»Ich habe dich sehr lieb«, hatte das Mädchen gesagt. Sehr leise und so, daß man es ihr glauben konnte.
Die auswechselbare Liebe, dachte Zado. Die Liebe der kämpfenden germanischen Rasse. Die Liebe zwischen den klebrigen Fingern des einen und den entzündeten Pickeln des anderen. Die Liebe des Jahres neunzehnhundertvierundvierzig und später. Die Liebe der Helden unserer Zeit. Über was man nicht alles nachdenkt, sagte er sich. Aber es ist nichts daran zu ändern. Sie haben es geschafft. Sie haben die Männer zu Helden gemacht und die Frauen zu Huren.
»Hör mal, du Stint!« sagte er unvermittelt zu dem Obergefreiten. »Wo sind eigentlich die anderen hin?«
Der Betrunkene grinste über das ganze Gesicht. Er rollte die Augen und griff, als wäre er durch Zados Frage aufgewacht, wieder nach der Flasche. »In der Kirche…«, lallte er glucksend. Er nahm einen Schluck und wischte sich den Mund. »Alle in der Kirche. Mosek an der Spitze, hü Aber nicht… beten…« Da streifte Zado sich die Tarnjacke wieder über und setzte die Mütze auf. Der Betrunkene kicherte hinter ihm her, als er den Raum verließ.
Er hörte die Musik schon, als er sich der Kirche näherte. Er blieb stehen und lauschte einen Augenblick ungläubig.
Die Kirche stand am Rande eines kleinen Platzes, mitten im Dorf. Ihre Mauern waren von Ranken bewachsen. Ein altes, ehrwürdiges Bauwerk. Der Glockenstuhl war zerstört, obgleich die Glocke noch unversehrt hing. Eine Granate war in den Turm gefahren, hatte ihn stark beschädigt und auch einen Teil des Daches aufgerissen, so daß die Dachziegel unordentlich umherlagen.
Wenn der erste Schnee kommt, wird er durch dieses Loch hindurch fallen, dachte Zado. Er hörte jetzt ganz deutlich die Orgel spielen. Die Orgel war also nicht getroffen worden. Er stieg die Stufen hinauf und öffnete langsam die Tür. Sie quietschte leise in den Angeln, aber sie ließ sich leicht öffnen. Es war dunkel, bis auf die trübe Flamme eines Hindenburglichtes, das auf den Stufen zum Altar brannte. Um dieses Licht herum hockten etwas mehr als ein Dutzend Männer. Sie hatten den Läufer, der die Treppen hinaufführte, so zusammengelegt, daß jeder davon ein Stück als Sitzunterlage abbekam. Zado bemühte sich, auf das Licht zuzugehen, aber es war dunkel in der Kirche, und er stieß sich an den Holzbänken, bis er sich zum Mittelgang durchgearbeitet hatte. Er stolperte über einen zusammengeschobenen Teppich und fluchte laut. Es wurde ihm erst jetzt bewußt, daß diese Situation in der Kirche von Haselgarten eigenartig war. Er erinnerte sich nur noch schwach, wie eine Kirche ausgesehen hatte, in der er als Kind gewesen war. Und jetzt, in diesem Dorf, bei sinkender Nacht mit einem Dutzend Soldaten vor dem Hauptaltar. Um ein Hindenburglicht geschart. Das mutete gespenstisch an, irrsinnig. Die Orgel auf der Empore begann »Heimat, deine Sterne« zu spielen.
Einer der Soldaten, die auf den Stufen hockten, hatte Zado erkannt und rief gedämpft: »Zado… Komm her, wir haben deinen Schnaps hier!«
Es hatte Genever gegeben. Es gab öfters Genever, denn die Kompanie hatte in Holland selbst geholfen, allen Genever, der erreichbar war, in die Fahrzeuge der Division zu verladen. Nun wurde er ausgegeben. Es war klares, scharfes Zeug. Zado trank es nur, wenn er nichts anderes hatte.
Als er auf den Soldaten zuging, der ihn gerufen hatte, erkannte er, daß es Paniczek war. Einer aus Rybnik, der kein Wort Deutsch lesen und schreiben konnte. Einer, der in die Grube eingefahren war, ohne sich darum zu kümmern, ob die Leute ihn für einen Polen oder für einen Deutschen hielten. Bis die Deutschen kamen und Paniczek merkte, daß es die »Rzeczpospolita« nicht mehr gab. Da entdeckte er, daß ab seiner Großmutter alle Vorfahren deutsch gewesen waren, und er brauchte nicht zum Amt wegen der Volksliste. Paniczek war Reichsdeutscher, der zwar nicht lesen und schreiben, dafür aber in beiden Sprachen sehr abwechslungsreich fluchen konnte und zuweilen zum Spaß seiner Freunde Markstücke zwischen Daumen und Zeigefinger krumm bog. Er war ein hünenhafter Kerl mit breiten Schultern und Händen wie Sandschaufeln. Er hatte die Kräfte eines Stieres, aber er war so gutmütig, daß es den anderen schon keinen Spaß mehr machte, ihn zu hänseln.
»Komm…«, forderte er Zado auf, als dieser bis zu ihm getappt war.
»Was macht ihr denn hier?« erkundigte sich Zado verständnislos. »Seid ihr verrückt oder nur besoffen?«
»Alles!« grinste Paniczek. »Verrückt und besoffen auch. Hier hast du Schnaps. Schnaps ist da und Musik.«
Er hielt Zado die Flasche hin, und der nahm sie. Er sah, daß sie zur Hälfte gefüllt war. Ein halber Liter Schnaps bedeutete, daß es in spätestens drei Tagen den nächsten Einsatz gab.
Die Orgel dröhnte noch einmal auf, und dann verklang der letzte Ton. Der Spieler setzte zum nächsten Stück an. Er ließ das Instrument voll tönen, so daß es den großen Raum der Kirche mit seinem Klang ausfüllte. Er spielte: »Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen…« Ein paar von den Soldaten, die auf den Altarstufen hockten, sangen mit. Es waren rauhe, kehlige Stimmen, etwas heiser.
»Ihr seid verrückt«, sagte Zado, »ihr könnt doch nicht in der Kirche Musik machen. Und saufen…«
»Setz dich hin und halt die Schnauze«, sagte Paniczek, »setz dich hin, du Katholik, und sauf. Aber halt die Schnauze.«
Das Hindenburglicht beleuchtete die Gesichter der Männer, die auf den Stufen saßen. Es waren die gleichen Gesichter wie immer. Es war nichts Besonderes in ihnen. So, als säßen sie nicht in einer Kirche, sondere um ein Lagerfeuer zwischen zwei Seen in Masuren.
»Ich bin kein Katholik«, sagte Zado, während er sich neben Paniczek hockte, »aber es wird sicher welche geben. Gibt es denn keinen, der euch von dieser Schnapsidee hätte abhalten können?«
Der Hüne klopfte ihm auf die Schulter. »Sauf, Zado. Musik und Schnaps sind das halbe Leben. Die andere Hälfte ist Scheiße. Es gibt keine Katholiken mehr. Und keinen Pfaffen, der diese Kirche behütet. Bald wird es die ganze Kirche nicht mehr geben. Das Dach ist schon kaputt. Dann wird die Orgel nicht mehr spielen, und die andere Hälfte vom Leben wird auch noch Scheiße sein. Und wir vielleicht tot…«
Die Musik rauschte durch das Gewölbe. Mosek war ein guter Spieler. Sie hatten ihn schon oft zum Stab geholt, wenn sie dort ein Fest feierten. Mosek war beliebt. Er spielte einen Swing, und die Tone hüpften aus dem Instrument, überschlugen sich und erklangen voll und schön in der ausgezeichneten Akustik des Kirchenbaues.
Sie spielen Swing in der Kirche, dachte Zado. Er riß den Korken aus der Flasche und nahm einen langen Zug. Eigentlich war nichts dabei. Paniczek hatte recht. Wer weiß, wie lange die Kirche noch stand. Es war dieses riesengroße »Wer weiß«, womit man alles begründen konnte, was geschah. Die lang gezogenen Orgeltöne brachten seine Trommelfelle zum Schwingen. Es war, als säße er auf der Empore, zu nahe an der Orgel. Er blickte nach der Decke und sah die Sterne durch das zerfetzte Dach. Es roch noch immer nach Weihrauch in der Kirche. Sie war wohl wochenlang nicht benutzt worden, und das Loch im Dach war ebenfalls Wochen alt. Aber der Geruch des Räucherwerks hatte sich erhalten. Er kam von jedem Stück Mauer und von jeder der Holzbänke, aus den Läufern und aus den golddurchwirkten Decken, die auf dem Altar lagen.
Die Christusfigur stand noch dort, und das flackernde Licht spielte darauf. Die Farben leuchteten nicht, dafür war das Licht zu schwach. Das Blut an den Nägeln, die durch die Füße geschlagen waren, erschien ebenso schwarz wie die Falten des Lendentuches und die Dornenkrone auf dem Haupt des Gekreuzigten. Um das Licht herum glimmten die Zigaretten. Zado schüttelte den Kopf und lehnte sich zurück. Mosek spielte »Sing, Nachtigall, sing«, und die Soldaten summten andächtig mit. Die Sterne in der Lücke im Dach flimmerten unruhig.