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»Ich habe mir mal angesehen, wie weit ihr alle mit Auszeichnungen seid. Man sollte das öfter tun. Es sieht gar nicht so schlecht aus. Wenn beispielsweise ein gewisser Bindig heute noch einen Nahkampf eingetragen bekommt, ist er reif für die bronzene Nahkampfspange. Was hältst du davon?«

»Hm…«, machte Bindig unsicher. »Ich zähle das nicht so genau mit.«

»Aber ich.«

»Dann wird’s wohl stimmen.«

»Es stimmt auch. Zado braucht noch drei Tage für die silberne.«

»Und du?«

»Du wirst vor Neid erblassen«, grinste Timm gemütlich, »aber mir fehlt genau noch der heutige Tag für die goldene.«

»Ach so«, sagte Bindig, »deshalb willst du heute noch was unternehmen. Ohne Befehl sozusagen…«

»Erraten!« Timm kniff ein Auge zu und blinzelte ihn an, »du und ich. Wenn wir heimkommen, kann Alf uns zur Auszeichnung einreichen. Und deshalb werden wir jetzt von hier verschwinden und zusehen, daß wir noch ein bißchen in Schwung kommen.«

»Ohne die anderen?«

»Die anderen suchen inzwischen weiter nach dem Lager. Sie werden müde sein, wenn sie damit aufhören. Mit müden Leuten kann man keine Leichen machen. Aber wir beide schnappen uns jetzt die Minen, und dann ist Polen offen! Klar?«

»Meinetwegen.« Bindig sagte nichts dagegen, denn dieser gemütliche, spaßige Timm, der ihm hier im Wald hinter der sowjetischen Front gegenüberlag, würde sich spätestens morgen wieder in den verwandeln, der den Lebensfaden jedes einzelnen aus der Kompanie in der Hand hielt.

Ich hätte besser daran getan, ihm nicht zu folgen und ihn nicht anzurufen, dachte Bindig. Am besten wäre es gewesen, ich hätte mich irgendwo so lange verkrochen, bis es dunkel würde, und wäre dann zu unserem Treffpunkt gegangen. Damit wäre der Einsatz für mich erledigt gewesen. Nun bin ich dabei, was Timm immer auch ausheckt.

Mit einemmal erinnerte er sich an Anna. Er biß sich auf die Lippe und dachte an das, was Timm über die Nahkampfspange gesagt hatte. Es war ihm zuweilen schwer gefallen zu töten, besonders in den letzten Monaten, weil die Art, in der die Leute von der Aufklärungskompanie töteten, ihn einfach au Mord erinnerte; weil er meinte, daß es einen Unterschied zwischen Soldaten und Mördern geben müsse. Aber es war ihm eigentlich nie schwer gefallen, sein Leben aufs Spiel zu setzen. Sie hatten ihn dazu erzogen, daß es ihm nicht schwer fiel. Doch nun war dieses Gefühl da. Er hatte es zum erstenmal, ein lähmendes, bedrückendes Gefühl. Am liebsten hätte er sich irgendwo im Unterholz verkrochen, bis die Maschine kam.

Aber da saß Timm, und dessen Gesicht drückte die ganze eiskalte Gelassenheit aus, mit der er seinen Plan auszuführen gedachte. Dieses Gesicht vor ihm lächelte nicht mehr. Timm hatte viele Gesichter, aber er blieb immer der gleiche. Er war jetzt wieder der, den Bindig als Klaus Timm kannte und von dem er nicht wußte, ob er ihn verfluchen sollte oder lieben, weil er von ihm erzogen worden war, weil er von ihm das Töten gelernt hatte und hunderterlei andere Dinge, die es ihm bisher ermöglichten, das eigene Leben zu bewahren. Es war der Timm, den er von dem Bahnwärterhäuschen beim letzten Einsatz kannte, der aus der Maschine, der den kleinen Oberkellner zusammenschlug. Der Timm, dem beim Nahkampftraining mit der Puppe kein Stich gut genug saß. Das war Timm, und das war der Lehrer und der Gott und der Führer und die Mutter und manchmal der Kamerad. Bindig konnte ihn nicht lieben, weil es ihn vor ihm ekelte. Und er brachte es nicht fertig, ihn zu töten, weil er ihn fürchtete.

»Gehen wir…«, hörte er ihn sagen.

Bindig nickte. Während er zusah, wie Timm die Zigarette ausdrückte, sagte er: »Den Posten vorhin habe ich nur ausfindig gemacht, weil er rauchte. Wer weiß, ob ich ihn bemerkt hätte, wenn ich nicht den Machorka gerochen hätte. Wir sollten in dieser Gegend lieber nicht rauchen…«

»Komm«, forderte Timm ihn auf, »wir haben eine Stunde Weg bis dahin, wo die Minen versteckt sind.«

Als sie aus dem Wald heraus waren, wurde das Gelände eia wenig übersichtlicher. Es gab keine Ansiedlungen, nur ab und zu einen eingeschneiten Weg und in der Ferne die Landstraße, von der zuweilen Motorengeräusch herüberkam. Es wurde wieder kalt, und der Himmel war klar. Irgendwo blieb Timm einmal stehen, zog sein Messer und schnitt damit ein paar Fichtenäste ab. Er nahm ein Stück Schnur aus der Tasche und band die Äste zusammen. Wenn er die Schnur in der Hand behielt und das Bündel Äste hinter sich über den Schnee schleifen ließ, verwischte es die Spur. Als sie an einem kleinen See vorbeigingen, dessen Oberfläche blank und schneefrei war, sagte er: »Bloß gut, daß die Kälte anhält. Sonst könnte keine Maschine landen…«

Sie überquerten einen der Seen und hinterließen keine Spur auf dem vom Wind blankgefegten Eis. Am anderen Ufer ging Timm voraus und gab Bindig die Schnur mit den Ästen.

»Zieh sie hinter dir her. Von jetzt ab braucht kein Mensch mehr zu sehen, daß hier jemand gegangen ist.«

Eine Stunde stapften sie durch den Schnee, und es gab keinen Laut außer dem leisen Schleifen der Äste hinter Bindigs Rücken. Es war flaches, nur sanft gewelltes Land, durch das sie zogen. Die Wälder standen in der Ferne wie schneebedeckte Mauern, und das schräge Sonnenlicht ließ die Eisflächen der Seen rötlich aufleuchten.

Als es dämmerte, kamen sie bei dem Versteck an, in dem die Minen lagen. Es waren fünf kastenförmige Sprengkörper, die zusammengenommen etwa die Wirkung von zwei Tellerminen hatten. Timm gab Bindig zwei der Kästen und lud sich selbst die übrigen drei auf. Die Minen waren nicht schwer, und sie waren wie alles, was die Männer mitführten, weißgespritzt. Timm hielt sich nicht lange auf. Er drängte: »Los, wir wollen zusehen, daß wir an die Landstraße herankommen…«

Der See, auf dem nachts die Maschine landen sollte, war mit einer dicken Eisschicht bedeckt, Sie war stark genug, das Flugzeug zu tragen, und der Wind hatte in der letzten Nacht den frisch gefallenen Schnee von der blanken Eisfläche geweht.

»Gut…«, sagte Timm, als sie ein Stück am Ufer entlanggingen. »Sie machen schon immer die richtigen Landeplätze ausfindig.«

»Wenn das Tauwetter kommt, ist es damit vorbei«, meinte Bindig. »Dann kann hier keine Maschine mehr landen.«

»Dann machen wir es wie früher«, erklärte Timm, »wir gehen zu Fuß und machen uns eine Schleuse.«

Eine Schleuse machen hieß durch die Schützenlinien der Roten Armee die Front überqueren. Sie hatten das in der Vergangenheit einige Male gemacht. Die Schützenlinien der Roten Armee waren oft ziemlich locker angelegt. Meist gab es kein Stellungssystem, das aus Gräben bestand. Die Soldaten lagen in kleinen, tiefen Erdlöchern, die in weiten Abständen voneinander angelegt waren.

Bindig entsann sich an das letztemal, als sie auf diese Weise die Front überquert hatten. Zwei von ihnen waren, nachdem sich die Gruppe ungesehen durch die Etappe mit ihren Ansammlungen von Fahrzeugen und Trossen und durch die Artilleriestellungen hatte durchschleichen können, vorausgekrochen. Sie hatten die Soldaten in zwei benachbarten Schützenlöchern überfallen und geräuschlos umgebracht. So entstand eine Gasse, durch die sich die Gruppe ungesehen über die Frontlinie hinwegstehlen konnte. Noch während Bindig darüber nachdachte, hörte er Timm sagen; »Freu dich doch auf das Tauwetter! Da kannst du in den Löchern ab und zu wenigstens wieder einen umlegen und kommst auf deine Kosten!«

Sie hatten sich bis an die Straße herangearbeitet. Aber diese Straße wurde so stark befahren, daß es unmöglich war, mit den Minen an sie heranzukommen. Timm führte deshalb Bindig wieder ein Stück zurück, bis sie eine schmale, stark verschneite und wenig befahrene Waldstraße fanden, die von der Hauptstraße weg irgendwohin ins Hinterland führte.

»Das ist richtig«, sagte Timm zufrieden, »hier werden wir in aller Seelenruhe ein Ding drehen, und sie werden es noch nicht einmal bis an die Hauptstraße hören!«