Bindig hörte, daß gelegentlich eine Sopranstimme sang, aber er war zu weit entfernt, um die Worte zu verstehen.
Eigentlich hatte er hier nichts mehr zu tun. Er hatte das Lager gefunden und wußte auch, wie weit es sich ausdehnte. Er war in der Lage, das genau auf der Karte, die sie ihm mitgegeben hatten, einzuzeichnen. Das Lager erstreckte sich über die Fläche der beiden Kahlschläge, und die Straße wurde nur von Fahrzeugen befahren, die im Lager zu tun hatten. Er schätzte, daß es sich um Artilleriemunition handelte. Die Kisten waren ziemlich groß, und sie mußten auch schwer sein, denn die Soldaten schafften sie auf kleinen Schlitten zu den Gruben, In die sie versenkt wurden.
Eine primitive Art, Munition zu stapeln, überlegte Bindig. Aber er begriff, daß dieses Lager selbst bei genauer Kenntnis von der Luft her schwer zu vernichten war. Die Gruben lagen weit auseinander. Wenn eine Bombe zwischen sie fiel, konnte es sein, daß sie nur wenig Schaden anrichtete. Um das Lager empfindlich zu treffen, würde man einen Teppich von Bomben werfen müssen, und dann würde der Erfolg trotzdem gering sein.
Das ist es, was wir primitiv nennen, dachte Bindig. Es sieht so primitiv aus, daß man glaubt, sie tun es zum erstenmal in ihrem Leben. Aber sie wissen genau, weshalb sie es so tun und nicht anders. Sie sind die Praktiker dieses Krieges. Sie hatten gar keine Zeit, eine Theorie dafür auszuarbeiten. Sie mußten sich einfach wehren, und inzwischen haben sie so gut zuschlagen gelernt, daß ihre Praxis zur Theorie geworden ist. Auch zur Theorie des Aufstapelns von Artilleriemunition unweit der Stellungen schwerer Batterien. Und das sieht so aus wie hier. Mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen zog sich Bindig ein wenig tiefer zwischen die Fichten zurück. Dort nahm er die Karte und zeichnete mit dem Stift eine dicke Linie um den Platz, an dem sich das Lager befand. Er trug noch die Standorte der Posten ein, die er gesehen hatte, und als er damit fertig war, überlegte er, wo er den Rest der Zeit verbringen konnte. Die Maschine kam um drei Uhr nachts, und die Stelle, an der sie die Gruppe aufnehmen würde, lag nur wenige Kilometer entfernt hinter dem Wald.
Als er die Posten hinter sich hatte, schlug er die Richtung auf den Waldrand ein, von wo er gekommen war. Er bewegte sich gebückt und sehr langsam vorwärts, oft längere Zeit still an die Schneedecke geschmiegt, lauschend und die Gegend, die vor ihm lag, absuchend. Als er mit einemmal eine Schrittspur vor sich sah, blieb er zunächst minutenlang bewegungslos liegen, bevor er näher kroch und die Fußtapfen untersuchte. Sie hatten sich tief in den weichen Schnee eingeprägt und stammten von Schuhen, wie er selber sie trug. Der Abdruck der Gummisohle war unverkennbar. Als er die Hand in die Vertiefung im Schnee legte, merkte er, daß die Spur frisch war. Der Schnee war an den Rändern noch locker. Er war, seit der Mann hier vorbeigegangen war, noch nicht gefroren. Es war eine Spur, die nicht älter war als eine halbe Stunde.
Eigentlich gab es keinen Grund, ihr zu folgen, aber Bindig folgte ihr trotzdem. Das Lager war gefunden. Wenn die Spur einem gehörte, der es noch immer suchte, dann konnte er ihm sagen, daß er sich die Mühe sparen soll. Und zu zweit war es möglich zu schlafen. Man war sicher, wenn der andere wachte und man selbst in der feuchten, halbgefrorenen Kleidung im Schnee schlief. Die Spur führte immer weiter vom Lager fort. Manchmal verlor sie sich auf einem Stück festgefrorenem Boden, aber es gelang Bindig immer wieder, sie zu finden. Als er beinahe den Waldrand erreicht hatte, blieb er plötzlich stehen und duckte sich instinktiv. Es war nichts zu sehen und kein Laut zu hören, aber er spürte trotzdem, daß sich ein Lebewesen in seiner Nähe befand. Auf dieses Gefühl war Verlaß, es hatte ihn noch nie betrogen. Er war sicher, daß jemand nahe war, aber das mußte nicht unbedingt der sein, dessen Spur er folgte.
Eine lange Zeit blieb er bewegungslos, an den dünnen Stamm einer Fichte geschmiegt, hocken. Er drehte den Kopf und lauschte. Es geschah nichts. Schließlich kroch er langsam weiter. Die Bäume standen hier lichter, und nach einigen hundert Metern lag eine kleine verschneite Lichtung vor ihm. Die Sonne stand schon ein wenig tiefer, und sie schien Bindig ins Gesicht, so daß er die letzten Bäume vor der Lichtung nur als Silhouetten erkennen konnte. Und dann sah er die Gestalt, die sich zwischen diesen Silhouetten bewegte. Sie glitt am äußersten Rand der Lichtung entlang und vermied es, die unberührte, deckungslose Schneefläche zu betreten. Bindig erkannte im gleichen Augenblick Timm. Er mußte sich bereits auf dem Rückweg befinden.
Bindig wußte nicht, ob er sich freuen sollte, ihn getroffen zu haben, oder ob er lieber allein weitergehen sollte. Aber er entschloß sich doch, Timm anzurufen. Er ließ ihn den gegenüberliegenden Rand der Lichtung erreichen, und dann blieb er noch eine Weile an der gleichen Stelle hocken, bis er sicher war, daß niemand Timms Spur folgte. Erst dann ging er ihm nach, und als er bis auf kurze Entfernung an ihn herangekommen war, rief er ihn leise an.
»Na…«, begrüßte ihn Timm. »Eine Frau finden ist leichter als ein Munitionslager, was?«
Bindig zog die Karte aus der Tasche und hielt sie ihm hin.
»Hier ist das Lager. Die Kreuze sind die Posten.«
»Oho…«, machte Timm, »du hast es gefunden?«
»Alles.«
»Und keinen dabei umgelegt?«
Bindig schüttelte den Kopf. Sie hockten sich zwischen ein paar niedrige Fichten, und Timm besah sich genau die Eintragungen auf der Karte.
»Mann…«, brummte er dann, »das ist ja gleich nebenan!«
»Willst du es dir noch mal ansehen?« erkundigte sich Bindig. »Ich führe dich hin…«
»Danke.« Timm grinste. »Mir genügt der Anblick auf der Karte. Wie haben sie es angelegt?«
Bindig beschrieb es ihm. Timm nickte, und dann steckte er Bindigs Karte ein.
»Ist erledigt«, sagte er. »Und jetzt bist du wohl mächtig stolz, was?«
»Hunger habe ich«, antwortete Bindig ausweichend, »und eine Zigarette täte mir auch gut.«
»Bist nicht zufrieden, was?« fragte Timm. »Konntest keinen umlegen, und das war nicht dein Fall. Kann ich verstehen.
Aber wir beide machen heute noch ein paar Leichen, verlaß dich drauf!«
Er blinzelte Bindig zu, als habe er ihm eben ein besonders interessantes Vergnügen versprochen. Ein Ausdruck von Grausamkeit beherrschte in diesem Augenblick sein Gesicht.
»Ich habe Hunger«, sagte Bindig. Er zog den Verschluß der Hosentasche auf und entnahm ihr ein Päckchen mit konzentrierter Verpflegung, bestehend aus salzigen Keksen, gepreßtem Dörrobst, Fruchtschnitten, steinharter Trockenwurst und Schokolade. Er aß ohne Appetit eins nach dem anderen. Die Fruchtschnitten schmeckten widerlich süß.
»Wenn sie bloß nicht so viel Zucker in das Zeug tun würden«, sagte er zu Timm, »die Hälfte wäre auch genug.«
»Zucker«, sagte Timm, »ist gut für Leute, wie wir es sind. Er ist gut für die Nerven.«
»Sie sollten ein paar Stücke Zucker in die Packung legen. Dieses Zeug kann man kaum genießen.«
»Iß du mal Zucker«, grinste Timm, »du hast ihn dir heute verdient. Und du wirst ihn noch für deine Nerven brauchen können.«
»Ich brauche aber keinen Zucker. Meine Nerven funktionieren mit Zucker ebenso wie ohne. Sie sollten ihn lieber den Zahlmöpsen geben bei der Division.«
»He…«, lachte Timm leise, »der Herr Gefreite Bindig belieben auf die Zahlmöpse wütend zu sein! Ist mir ganz neu. Warum nimmst du eigentlich nie was zu saufen mit? Zusammen mit Schnaps läßt sich dieses Zeug nämlich ganz gut essen.«
»Ich trinke kaum Schnaps«, sagte Bindig.
»Klar, wenn’s dein eigener ist! Aber ich gebe dir was von meinem ab.« Er zog die kleine, flache Flasche aus der Wadentasche. Eine ebensolche, wie sie auch Zado stets in der Kombination trug. Bindig setzte sie an und spülte den Geschmack der Fruchtschnitten mit dem scharfen Getränk hinunter.
»Hast du keinen Hunger?« fragte er hustend Timm. Der schüttelte den Kopf. Er brannte sich eine Zigarette an und sagte: »Vorläufig nicht.« Er klopfte nachdenklich die Asche von der Zigarette, dann sprach er weiter.