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Er goß die Gläser bis an den Rand voll. Dann winkte er dem Knecht. Der schlich zögernd näher, aber Bindig munterte ihn freundlich auf: »Nun trink schon einen mit! Wer weiß, wie lange du noch lebst!«

Er hielt sein Glas der Frau entgegen. Sie griff langsam nach dem, was er vor sie hingestellt hatte.

»Auf was sollen wir trinken?« fragte sie. »Man weiß nicht, auf was man trinken soll…«

»Trinken wir auf diesen Tag«, sagte er, sie anblickend. Ich habe lange keine Frau mehr lächeln sehen. Trinken wir darauf.«

Der Knecht Jakob schlurfte mit seinem Glas in die Ofenecke zurück. Er hielt es mit beiden Händen fest umklammert, als fürchte er, es könnte ihm wieder genommen werden. Er setzte sich und trank den Kognak in kleinen Schlucken. Bindig sah ihm zu und machte eine Bewegung, die andeutete, daß er schnell austrinken solle. Der Knecht trank gehorsam das Glas aus. Bindig ging zu ihm und goß es noch einmal randvoll. Dann drückte er ihm eine Packung Zigaretten in die Hand und sagte: »Trink und rauch! Mancher Schwachsinnige ist klüger als die normalen Menschen.« Er sah nicht das Aufflackern in den Augen der Frau. Es dauerte nur eine Sekunde, und daher entging es ihm. Der Knecht grinste idiotisch und leckte an dem Glase.

»Er wird heute gut schlafen«, sagte Bindig. Er fühlte, daß er jetzt reden mußte, viel reden. Unsinniges, nur, um überhaupt etwas zu sagen, nur, um nicht noch einmal an die Gesichter erinnert zu werden.

»Er ist ein guter Mensch«, sagte die Frau, »ein treuer Mensch. Ich wüßte nicht, was ich ohne ihn anfangen sollte.«

Bindig goß sein Glas noch einmal voll. Er trank es in einem Zuge aus und sagte: »Man sieht, daß er ein guter Mensch ist. Aber man sieht es beinahe bei jedem Menschen, daß er gut ist. Nur wenn man Soldat ist, hat man es nicht zu sehen. Da ist die Geschichte einfacher. Die Guten tragen Feldgrau, die Bösen Erdbraun mit Sowjetstern.«

Er ließ sich auf den Stuhl fallen, in der einen Hand das Glas, in der anderen die Flasche. Der Knecht schnalzte mit der Zunge. Er verdrehte die Augen dabei.

Die Frau strich sich leicht mit der Handfläche über das glatt gescheitelte Haar. Sie blickte mit einem Ausdruck des Staunens auf Bindig. Auf dem Herd brodelte das Wasser über den Kartoffeln.

»Sie sind sehr jung«, sagte die Frau versonnen. Sie strich sich noch einmal über das Haar und ließ die Hand auf der Stirn liegen. »Mein Gott, wie jung Sie noch sind. In Ihrem Alter sollte man seine Arbeit tun und am Abend mit einem Mädchen spazieren gehen. Tanzen. Man sollte…«

»Man sollte…«, sagte Bindig. »Was man nicht alles sollte! Aber die Welt ist eingeteilt in solche, die mit Mädchen spazieren gehen, und solche, die sich gegenseitig totschießen. Ich gehöre zu den letzteren… Daran ist nichts zu ändern. Wenn wir gesiegt haben, wird das alles vergessen sein…«

»Wenn wir gesiegt haben…«, sagte die Frau, »dann werden Sie ein angesehener Mann sein. Vielleicht Offizier. Und dann werden Sie Kinder haben, und Sie werden ihnen Ihr Messer zeigen und sagen…«

Bindig sah sie an, und sie schwieg. Sie senkte den Blick und schob ihr Glas unschlüssig auf dem Tisch hin und her.

»Nach dem Sieg«, sagte Bindig heiser, »man weiß noch nicht, wer ihn davontragen wird, aber nach dem Sieg jedenfalls, dann werde ich vielleicht nicht mehr leben. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich dann nicht mehr leben werde. Und wenn ich doch leben sollte, dann werde ich durch die Straßen laufen, durch die Städte, und ich werde eine Frau suchen, die wie Sie aussieht, die Augen hat wie Sie und eine Stimme wie Sie. Eine Frau, deren Lächeln mich an Sie erinnert… Verzeihen Sie, bitte, vergessen Sie das. Wir wollen noch ein Glas trinken und nicht mehr davon sprechen…« Er schenkte ihr ein, und sie sah, daß seine Hände zitterten.

Sie strich wieder über ihr Haar, obgleich es glatt und ordentlich gescheitelt lag. Ohne ihn anzublicken, sagte sie: »Wir trinken zuviel. Wir sagen dabei Dinge, von denen wir morgen nichts mehr wissen wollen.«

»Wir?« fragte Bindig.

»Ja, wir«, sagte die Frau leise. »Sie und ich. Wir.«

Sie hörten beide, daß die Hoftür knarrte. Die Frau hob den Kopf und nickte dem Knecht zu. Der erhob sich und setzte das geleerte Schnapsglas auf den Fußboden. Er öffnete die Tür und winkte unbeholfen nach draußen. Auf dem Flur gab es ein polterndes Geräusch, dann einen Fluch. Zado erschien in der Tür. Er hielt sich eine Hand an die Stirn. Er hatte sich in der Finsternis an einem Querbalken gestoßen.

»Die Treppe…«, sagte die Frau bedauernd, »sie ist so dumm gebaut…«

»Gottverflucht bis in die Puppen! Verzeihung! Grüß Gott am Abend und frohe Weihnachten allerseits!« Zado polterte in die Küche. Er hielt eine Hand noch immer an die Stirn und reichte die andere der Frau.

»Zadorowski«, sagte er, »Obergefreiter. Rückgrat der Armee. Vater und Mutter waren anständige Leute, der Sohn wurde Soldat.«

Er sah sich um und entdeckte die Gläser auf dem Tisch und die Flasche. Da glitt ein Lächeln über sein Gesicht. Er drückte die Frau wieder auf ihren Stuhl und sagte mit einem befreiten Aufatmen: »Kinder, wie ich mich freue, endlich unter normalen Menschen zu sein! Ich hatte Beklemmungen, gnädige Frau! Ich sah Sie im Dorf, und Sie machten nicht den Eindruck einer Frau, die einen Schnaps mit uns trinkt. Ist noch einer für mich da. Kleiner?«

Noch während Zado das erste Glas leerte, überlegte er sich, daß er Bindig doch sagen mußte, was aus den Feldgendarmen geworden war. Er würde es ihm auf seine Weise sagen. Die Frau saß dabei. Man wußte nicht, was für eine sie war. Er betrachtete seinen Kameraden, und er betrachtete auch die Frau, während er trank. Diese Frau war eigenartig. Sie sprach nicht viel. Sie zeigte sich weder erfreut noch verärgert durch das Auftauchen der beiden Soldaten. Ist sie so, oder tut sie nur so? fragte sich Zado.

Er sah, daß Bindig hinter der Frau herblickte, als sie zum Herd ging, um das Essen zu bereiten. Es war ein sonderbarer Blick. Bindig sah ihr nach, als sei er sehr nachdenklich über die Frau. Nicht so, wie ein Soldat hinter einer Frau herblickt, wenn er ein paar Monate keine Frau gesehen hat. Nicht hungrig nach der Frau. Aber auch wieder nicht so, als ginge ihn die Frau nichts an. Zado kannte diese Art, einer Frau nachzublicken.

Er ließ den Alkohol durch die Kehle rinnen und dachte: Bindig ist verliebt. Es ist kaum zu glauben, dachte er, aber es ist so, es ist keine Täuschung. Er erinnerte sich an die Nacht an der Brücke. Sie hatten über Mädchen gesprochen, er entsann sich. Bindig hatte selten irgendwo ein Mädchen gehabt. Er hatte auch nie viel darüber gesprochen. Aber jetzt ließ sein Gesicht keinen Zweifel darüber, was in ihm vorging. Dieser Junge gehört nicht hierher, dachte er. Er gehört am Sonnabendmittag mit einem Blumenstrauß und klopfendem Herzen vor ein Mädchenpensionat.

»Hören Sie…«, rief er der Frau am Herd zu, das Glas absetzend, »wir machen Ihnen sicher viel Arbeit. Seien Sie uns nicht böse deshalb. Wir sind die besten Söhne Großdeutschlands. Wie siegen augenblicklich zwar nicht, aber wir haben trotzdem Hunger…«

Die Frau wandte ihm das Gesicht zu. Sie sagte: »Schon gut. Ich mache das schon.«

Sie sagte nicht, ob sie es gern oder ungern mache. Sie ließ nicht erkennen, was sie von ihrem Besuch hielt.

»Wir werden vorschlagen, daß Ihnen das Kriegsverdienstkreuz verliehen wird…«, lachte Zado.

Die Frau gab leise zurück: »Gottbewahre! Ich brauche keine Orden!«

»Sie würden auch keinen bekommen«, sagte Zado. »Wenn Sie Zahlmeister wären, ja. So nicht. Rechnen Sie sich zu den vielen namenlosen Helden, die in unwandelbarer Treue der großen Idee unseres Führers zum Siege verhelfen. Wenn es auch nur dadurch ist, daß Sie uns ein Abendbrot kochen.«

Der Knecht saß auf seiner Bank am Ofen und wiegte grinsend den Kopf. Er schielte nach der Flasche, aber Zado merkte es nicht.

»Grinse nicht!« sagte er zu dem Knecht. »Du kannst froh sein, daß du nicht kv bist. Sie hätten einen strammen Soldaten aus dir gemacht. Manchmal wäre ich froh, wenn ich so blöde wäre wie du.«