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»Sie müssen sich noch einen Augenblick gedulden…«, bat sie ihn plötzlich. Als sie zurückkam, trug sie anstatt des Rockes und der Leinenbluse ein buntes Kleid. Sie hatte helle, durchbrochene Schuhe angezogen und ihr Haar sorgfältig zurückgekämmt. Sie sah aus wie ein junges Mädchen, das sich für den Sonntag geschmückt hat.

»Oh…«, sagte Bindig überrascht, »Sie sind…«

Sie kam auf ihn zu. Wieder wie ein junges Mädchen, die Arme auf dem Rücken verschränkt. Sie drehte sich vor ihm und fragte mit seitwärts geneigtem Kopf: »Mein bestes Kleid. Gefällt es Ihnen?«

Er war sehr unsicher, als er sagte: »Ausgezeichnet… Sie müßten es jeden Tag tragen…«

Die Frau hatte ihn überrascht. Er wollte es nicht zeigen, aber sie wußte es selbst gut genug. Sie war ebenso unsicher wie er und verbarg ihre Unsicherheit hinter vielen nichtssagenden Worten, hinter ihrem klingenden Lachen und dem Glanz ihrer Augen. Sie verbarg ein Gefühl dahinter, das sie selbst noch nicht genau kannte. Es gelang ihr so gut, daß er schließlich sagte: »Sie sind eine Ver-wandlungskünstlerin! Ich habe nicht geglaubt, daß Sie überhaupt lachen können.«

Da ließ sie die Arme sinken und sagte leise, so wie sie sonst immer gesprochen hatte: »Wie lange habe ich keinen Gast gehabt, für den es gelohnt hätte, ein gutes Kleid anzuziehen…«

Er nickte. Dieses Dorf war ein totes Dorf. Das Leben in seinen Mauern war kein wirkliches Leben. Eines Tages würde es in Haselgarten nichts mehr geben als geschwärzte Mauerreste und Granattrichter. Er zweifelte nicht daran, und er mußte die Worte herauswürgen.

»Wenn der Krieg vorbei ist, dann werden Sie oft Gäste haben. Ich hoffe, daß ich dann auch einmal kommen darf…«

An der Wand über dem Küchenschrank hing eine alte, unansehnliche Kuckucksuhr. Ihre Zeiger hielten auf der achten Stunde. Die Klappe des Gehäuses öffnete sich, und der Kuckuck steckte achtmal seinen Kopf heraus; dabei gab es ein krächzendes, dem Kuckucksruf kaum ähnliches Geräusch.

Sie blickten beide nach der Uhr, und dann sagte Anna plötzlich: »Der Kuckuck hat gerufen. Es ist Zeit zum Essen! Wie lange dürfen Sie bleiben?«

»Ich…« Er stockte und überlegte schnell, bevor er weitersprach. Er sah das grinsende Gesicht Timms vor sich.

»Es ist bei uns nicht so genau«, sagte er, »ich habe Zeit. Wir sind…«

»Essen wir«, forderte ihn Anna auf. Sie trug die Speisen zum Tisch und setzte sich ihm dann gegenüber. Sie hatte Rauchfleisch mit Kraut gekocht. Als sie gegessen hatten, brachte die Frau eingemachte Kirschen auf den Tisch.

Sie streute Zucker darüber und sagte: »Es wäre wirklich nicht nötig gewesen, daß Sie den Zucker brachten. Hoffentlich haben Sie keinen Ärger deshalb.«

»Was soll das schon für Ärger geben?« Er lachte. Sie sagte: »Jedenfalls danke ich Ihnen. Und eine Überraschung habe ich auch noch für uns…«

Es war mit einem Male so, als wäre er mit dieser Frau bereits seit Monaten bekannt. Als wären sie gute Freunde. Zunächst hatte Bindig das verwirrt, aber er überwand diese Verwirrung schnell.

Als Überraschung gab es eine Flasche Wein. Es war ein schwerer süßer Obstwein, und sie erzählte ihm, daß es früher im Dorf einen Bauern gegeben habe, der ihn selbst zog. Als Bindig ein Glas davon getrunken hatte, wußte er, daß dieser Wein gefährlicher war als der Genever, den sie gelegentlich bekamen. Er sagte ihr das, aber sie lachte nur. Sie füllte die Gläser aufs neue und trank ihm zu. Er merkte, wie ihre Bewegungen leichter, gelöster wurden. Sie hörte ihm zu, als er von dem Genever erzählte und davon, wie sie ihn in Holland auf die Fahrzeuge der Kompanie verladen hatten. Er erzählte von zu Hause und von der Kompanie. Von Zado und auch von der Geschichte mit dem Hindenburgbild.

»Er wird Ihnen zu Weihnachten keinen Urlaub geben. Und Ihr Mädchen wird umsonst warten«, sagte Anna.

Sie hob das Glas und trank. Sie setzte es ab, als er sagte: »Ich habe Weihnachten ohnehin keinen Urlaub zu beanspruchen. Und ein Mädchen habe ich auch nicht. Also wird niemand warten.«

»Kein Mädchen«, sagte die Frau nachdenklich, »warum?«

»Das ist eine lange Geschichte. Keine sehr schöne.«

»Sie haben schöne Hände. Gar nicht wie ein Soldat…«

Sie wich seinem Blick nicht aus. Sie sah ihn an. Aber es lag keine Herausforderung in ihrem Blick. Er war nachdenklich.

Ein wenig traurig, wie Bindig meinte.

»Ihr Mann ist im Krieg?« fragte er.

Eine Weile war es still. Dann schüttelte die Frau den Kopf.

»Ich habe keinen Mann mehr. Er ist tot. Gefallen, vor zwei Jahren.«

»Oh, verzeihen Sie, bitte…«

»Es ist nichts zu verzeihen«, sagte sie, »ich bin eine von den Frauen, die froh darüber sind, daß ihr Mann nicht mehr lebt.«

»Ich verstehe nicht. Warum?«

»Das ist auch eine lange Geschichte. Und ebenfalls keine sehr schöne. Schmeckt Ihnen der Wein?«

»Ausgezeichnet.«

»Dann trinken wir doch davon.«

Der Wein war anders als der Genever. Er machte keinen schweren Kopf. Er berauschte auf eine angenehme Art. Er ließ die Gedanken leichter fließen und die Lippen gesprächiger werden. Er ließ das Lachen aufklingen, und er brachte das Vergessen alles dessen, was um dieses Gehöft war, um das Haus, um die Stube, in der sie saßen.

»Morgen werde ich von Haselgarten weggehen«, sagte Bindig schließlich. Die Frau öffnete den Mund ein wenig. Ihre Frage klang beklommen. »Warum? Wohin?«

»Ich bin Soldat«, sagte er, »ich gehe morgen zum Einsatz.«

Die Frau blickte auf ihre Hände. Er hörte sie leise fragen: »Wie lange wird das sein? Lange?«

Er bewegte leicht die Schultern. Der Wein funkelte in den Gläsern. »Ich weiß nicht, vielleicht nur ein paar Tage. Wenn ich nach ein paar Tagen nicht zurück bin, werde ich nicht mehr kommen.«

»Das soll heißen…«

»Ja«, sagte er. »Genau das.«

»Sie müssen wieder hinter die russische Front?«

Er nickte. Warum sollte er es ihr nicht sagen? Sie war lange genug im Dorf und wußte, daß die Kompanie aus Fallschirmjägern bestand. Das übrige konnte sie sich denken, Und außerdem hatte ihr Zado bereits damals, als sie bei ihr waren, gesagt, was für eine Art von Soldaten sie waren.

»Es ist grausam…«, hörte er sie sagen. »Man sitzt sich gegenüber und weiß nicht, ob man sich noch einmal sieht. Es ist, als hätten die Menschen vergessen, wie kostbar das Leben ist…«

Er trank hastig von dem Wein. Die Frau hob auch ihr Glas, aber sie trank diesmal nur wenig.

»Es hilft alles nichts« versuchte er sie aufzumuntern.

»Schließlich ist kein anderer da, der es uns abnimmt. Wir sind ganz allein dazu da…«

Der Kuckuck krächzte wieder. Er zeigte die zehnte Stunde an. Sie aßen und tranken. Manchmal sprachen sie über irgendeine Belanglosigkeit. Dann wieder saßen sie nur still, und einer sah den anderen an, den Blick verschämt abwendend, wenn er sich mit dem des anderen traf.

Als die Frau sich einmal erhob und den Fenstervorhang beiseite schob, sagte sie leise: »Es schneit. Das ist der Winter.«

Bindig trat neben sie. Er duckte sich ein wenig, um unter ihrem erhobenen Arm hindurch, der den Vorhang hielt, hinausblicken Zu können. Er berührte sie dabei. Er warf nur einen schnellen Blick auf die Schneeflocken, die im Lichtschein, der aus dem Fenster fiel, durcheinander wirbelten. Er hatte gehofft, daß der erste Schnee noch ein wenig auf sich warten lassen würde. Einen Augenblick lang überlegte er, daß sie beim kommenden Einsatz Schneehemden tragen müßten. Es würde kalt sein. Und es gab Dinge, bei denen man die wärmenden Handschuhe würde ausziehen müssen.