Da war unten im Haus das Schlagen der Tür und die Stimme, die ihn zwang, sich noch einmal zusammenzuraffen. Die Stimme gehörte Anna. Sie rief: »Du, ich habe ein paar Kartoffeln gefunden! Komm, hilf mir, sie zu tragen!«
Bindig torkelte aus dem Zimmer.
Als er au£ der Treppe stand, stieß die Frau einen leisen Schrei aus. Sie begriff erst, was geschehen war, als er ihr die beiden Pistolen hinhielt. Aber er war nicht mehr imstande, etwas zu sagen. Sie fing ihn auf, während der Russe sich langsam die Treppe hinabtastete, eine Hand gegen den Unterleib gepreßt. Die Frau sah ihm mit weit geöffneten Augen entgegen und fragte zitternd: »Er… was ist… hast du… Mein Gott!«
Der Russe half ihr, Bindig auf das Bett zu legen. Er half ihr, ihn auszukleiden und ihm den kalten Schweiß von der Haut zu reiben. Die Bewegungen fielen ihm schwer, aber er half so lange, bis Bindig unter dem Deckbett lag und Anna von irgendwoher ein feuchtes Handtuch geholt hatte, das sie ihm auf die Stirn legte.
»Mein Gott«, murmelte sie dabei, »Jesus, mein Gott…«
Aber der Russe sagte nur leise: »Es wird vorbeigehen. Es ist ein Fieber… er wird es überstehen…«
Anna: Allein mit dem Schlag meines Herzens
Immer wenn es Frühling wurde, hockte das Mädchen am Abend bei den Weiden am Fluß und sang vor sich hin. Sie war jung, aber sie war schon kein Kind mehr, und die Burschen sahen ihr nach, wenn sie über die Dorfstraße ging.
Sie war sechzehn, als sie zum letztenmal bei den Weiden saß. Sie trug den bunten, handgewebten Rock, der knapp bis über die Knie reichte, und das Haar fiel, zu zwei schweren Zöpfen geflochten, seidenschwarz über die weiße Bluse. Sie hockte bei den Weiden, als die Sonne unterging, und summte, und die Burschen flüsterten einander zu, daß sie es mit dem Kopf haben müsse.
Das war im Frühling, und im Sommer ging sie als Kindermädchen zu dem Zahnarzt nach Gumbinncn. Der Mann flößte ihr Vertrauen ein, und die Kinder machten wenig Arbeit, obwohl sie keine Mutter mehr hatten.
Es gab Bücher in den Regalen des Zahnarztes, und er gab sie ihr zu lesen. Und sie lernte moderne Kleider nähen und Bananen rösten und gestärkte Manschetten faltenlos bügeln und einen Staubsauger bedienen. Sie erfuhr, daß es Leute gab, die ihre Zähne mit Gold überziehen ließen, um ihren Reichtum zur Schau zu stellen, und andere, die mit einem zerknüllten Zettel von der Krankenkasse kamen.
Und sie wußte, daß die mit dem Gold sagten: »Ich wünsche so behandelt zu werden, daß ich absolut nichts davon spüre.«
Während die anderen die Mütze in der Hand drehten und beklommen murmelten: »Sie haben so viel Arbeit mit mir, Herr Doktor. Wenn ich Ihnen einmal etwas helfen könnte… Ich bin Schlosser, aber ich verstehe auch was von Gartenarbeit, und jetzt, wenn der Herbst kommt…«
Sie bewunderte ihn, weil er sich keine Frau mehr nahm und weil er an manchen Festtagen das Einkommen eines ganzen Monats dafür ausgab, ein paar Kindern, deren Eltern nichts verdienten, Anzüge und Schuhwerk zu schenken.
Ein Jahr lang verschloß sie am Abend, wenn sie in ihrer Stube zu Bett ging, die Tür, denn sie war ein junges Mädchen, und er war ein Mann. Aber als das Jahr um war, begriff sie, daß er nicht so war wie der Rechtsanwalt in der Villa nebenan, der sich das Dienstmädchen ins Bett holte, wenn seine Frau im Thüringer Wald im Rheumabad war. Da verschloß Anna die Tür nicht mehr, und es änderte sich nichts.
Ein Jahr später begrub sie ihren Vater. Die Mutter führte den Hof noch eine Weile weiter, aber ein paar Monate danach lag sie neben ihrem Mann auf dem Friedhof, und Anna verkaufte für ein Spottgeld das Land und das Haus. Sie führte weiter den Haushalt des Zahnarztes, denn außer einer Tante gab es im Dorfe niemand mehr, bei dem sie hätte bleiben können.
Sie kam ab und zu ins Dorf auf Besuch, und dann blieb sie bei der Tante, die eine alte, einfältige Frau war. Sie war es auch, die ihr den Mann aufschwatzte, den sie schließlich heiratete. Aber das war erst viel später.
»Anna«, sagte eines Abends der Zahnarzt zu ihr, »es tut mir leid, aber ich glaube, wir werden uns bald trennen müssen.«
Er war fort gewesen und trug noch Mantel und Hut. Er nahm Anna bei der Hand und führte sie zur Haustür. Irgendjemand hatte dort mit leuchtend weißer Farbe »Judenschwein, ’raus!« auf das Holz gepinselt.
»Ich verstehe gar nicht…«, sagte Anna beklommen.
Der Zahnarzt führte sie wieder zurück ins Haus und sagte: »Wenn ich es nur verstünde! Ich habe diesen Leuten nichts getan, und meine Eltern nicht und nicht meine Großeltern. Ich habe den Leuten ihr Gebiß in Ordnung gebracht, wie es andere auch tun. Jedenfalls nicht schlechter. Aber ich heiße David, und sie haben in ihrem Programm vorgesehen, uns auszurotten. Es wird besser sein, das nicht abzuwarten.“
Anna mochte nicht gern ins Dorf zurückkehren. Sie beschloß abzuwarten, was geschah. Aber das, was geschah, überstieg ihre Vorstellungen gründlich.
Sie stand in der Küche und putzte den Teekessel, als der erste Stein durch die Scheiben flog. Er hinterließ zwei faustgroße Löcher in den Doppelfenstern und polterte auf das Küchenbüfett, Dann kam noch einer und noch einer, und der dritte verletzte Anna an der Stirn, so daß sie nur halb bewußt erlebte, was weiter geschah.
Es waren Leute in Uniformen und in Zivilkleidern, die vor dem Haus tobten. Es waren Schulkinder, kleine, rotznäsige Jungen und Mädchen, die wieselflink Steine heran schleppten und sich freuten, weil es zum erstenmal in ihrem Leben erlaubt war, Fenster einzuwerfen. Sie taten es mit einer Mischung von kindlicher Freude und zunehmender Zerstörungswut. Die Erwachsenen schrien Beschimpfungen, sie erhitzten sich gegenseitig, und schließlich brachen sie in den Garten ein, einer den anderen anfeuernd.
Der Zahnarzt David hatte ein bleiches, verängstigtes Gesicht, und die beiden Kinder verkrochen sich weinend in der hintersten Stube. Er wollte Anna dazu bewegen, das Haus durch die Hintertür zu verlassen, aber es war schon zu spät, denn im Garten wimmelte es von tobenden Menschen. Es waren Alte und Junge. Sie schlugen die Tür ein und rissen die Bilder von den Wänden. Sie warfen die Blumenvasen gegen die Türen der Glasschränke und demolierten die Sprechzimmereinrichtung. Unter den künstlichen Gebissen, die sie grölend durch die Fensterscheiben warfen, war auch das, welches David erst vor ein paar Tagen für den Rechtsanwalt von nebenan angefertigt hatte. Aber er schien es ohnehin nicht abholen zu wollen, denn er stand, mit einer abgebrochenen Zaunlatte bewaffnet, unweit der Haustür und brüllte im Chor der anderen: »Haut das Schwein, das jiddische! Haut ihn!«
Zuerst waren es einige von den Uniformierten, die ihn schlugen. Sie trugen hellbraune Hemden und Stiefelhosen von der gleichen Farbe, und auf dem Kopf hatten sie hohe Mützen, die entfernt an Starkästen erinnerten. Sie ohrfeigten David, der sich vergeblich zu schützen versuchte und der fortwährend beteuerte, nichts Unrechtes getan zu haben. Er blutete leicht an der Lippe, aber dann brüllte einer: »SA – ’ran!«, und da schnallten sie die Schulterriemen ab und prügelten mit dem Leder. Sie zerschlugen alles, was ihnen im Wege stand. Die Möbel und die Nippesfiguren, die Ampullen mit dem schmerzbetäubenden Mittel und die Wachsabdrücke fremder Gebisse. Sie zerschlugen Schränke und Tische und bearbeiteten David selbst so lange mit ihren Lederriemen, bis er am Boden lag, ohne sich zu rühren. Sie rissen den Kindern büschelweise die Haare aus und zerrten dem Mädchen, das ihr letztes Schuljahr absolvierte, die Kleider vom Körper. Sie jagten es nackt in den Garten und von da auf die Straße, bis dort ein Schutzmann eingriff. Er verabreichte dem Mädchen ein paar kräftige Ohrfeigen und stieß es in einen Lastwagen, der schon bereitstand und in dem das Mädchen ein Dutzend andere jüdische Bürger fand, die ihm halfen, seine Blöße zu bedecken.
Zuerst beachtete keiner der Tobenden Anna. Aber dann rief plötzlich der Rechtsanwalt, der inzwischen das Haus betreten hatte: »Da… da steht sie und flennt, die Judenhure!«