Zado versank in dieser gespenstischen Atmosphäre, bis Paniczek ihn plötzlich anstieß und fragte: »Warum säufst du nicht? Sauf doch! Gibt nicht alle Tage Schnaps und Musik!«
»…als der Liebste mich besessen…«, sagte einer der Männer. Zado erkannte Klaus Timm an der Stimme, Timm, dachte er. Das läßt er sich nicht entgehen. Das ist was für Timm. Genever und Weihrauch, und der Jesus am Kreuz, im Schein des Hindenburglichtes, und dabei »…als der Liebste mich besessen«.
Wir sind alle sentimental, dachte er. Wir sind wie die alten Jungfern, wenn es uns packt. Wir sind keine Männer mehr. Sentimentale Waschlappen, perfekt im Töten und im sachkundigen Anlegen von Sprengungen. Und ein Schmarren bringt uns zum Heulen. Wir gäben allesamt den Inhalt für ein Museum ab, in dem die Deutschen des zwanzigsten Jahrhunderts für die Nachwelt zur Schau gestellt werden. Die Russen würden heute noch ohne Artillerie und Panzer angreifen, wenn sie wüßten, wer in unseren Uniformen steckt.
Die Orgel brach jäh ab, und Moseks Stimme rief von der Empore im breiten, gemütlichen Dialekt des Rheinländers herunter: »Bringt mir was Schnaps, Jungens!«
Sie brachten ihm Schnaps und auch dem anderen, der den Balg trat. Sie brannten ihm eine Zigarette an und steckten sie ihm zwischen die Lippen. Sie waren großartige Kameraden, denn es war Schnaps von ihrem Schnaps, und es war eine Zigarette von ihren Zigaretten. Sie hockten da und summten mit, und wenn er etwas Lustiges spielte, hellten sich ihre Gesichter auf, und sie lächelten einander zu und schlugen sich auf die Schenkel. Mosek spielte »Anna Marianna«, und Klaus Timm grölte plötzlich laut: »Spiel was Schräges, nicht diesen alten Fetzen!« Aber einer von den anderen verlangte sofort: »Weiterspielen! Das ist mein Lieblingslied !« Zado trank wieder. Er merkte, wie ihm der Genever langsam zu Kopfe stieg. Es ist ein verdammtes Zeug, dachte er. Morgen werde ich einen Brummschädel haben. Ich hätte lieber von dem Besoffenen eine Flasche Bols mitnehmen sollen.
Er merkte, daß der Schnaps ihn in Stimmung brachte, und sagte grinsend zu Paniczek: »Wenn der jetzt. ,Deutschland, Deutschland über alles‘ spielt, was machen sie dann? Stehen sie auf und heben die Hand, oder knien sie und schlagen sich an die Brust?«
Der Hüne lachte, behäbig auf und stieß mit seiner Flasche an die Zados. Er grunzte dabei: »So gefällst du mir, Zado!«
Zado wußte nicht mehr genau, wie viele Lieder Mosek gespielt hatte, als sich die Tür der Sakristei öffnete und einer mit dem Messbuch in der Hand heraustrat. In der anderen Hand hielt er ein zweites Hindenburglicht.
»Kein Wein mehr«, sagte er zu den anderen, »den hat der Herr Pfarrer mitgenommen. Bloß die Bibel hat er uns dagelassen.« Er hockte sich zu den anderen und blätterte in dem Buch. Und die Orgel tönte weiter, und die Sterne flimmerten dort, wo das Dach geborsten war.
»Diese Bibel«, sagte der Soldat mit erhobenem Zeigefinger, »die hat es in sich!« Er drückte seine Zigarette auf dem Läufer aus und begann vorzulesen.
»Jetzt liest er auch noch eine Messe…«, brummte Zado. Er hatte viel von dem Genever getrunken und hatte sich an die Kirche und die Orgel, an den Weihrauchduft und die Christusfigur gewöhnt.
»Dies ist das Buch von des Menschen Geschlecht«, las der Soldat mit erhobenem Finger, »da Gott den Menschen schuf, machte er ihn nach dem Gleichnis Gottes. Und schuf sie, ein Männlein und ein Fräulein, und segnete sie und hieß ihren Namen Mensch, zur Zeit, da sie geschaffen wurden. Und Adam war hundertunddreißig Jahre alt und zeugte einen Sohn, der seinem Bilde ähnlich war und hieß ihn Seth. Und lebte danach achthundert Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Daß sein ganzes Alter ward neunhundertunddreißig Jahre – und starb. Seth war hundertundfünf Jahre alt und zeugte Enos…«
Einer der Männer lachte laut auf, und der Leser unterbrach sich. »Hundertundfünf Jahre alt und zeugte Enos!« grölte Timm. »Stellt euch vor, was der mit dreißig gemacht hat! Oder mit fünfundzwanzig! Das waren noch Zeiten!«
»Da hatten sie alle sieben Weiber…«, sagte ein anderer, »ich hab’s irgendwo gelesen. Die Juden hatten alle sieben Weiber. Und damals gab’s nichts als Juden auf der Welt. Könnt ihr euch das vorstellen?«
»Diese Bibel ist gut«, sagte der Vorlesende, »ich werde sie mitnehmen. Sie ist beinahe so interessant wie ein Dreißig-Pfennig-Roman.« Er vertiefte sich wieder in das Buch, und die anderen begannen, sich gedämpft über ein Bordell in Amsterdam zu unterhalten, an das sie sich alle noch erinnerten, weil es dort ein Zimmer mit einem Filmapparat gegeben hatte. Mit acht Lagerstätten und einem Filmapparat und einer Leinwand an der Stirnseite des Raumes.
»Hör mal…«, wandte sich Paniczek an Zado, »willst du dir eine Flasche Schnaps verdienen?«
Zado schaute geringschätzig und antwortete: »Ich habe noch ein paar im Gepäck. Besseren, als du hast.«
»Aber trotzdem«, beharrte der andere, »Schnaps kann man nie genug haben. Willst du?«
»Was?«
»Du sollst mir was schreiben und kriegst eine Flasche Schnaps. Guten deutschen.«
Paniczek wandte sich manchmal an einen der anderen, wenn er etwas zu schreiben hatte. Ein Urlaubsgesuch, eine Meldung oder wie damals, als Zado ihm geholfen hatte, eine Anweisung nach Hause, daß irgendein Janek Streletzki das Zimmer von Paniczek ausräumen, alles verkaufen und ihm das Geld schicken solle. Paniczek konnte nicht schreiben, er hatte es nie gelernt.
»Was soll ich dir schreiben?« fragte Zado. »Ein Urlaubsgesuch?«
»Nein. Nicht Urlaubsgesuch. Andere Sache.«
»Was für eine Sache?«
»Komm mit. Oder willst du noch Musik hören?«
»Ich höre seit einer Viertelstunde keine Musik mehr«, sagte Zado und erhob sich, »meine Ohren sind voll Schnaps.«
Sie gingen den Mittelgang entlang, diesmal ohne sich zu stoßen, weil sich ihre Augen an das Dunkel gewöhnt hatten.
Sie gingen trotzdem langsam, und Mosek begann »Lilli Marien« zu spielen, und sie hörten Klaus Timm grölen; »…werd’ ich bei der Laterne stehn…« Dann schlug die Tür hinter ihnen zu, und die Kälte der Nacht fiel sie an. Sie stolperten die Stufen hinab, und die Musik klang dünn hinter ihnen her.
An der Front rollte der Donner ferner Geschütze. Das Dorf lag dunkel. Die Schritte knirschten auf dem gefrorenen Boden. Paniczek schlug den Kragen der Tarnjacke hoch und sagte: »Du brauchst nicht viel zu schreiben. Bloß ein bißchen. Einen Brief, kleinen. An ein unbekanntes Mädchen…«
»Eh…«, sagte Zado, »du und ein unbekanntes Mädchen. Wo hast du die aufgegabelt?«
Paniczek legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Er hauchte ihm eine Wolke Schnapsdunst ins Gesicht und sagte treuherzig: »Ein schönes Mädchen. Viel zu schön für unbekannt. Sie haben mir heute mittag ein Päckchen von ihr gegeben. Ein schönes Mädchen…«
»Hast du ein Bild von ihr?«
»Fünf Stück. Große Bilder.«
»Ich werd’ verrückt«, sagte Zado. »Zum Schluß wird aus diesem Krieg noch eine Ehevermittlung!«
Paniczek zeigte ihm das Päckchen, als sie in dem Hause angekommen waren, das sie bewohnten. Zado rückte die Schnapskiste des betrunkenen Obergefreiten in die Nähe des Ofens, stellte die Petroleumlampe auf und holte einen Bogen sauberes Papier aus seinem Rucksack. Er hockte sich auf den Fußboden und schrieb. Er hatte eine saubere Handschrift, und er wußte, wie man Briefe schreiben muß. Paniczek zeigte ihm alles, was in dem Päckchen gewesen war, und er gab ihm zu lesen, was das Mädchen geschrieben hatte. Er holte die Flasche Schnaps und noch eine andere, halbvolle, und hockte sich neben Zado. Er legte ihm eine Packung Zigaretten hin und nahm die Mütze ab, als fände eine Feier statt.
In dem Päckchen waren zwei Paar Socken und drei Taschentücher gewesen, die Zigaretten, die vor Zado lagen, eine Tafel erstaunlich guter Schokolade und ein grün-gelb gemusterter Seidenschal. Das Mädchen schrieb einen langen Brief, und sie erzählte dem unbekannten Empfänger, daß sie aus dem gleichen Stoff, von dem der Schal gemacht war, ein Kleid habe. Ihr Vater habe den Stoff aus Frankreich geschickt. Er sei ein leitender Angestellter bei der IG-Farben in Frankfurt, und er reise oft ins Ausland.