Rechts und links war dichter, an den Straßenrändern mit Büschen verfilzter Fichtenwald. Sie gingen, bis einige Kilometer zwischen der Hauptstraße und ihnen lagen, dann durchsuchten sie die Gegend nach verschiedenen Richtungen. Es hielt sich niemand hier auf. Doch in einiger Entfernung war plötzlich Motorengeräusch, und bald darauf tasteten sich die geschlitzten Scheinwerfer eines Fahrzeugs heran. Es war ein Lastwagen, der sich langsam in einer tief ausgefahrenen Spur auf dem verschneiten Fahrdamm vorwärts bewegte. Er keuchte an dem Versteck der beiden so nahe vorbei, daß sie den Fahrer in der Kabine sehen konnten.
»Schade«, brummte Timm, als das Fahrzeug verschwunden war, »der wäre richtig für uns gewesen. Das war ein Brocken…« Er hatte einen kurzen, geraden Ast aufgelesen, an dem er die Minen befestigte. Et band eine neben der anderen fest und knüpfte um das Ende des Astes ein Stück jener dünnen, festen Schnur, mit der er am Nachmittag das Fichtenreisig zusammengebunden hatte. Dann trat er mit der Ladung auf den Fahrdamm hinaus und verbarg sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite im lockeren Schnee. Als er zu Bindig zurückkam, hatte er die Schnur in der Hand. Sie zogen sich so weit in den Wald zurück, wie die Schnur reichte. Dann zog Timm die Schnur straff, machte sich ein Zeichen am Boden und sagte zu Bindig: »Sie liegt genau zwei Handbreit neben der Fahrtrinne. Wenn das nächste Fahrzeug kommt, ziehen wir die Schnur zwei Handbreit heran, und der Fall ist erledigt.«
»Wenn die Ladung zündet«, gab Bindig zu bedenken.
Aber Timm lachte leise: »Sie wird zünden. Ich habe in allen fünf Minen den Druckzünder scharf gemacht. Die Ladung reicht für einen Eisenbahnzug.«
Es war inzwischen sehr dunkel geworden, aber der Himmel war unbewölkt, und das Sternenlicht verlieh dem Schnee einen matten Glanz. Wie immer, wenn es Nacht wurde, hörte man die fernen Geräusche deutlicher. Die Landstraße mit dem leisen Gedröhn der Automotoren schien näher gerückt zu sein. Das Gewummer einer Batterie, die ihr abendliches Störungsfeuer begann, ließ die Luft leise erzittern.
Die beiden Männer lagen still in ihrem Versteck und lauschten. Nur einmal sagte Timm: »Hoffentlich kommt wenigstens etwas, wofür es sich lohnt, fünf Minen auszugeben…« Aber dann blieb es wieder still, und die Zeit verstrich. Bis plötzlich Motorengeräusch näher kam. Zuerst war es nur leise, und es hätte ebensogut weit drüben auf der Landstraße sein können. Aber dann wurde es lauter, und Timm richtete sich auf.
Er zischte Bindig zu: »Aufgepaßt! Es geht los I« Dann nahm er die Schnur, und Bindig streifte den Riemen, an dem die Pistole hing, über das Handgelenk. Es war ein einzelner Lastwagen, der sich durch den Schnee heran wühlte. Ein gedeckter Dreiachser, dessen schmaler Scheinwerferstrahl über den Boden tanzte. Bindig lauschte angestrengt. Es schien ihm, als käme von irgendwoher die Musik einer Ziehharmonika. Er flüsterte es Timm zu, und der nickte grinsend. Er hielt die Schnur straff in der Hand und beobachtete durch die Lücken im Geäst der Bäume, wie sich der Wagen langsam auf die Stelle zu bewegte, wo die Ladung unter der dünnen Schicht pulverigen Schnees lag, die Timm darübergestreut hatte.
Die jäh aufzuckende Stichflamme der Explosion erhellte für Sekundenbruchteile das Dunkel, und der Luftdruck fegte den Schnee von den Ästen. Eine Welle heißer, nach Pulver stinkender Luft fauchte über die geduckten Körper der beiden Männer. Ein paar dumpfe, klatschende Geräusche noch, dann war es still. Sie lauerten ein paar Sekunden auf einen Laut, der noch Leben verriet, aber es war nichts zu hören. Da erhoben sie sich und schlichen zur Straße.
»Lage peilen und ab!« flüsterte Timm heiser. Er hatte die Hände nachlässig in die Taschen vergraben, als wollte er seine Sicherheit demonstrieren, daß es bei einer Sprengung, die er anlegte, keine Überlebenden gab. Er verzog spöttisch den Mund, als er sah, daß Bindig die Pistole entsicherte und schußbereit vor den Körper nahm. Aufgepaßt, dachte er, der Gefreite Bindig macht Ernst! Das überlebt niemand. Der Krach der Explosion hatte die unangenehme Spannung der letzten Stunden von ihm genommen. Es war, als sei er aus einer Erstarrung aufgewacht, er fühlte sich sicher und unbesiegbar.
Er war Timm, der Mann, der diesen Lastwagen in die Luft gejagt hatte! Und es gab keinen ausdrücklichen Befehl dazu. Wohl hatte man ihnen die Minen mitgegeben, aber kein Mensch würde etwas sagen, wenn sie zurückkämen und erklärten, daß sie so lange nach dem Lager hätten suchen müssen und keine Zeit mehr für eine andere Aktion übrigbehalten hätten.
Timm sah befriedigt auf Bindig, der vor ihm herschlich, gewandt wie eine Katze, mit unhörbaren, geschmeidigen Bewegungen, die Waffe in der Hand. Timm war stolz auf ihn. Diesen Jungen habe ich erzogen, dachte er. An keinem anderen ist so deutlich zu sehen, was man aus einem Menschen machen kann, wenn man es versteht, wie an ihm. Er kam zur Kompanie und war so schüchtern, daß er kaum ein Wort herausbrachte. Heute aber ist er ein Mann. Das Blut hat es ihm angetan. Er gibt keine Ruhe, bis er töten kann. Diese Jungen, dachte Timm, die sind unser Material. Sie sind das, was wir aus ihnen gemacht haben, und es ist wahrlich nichts Schlechtes aus ihnen geworden.
Der Lastwagen war nicht ganz so groß wie der, den sie zuerst hatten vorbeifahren lassen. Es war ein geschlossener Studebaker, und die Explosion hatte ihn so demoliert, daß er nicht mehr zu gebrauchen war. Bis kurz vor dem Führerhaus waren die Motorhaube und der Motor weggerissen. Das Fahrzeug war hochgeschleudert worden und dann mit den Hinterrädern wieder aufgekommen. Dabei war die Ladefläche mit der darübergespannten Plane zusammengequetscht worden, und die Räder hatten sich an den gebrochenen Achsen waagerecht gedreht. Um den Wagen herum lagen Fetzen von Blech und Holz im Schnee.
Bindig blickte sich auf der Straße um. Es war ruhig. Er ging geduckt auf den Wagen zu und kletterte über das geborstene Metall, bis er in das zusammengequetschte Führerhaus blicken konnte. Die Scheiben waren gesplittert, und an den scharfen Zacken klebten dunkle Flecke. Es war das Blut des Fahrers und des Begleiters. Bindig warf einen Blick durch die zerbrochenen Scheiben und ließ sich herunter. »Aus«, sagte er zu Timm. »Hier gibt es nichts mehr zu tun.«
»Schlecht für dich«, antwortete Timm. Bindig drehte sich um und ging auf die andere Seite des Wagens. Er zog sich an der Kippwand der Ladefläche hoch und warf durch die zerfetzte Plane einen Blick in das Innere. Der Wagen war leer bis auf ein paar kleine Gegenstände, die verstreut umherlagen. Es mußte alles nach hinten herausgerutscht sein, denn die hintere Klappe war abgerissen, und die Ladefläche lag schräg nach hinten geneigt.
Als Bindig den leisen, stöhnenden Laut hörte, der mit einemmal hinter dem zerstörten Fahrzeug war, hatte Timm, der unten stand, schon einen Satz gemacht und stand vor dem Bündel, das einige Meter hinter dem Wagen im tiefen Schnee seitwärts der Fahrbahn lag. Er warf einen schnellen Blick darauf und dann steckte er gemächlich die Pistole wieder ein, die er gezogen hatte.
»Bindig!«
Der Angerufene war mit einem Sprung neben ihm, die Mündung seiner Waffe zeigte zur Erde, wo sich im lockeren Schnee etwas bewegte.
»Der ist fertig«, sagte Timm, »der wartet bloß noch auf dich. Das ist der Idiot, der Ziehharmonika gespielt hat…«
Das Bündel am Boden war ein Mensch. Ein Soldat, den die Explosion der Mine aus dem Wagen geschleudert hatte. Er trug die Pelzmütze noch auf dem Kopf, und einen Augenblick lang fragte Bindig sich verwundert, weshalb sie beim Sturz nicht fortgeflogen war. Aber da sah er, daß die verkrümmt im Schnee liegende Gestalt ein Akkordeon vor der Brust trug. Es schien noch ganz zu sein, nur an der einen Seite war die Schlaufe gerissen, die über den Arm des Spielers gestreift war. Der Soldat am Boden bewegte sich stöhnend. Er versuchte, den Kopf zu drehen, damit er die beiden Männer sehen konnte, die vor ihm standen, und es gelang ihm nach vieler Mühe. Bindig ließ die Pistole sinken. Er wollte sich bücken und den Verletzten bequemer betten, er wußte in diesem Augenblick nicht, was sonst zu tun war. Aber da blickte der Soldat ihn aus zwei großen, dunklen Augen an, stieß einen gequälten Schrei aus und bewegte sich stärker.