Die gemordete Harmonika
Die Einsatzübung war diesmal nur von kurzer Dauer. In einer Halle auf dem Flugplatzgelände war, den Luftaufnahmen eines Aufklärers entsprechend, das Einsatzgelände in verschiedenen Sandkästen nachgeformt worden. Ein Major, den sie noch nie zuvor gesehen hatten, erläuterte die Aufgaben, die von den drei Gruppen zu lösen waren. Dann zogen sie getrennt auf ein Übungsgelände, das annähernd dem Einsatzgebiet entsprach. Sie exerzierten zwei Tage, dann empfingen sie Ausrüstung und weiße Kleidung. Der Einsatz-Befehl wurde ausgegeben, und Leutnant Alf fuhr, noch bevor die Maschinen starteten, zurück nach Haselgarten.
Fünf Männer starteten mit der Aufgabe, am Rande einer Verbindungsstraße Posten zu beziehen und ein Stabsfahrzeug abzufangen. Diese Aktion zielte auf die Gefangennahme eines Stabsoffiziers, weil man Informationen über die Angriffsabsichten aus ihm herausholen wollte.
Eine zweite Gruppe von fünf Männern, unter denen sich zwei Eisenbahner befanden, hatte die Besatzung des Befehlsstellwerks auf einer kleinen Bahnstation, an der sich zwei Strecken kreuzten, zu überrumpeln, mit dem Ziel, den Zusammenstoß zweier Transportzüge herbeizuführen.
Die letzte Gruppe schließlich, zu der auch Bindig und Zado gehörten und die von Timm geführt wurde, hatte ein unübersichtliches Waldgebiet nach einem gut getarnten Munitions-lager abzusuchen und nach Lösung dieser Aufgabe mit Hilfe der fünf Minen, die sie mitführte, eine Anzahl Fahrzeuge zu vernichten.
Es war zum erstenmal, daß zu gleicher Zeit drei Gruppen in verhältnismäßig geringer Entfernung voneinander zu solchen Aufgaben eingesetzt waren. Die Männer waren darüber verärgert, denn jeder wußte, daß nur eine Aktion Aussicht auf Erfolg hatte, an der möglichst wenig Personen beteiligt waren.
Es war eine kalte, klare Sternennacht, als sie starteten. Der Wind fegte dünnen, körnigen Schnee über den Flugplatz, und die Männer schlossen die Kombinationen und zogen dünne, seidene Kopf- schützer unter die Helme. Sie hatten weiße Überkleidung angelegt. Helme und Lederzeug, Waffen und Ausrüstungsgegenstände waren mit weißer Farbe überspritzt. Die beiden Maschinen stiegen schnell auf einige tausend Meter Höhe und drehten dann ostwärts ab. Die drei Gruppen wurden dicht beieinander in einem einsamen Waldgebiet abgesetzt, in dem es eine Anzahl Seen und Wasserläufe gab.
Die Männer rollten schweigend ihre Schirme zusammen und verscharrten sie. Die Minen und ein paar andere Geräte wurden aus den Behältern genommen und verteilt. Dann tauchten die weißen Gestalten, die sich kaum von der Schneelandschaft abhoben, ins Dunkel unter den Bäumen. Es war kein Laut zu hören, und die buschbewachsene Schneefläche, auf der die Landung vor sich gegangen war, lag still wie zuvor. Aber der Himmel hatte sich mit einer schweren, tief hängenden Wolkenschicht überzogen, und eine Stunde später fiel Schnee.
Wenn Bindig den Zweig, der vor seinem Gesicht hing, ein wenig beiseite zog, konnte er den Posten sehen, der unter dem »Pilz« stand. Es war ein kleiner untersetzter Soldat mit einem breiten, mongolisch anmutenden Gesicht und schräg stehenden Schlitz-augen. Er war nur einen schwachen Steinwurf von Bindigs Versteck entfernt, und Bindig war ihm nur deshalb nicht in die Arme gelaufen, weil der Mann eine dicke, mit Zeitungspapier gedrehte Machorkazigarette rauchte, deren Geruch Bindig früh genug wahrgenommen hatte.
Er war müde. In den letzten Stunden der Nacht war er nur langsam, Schritt für Schritt vorwärts gekommen. Der Schneefall war gegen Morgen geringer geworden. Dafür aber hatte die Kälte zugenommen. Und obwohl es hieß, daß die Kombination, die er trag, wasserdicht sei, fror er, denn es war zuviel Schnee auf dem Stoff geschmolzen und wieder erstarrt. Das Gewebe war steif und zäh. Bindig war versucht, aufzuspringen und durch ein paar schnelle, schlagende Bewegungen das ekelhafte Gefühl der Kälte wenigstens für ein paar Minuten zu vertreiben. Aber er blieb doch bewegungslos hinter dem schneebedeckten Ast liegen, denn da vorn stand der Posten, und dieser Posten war in einen dicken Steppmantel gehüllt, der ihn wärmte. Er trug eine Pelzmütze mit lose herabhängenden Ohrenklappen, und er war hellwach, man sah es an seinen Bewegungen.
Sie haben einen »Pilz« für ihn gebaut, dachte Bindig. Das tun sie da, wo sie sich für längere Zeit fest einrichten. Es ist also ein Posten, keine Streife. Aber bewacht er nun das Lager oder nicht? Denn wenn er einer von den Lagerposten ist, dann müßte man das Lager sehen können. Er zog den Zweig so weit fort, daß er einen Rundblick tun konnte. Aber hinter dem Posten war nichts weiter als dick verschneites lichtes Fichtengehölz. Nach einer Weile sah er, daß von dem »Pilz« ein schmaler Trampelpfad zwischen die Bäume führte. Er zog vorsichtig den Reißverschluß der Brusttasche auf und betrachtete die Karte. Es gab keinen Weg in dieser Gegend. Ein paar hundert Meter hinter der Stelle, wo der Posten stand, waren zwei große Kahlschläge verzeichnet, zwischen denen eine Straße verlief.
Das kann nur eine von diesen schmalen Landstraßen sein, überlegte er. Vielleicht nicht einmal das, sondern so etwas wie ein Waldweg, der ein wenig breiter ist als gewöhnlich. Und weshalb steht der Posten nicht an dieser Straße, sondern hier? Er war unschlüssig. Außerdem verspürte er Hunger, und das Verlangen nach einer Zigarette quälte ihn. Er zog einen Riegel Schokolade aus der Tasche und schob ihn in den Mund. Ich muß hier verschwinden, sagte er sich, hier ist weiter nichts als dieser Posten. Ich muß an die Straße, und wenn es in dieser Gegend überhaupt ein Munitionslager gibt, dann werden Fahrzeuge auf der Straße sein und dort hinfahren.
Langsam kroch er zurück. Er hatte die Maschinenpistole um den Hals gehängt und den Tragriemen so eng gezogen, daß die Waffe ganz dicht an seinem Körper lag. Als er weit genug von dem Posten entfernt war, daß er sich unbemerkt erheben konnte, nahm er sie in die Hand und bewegte sich weiter vorwärts. Aber er kam nicht weit, denn plötzlich hörte er Stimmen und sah, als er auf die Stimmen zukroch, daß wenige hundert Meter von dem Posten, den er zuerst entdeckt hatte, ein zweiter stand, der eben abgelöst wurde.
Um die Mittagszeit etwa befand er sich endlich unweit der Straße zwischen den beiden großen Kahlschlägen. Aber er hätte die Fahrzeuge nicht zu hören brauchen, die hier einzeln oder in Kolonnen fuhren, denn bereits als er die Kette der Posten umging, hatte er dort, wo die Fichten dünner standen, das Lager erkannt.
Es war ein großes, weit auseinander gezogenes Lager, das die beiden Kahlschläge rechts und links der Straße einbezog. Aber nirgendwo war über der Erde gebaut worden. Sie hatten vor dem Frost Gruben in der Erde angelegt, die nach oben mit Zweigen und Zeltbahnen abgedeckt waren. Nun hatte noch der Schnee alles zugedeckt, und es gab keine bessere Tarnung als diese weiße, unberührte Schneedecke. Selbst die Fotografie eines Nahaufklärers würde kaum Aufschluß darüber geben können, ob sich unter der Schicht der gefrorenen Kristalle eine militärische Anlage befand.
Bindig hatte sich genau orientiert, wo die Posten standen. Sie waren in einer Kette dicht beieinander in einigem Abstand von dem Lager aufgestellt, und die Wachmannschaften waren in Erdbunkern untergebracht, deren Einstiege am Waldrand unter den ersten Fichten lagen. Lediglich die Straße war belebt. Dort hielten Fahrzeuge. Einmal kam eine Kolonne geschlossener Lastwagen. Aus den Erdbunkern krochen ein paar Gestalten und schleppten Kisten von den Wagen fort. Bindig sah, wie sie ihre Lasten in vorbereitete Gruben legten und sie mit Zeltplanen und Schnee bedeckten. Es war eins der Lager, die Munition für die Offensive speicherten. Bindig zerbrach sich den Kopf, wie der Divisionsstab erfahren habe, daß dieses Lager hier zu suchen sei.
Es war jetzt nicht mehr so kalt wie in den Vormittagsstunden. Die Sonne war über Mittag hinaus, und stellenweise troff Schmelzwasser von den Bäumen. Aus dem Lager kamen Musikfetzen. Irgendwo mußte ein Radio spielen.