Er hatte wenig mit Bauern zu tun gehabt. Er kannte sie nicht und nicht ihre Art. Aber diese Frau hier war weniger Bäuerin als Frau. Bindig hatte nur die zarten, feinnervigen Stadtgeschöpfe in der Erinnerung. Sie hatte er bewußt gesehen und erlebt. Diese Frau war die erste Bäuerin, die ihm begegnete, wenn er davon absah, daß er manchmal in einem Quartier gelegen hatte bei Bauern, die er kaum wahrnahm, kaum in ihrer Art erfaßte, bevor er wieder weiter zog.
Vor ihm auf dem Tisch standen die beiden Fleischbüchsen. Die Frau hatte genickt und das Feuer im Herd angefacht. Er hatte ihr gesagt, daß man auf Zado warten müßte, und sie hatte wiederum genickt. Er entsann sieb, daß es nicht unfreundlich ausgesehen hatte. Eher verständnisvoll. Aber auch mit jener spürbaren Andeutung, daß man auf keinen Fall angenehm überrascht sei von dem unerwarteten Besuch.
Bindig fühlte die Flasche mit dem Schnaps in seiner Hosentasche. Er hatte sie noch nicht ausgepackt. Er wußte keinen anderen Ausweg, als auf Zado zu warten. Zado war mit den Feldgendarmen unterwegs. Was daraus werden sollte? Egal, sie werden Anzeige erstatten, und vielleicht werden sie mich verhören. Ich werde meine Antworten besser überlegen. Wenn es nichts nutzt? Ich kann nicht aus dem Himmel in die Hölle kommen. Höchstens aus einer Hölle in die andere. Er spürte eine eigenartige Gleichgültigkeit gegen diese Gedanken. Sie berührten ihn nicht mehr. Er sah nur die Frau vor sich, und während er sie anblickte, dachte er an nichts anderes. Er richtete sich auf und sagte: »Sie haben noch Kühe?«
»Ja«, sagte die Frau nach einer Weile. Sie sagte es gedehnt, aber ohne Ausdruck. »Zwei Kühe.«
Er merkte, daß sie den Knecht dabei ansah.
»Die Russen haben sie Ihnen nicht genommen?«
Der Knecht hockte auf einer Fußbank am Ofen. Ein großer, breitschultriger Mensch, blond. Das Gesicht wäre schön gewesen, wenn es nicht diesen schlaff geöffneten, feuchten Mund gehabt hätte. Er vernachlässigte sich. Er hatte lange Bartstoppeln. Seine Augen waren mild, verständnislos. Er sah von Bindig zu der Frau und wieder zu Bindig, immer denselben Weg nahm sein Blick. Er folgte allem, was in der Stube geschah, ohne es zu verstehen. Seine langen, kräftigen Arme hingen schlaff herab. Bindig hatte ihm eine Zigarette gegeben. Der Knecht hatte sie mit einem hungrigen Aufblitzen in den Augen geraucht.
Dann hatte er gehen wollen. Er war schon bis an die Tür geschlurft, mit schleppenden, geräuschvollen Schritten, aber die Frau hatte ihn zurückgehalten. Sie hatte ihn wieder zu der Fußbank gewiesen, und er hatte sich hilflos grinsend dort niedergelassen.
»Es ist kalt draußen«, hatte die Frau gesagt, »soll er sich ein bißchen wärmen. In seiner Kammer ist es auch kalt.«
Bindig hatte ihr zugestimmt. Er dachte: Wir werden ihm auch etwas von dem Fleisch geben. Er wird Hunger haben. Er scheint nur ihr Knecht zu sein, nicht ihr Geliebter.
»Die Russen…«, sagte die Frau langsam, »waren einen Tag und eine halbe Nacht in unserem Dorf. Dann mußten sie zurück. Sie hatten keine Zeit, sich mit den Kühen zu befassen.«
»Auch nicht mit Frauen?« fragte Bindig leise. Er spürte sofort den Blick der Frau. Es war wieder einer dieser Blicke ohne jeden Ausdruck.
»Auch nicht mit Frauen«, sagte sie und schwieg wieder.
Bindig preßte seine Hände an die Schenkel. Er rieb den Schweiß von den Handflächen.
»Sie haben Glück gehabt«, sagte er. »Es gibt Frauen, die nicht dieses Glück hatten.«
Die Frau bewegte die Schultern. Was Bindig sagte, schien sie nicht sonderlich zu berühren. Sie erhob sich und sah nach dem Feuer. Es brannte jetzt sehr kräftig.
»Wir könnten das Fleisch aufsetzen«, sagte sie, erwartete aber anscheinend keine Antwort, denn sie nahm aus einem Eimer, der neben dem Ofen stand, einige Kartoffeln und schälte sie mit geschickten Händen. Dann tat sie die Kartoffeln in einen Topf, stellte ihn auf den Herd und trocknete sich die Hände. Sie trug keine Schürze. Bindig sah, daß sie keinen Ring am Finger hatte. So wie sie jetzt am Herd stand, erschien sie ihm sehr jung. Beinahe mädchenhaft. Das Feuer beleuchtete von unten her ihr Gesicht. Diese Frau ist wie ein Verwandlungskünstler, dachte Bindig, nur ihre Augen kann sie nicht verwandeln, die bleiben so glänzend, wie sie sind. Diese Augen werden sich in meinen Träumen wiederfinden. Die Augen und die ganze Frau. Es war nicht gut, daß ich hierher gegangen bin. Die Frau wird mir keine Ruhe lassen.
»Warum sind Sie nicht geflüchtet?« fragte er zusammenhanglos. »Sie sind der einzige Mensch, der noch in diesem Dorf wohnt. Man weiß nicht, was morgen ist. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Sie das Dorf verlassen hätten…«
Als sich die Frau wieder an den Tisch setzte, nahm sie eine der Büchsen mit dem Fleisch in die Hand und drehte sie hin und her. »Wollen Sie beide Büchsen öffnen?« fragte sie.
»Beide«, sagte Bindig, »nicht nur mein Kamerad und ich wollen essen. Sie werden mit uns essen. Werden Sie hier im Dorf bleiben?«
»Ich habe keinen Büchsenöffner«, sagte die Frau, »wir haben nie aus Büchsen gegessen. Kann man sie so aufbekommen?«
»Geben Sie her«, forderte Bindig. Er war ärgerlich. Er sprach nicht gern zu Leuten, die seine Worte nicht hören wollten. Er zog das Kappmesser aus der Wadentasche, ließ die Klinge vorschnellen und stach mit dem Messer in das weiche Blech am Rand der Büchse. Aus dem Riß quoll eine bräunlich-rote Flüssigkeit. Bindig wollte weiterschneiden. Er setzte auch dazu an, aber im gleichen Augenblick hielt er inne und nahm die Hand von dem Messer. Die Frau beobachtete ihn mit wachen Augen. Sie blickte von seinem Gesicht auf das Messer und wieder auf sein Gesicht.
»Was ist?« fragte sie beunruhigt. »Sind Sie nicht gesund? Ihr Gesicht… es ist ganz weiß…« Sie kam um den Tisch herum auf ihn zu und konnte eben noch die Büchse auffangen. Bindig raffte sich auf. Er sah weder die Frau noch den Stummen.
Nichts, was in der Küche zu sehen war, nahm er noch wahr. Er sah nur den Riß in dem Blech und die rötlich-braune Flüssigkeit, die ihm unter dem Messer entgegenquoll. Mit ein paar torkelnden Schritten taumelte er auf die Tür zu und machte sie auf. Im Flur stieß er einen Eimer um, dann war er auf dem Hof. Die beiden waren hinter ihm.
»Jakob… schnell!« rief die Frau. Sie nahm den Knecht beim Arm und eilte hinter Bindig her. Sie erwischten ihn auf dem Hof, aber sie konnten ihn nicht halten, er schüttelte sie ab. Hinter der Scheune, an die Mauer gelehnt, erbrach er sich. Die beiden hörten ihn, kamen aber nicht näher. Sie blieben auf dem Hof stehen und warteten. Bindig preßte die Hände auf den Leib. Er fühlte den Schweiß auf dem Rücken eiskalt werden. Er stand nicht mehr sicher auf den Beinen, aber die Mauer der Scheune hielt ihn aufrecht. Es dauerte lange, bis er das Messer nicht mehr sah und die Wunde mit dem hervorquellenden Blut. Er hockte sich müde und zerschlagen auf einen Stein hinter der Scheune und legte den Kopf in die Atme.
Die Nacht war kalt. Sie war sternklar wie die letzten Nächte, und Bindig sah wieder den Russen vor sich, an der Brücke. Er hörte seinen Schritt und sah ihn fallen, er sah den Mantel mit dem Blutfleck, dort, wohin er gestochen hatte. Alles drehte sich in seinem Schädel. Die Nahkampfschule und der Einsatzunterricht.