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»Wofür?«

Barden beschnitt eine neue Zigarre. Et ging mit seinen Zigarren um wie mit völlig wertlosen Gegenständen. Als wüßte er nicht, daß es teure Importen waren, die sich der Stabsmarketender nur auf Umwegen beschafft hatte und die ohnehin bald zu Ende gingen.

»Wofür?« wiederholte er. »Für verschiedene Dinge. Du darfst nicht vergessen, daß diese Leute Russen sind. Sie sprechen die Sprache und kennen sich in den Gepflogenheiten der Armee gut aus.«

»Mein Gott«, sagte Alf, »glaubst du, das wird den Krieg entscheiden?« Er blickte den Onkel an, aber der lächelte ihm gemütlich ins Gesicht, an seiner Zigarre paffend.

»Natürlich nicht«, sagte er, »im übrigen werden sie verhältnismäßig unbedeutende Aufgaben bekommen. Aber immerhin tragen sie Uniformen der Roten Armee und sind nicht so leicht zu erkennen. Wenn sie auch nichts entscheiden, so richten sie doch Verwirrung an. Allerdings, wie ich die Russen kenne, wird sie diese Verwirrung nicht weiter stören.«

»Das sagst du mir heute, und morgen wirst du ihnen schildern, wie sehr von ihrem Einsatz der Endsieg abhängig ist.«

»Soll ich lieber als Kompaniechef zur Infanterie nach Gum-binnen gehen? Es gibt genug Leute, die auf meinen Posten als Ic lauern…« Barden paffte ein paar Rauchwolken in die stickige Luft des Zimmers. Alf sah nachdenklich auf die Kognakflasche. Barden nahm die Zigarre aus dem Mund und sagte leise: »Junge, du mußt dir darüber klar sein, daß uns gegenüber dreißig Schützendivisionen liegen und zwölf verschiedene Panzerverbände. Die Artillerie will ich dir gar nicht aufzählen. Aber bis der Russe angreift, wird sich diese Zahl noch erhöhen. Was glaubst du, was sich hier abspielt, wenn es losgeht?«

Alf griff nach einer Zigarette. Als sie brannte, stand er auf und ging ein paar Schritte in der Stube hin und her. Barden konnte sein Gesicht jetzt nicht mehr erkennen, denn die Petroleumlampe, die an der Wand hing, war zu tief angebracht. Er hörte ihn nur sagen: »Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt für den Beginn des Angriffs?«

Barden zog die Stirn in Falten. Er strich sich leicht über sein lockeres, stark gelichtetes graues Haar und sagte dann: »Nach dem, was wir bis jetzt wissen, wird der Angriff noch eine Weile auf sich warten lassen. Ich meine den Großangriff. Den werden die Russen kaum noch im alten Jahr anlaufen lassen. Sie sind vorsichtig. Sie brauchen offenes Wetter. Das heißt Kälte und Schnee. Das ist ihre Zeit. Gestern sind Leute von dir zurückgekommen. Sie haben festgestellt, daß in den Bereitstellungen Schlitten eingetroffen sind. Wenn sie ihre Schlitten in die Bereitstellungen bringen, heißt das, daß sie mit Schlitten fahren wollen. Noch liegt kein Schnee. Vor Weihnachten wird es auch keinen geben. Danach wird der Angriff kommen. Wir werden gerade noch rechtzeitig von Ernestines Hochzeit zurück sein, um ihn zu erleben…«

»Vielleicht ist es der letzte, den wir erleben…«, sagte Alf aus der Dunkelheit.

Barden schwieg. Nach langer Zeit sagte er: »Es wird zuvor noch eine Anzahl kleinerer Plänkeleien geben. An ein paar Stellen werden die Russen versuchen, günstigere Ausgangspositionen zu gewinnen.« Er deutete mit dem Daumen der Hand, die auch die Zigarre hielt, nach der Tür. Es war eine unbestimmte Geste. Dann sagte er: »Sie werden es hier in dieser Gegend auch noch einmal versuchen. Es liegen Anzeichen dafür vor.«

Alf sagte: »Sie waren ja schon einmal bis über Haselgarten hinaus, Damals…«

»Ja«, unterbrach ihn Barden, »sie werden es wieder versuchen. Wie ich die Dinge sehe, werden wir ihnen nichts Wesentliches entgegensetzen. Wir werden sie nur abbremsen, nicht zurückschlagen.«

»Du meinst, wir haben nicht die Kräfte dazu?«

»Es werden andere Dinge gespielt. Alles, was wir noch tun werden, ist, die Russen so lange zu bremsen, bis die Amerikaner weit genug in Deutschland sind. So sehe ich das. Verstehst du?«

»Ich verstehe. Und meine Kompanie?«

»Man wird sie zurücknehmen. Sie ist zu schade als Prellbock. Noch wird sie gebraucht. Man wird sie zurück verlegen, wenn es losgeht. Aber es sieht so aus, als ließe das noch ein bißchen auf sich warten.« Er war kein Trinker, und der Alkohol setzte ihm zu. Er würde am Morgen furchtbare Kopfschmerzen haben, aber das war ihm jetzt gleich.

Auf der Straße vor dem Haus rollte eine Kolonne Fahrzeuge zurück. Munitionswagen. Die Motoren brüllten in die Nacht, und Alf, der mit gesenktem Kopf am Tisch stand, stellte sich die Gesichter der Fahrer vor. Schlecht rasiert, ungewaschen, über das Lenkrad gebeugt, mit angestrengten Augen die Dunkelheit absuchend, die durch die schmalen Lichtstreifen der Tarnscheinwerfer kaum erhellt wurde. Zigaretten in den Gesichtern. Glimmende Punkte in der Finsternis. Schweißgeruch und Tabaksqualm.

»Die Russen haben jetzt auch Radargeräte… «, sagte Barden.

»Im Schwarzwald…«, murmelte Alf. »Ernestine heiratet im Schwarzwald. Mein schwarzer Anzug wird mir nicht mehr passen. Ich werde in der Uniform erscheinen müssen…«

Eine Messe lesen

Während sich Zado sehr sorgfältig wusch, überlegte er, was das Mädchen gesagt hatte.

Er war den ganzen letzten Abend bei ihr gewesen, die Nacht hindurch und den folgenden Tag. Erst in der Dämmerung war er nach Haselgarten zurückgekommen. Er hatte sich zuvor bei Alf abgemeldet. Der hatte ihn verpflichtet, nicht länger als bis zur Dämmerung zu bleiben, und Zado war zur abgemachten Zeit wieder im Dorf gewesen. Er hatte in der Unterkunft niemand vorgefunden außer einem Obergefreiten, der dafür bekannt war, daß er zwischen den Einsätzen nur stundenweise nüchtern war und im übrigen ständig schlief, weil er sich von seinem Lager auf der Strohmatratze am Boden nur erhob, um weiter zu trinken, bis er wieder umsank. Der Mann war harmlos. Er redete viel, wenn er trank, aber er war gemütlich. Er lag auf einer Strohmatratze und sah aus glasigen Augen zu, wie Zado eine große Schüssel mit Wasser hereinholte und sie auf den Ofen stellte. Die Stube, in der sie lagen, war einmal die gute Stube der Bauernfamilie gewesen. Sie hatten die Möbel ausgeräumt und in die Scheune gestellt. Die Matratzen hatten sie nebeneinander auf dem Fußboden ausgelegt. So gab es mehr Platz in der Stube. Sie lagen zu sechs Mann darin, mit ihrem Gepäck und einer Anzahl Gegenständen, die zum täglichen Gebrauch bestimmt waren: die Waschschüssel, ein paar große Töpfe, eine Kaffeekanne mit einer gestrickten Wärmemütze, Eßbesteck, das aus sechs verschiedenen Häusern zusammengesucht war, Decken, alte Gardinen, die sie zum Putzen der Waffen benutzten, und ein Wetzstein, den Zado in der Küche irgendeines Hauses entdeckt hatte. In der Nähe des eisernen Ofens stand auf der Erde ein Grammophon mit einem riesigen Schalltrichter. Zuerst war nur das Grammophon dagewesen. Den Schalltrichter hatten sie später hinter den Häusern auf einem Gerümpelhaufen gefunden. Kraftfahrer hatten ihn als Benzintrichter benutzt. Er stank noch jetzt danach. Aber der Apparat spielte. Die Männer hatten ein paar Platten aufgetrieben. Es waren alte Lieder aus Großmutters Zeiten, aber irgendeiner hatte später aus dem Ort, in dem der Stab lag, ein halbes Dutzend neuer Platten mitgebracht. Die spielten sie abwechselnd. Es gab keinen, der sie nicht schon auswendig kannte. Als das Waschwasser warm war, stellte Zado die Schüssel auf einen Stuhl und zog sich aus. Der andere in der Ecke sah ihm unbewegt zu. Zado rieb sich den Oberkörper ab, dabei leise vor sich hin pfeifend. Das Mädchen hatte etwas von Liebe gesagt.

Der Obergefreite in der Ecke griff nach der Flasche. Es war Bols, und er stammte noch aus Holland. Der Obergefreite besaß noch eine halbe Kiste dieser Flaschen. Er hatte sie selbst gestohlen. Als sie Harderwijk räumten, war er mit einem Kraftfahrer zum Verpflegungslager gefahren, um für die Kompanie einen Zentner Brot, einen Viertelzentner Butter, ebensoviel Käse, zweitausend Zigaretten und hundert Flaschen Bols zu empfangen. Die Posten hatten um diese Zeit nicht mehr genau aufgepaßt, und der Obergefreite hatte zusammen mit dem Kraftfahrer zwei Kisten Bols zusätzlich aufgeladen. Nachher hatten sie geteilt. Die halbe Kiste, die er noch besaß, war der Rest seines Anteils. Er war nicht geizig, und aus diesem Grunde stahl ihm auch keiner etwas von dem Bols. Man brauchte ihm nur zu sagen, daß man eine Flasche haben wolle, und man bekam sie. Aber es gab besseren Schnaps als diesen Bols, und daher hielt sich der Rest in der Kiste des Obergefreiten ziemlich lange. Der Kraftfahrer hatte die Kiste heimlich auf seinem Wagen von Holland bis nach Haselgarten gefahren. Manchmal kam er, und dann trank er mit dem Obergefreiten gemeinsam eine Flasche aus. Die beiden waren seit der Ausbildung befreundet.