Zado blieb ein paar Sekunden still auf seinem Strohsack hocken, den Löffel voll Marmelade unbewegt in der Hand. Dabei überzog sich sein Gesicht langsam mit einem breiten, gemütlichen Grinsen, und um seine Adlernase bildeten sich unzählige Falten. Schließlich steckte er den Löffel in die Büchse zurück und erhob sich. Dabei sagte er: »Zuerst die Straßenbahn verpassen und dann die anderen anscheißen. Hat dir denn die Anna nichts zu essen gegeben?«
»Woher weißt du, daß ich bei Anna war?«
»Von wem wußte denn Timm das?«
»Von mir.«
»Aha«, grunzte Zado, »und ich weiß es von ihm. Aber außerdem habe ich es dir angesehen. Hast du wirklich Hunger?«
»Ja«, sagte Bindig. »Ich…«
Zado ging nach der Kiste, in der sie die Verpflegung aufbewahrten. Der Obergefreite sagte erst jetzt verschlafen zu Bindig: »Brüll doch nicht so!«
Zado brachte ein Brot und eine Büchse Butter zum Vorschein. Weiter holte er eine Büchse Marmelade hervor, eine vierkantige, harte Wurst und ein Päckchen Kekse.
»Eigentlich sollen wir das mitnehmen«, sagte er dabei, »es gibt nichts zu Mittag. Die Zigaretten und die Schokolade liegen unter deiner Kombi.«
Bindig fröstelte, während er sich umzog. Die neue Wäsche war feucht. Es war schlappes, grünes Zeug, angeblich mit einer Tinktur gegen Läuse behandelt. Aber man wußte, daß sich die Läuse sehr gern darin aufhielten. Während er in der Unterwäsche dastand, bestrich er mechanisch ein Stück Brot mit Butter und biß von der Wurst ab. Er hörte Zado sprechen, aber er folgte seinen Worten nicht, denn das Gesicht Annas war ihm noch zu gegenwärtig. Er erinnerte sich an jede ihrer Bewegungen und an jeden Laut, den sie in der vergangenen Nacht von sich gegeben hatte. Es schien ihm, als sähe sie ihn fortwährend mit ihren großen, schimmernden Augen an, und dann hatte er das unbändige Verlangen, seine Hände zu öffnen und ihren vollen, weichen Körper zu umfassen.
Anna, dachte er, sie müßten mit dem ganzen Unsinn Schluß machen und mich nach Hause schicken. Dann würde ich sie mitnehmen. Aus mir wird kein Bauer, aber sie würde sich in der Stadt wohl fühlen. Ich würde eine Frau haben und vielleicht langsam alles vergessen. Aber es sieht nicht danach aus. Und überhaupt: Timm hat gesagt, wie haben einen dicken Hund zu schlachten. Wer weiß, ob ich das mit heiler Haut überstehe. Und wenn, dann fängt bei der Rückkehr schon wieder die Überlegung an, wie es beim nächstenmal ausgeht.
»Junge, Junge…«, hörte er Zado sagen, »wenn ich aus dieser ganzen Marmelade einen schönen Haufen mache, kann ein T 34 bis an den Turm drin versinken…«
Nebenan zerriß plötzlich die Salve einer Maschinenpistole die Stille. Der Obergefreite reagierte nicht darauf, und auch Zado quetschte nach einer Weile zwischen den von der Marmelade verklebten Zähnen hervor: »Wohl einer übergeschnappt… was?« Doch dann war Stimmengewirr auf der Straße, und eilige Schritte stapften durch den niedrigen Schnee.
Bindig konnte schnell noch die Schuhe zuschnüren und den Rock überwerfen. Dann hörte er Timm auf der Straße irgendeinen Befehl schreien und lief hinaus. Vor dem Nebenhaus standen ein paar Soldaten. Er fragte sie, was geschehen sei, aber sie deuteten nur mit einer Kopfbewegung nach dem Haus, ihn gleichsam auffordernd, selbst nachzusehen.
Es hielt ihn niemand auf. Auch Zado nicht, der hinter ihm war. Timm stand neben Alf in der Stube. Hinter ihnen, mit wütendem Gesicht, leise vor sich hin schimpfend, Paniczek, der das bunte Seidentuch in der Hand hielt, das er von dem unbekannten Mädchen aus Frankfurt geschickt bekommen hatte. Er hielt es vorsichtig an einem Zipfel zwischen den Fingerspitzen, denn es war über und über mit Blut und rötlichgelber Hirnmasse bespritzt. Auf den Dielen lag, ein wenig verkrümmt, der Körper des Oberkellners aus Stuttgart. Sein Kopf bestand nur noch aus dem Unterkiefer, an dem ein paar schlaffe Hautfetzen hingen. An einem Riegel des Fensters baumelte die Maschinenpistole. Der kleine Oberkellner hatte sich erschossen.
Timm drehte sich um und befahclass="underline" »Raus, los! Hier gibt’s nichts mehr zu sehen!«
Bindig ging hinter Zado her, und Paniczek folgte ihnen. Der Leutnant ging mit Timm zur Schreibstube. Er hatte das Soldbuch des Toten in der Hand und ein paar Briefe, die er in seinen Taschen gefunden hatte.
»Wie hat der das bloß fertig gekriegt?« Zado sah Paniczek an.
Der bewegte unmutig die Schultern, noch immer sein Seidentuch mit den Fingerspitzen hochhaltend. »Er hat den Strick am Abzug festgebunden.«
»Und?«
»Und… und… Strick am Abzug, anderes Ende am Fenster, Lauf in die Schnauze und mit beiden Händen angepackt und nach hinten umkippen lassen. Kann jeder Idiot!«
»Macht aber nicht jeder«, sagte Zado. »Muß seinen Grund gehabt haben!«
Paniczek sah ihn wütend an.
»Er konnte sich woanders erschießen. Nicht ausgerechnet bei meinem Tuch, was von dem Mädchen ist und ganz neu, noch nicht einmal am Hals gehabt, der Idiot!«
Es war wie immer in den letzten Stunden, bevor sie das Quartier verließen. Bindig kannte diesen Zustand und fürchtete ihn. Aber er wußte so gut wie Zado oder wie jeder andere, daß nichts dagegen zu tun war.
Eine seltsame Unrast packte ihn. Er war nicht imstande, zwei Minuten hintereinander das gleiche zu tun oder auch nur auf dem gleichen Fleck zu sitzen. Was er auch anfing, es mißlang ihm. Dazu kamen eine Anzahl körperlicher Übel. In der Magengegend erhob sich ein Gefühl der Leere. Der Herzschlag wurde fühlbar schneller und unregelmäßiger, die Glieder vollführten wie von selbst allerlei fahrige, nervöse Bewegungen, und die Haut sonderte kalten Schweiß ab. Das alles wurde an diesem Morgen noch verstärkt durch den Selbstmord des kleinen Oberkellners. Der sonst gerade noch erträgliche Brechreiz war mit einemmal unangenehm aufdringlich, und der unnatürliche Druck in den Därmen riß nicht ab.
Zado stocherte noch eine Weile mit dem Löffel in der Marmeladenbüchse herum. Aber der Heißhunger, den er zuweilen nach einer Süßigkeit verspürte, war mit einem Male einem Gefühl des Ekels und der Übelkeit gewichen.
»Es fängt gut an«, sagte er zu Bindig, als sie draußen hinter dem Haus über der Latrine hockten. »Wenn’s so weitergeht, kann Alf bald eine neue Kompanie zusammenstellen.«
Auf der Dorfstraße wurde gepfiffen, und dann rief Timm mit seiner blechernen Stimme: »Gruppen vier und sechs antreten!«
Vor dem Haus, in dem die Schreibstube untergebracht war, parkten ein Lastwagen und ein Schützenpanzer. Der Lastwagen war für die Mannschaften bestimmt, aber sie fanden nicht alle Platz. Es blieben ein halbes Dutzend übrig, unter ihnen auch Bindig und Zado.
Timm winkte ihnen: »Los… ’rein da!«
Er zeigte auf den Schützenpanzer, und sie stiegen ein. Es war das Fahrzeug für Alf, denn inzwischen war heller Tag, und wenn Tiefflieger kamen, gab es in dem flachen Gelände keine Deckung. Alf stieg als letzter ein. Er trug eine Kombination. Die meisten der Soldaten erblickten ihn zum ersten Male darin.
Als sie eine Weile gefahren waren, sagte Zado zu Timm; »Wer wird jetzt die Sprengladungen anlegen, Herr Unteroffizier?«
Timm gab nicht gleich Antwort, aber an seiner Stelle sagte Alf: »Ein anderer wird sie legen.«
»Jawohl, Herr Leutnant«, sagte Zado, »aber ob der ihn ersetzen kann? Vom Sprengen verstand der Kleine nämlich verdammt viel…«
»Unsinn!« Alf machte eine nachlässige Handbewegung. »Jeder einzelne ist zu ersetzen. In der deutschen Wehrmacht gibt es keinen Menschen, der nicht morgen ersetzt werden kann, wenn er heute fällt.«
»Jawohl, Herr Leutnant«, sagte Zado, und nach einer Weile nochmals: »Jawohl, das stimmt.«
Dann sah er Bindig an, und Bindig sah ihn an, und schließlich starrten sie beide auf die geriffelten Stahlplatten des Bodenbelages und schwiegen.