»Gib mir einen Schnaps«, bat Bindig.
Sie kamen nach Sonnenaufgang in Haselgarten an. Ein Lastwagen mit einer Handvoll müder Männer, deren Hände zitterten und deren Gesichter bleich und übernächtig waren.
Paniczek stolperte und fiel lang in den Schnee, als er vom Wagen sprang. Er blieb ein paar Sekunden liegen und erhob sich dann mühsam. Der Schnee schmolz auf seiner Stirn und an seinem Hals, und das Wasser lief ihm in den Kragen. Er torkelte wie ein Betrunkener auf die Unterkunft zu, ohne sich noch einmal umzublicken.
»Der ist auch fertig«, sagte Zado zu Timm.
Aber Timm ließ sich nicht auf ein Gespräch ein. Er sagte nur: »Haut euch hin und schlaft euch aus.« Dann ging er Alf entgegen, der die Dorfstraße herabkam.
Bindig warf die Maschinenpistole auf den Strohsack. Er schnallte den Helm ab, ließ ihn ebenfalls fallen und zog die steife Kombination aus. Er ließ alles liegen und steckte nur die Pistole ein. Dann wollte er das Quartier verlassen.
»Gehst du weg?« erkundigte sich Zado, der mit unter dem Kopf verschränkten Armen auf dem Strohsack lag.
»Ja.«
»Nimm das für sie mit«, sagte Zado, während er aus den Brusttaschen der Kombination ein paar Riegel Schokolade nahm und sie Bindig hinhielt.
»Danke, ich habe selbst noch welche.«
Zado richtete sich ein wenig auf und knurrte gereizt: »Nimm ihr das mit, verflucht! Ich weiß, daß Frauen gern Schokolade essen I«
Bindig steckte die Schokolade widerstrebend ein. Er wollte nur fort von hier. Es gab keinen anderen Gedanken in ihm. Er hörte Zado sagen: »Ich gebe dir Bescheid, wenn du hier gebraucht wirst…« Dann schlug er die Tür hinter sich zu und ging die Straße hinab.
Er wollte durch das Tor in Annas Gehöft eintreten, aber das Tor war verschlossen. Er entsann sich, daß es hinter dem Hause, dort, wo sich der Gemüsegarten befand, einen Drahtzaun gab, der leicht zu überklettern war.
Ich werde sie überraschen, dachte er. Sie wird nicht glauben, daß ich schon zurück bin. Ich werde sie nicht erschrecken, ich will ganz einfach ihr Gesicht sehen, wenn ich so unerwartet vor ihr stehe.
Es war ein kalter, sonniger Tag. Der Schnee war noch frisch und leuchtete stark, und die Augen schmerzten, wenn man lange auf die glitzernde, weiße Fläche blickte. An der Front führte sich nichts. Die Artillerie schwieg, und die Gewehrschüsse, die gewechselt wurden, waren hier nicht mehr zu hören. Es war die erwartungsvolle Stille des Morgens, in der sich noch nichts regt, obgleich die Sonne schon hoch steht.
Da hörte Bindig das Geräusch der Haustür. Sein Gesicht überzog sich mit einem Lächeln, als er sich an die Hauswand duckte und zum Hof hinübersah. Es waren Schritte dort. Er sah, wie Anna über den Hof ging. Sie trug Stiefel und hatte einen Mantel übergeworfen. Sie ging bis ans Tor, und dort drehte sie sich um. Sie trug einen Kartoffelsack in der Hand. Im selben Augenblick, als er begriff, daß sie dabei war, den Hof zu verlassen, hörte er ihre Stimme. Sie rief nicht laut, aber so, daß Bindig es ohne Mühe verstehen konnte: »Wenn du Lust hast, könntest du den Schnee ein wenig vom Haus wegscharren! Aber laß darüber nicht das Feuer in der Küche ausgehen!«
Bindig lächelte über ihre Art, mit dem Taubstummen, der sie doch nicht verstehen konnte, zu sprechen. Er wollte sich erheben und quer durch den verschneiten Gemüsegarten über den Hof auf sie zulaufen, aber eine Stimme, die plötzlich auf Annas Worte Antwort gab, ließ ihn stehenbleiben, wo er war. Es war eine angenehme, tiefe Stimme, die einem Mann gehörte, den er nicht sehen konnte, und die Stimme antwortete: »Geh nur, ich werde alles machen! Und komm bald zurück!«
Er hatte diese Stimme nie gehört. Sie war fremd, und die Worte klangen eigenartig hart. Er sah, wie Anna am Hoftor hantierte. Der Riegel mußte sich verklemme haben, denn mit einem Male kam vom Haus her Jakob, der taubstumme Schwachsinnige, über den Hof. Er ging aufrecht, nicht in jener schlaffen, schleppenden Haltung, die Bindig an ihm gewohnt war. Er zog mit einem energischen Griff den Riegel zurück und öffnete das Tor. Während Anna an ihm vorbeiging, sagte er laut und freundlich: »Auf Wiedersehen.« Dann schlug er das Tor zu und ging mit knirschendem Schritt wieder zurück über den Hof, bis er aus Bindigs Blickfeld verschwunden war.
Es wurde wieder still. Bindig senkte langsam den Kopf. Er fühlte sich nicht in der Lage, in das Haus zu gehen und aufzuklären, was dieses Geheimnis zwischen Anna und dem Knecht zu bedeuten hatte. In ihm war nur der hämmernde Gedanke, daß Anna etwas vor ihm verborgen gehalten hatte. Dieser Mann, der Jakob hieß, war nicht taubstumm und nicht schwachsinnig. Er war wie andere Männer. Wie er selbst.
Es verging eine Minute und noch eine. Bindig zögerte. Er fühlte, daß die Erregung der vergangenen Nacht noch nicht abgeklungen war, und dazu kam seine Verwirrung über das eben Erlebte. Er lag an der Hauswand, bis er plötzlich die Kälte durch die Uniform spürte. Es war, als verlieh ihm diese Kälte mit einemmal wieder das alte Maß an Kraft und Konzentration. Er erhob sich und ging auf den Hof. Er hatte jetzt den gleichen federnden Schritt wie nachts, als Timm ihn beobachtet hatte, während er zur Straße schlich. An der Hausecke blieb er noch einmal stehen. Mit einer gewandten Bewegung zog er die Pistole aus der Tasche, lud sie durch und ließ sie ungesichert in die Hosentasche gleiten. Bindig bog in den Hof. Er war leer. Mit ein paar schnellen Schritten überquerte ihn Bindig und betrat das Haus.
Er hörte vom Obergeschoß ein Geräusch und tief hinauf: »Hallo! Jakob!«
Es kam keine Antwort. Bindig wartete nicht länger. Er stieg die Treppe hinauf. Die Tür zu der Kammer des Knechtes war offen. Bindig konnte den Mann in der Kammer herumhantieren hören. Er stieß die Tür, ohne zu zögern, auf und blieb in der Öffnung stehen. »Hallo, mein Lieber…«, sagte er nicht besonders laut.
Der Mann sah ihm ins Gesicht. Es war derselbe, den Bindig kannte, ein schlaffer Mensch mit leicht herabhängendem Unterkiefer und einem gutmütigen Grinsen in den hellen Augen.
Aber in diesen Augen war trotzdem etwas, von dem Bindig gewarnt wurde. Er ließ die Hand nachlässig in die Hosentasche fahren und sagte dann: »Hast du aufgepaßt, daß das Feuer nicht ausgeht, Jakob?«
Der Mann bewegte grinsend den Kopf. In der Kammer stand ein Bett. Man sah, daß es benutzt wurde. Dann waren da noch ein Schrank, ein altmodisches, ein wenig schiefes Möbelstück, ein kleiner Tisch, ein Stuhl und ein Nachtschränkchen.
»Den Schnee sollst du auch ein bißchen wegschaufeln«, sagte Bindig. Er sah den Mann wieder nur hilflos grinsen, und da stieg plötzlich die Wut in ihm auf. Er schrie ihn heiser an: »Spiel mir nicht den Idioten vor! Ich weiß, daß du reden kannst und daß du nicht blöd bist!«
Er sah, wie der Knecht langsam seine Hände sinken ließ und wie in sein Gesicht ein ernster, verschlossener Ausdruck trat. Das war nicht mehr der schwachsinnige Jakob. Das war nicht mehr der grinsende Taubstumme. Das war ein Mann, den man ernst zu nehmen hatte.
»Was ist los mit dir?« fragte Bindig. »Warum spielst du den Blöden? Was bist du? Ihr Mann? Ihr Bruder? Deserteur? Oder was sonst?«
Er wartete, aber der Mann antwortete nicht. Er ließ ihn nicht aus den Augen, aber er öffnete nicht den Mund.
»Sag, was los ist!« drängte Bindig ungeduldig. »Sag, was das hier zu bedeuten hat. Mehr will ich nicht wissen. Eher gehe ich nicht von hier weg, bis ich es weiß…«
Er merkte um den Bruchteil einer Sekunde zu spät, daß der Knecht die Hand unter das Kopfkissen steckte. Er hatte nicht erwartet, daß dort eine Waffe versteckt lag. Er hatte überhaupt nicht damit gerechnet, daß der taubstumme Jakob ihn mit irgendeiner Waffe bedrohen könnte. Aber er war angesichts dieser Gefahr plötzlich wieder der Thomas Bindig, den Timm erzogen hatte. Der Knecht war die Strohpuppe für ihn, die er anzuspringen hatte, die er hundertmal bereits angesprungen hatte, aus allen Lagen und von jeder Seite. Er hatte die Pistole nicht aus der Tasche gezogen, als er sprang. Er prallte dem Knecht gegen die Brust und bohrte ihm das angezogene Knie in den Unterleib. Es war ihm, als höre er die Stimme Timms dabei, der ihn beobachtete. Timm rief: »Höher das Knie! Den Fuß weit nach hinten, das kostet die halbe Kraft! Waagerecht die linke Hand!«