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Während er noch immer staunend spürte, daß die Frau seiner Berührung nicht auswich, hörte er sie sagen: »Wirst du zurückkommen?« Sie sagte es sehr leise, und er verstand sie zuerst nicht. Er dachte über das »Du« nach, mit dem sie ihn anredete. Aber dann begriff er, daß sie hier in diesem Augenblick gar nichts anderes sagen konnte. Eine Frau, dachte er, und sekundenlang war er unschlüssig, was er nun tun sollte. Er hörte ihren Atem. Er spürte ihn im Nacken. Seine Schulter berührte noch immer leicht ihren Arm, der den Vorhang hielt. Die Flocken vor dem Fenster tanzten einen verwirrenden Reigen im matten Lichtschein. Das ist der Winter, dachte Bindig. Dann drehte er sich plötzlich um und sah sie an.

»Ich habe dich etwas gefragt«, sagte sie. Ihre Augen waren groß und dunkel. Sie blickte auf seinen Mund, nicht in seine Augen.

Er machte eine kleine Bewegung auf sie zu, aber sie wich ihm nicht aus.

»Ja«, sagte er langsam, »du hast mich gefragt, ob ich wiederkomme. Ich weiß das nicht.«

Die Frau ließ die Arme sinken. Er sah über sie hinweg, auf den Tisch, wo die Gläser standen. Dann legte er ihr zögernd die Hände auf die Schultern und zog sie an sich.

»Wie kann ich wissen, ob ich wiederkomme?« fragte er. Die Augen der Frau waren ganz nahe. Aber es war, als seien sie gar nicht so dicht vor ihm, als atme da nicht dieser halbgeöffnete Mund mit den vollen Lippen. So, als wäre alles unendlich weit entfernt und unerreichbar.

»Gut…«, sagte sie schließlich. »Aber ich mußte es dir trotzdem sagen, daß ich dich wiedersehen will…«

»Wiedersehen?« wiederholte er.

»Ja.« Sie war ihm mit einemmal ganz nahe. Sie drängte sich an ihn, und er spürte ihre Wärme. In ihrem Atem war noch der Wein, den sie getrunken hatte. Sie sagte: »Ja. Wenn du morgen früh von mir fortgehst, dann will ich wissen, daß du wiederkommst.«

Er wollte sie mit einer wilden, ungestümen Bewegung an sich pressen. Aber es wurde nichts als ein sanfter, lange währender Kuß. Dann strich sie ihm das Haar zurück. Er spürte noch den Geschmack ihrer Lippen, als er sagte: »Ich kann mich jetzt ganz deutlich daran erinnern, wie ich dich zum erstenmal sah…«

Sie legte ihm den Finger auf den Mund.

»Still…« Als er verstummte, sagte sie nachdenklich: »Wie jung bist du. So jung – und viel zu schade für das alles, was sie mit dir machen…«

Er begriff sie nicht. Aber es war, als sei mit einem Male irgendein geheimer Mechanismus in ihm in Gang gesetzt worden. Er spürte wieder, daß er Sehnen besaß und Muskeln, und er spürte auch, daß sie gehärtet waren von den Bodenrollen und Klimmzügen, vom Aufprall auf der Matte unter dem Sprungturm und vom Ruck der Leinen, wenn der Schirm sich öffnete. Vom Kriechen auf dem gefrorenen Boden und von jenem klammernden Griff der Hände, die die Maschinenpistole gepackt hielten oder das Messer. Er spürte mit einem Male eine unbändige Kraft, und er nahm die Frau und hob sie auf seine Arme.

Sie wollte ihm Einhalt gebieten, aber es war nur eine schwache Geste. Sie wies auf den Tisch mit den Gläsern.

»Laß mich das abräumen, du…«

Er lachte nur, während er sie quer durch die Küche trug. Er hatte alles vergessen, was um dieses Haus herum war, was morgen und übermorgen sein würde. Mit der Schulter stieß er die Küchentür auf. Er wußte nicht, wo die Schlafkammer lag. Aber er brauchte nicht danach zu fragen; sie flüsterte es ihm zu.

Die Kälte kroch durch die Ritzen der Fenster. Die Kammer war ungeheizt, und eigentlich war es gar keine Kammer, sondern ein geräumiges Zimmer. Es war nicht ganz dunkel, denn die beiden Fenster waren nicht verhängt, und von draußen fiel ein Schimmer von jener Helligkeit herein, die der Schnee verursachte. Wenn Bindig sich bewegte, spürte er den Körper der Frau. Sie lag so dicht an ihn geschmiegt, daß er ihren Atem hören konnte. Die Frau lag still, mit offenen Augen. Sie hatte das Deckbett bis hoch über die Brust gezogen und die Arme darunter verborgen. Bindig ertrug das Deckbett nicht. Er hatte es abgestreift. Die trockene Kühle des Zimmers tat seinem Körper wohl.

»Du wirst dich erkälten«, sagte die Frau leise, »die Stube ist kalt…« Sie wollte seinen Körper bedecken, aber er hielt ihre Hand fest. »Mir ist nicht kalt.«

»Du wirst krank werden«, redete sie auf ihn ein. Sie richtete sich ein wenig auf und blickte ihm in die Augen. Er zog sie an sich und küßte sie.

»Nur noch ein paar Stunden…«, flüsterte sie. Er strich über ihren Körper, und trotz seiner zerschundenen Handflächen spürte er die weiche, warme Haut. Sie ließ den Kopf an seine Schulter sinken und wiederholte: »Nur noch ein paar Stunden…«

Es war, als wäre ihre Stimme meilenweit entfernt. Er hörte sie, wie er manchmal eine Stimme aus dem Radio des Funkwagens im Kopfhörer hörte. Aber die Frau war neben ihm. Sie lag leicht an ihn gelehnt, und er konnte den Hauch ihres Atems an seiner Brust spüren.

»Du…«, sagte er, »Anna, wie war das eigentlich? Morgen oder übermorgen werde ich denken, es sei alles nicht geschehen, und ich habe nie bei dir gelegen…«

»Es ist gut so«, sagte sie, »ich habe es gewollt, und du hast es gewollt. Es ist gut.«

»Willst du schlafen?« fragte er.

Sie antwortete nicht, und er sagte: »Vielleicht ist es das letztemal, daß wir beisammen sind. Wer weiß, was in den nächsten Tagen passiert…«

Sie sagte nichts. Aber sie brachte ihren Körper so nahe an den seinen, daß er spürte, wie sein Blut schneller zu pulsieren begann.

»Es ist eine gute Erinnerung«, sagte er langsam, »wenn ich morgen an dich denke, wird es eine gute Erinnerung sein. Ich habe nicht viele gute Erinnerungen, und vielleicht gehe ich diesmal drauf, dann ist wenigstens…«

»Still…«, rief sie leise. »Sei still davon. Es passiert dir nichts I«

Er lachte, aber es klang wenig heiter. »Ich mache nicht gerade einen Spaziergang. Und die Russen schießen nicht mit Erbsen…«

Er wußte selbst nicht, weshalb er das jetzt sagte, denn er hatte nie die Angewohnheit gehabt, vor einem Einsatz davon zu reden, daß es ihn erwischen könnte.

Anna, dachte er. Solche Gedanken kommen, wenn man plötzlich etwas entdeckt, um dessentwillen es sich lohnt zurückzukommen. Ich glaube, das kann einen zum Feigling machen.

Er sagte es ihr, und die Frau fragte nach einer Weile: »Warum müßt ihr nur immerzu Dinge tun, die keinen Sinn haben als höchstens den, euch zu töten?«

Es steckte noch alles in ihm, was sie ihm in der Schule eingebleut hatten und bei den Belehrungen in der Kompanie. Die Bilder aus den Illustrierten waren noch in seinem Kopf und das Geschwätz, für das die Rundfunkleute bezahlt wurden.

Er war lange genug mit Zado zusammen gewesen, hatte ein wenig von dessen Zynismus angenommen und sah alles etwas nackter, illusionsloser als früher. Aber Zados Zynismus hatte noch nicht viel mehr als ein paar wirre Striche auf der Karte seines Weltbildes gezogen.

»Es ist nichts sinnlos«, sprach er in die graue Dunkelheit hinein, »alles, was wir tun, hat einen Sinn. Wenn wir es nicht täten, dann würden die Russen Weihnachten in Berlin sein. Deshalb tun wir es. Es macht uns wenig Spaß, aber danach fragt uns keiner.«

»Ich weiß nicht«, sagte die Frau, »ich verstehe nichts davon. Nur so viel, daß alles nicht zu sein brauchte und du morgen früh bei mir bleiben könntest.«

»Es wäre schön. Aber es ist eben nicht so.«

»So seid ihr«, sagte sie, »Soldaten, weil es nicht anders geht. Weil ihr nicht den Mut habt, ihnen zu sagen, daß ihr keine sein wollt. Und als Ersatz für diesen Mut bildet ihr euch ein, es mache euch Spaß.«

Er überlegte eine Weile, dann sagte er leise: »Ich glaube, es gibt sehr wenige, denen es Spaß macht. Und ob du willst oder nicht: Es ist Krieg, und der wird so lange dauern, bis entweder wir oder die anderen gesiegt haben.«

»Er wird so lange dauern, wie ihn die führen, denen es eigentlich keinen Spaß macht, ihn zu führen«, sagte die Frau. »Solche wie du und der andere.«