeiten, und dann kaufen wir ein neues Auto. Wirst du mich dann heiraten?«

Blütenprinzessin, dachte er, Blütenprinzessin mit dem Flammenhaar. Hure mit roten Loden. Er fühlte, wie sein Körper schlaff und ohne Spannung war. Als habe man ihm sämtliche Sehnen durchschnitten.

»Leg dich zu mir…«, sagte er. »Wir wollen schlafen.«

»Wenn du wiederkommst, werden wir heiraten, ja?« drängte das Mädchen.

»Wiederkommen…« Er sah auf ihre spitzen Brüste und die feine Linie des Halses.

»Ich werde nicht wiederkommen«, sagte er, »ich weiß es, daß ich nicht wiederkommen werde. Ich gehe nicht auf Tournee, sondern in den Krieg. Komm, leg dich zu mir. Es ist das letztemal. Die letzte Stunde, die wir zusammen sind. Die letzte Liebe und das letzte Nachtgebet.« Er rückte beiseite, und sie legte sich neben ihn. Sie war still. Er roch den Duft ihres Haares und hörte ihren Atem. Ihre Glieder waren heiß. Er spürte das alles in einer tiefen Traurigkeit, die er bisher nicht gekannt hatte. Er fühlte keinen Zorn auf sie. Er war sich nicht einmal klar, ob es wirklich Enttäuschung war.

»Du wirst dir andere suchen müssen«, sagte er brutal. »Andere können auch zärtlich sein. Andere haben auch Autos und Geld. Ich werde nicht wiederkommen, ich weiß es. Ich werde nicht wiederkommen, mein kleines Nachtgebet, rothaariges…«

Er rieb sich mit dem halbwegs sauberen Handtuch den Körper trocken. Dann zog er die Uniform wieder an, die er zuvor gesäubert hatte. Er trug das Waschwasser hinaus und goß es im Bogen über den Hof. Die Stube war voller Soldaten. Ein paar von ihnen schliefen auf den Strohschütten am Boden. Andere hockten um die Lampe herum und spielten Karten.

»Zwanzig!« sagte einer. Er blinzelte Zado zu, als wolle er ihm versichern, daß er dieses Spiel auf jeden Fall gewinnen werde. Die Waffen hingen an Nägeln, die in die Wände geschlagen waren. Die Stube war verqualmt. Zado hockte sich an einen aus Birkenstämmen zusammengezimmerten Tisch und schrieb in einer Viertelstunde den Bericht über den Tod der beiden Feldgendarmen. Dann holte er aus seinem Gepäck noch eine Schachtel Schokolade und ein paar Zigaretten. Et fand ein Päckchen Kekse und nahm auch das mit. Als er auf die Uhr sah, zog er die Augenbrauen hoch; er mußte sich beeilen. Er sprang über die Straße und gab den Bericht ab, den er geschrieben hatte.

Alf nahm ihn entgegen, ohne etwas zu fragen. Er sagte nur: »In Ordnung, Zado. Schlafen Sie sich aus.«

Zado streifte die gescheckte Tarnjacke über. Er schnallte das Koppel mit der Pistole um und verließ seine Unterkunft.

Dann ging er die Dorfstraße entlang, an dem Schützenpanzerwagen vorbei, nach dem einsamen Gehöft. Die Front war still. Es wurde nur ganz selten mit kleinen Kalibern geschossen. Am Horizont flackerten weiße Lichter. Sie schießen Leuchtkugeln, dachte Zado, sie sind nervös. Sie belauern einer den anderen.

Die Frau

In der Stube war es merkwürdig still. Die Worte tropften zäh, gleichsam zögernd in den Raum. Es war, als bestünden sie aus einer dickflüssigen Masse, die sich schwer von den Lippen löste. Nichts war lebendig, nur die Augen der drei Menschen. An der Wand tickte eine Kuckucksuhr. Sie war aus schwarzem Holz, an der einen Kante ein wenig beschädigt, die Zeiger hell über dem dunklen Zifferblatt, auf dem die Zahlen kaum noch zu erkennen waren.

Die Fenster waren verhängt, obwohl die Petroleumlampe nur einen trüben rötlichen Schein abgab, der nicht weiter reichte als über den Tisch hinweg und alles übrige im Halbdunkel ließ. Es war eine einfache Küche. Der Ofen mit dem träge flackernden Feuer hinter der durchbrochenen Tür. Der Tisch aus rohem Holz, weißgescheuert im Laufe der Jahre. Ein paar Stühle, ebenso weißgescheuert. Ein Schrank, dessen Elfenbeinlack rissig war. Über dem Herd hingen ein paar metallene Küchengeräte. Es war alles einfach und sauber. Von jener nach frischer Milch, nach Stalldunst und Kartoffelbrodem riechenden Sauberkeit.

Thomas Bindig bewegte ein wenig die Hände, die er auf den Oberschenkeln liegen hatte. Er spürte, daß seine Handflächen schwitzten. Was ist mit dir? fragte er sich. Ist es dieses seltsame, vergessene Leben, das dich unsicher macht? Ist es die Frau? Nur die Frau? Der Stumme?

Er blickte die Frau an. Sie saß ihm gegenüber, auf dem Stuhl hinter dem Tisch, unter dem Fenster. Ihre Augen waren auf den Herd gerichtet. Bindig sah sie lange an, und die Frau spürte den Blick, aber sie wandte ihre Augen nicht vom Herd ab.

Es waren große, bernsteinfarbene Augen, die selbst im matten Licht der Petroleumlampe schimmerten. Sie gaben dem vollen, ovalen Gesicht etwas Mütterliches, Madonnenhaftes. Ein Eindruck, der noch verstärkt wurde durch das straff zurückgekämmte, glänzende schwarze Haar mit dem Scheitel in der Mitte des Hauptes und dem Knoten, zu dem die langen Strähnen im Nacken geschlungen waren. Bindig erinnerte sich, daß in den Bewegungen der Frau eine seltsame, ruhige Ausgeglichenheit gelegen hatte. Er war gekommen, und sie hatte ihm die Tür geöffnet, mit großen, weit offenen Augen, in denen er ein wenig Angst zu spüren geglaubt hatte. Sie war vorausgegangen, und er sah noch immer ihren Körper vor sich. Sie trug nicht die Kleidung der Bauern. Nicht jene schwarzen, verwaschenen Röcke, sondern ein billiges, eng anliegendes Kattunkleid. Sie ist eine Frau, dachte Bindig, kein Mädchen. Eine Frau, die dreißig Jahre alt sein mag. Sie scheint keine Kinder gehabt zu haben, aber ihre Bewegungen sind die Bewegungen einer Frau, die Mutter gewesen ist. Ihr Körper ist reif und voll. Sie ist zehn Jahre älter als ich. Warum starre ich sie so an? Was ist an diesen Augen?