Erst als die Frau sich umwandte, wurde er sich bewußt, daß er »Anna!« gerufen hatte.
»Sie sind es!« sagte die Frau erstaunt. Sie gab sich keine Mühe, gleichgültig zu erscheinen. Sie lächelte. »Es ist lange her, daß mich jemand mit meinem Namen gerufen hat.«
Er war atemlos von dem Lauf hinter ihr her. Er würgte heraus: »Verzeihen Sie, Sie sagten Ihren Namen, und jetzt… ich wußte nicht…«
Sie standen allein, dort, wo das Dorf zu Ende ging. Sie lehnte sich an eine der Bänke, auf denen früher die Milchkannen der Bauern gestanden hatten, die morgens von den Molkereifahrzeugen geholt wurden. Sie sagte: »Es ist schön, daß Sie sich meinen Namen gemerkt haben. Ich dachte, Sie würden wieder einmal kommen…«
Er spürte mit einem Male sein Herz klopfen. Er sah sie an, und sie erwiderte den Blick mit einem Lächeln. Er glaubte sich zu irren, denn er hatte alles andere erwartet, nur nicht dieses Lächeln.
»Sie haben eine Scheibe geholt?« fragte er verwirrt. »Warum haben Sie mir nichts gesagt? Ich hätte Ihnen geholfen…«
Sie sagte: »Ich habe sie aus einem Kellerfenster genommen. Bei uns in der Küche ist eine entzweigegangen. Heutzutage kann man wohl so etwas tun. Es wird kaum jemand hierher zurückkommen und diese Scheibe suchen.«
Er bewegte unbestimmt die Schultern. Er wollte sagen, daß in diesem Dorf vielleicht überhaupt kein Stein auf dem anderen bleiben würde, wenn erst einmal die Front aufwachte und der Krieg weiterging. Aber er sagte das nicht, sondern: »Eigentlich wollte ich Sie heute besuchen. Nun habe ich Sie getroffen…«
Irgend etwas an der Frau kam ihm verändert vor. Sie schien nicht mehr so abweisend zu sein wie damals, nicht mehr so auf Abstand bedacht. Aber er war nicht sicher, ob er sich nicht irrte. Er hörte die Frau sagen: »Warum kommen Sie nicht? Wo ist Ihr Kamerad?«
»Fort. Beim Divisionsstab.«
»Dann kommen Sie. Kommen Sie mit.« Sie lächelte wieder dabei. Er sah sie ein paar Sekunden lang stumm an. Sie war nichts weiter als eine Frau, die lächelte. Sie stand vor ihm, an das Holz gelehnt, die Scheibe unter dem Arm, und sah ihn an. Eine Frau mit einem reifen, vollen Körper und einer Stimme, die angenehm klang. Er begriff im gleichen Augenblick, er hätte längst wieder zu ihr gehen sollen. Er entschied sich schnell.
»Warten Sie, ich muß nur meinem Zugführer sagen, wo ich bin. Warten Sie, bitte!«
Er lief davon, und die Frau blickte ihm nach. Als er zwischen den Häusern verschwunden war, legte sie die Glasscheibe vorsichtig auf die Bank und blickte auf die gefrorene Dorfstraße. Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich.
Bindig stürzte atemlos in Timms Quartier. Der Unteroffizier saß an einem zerkratzten Tisch und las in einer Zeitung.
Die Stube war stark geheizt, und er war in Hemdsärmeln. Bindig blieb in der Tür stehen und legte die Hand an die Mütze, aber Timm drehte sich nur halb um, sah ihn an und forderte ihn auf: »Machen Sie die Tür zu! Es wird kalt!«
Bindig atmete tief und sagte: »Herr Unteroffizier, ich möchte mich für heute abend abmelden.«
»Abmelden?« fragte Timm. Er drehte sich auf seinem Schemel um und sah Bindig an. »Wohin?«
»Ich bin eingeladen worden.«
»Wohin?«
Warum soll ich es ihm nicht sagen? dachte Bindig. Warum eigentlich nicht? Ich brauche mich nicht zu schämen.
»Zu der Frau, die in dem Gehöft hinter dem Dorf wohnt«, sagte er.
Timm blinzelte ihn an und musterte ihn vom Kopf bis zu den Schuhen. Dann fragte er beinahe gemütlich: »Zu der Frau, die in dem Gehöft hinter dem Dorf wohnt? Eingeladen?«
»Jawohl«, sagte Bindig.
»Hm!« machte Timm. »In Ordnung. Wie heißt die Frau?«
Er grinste, als er bemerkte, wie Bindig die Röte ins Gesicht schoß. Er wartete ein paar Sekunden, aber Bindig konnte nichts sagen. Dann lachte Timm laut auf.
»Sie sind richtig! Geht zu einer Frau schlafen und weiß nicht, wie sie heißt! Sie fangen an, mir zu gefallen!«
»Ich gehe zum…«, setzte Bindig an. Aber Timm unterbrach ihn, noch immer lachend: »Schon gut! Wir haben alle mal angefangen! Hauen Sie ab!«
»Für den Fall, daß…«, setzte Bindig wieder an. Aber Timm winkte mit der Hand ab.
»Morgen früh. Vorher werden Sie hier nicht gebraucht.« Mit einem Male wurde er wieder ernst und sagte: »Sie sind übermorgen mit dabei. Bereiten Sie sich darauf vor. Nutzen Sie die Zeit. Morgen gibt es keinen Nachturlaub mehr.«
»Jawohl«, sagte Bindig heiser, »danke, Herr Unteroffizier.«
Als er gegangen war, trat Timm ans Fenster und sah ihm nach. Es war noch eine Scheibe in dem Fenster, und die war viermal gesprungen. Timm preßte das Gesicht an das Glas und blickte hinaus. Er sah Bindig die Dorfstraße entlanggehen.
Als er verschwunden war, zündete sich Timm nachdenklich eine Zigarette an. Er blies den Rauch in die stickige Luft des überheizten Raumes und sagte halblaut: »Bindig…« Er erinnerte sich an die Nacht, als er durch das Fenster in das Bahnwärterhäuschen gesehen hatte. Er sah Bindig und Zado durch die Tür eintreten, mit ihren geschwärzten Gesichtern, die Russenmäntel an und die Pelzmützen auf den Helmen. Er hörte die Schüsse, und dann sagte er: »Zwei Millionen Soldaten, die so sind wie dieser Bindig, und der Krieg wäre gewonnen. Kalt wie eine Hundeschnauze und rot im Gesicht, wenn man deutsch von einer Frau redet. Das ist Material. Zwei Millionen davon…«
Bindig trug die Scheibe, die Anna aus einem der zerstörten Häuser genommen hatte, nach dem Gehöft. Er sprach nicht viel. Er ging nur neben ihr her und sah sie zuweilen an.
Dann half er Jakob, die Scheibe zurechtzuschneiden und einzusetzen. Der taubstumme, schwachsinnige Knecht hatte irgendwo ein Taschenmesser mit einem Stahlrädchen aufgetrieben. Er schnitt die Scheibe mit viel Geschick, nachdem er die Scherben der alten aus dem Rahmen entfernt hatte. Schließlich paßte er sie ein, und dann brachte er aus dem Schuppen ein paar schmale Leisten und eine Säge herbei. Die Scheibe mußte mit Leisten befestigt werden, weil kein Kitt aufzutreiben war. Bindig ging ihm zur Hand, und insgeheim bewunderte er die Geschicklichkeit des Mannes. Sie setzten den Fensterrahmen wieder ein, als es schon dämmerte. Anna zündete den Docht der Petroleumlampe an und zog die schweren, dunklen Vorhänge zu, damit kein Lichtstrahl nach draußen drang. Dann kümmerte Jakob sich um das Vieh, und sie half ihm, es zu füttern. Aber sie ließ es nicht zu, daß Bindig mit in den Stall ging, um zu helfen. Sie bat ihn, in der Küche zu bleiben und auf das Essen zu achten, das auf dem Herd stand.
Es dauerte lange, bis die beiden aus dem Stall zurückkamen. Bindig sagte nichts, als sie Jakob zuerst zu essen gab und ihn bat, sich ein wenig zu gedulden. Der Knecht löffelte mit einem seltsam ernsten Gesicht seine Suppe. Es war nicht sein übliches Gesicht, jene ewig grinsende, idiotische Grimasse. Anna hantierte schweigend mit dem Geschirr. Sie schnitt Brot für Jakob ab. Es war flaches, schwärzliches Brot, selbstgebacken aus Mehl, das nichts taugte. Aber es war Brot, und die Frau behandelte es wie ein Heiligtum. Der Knecht aß wenig. Er erhob sich bald vom Tisch und begab sich in seine Kammer über der Küche. Er grinste Bindig an, als er sich vom Tisch erhob, und bewegte ein paarmal den Kopf hin und her, aber er hatte bereits in der Tür wieder ein ernstes, fremdes Gesicht. Bindig beobachtete diesen Wechsel interessiert. Er gab sich Mühe, es nicht merken zu lassen, aber die Frau mußte seinen Blick aufgefangen haben. Sie sagte schnelclass="underline" »Er ist müde heute. Es hat viel Arbeit gegeben.«
Bindig nickte. Versonnen sah er der Frau zu, wie sie sich zwischen dem Herd und dem Tisch bewegte. Er war verwundert darüber, daß sie fast ununterbrochen sprach. Über irgendwelche belanglose Dinge, auf die er ebensolche belanglose Antworten gab. Damals, als er mit Zado bei ihr gewesen war, hatte Anna nur wenig gesprochen. Heute war sie anders, sie brachte es fertig, über eine Nichtigkeit zu lachen, und es war ein schönes, klangvolles Lachen, bei dem ihre Augen blitzten.