Barden kippte es hinunter und schüttelte sich. Dann griff er nach einer Zigarre, und während er sie umständlich beschnitt, sagte er vor sich hin: »Zu Hause ist alles in Ordnung. Ernestine wird Weihnachten heiraten. Deswegen komme ich unter anderem auch zu dir. Hast du Lust dabei zu sein?«
»Ich habe meinen Urlaub gehabt.«
»Und vertrödelt, ohne zu heiraten«, nickte Barden gelassen. »Es läßt sich aber machen. Eine Woche. Ich denke, wir fahren gemeinsam…«
Ernestine war Bardens Tochter. Alf erkundigte sich mit gerunzelter Stirn: »Wie alt ist sie eigentlich?«
»Zwanzig«, gab Barden zurück.
»Ein bißchen früh«, meinte Alf.
Barden sagte: »Ich sehe es lieber, wenn sie heiratet. Die beiden stecken schon lange genug zusammen. So etwas darf man nicht allzu lange anstehen lassen.«
»Es ist der Hauptmann vom Luftgau, nicht wahr?« wollte Alf wissen.
Barden nickte. »Ja. Ehrlicher Kerl. Goldrichtig für Ernestine, Wird nach dem Krieg wieder Pilot bei der Lufthansa.«
»Nach dem Krieg…«, sagte Alf und goß erneut die Gläser voll. »Ich glaube, nach dem Krieg wird er so alt sein, daß er nicht mehr als Pilot fliegen kann.«
Barden sah ihn eine Weile lang nachdenklich an. Dann überzog sich sein Gesicht mit einem abfälligen Grinsen.
»Mein lieber Junge«, sagte er betont, »die strategischen Fähigkeiten unseres Gefreiten reichen nicht mehr für lange aus. Der Krieg geht schneller zu Ende, als wir denken.«
»Vielleicht auch anders, als wir denken.«
»Darüber kann man nur Vermutungen anstellen. Sie fallen nicht sehr ermutigend aus, wenn man die Sache nüchtern genug be-trachtet und wenn man ein bißchen hinter die Kulissen blicken kann…«
Alf hob das Glas und trank. »Mich quält die Vorstellung, daß wir eines Tages unsere Pistolen abschnallen und sie einem sibirischen Kommissar überreichen.« Er brannte eine neue Zigarette an und hielt Barden das Streichholz hin, weil er sah, daß dessen Zigarre bereits wieder erkaltet war.
»Unser Gefreiter…«, sagte Barden, nachdenklich den Rauch zur Decke blasend. »Versuche dir vorzustellen, was geschehen wäre, wenn die Bombe von Stauffenberg ihn erwischt hätte…«
»Dann wärst du mit deinen Englischkenntnissen vermutlich heute nicht Ic bei unserer Division, sondern Verbindungsoffizier bei den verbündeten englischen Truppen und hättest dein Quartier entweder in Paris oder bereits in Moskau.«
Barden zog nachdenklich an der Zigarre. Er war ein gedankenloser Raucher, er zog so lange an der Zigarre, bis das glühende Ende zentimeterlang war und der Rauch brandig schmeckte.
»Versuche es dir vorzustellen…«, sagte er versonnen, »alles hätte so kommen können, und nun… Ach, laß uns davon aufhören. Ernestines Hochzeit wird im Schwarzwald sein. Wir werden ein paar schöne Tage haben.«
»Schwarzwald im Winter«, sagte Alf, »das könnte mir gut tun. Hoffentlich komme ich hier weg. Ich bin skeptisch.«
»Es wird gehen«, sagte Barden gelassen. »Übrigens mußt du nicht denken, daß deine Kompanie wichtiger ist als irgend etwas anderes auf der Welt.«
Alf verzog das Gesicht. Er sah den Onkel lächelnd an, so verbindlich, wie er das nur konnte, und dann sagte er: »Das weiß ich längst, und ich bin felsenfest davon überzeugt. Aber ich unterstehe dem Ic der Division.«
Sie tranken sich zu und lächelten dabei. Barden schüttelte sich wieder. Seine Zigarre stank.
»Ehe ich es vergesse«, sagte er, »wir haben jetzt einen national-sozialistischen Führungsoffizier. Walte Gott, daß du ihn nie kennen lernst! Er beauftragte mich, mit dir über die Geschichte von den Bordellen zu sprechen…«
»Bordelle?« erkundigte sich Alf interessiert.
»Ja, Bordelle. Es gibt das Gerücht, daß der Russe dicht hinter der Front Wohnwagen stehen hat, die als Bordelle dienen.«
»Ausgezeichnet«, sagte Alf, »ich werde es meinen Männern sagen für den Fall, daß sie einmal während eines Einsatzes das Bedürfnis haben…«
»Hör zu«, unterbrach Barden ihn, »die Geschichte geht noch weiter…«
Alf gelang es nicht, zu schweigen. Er fragte mit einem zugekniffenen Auge: »Will wohl der Herr NSFO mal mit auf Einsatz gehen, wegen dieser Wohnwagen?«
Barden lachte. Wenn der Junge zwei Kognaks getrunken hatte, wurde er spaßig. »Nicht doch!« sagte er, »Du vergißt, daß wir bei der Division mit weiblichem Personal besser versorgt sind als du bei deiner Kompanie! Die Geschichte hat einen anderen Haken. Ob es diese Wohnwagen gibt oder nicht, weiß ich nicht. Jedenfalls gibt es das Gerücht darum, und dieses Gerücht will der Herr NSFO auf äußerst geschickte Weise umdrehen.«
»Umdrehen?«
»Ja. Und zwar so, daß es ein für uns positives und für die Russen gefährliches Gerücht ist. Mit einem Schlage.«
»Darauf bin ich gespannt. Wenn ich vorschlagen dürfte: Landser bekommen während Benutzung der Damen unverhofft glühendes Eisen in Form von Sowjetstern aufgedrückt. Dazu der Hinweis, daß die Sowjets keine Brandbinden haben…«
Barden lächelte nachsichtig. »Der NSFO ist auf eine viel bessere Idee gekommen.«
»Ich höre!« sagte Alf. »Vielleicht Genickschuß beim Küssen?«
Barden lächelte wieder sehr nachsichtig. Er sagte mit gerunzelter Stirn: »Du bist zu früh Offizier geworden, Bubi. Du hast keine Vorstellung von einem leichten Mädchen. Da wird nicht geküßt. Nicht einmal gesprochen. Wenigstens nicht viel. Und nun paß auf…«
»Schade…«, sagte Alf. »Ich hatte mir das so schön ausgedacht mit dem Genickschuß…«
»Ja. Also dieses Gerücht wird umgedreht. In deinem Bereich hast du dafür zu sorgen, daß es unter die Leute kommt. Die Frauen in den ominösen Wohnwagen sind Deutsche. Das ist der Dreh!«
Alf kippte einen Martell und fragte dann verständnislos: »Deutsche?«
»Ja…« Barden lachte. »Grandioser Einfall! Verschleppte deutsche Frauen. Aus den paar Dörfern, die die Russen in Ostpreußen besetzt haben, und von sonst woher. Jeder Infanterist wird seine persönliche Ehre darin sehen, sie zu befreien! Guter Einfall, was?« fragte er, als Alf nichts sagte. Er sah seinem Neffen forschend ins Gesicht.
Aber der schüttelte den Kopf und sagte langsam: »Ich kann nicht behaupten, daß mir diese Geschichte gefällt. Sie ist mir zu primitiv.«
Barden zuckte die Schultern.
»Und blödsinnig!« sagte Alf.
»Ich streite das nicht ab«, sagte Barden, »ich übermittle dir nur eine Anweisung des NSFO.«
Nach einer Weile sagte Alf: »Du unterschätzt meine Leute. Sie treiben sich zu oft hinter den Russen herum. Sie kennen sich aus. Man kann ihnen nicht mit solch idiotischen Dingen kommen. Sie sind keine Parteianwärter.«
Barden setzte seine erkaltete Zigarre wieder in Brand. Er tat es mit einem ironischen Lächeln. Dabei sagte er: »Junge, du begehst einen Fehler. Du hältst mich für den NSFO. Ich bin aber nur der Ic. Und diese Geschichte ist nicht meine Erfindung, sondern die des NSFO.«
»Ich werde sie ignorieren. Ich habe keine Lust, diese Geschichte zu kolportieren.«
»Darüber verlange ich von dir keine Entscheidung«, sagte Barden verbindlich. »Das ist nicht mein Ressort.«
Barden setzte seinem Neffen auseinander, was sich in den letzten Wochen im Divisionsstab verändert hatte. Die Einsetzung des Führungsoffiziers hatte manches mit sich gebracht, womit zuvor niemand gerechnet hatte. Aber das betraf vorerst wenigstens nur den Divisionsstab, nicht die Kompanie, und Alf hörte es, ohne besonders beunruhigt darüber zu sein. Wöchentliche politische Schulungen. Abend Unterricht für Offiziere. Nationalsozialistisches Gedankengut. Die Umwandlung der Wehrmacht zu einer politischen Truppe.
Das würde seine Zeit dauern, sagte sich Alf. Und überdies war die Front hier recht dünn. Kein Mensch wußte, ob die Stellungen beim nächsten Angriff zu halten waren. Dann würde sich der neue NSFO vielleicht von selbst aus dem Staube machen. Alf war überzeugt davon, obwohl er nicht wußte, ob es sich um einen fronterfahrenen Mann handelte oder nur um einen Parteitheoretiker in Uniform. Man würde sehen.