»Wenn wir die Russen nicht aufhalten…«
»Willst du sie aufhalten?«
Er schwieg. Die Frau wartete auf seine Antwort, aber er betrachtete nachdenklich das Bett, in dem sie lagen. Es war ein Ehebett, und die linke Hälfte war zugedeckt. Hier hatte ihr Mann gelegen. Sie hatte ihm gesagt, daß er vor zwei Jahren gefallen wäre. Sonst nichts. Er strich leicht mit der Hand über die Steppdecke auf dem Bett des Mannes und fragte dann unvermittelt: »Ist er im Osten gefallen?«
Ihre Antwort klang abweisend. »Im Westen. In Paris.«
»Vor zwei Jahren?«
»Ja. Vor zwei Jahren.«
»Wie kann er denn vor zwei Jahren in Paris gefallen sein?«
Sie richtete sich ein wenig auf und sagte langsam: »Er ist überfahren worden. Tödlich.«
»Oh…«, sagte er. »Ich hätte dich nicht daran erinnern sollen.«
Aber die Frau schüttelte den Kopf. »Es tut mir nichts. Er war schon ein paar Jahre für mich tot, bevor ihn das Auto überfuhr. Er hat mich bis aufs Blut gequält. Und dann hat ihn in Paris das Auto überfahren. Ein Lastwagen mit Wein für ein Kasino. Ich habe es von einem erfahren, der dabei war. Er lag besoffen auf der Straße, und das Auto überfuhr ihn.«
Einen Augenblick lang schwieg er bestürzt, dann fragte er sie: »Er hat dich gequält, sagst du?«
»Ja. Ich werde es dir einmal erzählen, wenn du wiederkommst. Heute ist die Nacht nur noch kurz.«
Nach einer Weile sagte sie in die Stille hinein: »Sie schickten mir von seiner Kompanie einen schönen Brief. Mit ihrem Beileid und mit ihrem Trost. Er habe in treuer Pflichterfüllung für Führer, Volk und Vaterland sein Leben geopfert. In Paris, unter einem Auto voller Wein. Besoffen auf der Straße liegend.«
»Verzeihung«, sagte Bindig nochmals, »ich wollte dich wirklich nicht daran erinnern…«
Aber sie lachte leise. »Laß… es schmerzt nicht. Er starb als Held!«
Bindig sagte nichts mehr. Anna war eine von den vielen Frauen, die eine unglückliche Ehe geführt hatten. Das erklärte vieles. Man brauchte nicht weiter danach zu fragen, es gab hunderterlei Varianten solcher Ehen. Er hatte immer angenommen, daß es das nur in den Städten gäbe, aber das war offenbar Unsinn.
Es schien, als ob der Dämmer in der Stube um einen winzigen Schein heller geworden sei. Es ging auf den Morgen zu. Bindig sah es, als er einen verstohlenen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk tat. Aber die Frau hatte den Blick bemerkt. Sie richtete sich ein wenig auf, bis sie ihm voll ins Gesicht blicken konnte.
»Bist du ungeduldig? Möchtest du schon lieber wieder bei deinem Unteroffizier sein?«
Er antwortete nicht.
»Es wäre möglich…«, sagte sie leise, »dann werde ich dich nicht halten.«
»Hör zu…«, bat er sie nach einer Weile, »ich glaube, du bist der einzige Mensch, der mich halten kann. Du bist das einzige, was mich interessiert. Ich kann mich nicht erinnern, daß es das oft gegeben hat…«
Sie ließ die Finger über die Adern an seinem Hals gleiten. Er spürte die leise Berührung, und er sah dabei ihr Gesicht, und es erregte ihn. Ihre Augen waren dunkel und glänzend, und das aufgelöste Haar bedeckte in langen, gewundenen Strähnen ihre vollen, weißschimmernden Brüste. Seine Augen tasteten die weichen Linien ihres Körpers ab. Er fand sie schön und kraftvoll, verlockend und mütterlich zugleich. Alles an ihr war wie aus einer Form gegossen. Das Gesicht und die Linie des Halses, die Brüste und die Muskeln an ihren Oberarmen, die Rundungen ihrer Hüften, ja überhaupt alles, gleich, ob es der Klang ihrer Stimme oder die Bewegungen ihrer Glieder waren, das Lächeln um ihre Mundwinkel oder das Spiel ihrer Finger, wenn sie ihm das Haar zurückstrich.
»Ich weiß es nicht genau, ob ich mich wirklich in dich verliebt habe«, sagte die Frau ganz nahe an seinem Ohr. »Ich glaube es, aber ich weiß es nicht genau. Die Zeit wird das beweisen…«
»Die Zeit…«, sagte er und griff nach ihr, »die Zeit und du, das paßt nicht zusammen. Die Zeit bin ich. Und ich bin heute zum letztenmal bei dir. Wer weiß, für wie lange.«
»Zum erstenmal…«, hörte er die Frau flüstern, »und es geschieht dir nichts…«
Es war eine Phrase, obwohl sie in diesem Augenblick nichts sehnlicher wünschte als das, was diese abgedroschene Phrase ausdrücken sollte. Aber sie sprach nicht zu Ende. Sie spürte seinen Mund und seinen Körper. Sie spürte seine Hände und seinen Atem. Hinter dem Schleier aus fallendem Schnee vor dem Fenster begannen die Sterne zu tanzen.
Sie flackerten auf und verloschen, zogen glitzernde Kurven und verwirrende Bahnen. Es war, als sei der ganze Himmel in Bewegung geraten, als tanzten die Gestirne ungezügelt und wild plötzlich den sinnverwirrenden Rhythmus, den ein Mensch nur selten, meist in ganz jungen Jahren wahrnimmt.
Sie dachte: Es ist Irrsinn, kein Stern ist zu sehen! Es schneit, und der Himmel hängt voller Schneewolken. Aber der Tanz der Gestirne nahm kein Ende. Und dann schmolz alles, was um sie und ihn herum war, zusammen und begrub sie, das Bett und das Zimmer, das Haus und das ganze Gehöft und die eingeschneite Erde, die ganz leise bebte. Ein paar Kilometer östlich hatte eine Batterie früher zu schießen begonnen als sonst.
Als er sich am Morgen bei Timm zurückmeldete, empfing der ihn mit dem sachlichen Hinweis: »Laß dir vom Sani eine Protargolspritze geben.«
Das Gesicht Bindigs mußte keinen sehr zustimmenden Eindruck gemacht haben, denn Timm riet ihm: »Na klar, und nimm dir gleich eine Rolle von den roten Tabletten mit. Oder willst du mir erzählen, daß du die ganze Nacht Gewehr über vorm Hoftor gestanden hast?«
»Nein«, gab Bindig gereizt zurück, »ich habe mit dem Taubstummen Domino gespielt.«
»Hoffentlich nicht zu oft hintereinander« grinste Timm gemütlich. Dann erklärte er einigermaßen ernst: »Ich glaube, wir müssen diesmal einen dicken Hund schlachten. Der Chef fährt mit zur Übung. Und fünfzehn Mann.«
»Fünfzehn Mann…«, wiederholte Bindig gedankenlos. Er dachte an Anna. Er hätte Timm ins Gesicht spucken mögen. Aber er kannte Timm und wußte, daß es keinen Sinn hatte, sich gegen ihn aufzulehnen. Timm befehligte diese Kompanie. Und wer von Timm in die Hölle geschickt wurde, der kam nicht zurück.
Als Timm ihm sagte, daß der Wagen sie in einer Stunde nach dem Übungsgelände fahren würde, fiel Bindig ein, daß er seine Ausrüstung noch nicht gepackt hatte.
Er beendete sein Gespräch mit dem Unteroffizier und lief in sein Quartier, wo er Zado antraf, der damit beschäftigt war, eine Büchse Marmelade auszulöffeln.
»He…«, murmelte Zado mit vollem Munde, »ich dachte schon, du wolltest mit der Straßenbahn nachkommen!«
»Eigentlich wollte ich das auch«, sagte Bindig, »aber mein Fahrschein war abgelaufen. Hat es was zum Frühstück gegeben?«
In seiner Ecke kauerte der Obergefreite, der an diesem Morgen nüchtern war. Er hatte ein mißmutiges Gesicht und leerte den Inhalt seiner Taschen auf seine Lagerstatt. Aus dem Häufchen von Briefen, Fotografien, Geld, Bleistiftstummeln und anderem Kram wählte er schließlich nur eine flache Pappschachtel mit drei Präservativen aus und verstaute sie in der Kombination. Dabei sagte er zu Zado mit einem Blinzeln: »Falls wir doch mal auf die Weiber stoßen, die sich die Russen eingefangen haben… Die freuen sich vielleicht, wenn sie für eine halbe Stunde wieder einen Landsmann im Bett haben!«
Zado schluckte. »Du bist eben ein praktischer Mensch«, sagte er. »Aber du solltest die Geburtsurkunde mitnehmen, für den Fall, daß du eine findest, die du gleich heiraten möchtest.«
Soldbuch…, überlegte der Obergefreite. Er nahm Zado ernst.
»Soldbuch ginge auch. Aber das müssen wir ja abgeben…« Er machte einen betrübten Eindruck, und Bindig holte tief Luft, während er dem Wortwechsel zuhörte.
»Vielleicht geht’s auch mit der Erkennungsmarke«, meinte Zado.
Da knallte Bindig wütend seine Mütze auf den roh zusammengezimmerten Tisch. »Verflucht, hat’s nun was zu essen gegeben oder nicht?«