Выбрать главу

Es schien, als wolle er das Akkordeon abstreifen, aber es gelang ihm nicht, denn offenbar hatte er einige Brüche erlitten, als er von dem Wagen stürzte.

Timm trat nahe an ihn heran und stieß ihn mit dem Schuh in die Seite. »He, Iwan, Ruhe!«

Der Soldat bewegte mit einer unerhörten Anstrengung den Arm und tastete an die Hüfte. Er schob das Akkordeon ein wenig beiseite, aber es rutschte ihm wieder in den Weg.

»Der geht doch an die Pistole!« zischte Timm. Es klang höhnisch, erstaunt und gereizt. Bindig sah, daß der Soldat die Pistolentasche erreicht hatte, die an seiner Hüfte hing. Er konnte den Arm nur sehr langsam bewegen. Offenbar war an der Schulter etwas gebrochen. Er schrie nicht mehr, aber er murmelte leise Worte vor sich hin, heiser und fast flüsternd.

»Mach Schluß mit ihm«, forderte Timm Bindig auf, »der kriegt es sonst fertig und ballert in die Gegend.«

Der Soldat versuchte verbissen, die Tasche zu öffnen. Es gelang ihm auch nach vieler Mühe. Er hatte sich ein wenig aufgerichtet und mußte dabei starke Schmerzen verspüren, denn sein Gesicht war verzerrt. Es war ein sehr junges, bleiches Gesicht. Man hätte es schön nennen können. Bindig stand unbewegt und sah ihm zu. »Na los!« hörte er Timm drängen. »Gib ihm eine und laß uns abhauen. Setz ihm die Pistole an den Kopf, das ist nicht so laut.«

Der Soldat riß die Ledertasche auf und zog eine flache, langläufige Pistole hervor. Er konnte sie kaum in der Hand halten, sie fiel ihm in den Schnee, aber er hob sie wieder auf.

»Was der sich abmüht, bevor er stirbt!« sagte Timm. »Nun gib ihm eine, es wird Zeit…«

Bindig starrte den Verletzten an, der unter Aufbietung aller Kraft versuchte, die Pistole zu heben. Sie glitt ihm immer wieder aus der Hand und fiel in den Schnee. Timm stand ruhig daneben. Er hätte mit einem Fußtritt die Waffe des Soldaten fortschleudern können, aber er tat es nicht. Er beobachtete grinsend die Anstrengungen des Mannes und behielt dabei beide Hände in den Hosentaschen, ohne eine Anstrengung zu machen, die den Schuß des Soldaten hätte ver-

hindern können. Er wartete auf Bindig, und er wollte Bindig machen lassen, was hier zu tun war. Es bereitete ihm Spaß, dabei zuzusehen, und er wußte, daß Bindig schießen würde. Aber es dauerte ihm zu lange, und plötzlich sagte er rauh:

»Ich bin gespannt, ob du ihm bald eine gibst oder ob du wartest, bis er deinen Unteroffizier angeschossen hat!« Da sah Bindig, wie der Soldat den Finger krümmte. Er hatte die Pistole neben die Harmonika an die Brust gedrückt. Es mußte ihm so leichter fallen, den Schuß auszulösen. Er hatte sich ein wenig aufgerichtet, keuchend und stöhnend. Aus seinem Mund lief Blut in einem dünnen, dunklen Faden. Der Finger, der sich um das Metall krümmte, war mit einemmal die ganze Welt für Bindig. Er sah nichts anderes mehr, nur die mühsame Bewegung, die seinen Tod verursachen sollte, vielleicht auch den Timms. Da krümmte er den eigenen Finger mit einer schnellen Bewegung durch.

»Nerven hast du schon«, stellte Timm sachlich fest, »jetzt glaube ich dir, daß du keinen Zucker brauchst.« Er beugte sich über den Toten und nahm ihm die schmale Pistole aus der schlaff gewordenen Hand. Bindig stand hinter ihm. Er sah auf die Mündung seiner Waffe, aus der ein leichter Rauchfaden entwich.

Über die Mündung hinweg sah er den Rücken Timms, der sich über den Toten beugte. Er fühlte sich verraten, vergewaltigt, es ekelte ihn vor sich selber und vor Timm und vor der unbekannten Leiche im Schnee zu seinen Füßen. Es war, als hocke vor ihm ein Peiniger im Schnee, der wie ein giftiges Insekt fortwährend auf ihn einstach. Auf einen Wehrlosen. Er hörte Timm durch die Zähne pfeifen. Leise und zischend. Er hätte später nicht sagen können, ob er die Pistole in dem Augenblick auf den Boden oder auf Timms Rücken gerichtet hielt, als er den Unteroffizier plötzlich sagen hörte: »Mensch, das ist ein Weib.«

Es traf ihn wie ein Schlag, und er ließ die Hand mit der Pistole sinken. Es war, als habe man ihm alle Knochen zerschlagen. Er machte einen schwankenden Schritt vorwärts.

Und dann sah er das lange Haar.

Timm hatte die Pelzmütze mit einer Handbewegung weggefegt. Er nestelte an den Knöpfen der Steppjacke herum. Bindig wartete nicht, bis Timm der Frau die Uniform geöffnet hatte. Er wandte sich ab, aber er behielt dieses unglaubliche Bild trotzdem vor seinen Augen, wie der Unteroffizier über der erschossenen Frau hockte und ihr die Knöpfe über der Brust öffnete, mit harten, flinken Fingern. Er hörte Stoff zerreißen, während er dem Rand der Straße zustolperte, und dann hörte er, wie Timm anerkennend mit der Zunge schnalzte. Er steckte die Pistole ein. Er war kraftlos, zerschlagen. Es war, als läge mit einemmal die Müdigkeit aller Nächte seines Lebens in seinen Adern. Als gäbe es kein Leben und keine Energie mehr in ihm. Die Augen, in die er geblickt hatte, bevor er schoß, schienen nicht der Frau zu gehören, die hinter ihm im Schnee lag, sondern Anna. Er lehnte sich an einen Baum am Straßenrand und atmete schwer. Jeden Augenblick konnte ein anderes Fahrzeug die Straße entlangkommen. Dann war es zu spät, und man kam nicht mehr von hier fort.

»Los, komm schon!« rief er leise.

Ein Grunzen antwortete ihm. Dann waren Timms Schritte da und seine heisere Stimme, die anerkennend sagte: »Mein lieber Mann, die wäre mir lebendig lieber gewesen. Gut gewachsen…«

Sie tauchten zwischen den Bäumen unter. Als sie den ersten Schritt von der Straße weg machten, fiel hinter ihnen der Körper der getöteten Frau vornüber. Die Harmonika gab einen leisen, klagenden Ton von sich. Es war Bindig, als habe die Frau ihnen einen Fluch nachgeschrien.

Er sprach nichts. Er zog wortlos das Bündel mit den Ästen hinter sich her, bis sie an der Einflugstelle am See waren. Sie trafen die übrigen Soldaten ihrer Gruppe. Von den anderen beiden Gruppen war nichts zu sehen. Sie hockten sich unter die verschneiten Büsche und warteten. Timm setzte die Magnesiumlichter. Nach Mitternacht kamen noch zwei Mann von der Gruppe, die das Stellwerk überfallen hatte. Sie hatten Posten gestanden und waren unverletzt.

»Es war eine unheimliche Schießerei…«, berichtete einer von ihnen. »Aber es wäre glatter Selbstmord gewesen, wenn wir auch noch hingelaufen wären. Zurückgekommen ist keiner mehr…« Sie warteten, und von Minute zu Minute wurde das Gefühl der Unsicherheit stärker.

Es war wie immer. Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Timm hockte schweigend unter seinem Busch und rauchte eine Zigarette aus der hohlen Hand. Von der Gruppe, die den Gefangenen hatte einbringen sollen, kam niemand zurück, bis das Motorengeräusch in der Luft war. Timm ließ die Landelichter anzünden. Er sagte kein Wort, als sie in die Maschine stiegen. Es war eine geräumige, einmotorige alte Junkers, mit der sie schon oft geflogen waren. Der Pilot gab Gas, noch bevor sie das Schott richtig verschlossen hatten.

»Du gefällst mir nicht«, flüsterte Zado Bindig zu, »was ist los? Krach mit Timm gehabt?«

»Nein.«

»Was habt ihr mit den Minen angestellt?«

»Ein Lastwagen!« sagte Bindig müde.

»Tote?«

»Eine Harmonika«, sagte Bindig leise. Er starrte auf den Boden der Kabine.

»Harmonika?« Zado rückte ganz dicht an ihn heran und boxte ihn mit dem Ellenbogen in die Seite. »Was ist los, Mann! Was ist mit dieser Harmonika? Bist du besoffen?«

»Eine Harmonika…«, sagte Bindig langsam und sehr leise, »wir haben eine Harmonika getötet. Es war dunkel, aber ich glaube, sie hatte schwarze Augen…«

»Du bist verrückt!« sagte Zado kopfschüttelnd. Er nahm den Helm ab und wischte den Schweiß aus dem Genick. »Du bist mit dem Kopf an einen Baum gerannt. Es scheint eine Eiche gewesen zu sein… eine großdeutsche Eiche…«