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»Nichts. Sie haben sich angestellt, als hätten sie mir was zu sagen.«

»Solche Leute legen dich schneller um, als du glaubst.«

»Möglich. Aber sie sollen sich nicht so anstellen, wenn sie mal nach vorn kommen…«

»Sie haben es Alf gemeldet.«

»Ja. Sie werden mich vielleicht dieser Tage vorführen. Was tut’s schon? Sollen sie mich ruhig vorführen, sie können mir nichts nachweisen.«

»Sie werden dich nicht vorführen«, sagte Zado. Er sah Bindig dabei an und stellte sein Schnapsglas auf den Tisch neben den Teller. Die Frau folgte ihrem Gespräch, aber sie gab nicht zu erkennen, daß es sie interessierte. Sie hantierte am Herd, und der Knecht leckte genießerisch an seinem Glas.

»So?« fragte Bindig. »Aber es wäre mir auch egal gewesen.«

»Es wäre dir nicht egal gewesen, Junge«, sagte Zado, »du hast jetzt sehr viel Mut, aber das ist gar kein Mut, es ist nur Angst. Wenn sie dich einmal in den Fingern haben, ist es aus, das weißt du genau. Tu nicht so, als ob es dich kalt ließe. Aber sie werden dich nicht vorführen, du hast noch einmal Glück gehabt. Sie sind beide tot.«

Die Frau briet noch Speckstücke in der Pfanne. Sie zischten auf dem Feuer.

»Sie sind tot?« fragte Bindig. Er sah Zado mißtrauisch an.

Der nickte. »Ja. Sie sind tot. Sie sind vorn an der Waldecke, zwischen den beiden Gefechtsständen, auf eine Mine gefahren.«

Bindig blieb eine Weile stumm. Erst dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Sie sind in das Minenfeld gefahren? Allein? Ich denke, du warst dabei? Ich denke, du hast sie geführt? Ist dir dabei nichts passiert? Oder…«

»Sie sind auf die Mine gefahren«, sagte Zado, »und ich habe aus einiger Entfernung zugesehen. Mir konnte gar nichts passieren.«

»Dann hast du sie…«

»Ich habe sie bis zu dem Minenfeld begleitet«, unterbrach ihn Zado, »sie sind weitergefahren. Was sollte ich dagegen tun?«

»Ich verstehe«, sagte Bindig mit trockener Kehle. Es klang heiser und gepreßt. Er streckte Zado die Hand hin, aber der übersah sie.

»Wenn du wieder einem Kettenhund begegnest, dann überlege dir gefälligst, mit wem du es zu tun hast«, sagte er barsch zu Bindig. »Es ist nämlich möglich, daß ich einmal nicht in der Nähe bin. Und es wäre verdammt schade, wenn sie dich aufhängten.«

Bindig schwieg. Die Frau brachte das Essen zum Tisch. Sie teilte es aus und stellte zu jedem Teller eine kleine Schale mit Kirschen.

»Sie sind ohne Zucker eingekocht«, sagte sie entschuldigend. »Es gab keinen. Hoffentlich schmecken sie Ihnen.«

»Und Alf?« fragte Bindig. »Was sagt Alf?«

»Er wird nichts sagen«, erklärte Zado gelassen, »er weiß, daß er uns braucht, und er wird nichts sagen. Er wird froh sein, daß es so gekommen ist.«

»Beide tot«, sagte Bindig. »Das ist eine Überraschung.«

»Ja. Beide tot, damit ein Dummkopf am Leben bleibt.« Er erinnerte sich an die Frau und drehte sich nach ihr um. Sie schloß die Herdtür. Zado sagte: »Verzeihen Sie, liebe Frau, wir hatten Sie eben ganz vergessen. Sie haben keinen Zucker, sagten Sie?«

»Nein«, gab die Frau zurück, »hoffentlich schmecken die Kirschen Ihnen auch ohne Zucker.«

»Wir haben einen Küchenbullen«, sagte Zado, »der hat ein paar Säcke Zucker stehen. Wir werden Ihnen davon etwas her schleppen, wenn Sie nichts dagegen haben…«

Die Frau wehrte ab. Sie setzte sich zu Tisch, und auch der Knecht wurde aufgefordert, sich an den Tisch zu setzen. Die Frau blickte die Männer an und sagte: »Ich hoffe, es schmeckt Ihnen. Vergessen Sie die beiden Toten dabei und alles andere auch.«

Zado nahm sein Besteck auf und nickte ihr zu. Sie betrachtete Bindig mit einem seltsamen, versonnenen Bück, der Zado sagte, daß diese Frau nicht so spröde und abweisend war, wie sie äußerlich erschien. Er machte sich über sein Essen, und er hörte dabei Bindig leise zu der Frau sagen: »Ich habe sehr viel Glück heute abend. Ich habe Sie kennengelernt, und nun weiß ich außerdem noch, daß mich in den nächsten Tagen nicht die Feldgendarmerie holen wird. Ich habe wirklich sehr viel Glück…«

»Und einen zuverlässigen Freund«, gab die Frau zurück.

Zado tat, als höre er es nicht. Nach einer Weile begann er das Essen zu loben.

Es fror wieder stark in den Nächten. Der Himmel blieb blank und voller unruhig flackernder Sterne, die spät verlöschten, weil die Nächte lang waren.

Die Luft war klar und kalt. Durch diese klare, kalte Luft grollte der Lärm von der Front heran, tags und auch nachts. Die Front wurde von Tag zu Tag bewegter. Es schien, als beabsichtige sie, noch nicht in den Winterschlaf zu sinken. Sie erwachte gleichsam zu einem geräuschvollen, gefahrverheißenden Leben. Morgens, wenn noch der Dunst über den Äckern lag und das Tageslicht fahl war, weil die Sonne fehlte, kroch das Gedonner der leichten Geschütze von der Front bis nach Haselgarten. Um diese Zeit schoß die Rote Armee gezieltes Feuer. Keine gewaltigen Schläge, keine großen Kaliber, nur eine Art Störungsfeuer, das oft Stunden andauerte. Manchmal setzte es für längere Zeit aus. Dann aber, nach Minuten, manchmal nach einer halben Stunde, schob sich grollend und rumpelnd die nächste Serie Granaten heran. Die Infanteristen in den Erdlöchern hoben um diese Zeit nicht die Köpfe. Sie duckten sich und rauchten, dösten in den beginnenden Morgen. Von deutscher Seite antworteten nur selten ein paar vereinzelte Schüsse. Es war kaum leichte Artillerie vorhanden.

Zuweilen schalteten sich ein paar Sturmgeschütze ein, die irgendwo gut gedeckt standen. Aber sonst blieb es auf deutscher Seite ruhig.

Kurz bevor die sowjetische Artillerie zu schießen aufhörte, fingen die Zweizentimeterkanonen an zu bellen. Tagsüber und auch in der Morgendämmerung schossen sie keine Leuchtspur. Man sah nicht die wirren Linien und Kurven der sich überkreuzenden Feuerbälle, und eigentlich hörte man nur den Abschußlärm, denn die kleinen Geschosse verschwanden fast lautlos in der weichen Erde, wenn sie nicht irgendwohin, weit in die Luft pfiffen.

Stellten die Zweizentimeterkanonen ihren Lärm ein, dann begannen fast automatisch die sowjetischen Schützen aus ihren Löchern zu schießen. Meist mit Maschinenpistolen und mehr um des Lärms willen, als um Treffer zu erreichen. Dafür war der Abstand zu groß und die Tragweite der kleinen Geschosse zu gering. Die Deutschen antworteten mit vereinzeltem Gewehrfeuer, mit Gewehrgranaten, von denen auf rätselhaften Wegen ein paar Kästen nach vorn gekommen waren. Sie schossen auch zuweilen einmal eine Panzerfaust ziemlich ziellos nach der Gegenseite ab und freuten sich, wenn sie wenigstens detonierte. Später merkte man deutlich den Zeitpunkt, wenn der Kaffee in die Stellungen gebracht wurde. Das geschah etwa um die gleiche Zeit auf beiden Seiten der Front. Es wurde ruhiger. Hier und da noch ein Schuß, aber sonst nichts. Auch den ganzen Vormittag über ereignete sich kaum etwas, bis auf gelegentliches Artilleriefeuer. Erst am Nachmittag wurde das Feuer wieder spürbar. Hier und da streute die sowjetische Artillerie ganze Geländeabschnitte ab, setzte ein paar Dutzend Granaten auf engsten Raum und beobachtete die Wirkung oder die Bewegung, die der Überfall auslöste. Man tastete einander ab. Die langsamen Doppeldecker mit dem roten Stern und dem röchelnden Motor schaukelten über die Front, und die Beobachter schossen aus langsam tackernden Maschinengewehren, die auf Drehkränze montiert waten, zur Erde. Es kam auch vor, daß sie Bomben warfen. Sie taten das, indem sie die Explosivkörper mit den Händen anpackten und über die Bordwand fallen ließen. Sie trafen selten etwas, aber dennoch waren diese längst für den Schrotthaufen reifen Flugzeuge unangenehm. Man hörte sie erst, wenn sie bereits sehr nahe waren. Ihr Motorengeräusch täuschte den Lauscher, weil die Maschinen äußerst langsam flogen. Das machte sie zu gefährlichen Nachtschwärmern. Die modernen Maschinen, die während des Vormarsches über den sich zurückziehenden deutschen Kolonnen dahingebraust waren, schienen weit von der Front entfernt auf sicheren Flugplätzen zu stehen. Sie wurden nur selten eingesetzt. Es war, als spare man sie auf für den nächsten Angriff.