Bindig reinigte seine Pistole sorgfältig. Er lud die beiden Magazine wieder, wobei er jede Patrone, die er einschob, peinlich mit einem Lappen abwischte. Als er fertig war, machte er sich auf den Weg, den Oberkellner zu suchen. Er fand ihn in dem Haus, das seine Gruppe bewohnte. Er hockte dort in der Küche auf der Ofenbank und kaute Brot. Neben ihm stand ein Topf mit einer trüben Flüssigkeit, die entfernt an Kaffee erinnerte. Der Oberkellner kaute Brot und schluckte abwechselnd von dem Kaffee.
»He…«, rief Bindig, »du bist wieder da! Hab’ ich’s doch gesagt, daß du es bei den Karbolzwergen nicht lange aushältst! Wie war’s?«
Der Angeredete hielt ihm die Hand hin. Er machte ein unglückliches Gesicht, aber in den Augen glomm ein verborgenes Feuer. Bindig konnte sich nicht erinnern, das jemals an dem Oberkellner wahrgenommen zu haben, außer vielleicht damals in der Maschine, als der Oberkellner auf Timm schießen wollte. Aber da war es sehr dunkel gewesen.
»Sie haben mich genäht und mir Spritzen gegeben«, murmelte er. Es war, als spräche er zu jemand, der nicht vor ihm stand wie Bindig, sondern den er sich nur vorstellte. So wie mancher Selbstgespräche mit einer Person führt, die in der Realität nicht existiert und die er darum nicht mit großer Lautstärke anredet.
»Spritzen«, sagte Bindig, »haben sie geholfen?«
»Die Haut ist zusammengewachsen«, sagte der Oberkellner, »es ging sehr schnell.« Er bewegte den Arm und fügte hinzu: »Kopfschmerzen habe ich. Jeden Tag werden sie schlimmer. Dagegen können sie nichts machen. Oder sie wollen nicht. Kein Mensch glaubt mir, daß ich Kopfschmerzen habe. Es ist, als hätten sie mir in den Kopf geschossen. So, daß man von vorn kein Loch sieht. Schweine.«
»Du solltest dir vom Sani was geben lassen«, riet ihm Bindig. Aber der andere machte nur eine müde Handbewegung.
»Ich brauche nichts mehr«, sagte er leise. Dann senkte er seine Stimme zu einem tonlosen Flüstern. »Ich brauche nur noch eine Fahrkarte nach Hause. Ich habe die Schnauze voll. Total voll!« Er fuhr sich mit der Hand ans Kinn, und seine Annen leuchteten auf dabei.
Bindig kannte ihn so nicht. Er fragte sich, ob die Ärzte im Lazarett wirklich nicht herausgefunden hatten, was mit dem Oberkellner los war. Er versuchte, aus ihm herauszubekommen, ob es die Kopfschmerzen waren, die ihn in diese Verfassung gebracht hatten, oder ob er einfach die Belastung durch die Einsätze nicht mehr ertrug. Er sagte vorsichtig: »Demnächst sind wir wieder dran. Vielleicht schon morgen, überrmorgen. Dann bleiben wir zusammen.«
Aber der kleine Oberkellner sah ihn nur mit einem aus-druckslosen Blick an und antwortete gepreßt: »Ich gehe nicht mit. Ich bin krank. Kranke Leute kann man nicht auf Einsatz schicken.«
»Das nicht«, sagte Bindig, »aber sie haben dich entlassen. Das bedeutet, daß du gesund bist. Wie willst du Alf klar machen, daß du krank bist?«
Der Oberkellner trank mit einer müden Bewegung den Rest des dünnen Kaffees aus. Er warf den Topf achtlos hinter sich auf die verdreckte Herdplatte. So, als beabsichtige er, niemals mehr etwas zu trinken. Dann stand er auf und legte Bindig die Hand auf die Schulter. Er war vollständig bekleidet, hatte die Tarnjacke an und das Koppel mit der Pistole darüber geschnallt. Nur die Mütze lag auf der Ofenbank.
»Bindig…«, sagte er müde, aber mit einem gefährlichen Leuchten in seinen Augen, »als ich im Lazarett zu mir kam, war die Wunde schon genäht. Ich spürte sie nicht einmal mehr. Nur den Kopf. Als wühle mir jemand mit einer Gartenschaufel darin herum. Ich habe geschrien. Da gaben sie mir Spritzen. Dann sagten sie, ich solle aufhören zu simulieren. Und es riß in meinem Kopf, daß ich nicht aus den Augen gucken konnte. Hast du schon einmal so was gehabt? Nein, sonst würdest du es wissen. Es ist schlimmer als jede Verwundung. Sie gaben mir keine Spritzen mehr. Sie brauchten Platz. Sie bekamen täglich ein paar Dutzend Leute von vorn. Alle mit Splittern von Granatwerfern. Und ich krümmte mich in meinem Bett, aber sie glaubten mir nicht, daß ich Schmerzen hatte. Bis auf eine Schwester. Die gab mir Pervitin. Zuerst das, was ich noch in der Kombination hatte, vom Einsatz. Dann welches vom Lazarett. Und dann entließen sie mich. Und jetzt bin ich hier. Ich hatte in meinem Gepäck noch sechs Pervitintabletten. Davon habe ich heute früh drei genommen und jetzt eben die anderen drei. Heute abend werde ich nicht mehr wissen, was ich tue. Dann werde ich mich entweder erschießen, oder ich werde zu feige dazu sein, und dann werde ich vor Schmerzen irrsinnig. Ich halte keine Schmerzen aus. Ich weiß es. Diese Brücke dahinten war die letzte. Ich werde keine mehr sprengen.«
Bindig stand ratlos vor ihm. Er spürte die Hand auf seiner Schulter und merkte, daß der Mann hastig atmete. Das konnte das Pervitin sein. Er hatte kleine Schweißtröpfchen auf der Stirn. »Geh zum Sani«, sagte er, »laß dir noch was geben. Vielleicht wird es dann besser.«
»Ich war beim Sani«, sagte der Oberkellner. »Pervitin gibt’s nur, wenn wir auf Einsatz gehen.«
»Nimm was anderes.«
»Keinen Zweck. Bis Abend reicht es.«
»Es ist möglich, daß Zado noch was von dem Zeug hat. Geh mal bei ihm vorbei, wenn er kommt. Ich suche dir auch noch was zusammen. Ich habe das Zeug immer mit zurückgebracht. Habe viel davon verschenkt, aber es muß noch was da sein.«
Der Oberkellner winkte müde ab. Diese Müdigkeit stand in einem seltsamen Gegensatz zu dem krankhaften Wachsein der Augen. Er nahm die Hand von Bindigs Schulter und sagte: »Du bist ein guter Junge. Aber es hat keinen Zweck. Ich bin fertig. Sie haben mich fertiggemacht. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich damals in der Bereitstellung krepiert wäre. Oder wenn ich einfach vom Baum heruntergeschossen hätte.«
»Sie hätten dich heruntergeschossen«, sagte Bindig überzeugt.
Der Oberkellner sagte: »Dann hätten sie mir eine Arbeit erspart. Und viel Schmerzen.«
»Du bist verrückt«, sagte Bindig. »Fertig sind wir alle. Aber wir sind doch keine Schlappschwänze.«
»Das haben sie mir im Lazarett auch gesagt«, erklärte der Oberkellner. Er nahm eine Zigarette aus der Tasche und brannte sie an. Seine Finger zitterten dabei. Es stimmte, daß dieser Mann ein Wrack war. Früher oder später würde jeder von ihnen ein solches Wrack sein. Warum quälte er ihn überhaupt noch mit seinen Ratschlägen?
»Hör mal«, sagte er, »geh zu Alf und sag ihm das alles. Vielleicht kann er was für dich tun.«
»Zwecklos«, sagte der Oberkellner, »sie sind alle egal. Timm, die Ärzte, Alf. Alle egal.«
»Aber wenn du Alf nicht Bescheid sagst, wird er dich morgen zum Einsatz schicken.«
»Er kann mich schicken«, sagte der Oberkellner, »aber ich werde nicht gehen. Ich nicht mehr.«
Bindig schüttelte ratlos den Kopf. Er hätte dem anderen gern geholfen, aber er wußte nicht wie. Er sagte nur: »Ich suche ein paar Tabletten für dich. Ich bringe sie dir ’rüber.«
Naumann dankte ihm gleichgültig. Er hielt die Zigarette in den zitternden Fingern, und als Bindig ging, sagte er zu ihm: »Wir haben zu viele Brücken gesprengt. Zu viele Leute umgelegt. Zu viele Feuer gemacht und zu viele Explosionen. Wir hatten nicht den Mut aufzuhören, als es noch Zeit war. Jetzt ist es zu spät.«
Bindig ging zuerst in die Stube, in der er schlief. Er nahm aus seiner Kombination eine kleine Blechschachtel und schüttelte den Inhalt in die Handfläche. Es waren neun kleine weiße Tabletten. Als er damit in die Unterkunft kam, in der der Oberkellner lag, fand er ihn nicht vor. Er legte die Tabletten auf die Pritsche und schrieb einen Zettel, daß sie für ihn seien.
Er nahm sich vor, zu Alf zu gehen und ihm zu erklären, wie es um den Oberkellner stand. Aber er schob es noch auf, obwohl er nicht recht wußte warum.
Er vergaß es endgültig, als er plötzlich auf der Dorfstraße die Frau aus dem einsamen Gehöft gehen sah. Sie hatte ein schweres, gestricktes Tuch um die Schultern geworfen. Unter dem Arm trug sie eine Glasscheibe, und Bindig fragte sich erstaunt, woher sie wohl die Scheibe habe, denn es gab nicht mehr viel Scheiben im Dorf. Man mußte lange suchen, bis man eine fand, die nicht zerschlagen war. Er lief ihr ein Stück nach und rief.