Die Frau lehnte sich mit dem Rücken an den Herd. Ihre Augen blickten unentwegt auf Zado, als sie fragte: »Wie lange sind Sie Soldat?«
»Seit Kriegsanfang«, gab Zado sachlich zurück.
»Und niemand hat bisher gemerkt, wogegen sich Ihr Spott richtet?«
»Sie sind die erste«, antwortete Zado. »Wenn Sie wollen, können Sie daraus auf die geistigen Qualitäten meiner Vorgesetzten Schlüsse ziehen.«
»Oder auch darauf, wie gut Sie es verstehen, für gewöhnlich den Mund zu halten.«
Zado goß, ohne zu antworten, Schnaps in sein Glas. Er nahm es in die Hand und erhob sich. Er ging auf die Frau zu und blieb vor ihr stehen. Sie sah ihm entgegen, und er glaubte, etwas wie Spott auf ihrem Gesicht zu lesen.
»Hören Sie«, sagte er langsam, »was würden Sie jetzt lieber tun: hier sitzen und sich mit dem abfinden, was ist, ein bißchen hoffen und ein bißchen Furcht haben, oder zu meinem Kompaniechef gehen und ihm sagen: Scheren Sie sich mit Ihren Soldaten fort von hier! Scheren Sie sich heim! Wir wollen nicht hier zwischen Panzern und Granattrichtern hausen, sondern wir wollen Weizen anbauen und Mohn. Wir wollen nichts mit diesem ganzen Kram zu tun haben! Hauen Sie ab! Sie und die ganze Armee! Ich, die Frau aus dem letzten Gehöft von Haselgarten sage das, und ich stehe dafür ein, Herr Leutnant!«
Die Frau sagte, ohne Zado dabei anzublicken: »Ich kenne Ihren Leutnant nicht.«
»Er heißt Alf und wohnt im Gehöft Nummer zwölf. Gehen Sie zu ihm. Jetzt gleich. Wir werden hier auf Sie warten. Sagen Sie ihm das, was ich gesagt habe oder was Sie sonst wollen. Wir werden warten, bis Sie zurückkommen.«
»Sie würden sehr lange warten müssen«, sagte die Frau langsam, »es gibt Dinge, die man tun kann, und es gibt welche, die man nicht tun kann, wenn man zurückkommen will.«
»Sehr zum Wohl!« sagte Zado, das Glas erhebend. Er führte es zum Mund und trank es in einem Zuge aus. Dann sagte er: »Sie haben eine vernünftige Auffassung von der Welt. Und von mir verlangen Sie, daß ich eine unvernünftige haben soll? Glauben Sie nicht, daß auch ich zurückkommen möchte?«
»Ich glaube es«, sagte die Frau leise, »aber an der Front sterben jeden Tag ein paar hundert Leute, die genauso denken wie sie.«
»Ein paar tausend«, verbesserte Zado sie. »Ich kann Ihnen auch sagen weshalb. Der Tod, der unerwartet und schnell eintritt, ist bequemer als der, den man als unabänderliche Folge einer bestimmten Tat voraussieht. Wenn das umgekehrt wäre, dann hätte dieser Krieg keine drei Tage gedauert. Weil es aber so ist, wird er so lange dauern, bis einer der beiden Seiten die Puste ausgeht. Wer dann noch lebt, wird zurückkommen. Vielleicht. Sicher ist heutzutage nichts.«
Die Frau wandte sich wieder dem Herd zu. Sie schob den Topf mit den Kartoffeln an die Seite und wendete das Fleisch in der Pfanne.
Bindig sprach sie an. Er war still sitzen geblieben und hatte kein Wort gesagt. Jetzt aber glaubte er etwas sagen zu müssen. »Seien Sie ihm nicht böse«, bat er die Frau, »er regt sich leicht auf. Er meint es nicht so…«
Die Frau wandte sich um und nickte. Ihr Gesicht war von einem Ausdruck beherrscht, der eine seltsame Mischung von Verstehen und Nachdenklichkeit, Ablehnung und Zutraulichkeit darstellte. »Ich weiß schon…«, sagte sie, »ich weiß, wie es gemeint ist. Ihr seid eigenartige Soldaten. Ich habe immer geglaubt, Soldaten wären anders. Ich scheine mich getäuscht zu haben.«
»Ist Ihnen diese Erkenntnis unangenehm?« fragte Zado.
»Ich weiß nicht«, antwortete die Frau, »sicher gibt es Soldaten verschiedener Art.«
»Vielleicht haben wir Ihre heiligsten Gefühle verletzt«, sagte Zado mit einem Grinsen, »vielleicht sind Sie ein Mensch, der Helden um sich herum braucht. Es tut mir leid, wenn das so ist…«
Die Frau sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Es ist nicht so«, sagte sie leise, »ich brauche keine Helden. Ich weiß gar nicht, was dazu gehört, ein Held zu sein. Vielleicht gibt es das, was ich mir unter einem Helden vorstelle, gar nicht. Ich hätte nichts dagegen, wenn es auf der ganzen Welt viel weniger Geschrei um Helden gäbe, dafür mehr Ruhe und gesunde Männer, die einen Acker umbrechen können und eine Frau…« Sie verstummte und wandte sich schnell wieder dem Herd zu.
Zado ging schweigend zum Tisch zurück. Er goß alle Gläser voll, auch das des Knechtes. Seine Augen waren stumpf, als er zu der Frau sagte: »Sie haben eine einfache Art, das Leben zu sehen. Auch die Menschen. Es würde mich interessieren, wofür Sie uns halten…«
Die Frau nahm das Glas, das er ihr entgegenhielt. Sie sagte, ohne nachzudenken: »Für Leute, die andere töten, um nicht selbst getötet zu werden.«
Zado hob das Glas und trank. Die Frau nippte an dem Kognak und stellte das Glas vorsichtig auf den Tisch zurück. Sie begann Teller sauber zu wischen und Bestecke auszulegen. Sie winkte dem Knecht, er solle die Küche verlassen. Sie wies auf die Tür, und dann legte sie den Kopf auf eine Handfläche und schloß die Augen dabei. Der Knecht nickte eifrig und wollte sich entfernen. Aber Zado verfolgte diese Art Verständigung verwundert und sagte: »Was ist denn? Warum lassen Sie ihn nicht mitessen?«
»Es ist Ihr Essen.«
»Gut«, sagte Zado, »und es reicht für vier Leute.«
»Aber er ist nur der Knecht…«
»Hören Sie«, sagte Zado zu ihr, »dieser Mann wird einmal der einzige sein, der bei Ihnen bleibt, wenn wir fort sind. Er wird noch bei Ihnen sein, wenn hier schon längst die Russen eingezogen sind. Geben Sie ihm vorher ruhig noch ein bißchen was zu essen…«
Bindig hatte dem Knecht zugewinkt, sich wieder auf die Bank zu setzen. Er tat es linkisch und gleichsam widerstrebend.
»Die Russen waren schon einmal hier«, sagte die Frau.
»Ich weiß«, erwiderte Zado, »und sie werden wiederkommen. Sie werden dann länger bleiben.«
»Meinen Sie, daß sie wiederkommen?«
»Ja. Ich kann Ihnen nur das Datum noch nicht genau sagen. Aber stattdessen kann ich Ihnen sagen, daß sie mit T 34 kommen werden und mit den neuen Stalinpanzern, mit Orgeln und Sturmgeschützen. Sie werden ausgezeichnete Granatwerfer mitbringen und Leute, die damit umgehen können. In den Taschen werden sie Machorka und Sonnenblumenkerne haben und Zeitungspapier. Sie werden an mich denken, liebe Frau, und Sie werden feststellen, daß ich richtig vorausgesagt habe. Ich habe das nämlich alles schon sehr schön geordnet stehen sehen, was einmal hier anrollen wird. Wenn Sie zu dieser Zeit noch hier sein sollten, werden Sie Gelegenheit haben, meine Angaben zu kontrollieren.«
»Möchten Sie ein paar Kirschen essen?« fragte die Frau.
»Kirschen?«
»Ja. Eingemachte Kirschen.«
»Ich esse gerne eingemachte Kirschen«, sagte Zado, »mein Kamerad auch. Denn wir essen alles gern, was nicht in der Feldküche gekocht wird. Aber wir können Sie nicht ausplündern…«
Die Frau verließ schwelgend die Küche. Zado blickte nachdenklich auf die Tür, die sich hinter ihr geschlossen hatte.
»Mein Gott…«, sagte er dann zu Bindig, »wie hat es diese Frau nur angefangen, so zu sein, wie sie ist?«
»Wir hätten schon eher einmal zu ihr gehen sollen«, sagte Bindig.
»Komm!« forderte Zado den Knecht auf. Er wußte, daß der Mann ihn nicht verstand, daß in seinem Hirn nichts war, was ihm die Gabe verliehen hätte, den Sinn der Dinge zu erfassen, die sich um ihn herum abspielten. Aber er sagte zu ihm: »Komm, trink noch einen, ehe sie zurückkommt. Wer weiß, wie lange du noch lebst, alter Junge…« Er hielt ihm das gefüllte Glas hin, und der Knecht rollte die Augen, als er es nahm.
Die Frau betrat die Küche wieder. Sie brachte ein Glas Kirschen mit und öffnete es. Zado sah ihr gedankenlos zu, ohne etwas zu sagen. Dann erinnerte er sich mit einemmal an die beiden Feldgendarmen. Er sagte zu Bindig: »Was hast du dir dabei gedacht, als du mit den beiden Kettenhunden Krach angefangen hast?«