An jenem Mittag, nachdem er sein Essen, ein Gemisch von Sauerkraut, Kartoffeln, Gulaschklumpen und salziger Bratensoße verzehrt hatte, begab er sich mit der Pistole und einigen Pappschachteln voll Patronen zu einer Stelle, die hinter einem verlassenen Haus lag. Er hatte dienstfrei. Zado war bei seinem Mädchen. Bindig wußte nicht recht, was er beginnen sollte, und so entschloß er sich, das Porträt des ehemaligen Reichspräsidenten Hindenburg, das er in einem leeren Haus von der Küchenwand genommen hatte, unter den Arm zu klemmen und es auf dem gefrorenen Misthaufen im Rücken des Hauses so aufzustellen, daß es aus einer gewissen Entfernung etwa die Größe eines menschlichen Kopfes hatte.
Der Tag war sonnig, aber kalt. Aus einigen der Häuser stiegen kleine Rauchfahnen auf. Sie standen kerzengerade in der Luft. Der Hall der Schüsse war weithin zu hören. Bindig stand vor dem Misthaufen und schoß ein Magazin nach dem anderen leer. Die Treffer befriedigten ihn. Der Kopf des ehemaligen Reichspräsidenten wies eine stattliche Anzahl von Löchern auf. Als auf dem Kopf nicht mehr zu kontrollieren war, welcher Schuß welches Loch gerissen hatte, zielte Bindig in die weißen Ecken des Bildes, links und rechts über dem Kopf.
Er drückte gerade Patronen in ein leeres Magazin, als er spürte, daß von rückwärts jemand auf ihn zukam. Mit der Pistole in der einen Hand und dem halbvollen Magazin in der anderen drehte er sich um und sah Alf entgegen.
Der Leutnant kam heran und blieb neben ihm stehen, die Hände in die Seiten stemmend.
»Was machen Sie denn hier?« erkundigte er sich mit einem flüchtigen Blick auf das Bild am Misthaufen.
»Ich übe mit der Pistole«, antwortete Bindig freundlich. Er hielt nicht viel von Alf, aber immerhin noch mehr als von der Feldgendarmerie.
Der Leutnant sah zuerst Bindig an, dann das Bild, dann Bindigs Pistole und sagte kopfschüttelnd: »Manchmal könnte man glauben, ihr wäret allesamt übergeschnappt. Haben Sie getrunken?«
»Nein, Herr Leutnant«, sagte Bindig unsicher, »wir schießen so wenig scharf, aber man muß doch seine Waffe beherrschen, und…«
»Mann!« unterbrach ihn Alf. »Meinetwegen können Sie Tag und Nacht schießen. Aber nicht auf dieses Bild!«
Bindig blickte nach dem Misthaufen und zurück auf Alf.
Dieser beobachtete ihn und schüttelte wieder den Kopf. Bindig wußte nichts zu sagen. Er öffnete unschlüssig den Mund und schloß ihn wieder.
»Wissen Sie nicht, wer dieser Mann ist?« fragte Alf. »Haben Sie acht Jahre lang in der Schule gefehlt?«
»Hindenburg, Herr Leutnant«, sagte Bindig, »es ist Hindenburg. Natürlich kenne ich ihn.«
»Sie kennen ihn nicht«, sagte Alf, »sonst würden Sie nicht auf ihn schießen. Wissen Sie, daß Hindenburg Ostpreußen vor dem Einfall der Russen bewahrt hat? Daß er die Russen bei Tannenberg so geschlagen hat, daß sie sich heute noch nicht ganz davon erholt haben?«
»Jawohl, Herr Leutnant«, sagte Bindig gehorsam. »Aus der Hand Hindenburgs hat der Führer das Vermächtnis übernommen, Deutschland zu einer stolzen, mächtigen Nation zu machen.«
Alf verzog das Gesicht, aber er lachte nicht. Er sah Bindig an und sagte: »Sie sind ein Idiot, Mann! Wollen Sie den Rest des Krieges lieber in einer Strafkompanie verbringen, oder was wollen Sie eigentlich? Begreifen Sie nicht, daß Sie eine der erhabensten Gestalten deutscher Geschichte gröblich beleidigen, indem Sie dieses Bild auf einen Misthaufen stellen und danach schießen?«
Bindig antwortete nicht.
»Gab es denn in diesem verdammten Dorf kein anderes Bild, wonach Sie schießen konnten?«
»Jawohl, Herr Leutnant«, sagte Bindig.
Der Offizier trat nahe an ihn heran. Dabei sagte er leise: »Bindig… werden Sie nicht ulkig. Wenn Sie absolut draufgehen wollen, dann vergessen Sie beim nächsten Einsatz, Ihre Reißleine einzuhängen. Das ist ein schmerzloser Tod. Aber versuchen Sie es nicht auf diese Tour.«
»Ich habe mir nichts dabei gedacht, Herr Leutnant«, sagte Bindig leise, »ich hätte ebensogut eine Zwölferscheibe nehmen können, aber es war keine da.«
»Was sind Sie von Beruf?« erkundigte sich der Leutnant.
»Bibliothekar.«
»Bibliothekar sind Sie?«
»Jawohl, Herr Leutnant.«
»Wo haben Sie gearbeitet?«
»In einer städtischen Bibliothek.«
»Und dann Kriegsfreiwilliger?«
»Jawohl.«
Alf schnackelte mit den Fingern. »Sie haben sich den Krieg anders vorgestellt, nicht wahr?«
»Ich weiß nicht…«, sagte Bindig, unschlüssig, was Alf von ihm wollte. Aber der ließ ihn nicht weiterreden.
»Was für Schulbildung haben Sie?«
»Gymnasium bis zur Tertia.«
»Hm…«, machte Alf, »und dann haben Sie Bücher verkauft?«
»Ausgeliehen, Herr Leutnant.«
»Ja, richtig, ausgeliehen. Sie hätten Offizier werden können. Sie können es jetzt noch. Warum lassen Sie diese Möglichkeit aus?«
Er stellte die Frage nicht sehr ernsthaft, und es schien, als erwarte er auch keine Erklärung, denn er sah Bindig nicht einmal dabei an.
Bindig sagte: »Ich glaube, ich tauge nicht zum Offizier, Herr Leutnant. Und dann… es gibt in meinem Beruf Möglichkeiten, vorwärtszukommen…«
»Sie müssen es wissen.« Alf nickte uninteressiert. »Sie verstehen von Pistolen anscheinend mehr als von den Gestalten der deutschen Geschichte.«
»Die Achtunddreißig ist eine herrliche Pistole… Ich habe schon verschiedene Pistolen ausprobiert. Die alte Nullacht, die Walther, eine belgische F&N, eine kanadische und eine russische. Aber die Achtunddreißig hat mir am besten gefallen.«
»Das ist Ansichtssache«, sagte Alf. Er wies auf den Misthaufen und forderte Bindig auf: »Schaffen Sie mir ja das Bild dort weg. Danken Sie Gott, daß ich hier Kompaniechef bin und nicht ein anderer. Und jetzt habe ich eine Frage an Sie.«
»Jawohl«, sagte Bindig.
»Sie kennen Naumann?«
»Den Obergefreiten Naumann, jawohl.«
»Sie waren das letztenmal mit ihm zusammen im Einsatz. Wie war das genau mit ihm? Erzählen Sie mir das noch einmal.«
Naumann war der Oberkellner aus Stuttgart. Der Mann, der die Brücke gesprengt hatte und der davongekommen war, als die anderen in die Bereitstellung der Sturmgeschütze hineinliefen. Der Mann, der auf dem Rückflug hysterisch wurde und dem Timm die Pistole aus der Hand geschlagen hatte.
Als Bindig dem Offizier alles noch einmal erzählt hatte, schüttelte der den Kopf.
»Naumann ist wieder zurück. Er hat sich bei mir gemeldet. Man hat ihn als gesund entlassen. Überanstrengte Nerven, das war alles, was die Ärzte feststellten. Aber der Mann gefällt mir nicht. Er war früher anders. Würden Sie wieder mit ihm eingesetzt werden wollen?«
»Warum nicht?« antwortete Bindig prompt. »Er war immer in Ordnung. Durchdrehen kann jeder mal.«
»Darum geht es nicht«, sagte Alf, »so ein Mann kann eine ganze Aktion gefährden!«
»Ich wußte nicht, daß er zurück ist«, sagte Bindig.
»Er ist vor einer Stunde gekommen. Sprechen Sie mit ihm. Und sagen Sie mir danach Ihre Meinung, ob man ihn morgen abend mit einsetzen kann.«
Das war Alfs Art, die Kompanie zu befehligen. Er ließ die Soldaten im Zweifel darüber, ob er sich aus Unsicherheit mit ihnen beriet oder ob das seine Methode war. Er sprach nicht mehr von dem Hindenburgbild. Er sagte überhaupt nichts mehr darüber. Auch nicht über die Sache mit den beiden Feldgendarmen. Es gab wenige, die aus ihm klug wurden. Aber die Folge davon war, daß die Soldaten ihn für gerecht und gutmütig hielten. Und auf diese Weise hielt er die Disziplin in einer Einheit aufrecht, in der sie nur schwer aufrechtzuerhalten war. Die Kompanie wäre ihm einfach aus den Fingern geglitten, wenn nicht seine Art, sie zu führen, den Männern das trügerische Gefühl eingegeben hätte, die größtmögliche Freiheit zu besitzen.