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Er warf einen Topf nach ihr, der an die Wand polterte, und Anna, der die Angst plötzlich Mut verlieh, schrie ihn an: »Seien Sie still! Sie sind ein Lügner!«

Doch die Leute um sie herum grölten nur. Zuerst hatten sie nicht vermutet, daß dieses schwarzhaarige, schöne Mädchen in das Haus gehörte. Aber nun wandte sich ihre Raserei gegen Anna, und die mit den Starkästen auf den Köpfen schwangen wieder die Schulterriemen. Als es ihr endlich gelungen war, aus dem Hause auszubrechen und durch den Garten in eine stillere Straße zu gelangen, blutete sie am ganzen Körper. Sie hielt über der Brust ihr Kleid zusammen, und ihr Haar flatterte aufgelöst, blutig, hinter ihr her, als sie wie gehetzt davonlief. Man verfolgte sie, und die Meute schrie im Chor »Judenhure! Judensau!«, so daß die Leute, an denen sie vorbeilief, aufmerksam wurden und mit Steinen nach ihr warfen.

Es war, als habe ein Taumel die Menschen gepackt und rasend gemacht. Die Schreie hallten durch die ganze Stadt, und die Scheiben prasselten. Als Anna die letzten Häuser weit hinter sich gelassen hatte und ihr niemand mehr folgte, sank sie zu Boden und weinte, bis Ihr keine Tränen mehr kamen. Blutig und zerschlagen, wie sie war, kroch sie weiter. Irgendwo, abseits der Straße, wusch sie sich notdürftig an einem Bach. Sie wanderte Tag und Nacht, ohne zu essen und zu schlafen. Sie umging die Dörfer und rupfte Sauerklee aus, wenn der Hunger ihr in den Gedärmen wühlte. Der Klee stillte den größten Hunger, aber er konnte Annas Angst nicht vertreiben.

Bei Nacht schlich sie in ihr Heimatdorf, hohlwangig und wund am ganzen Körper. Mit einer Seele, die einem todwunden Tier glich. Die Tante nahm sie auf. Und ein paar Monate später verkuppelte sie das Mädchen an den Mann, den sie im Dorfe seit einiger Zeit nur den »Erbhofbauern« nannten. Dann legte sich die Tante ins Bett und starb noch vor der Hochzeit an einem Blutsturz im Gehirn.

Der Mann war groß und blond, und ihm gehörte der große Hof in Haselgarten, ein wenig abseits vom Dorf. Während er um Anna warb, war er immer nüchtern und gut. Er hörte sich an, was ihm Anna von Gumbinnen erzählte, und sagte nichts dazu. Sie kannte ihn nur oberflächlich, aber die Tante hatte ihr eingeredet, daß sie froh sein konnte, ihn zu bekommen nach allem, was in Gumbinnen mit ihr passiert sei.

Er nahm das Geld von ihr, das sie aus dem Verkauf des elterlichen Hofes behalten hatte, und kaufte noch Land zu seinem Hof. Als er sie heiratete, feierte das halbe Dorf, und Anna weinte zum erstenmal heimlich in ihrer Stube, weil draußen am Gasttisch welche saßen, die ebensolche Uniformen trugen wie die Schläger damals in Gumbinnen.

Als die Gäste davon torkelten, war der Mann schon betrunken. Aber er trank mit den Knechten weiter, und sie grölten Lieder, die Anna nie gehört hatte. Sie schlich in die Schlafstube, aber sie fand keinen Schlaf, denn der Lärm drang bis zu ihr. Und als der Lärm zu Ende war, kam er.

Er nahm sie ohne Zärtlichkeit, grob und trunken. Er hauchte ihr den Schnapsdunst ins Gesicht und bereitete ihr Schmerzen. Aber sie verbiß den Schmerz und die Enttäuschung, und als alles vorüber war, zog sie ihm Hose und Stiefel aus.

Das war im Sommer, und im folgenden Frühling hatte sie eine Fehlgeburt. Er ließ sie nach Gumbinnen schaffen, und die Ärzte erklärten ihr, als sie aus der Klinik entlassen wurde, daß sie kein Kind mehr haben würde.

»Das habe ich nun von dir Judenhure!« begrüßte er sie, als sie nach Hause kam. Sie war noch schwach und hielt sich nur mühsam aufrecht. Aber er trieb sie in den Stall zu den Kühen, und sie arbeitete wie eine Magd.

»Jetzt habe ich einen Erbhof und keinen Erben«, tobte er abends, »aber das geschieht mir recht! Was nehme ich auch so eine, die dieser Zahnjidd verdorben hat!«

Er soff Tag und Nacht. Ein paar Nächte duldete er sie noch neben sich, aber dann jagte er sie am Abend in die Küche und nahm die Großmagd zu sich.

Anna versuchte mit ihm zu reden. Er hörte sie nicht an. Sie schrie, und er schlug sie. Sie beschimpfte die Magd, aber da wurde er noch wütender. Als sie ihm drohte, sich von ihm scheiden zu lassen, lachte er sie aus: »Das wage nur! Dann werd’ ich deine Schweinereien mit dem Jidd anbringen! Sie werden dich zu ihm ins Lager sperren!«

Manchmal saß sie jetzt wieder an ihrem alten Platz bei den Weiden am Fluß. Aber sie sang nicht mehr. Und die Leute aus dem Dorf seufzten leise, wenn sie sie von weitem sitzen sahen.

Als sie ihn zum Militär eingezogen hatten, erwachte ihre alte Kraft wieder. Zuerst entließ sie die Magd und dann einen Knecht nach dem anderen. Sie behielt nur zwei Knechte, und mit ihnen schaffte sie die ganze Arbeit. Der Hof brachte wieder etwas ein. Sie zog mehr Vieh auf als früher. Die Leute im Dorf nickten mit den Köpfen.

Er erfuhr, daß sie die Magd entlassen hatte, und da schrieb er ihr, daß er eines Tages heimkommen werde. Sie solle einstweilen ihre Koffer packen, und wenn der Jude noch am Leben sein sollte, dann werde er dafür sorgen, daß man sie zu ihm sperre. Das war einen Monat bevor die Nachricht von der Kompanie kam, er wäre in heldenhafter Pflichterfüllung gefallen. Und einen Monat später kam der Mann der Nachbarin auf Urlaub und erzählte ihr die Sache von dem Lastwagen mit dem Wein.

Die Nacht bevor die Rote Armee das Dorf eroberte, war eine der unruhigsten Nächte, die das Dorf jemals erlebt hatte. Es blieb niemand auf seinem Anwesen. Mit vollgepackten Leiterwagen verließen die Bauern ihre Höfe. Die beiden Knechte Annas waren längst fort, als der Parteibonze aus dem Dorf in aller Eile bei Anna erschien und ihr riet, schnell zu packen.

»Die Russen sind wie die Teufel! Sie werden hier einbrechen wie die Sintflut!«

Anna sagte nichts. Sie kannte die Russen nicht, aber der Parteibonze hatte die gleiche Uniform an wie die in Gumbinnen.

»Sie werden keinen Stein auf dem anderen lassen!«

Anna blickte zu Boden und erinnerte sich daran, daß der Mann damals mitgetrunken hatte, als sie Hochzeit feierten.

»Und dann die Frauen…«, flüsterte der Mann. Er kam vertraulich näher und legte ihr die Hand auf die Schulter. Er hatte ein faltiges, bräunliches Gesicht, und seine Zähne waren schwarz vom Tabak. Es stank, wenn er den Mund aufmachte. Er betrachtete Anna mit Augen, die mehr sagten als sein stinkender Mund. »Sie sind zu schade dafür…«, flüsterte er. »Sie sind eine tapfere Frau. Ich bewundere Sie schon lange, wie Sie den Hof in Ordnung gehalten haben. Ist es Ihnen eigentlich nie einsam gewesen, so ganz ohne Mann?«

Er kniff ein Auge zu, und sie sah, daß seine Adern am Kopf angeschwollen waren.

»Ich habe bereits in einem Dorf weit im Westen Quartier gemacht«, flüsterte er. »Sie können ruhig…«

Sie nahm langsam seine Hand von ihrer Schulter. Sie spürte, daß diese Hand feucht von Schweiß war.

»Es wird gut sein, wenn Sie jetzt gehen«, sagte sie ruhig, »ich habe noch eine Menge zu tun.«

»Ja, wollen Sie denn nicht…«

»Ich weiß nicht. Ich werde es mir überlegen«, antwortete sie ihm.

Als die Truppen, die das Dorf verteidigten, sich zurückzogen, waren Annas Ohren halb taub von der Schießerei. Sie zitterte, denn sie hatte es nicht im Keller ausgehalten, und nun hörte sie das Gerassel der Panzerketten, und durch den Garten sah sie, wie in der Ferne die letzten Soldaten hinter den Bodenwellen verschwanden. Nur auf der Straße wurde noch geschossen. Ein paar der Soldaten konnten nicht zurück und verschossen ihre letzten Patronen. Die Russen waren bereits im Dorf, und sie riefen sich mit rauhen, kehligen Stimmen Befehle zu. Anna nahm das alles wahr, als sähe sie einem Film zu. Sie stand, in ihr Tuch gehüllt, an das Haus gelehnt und wußte nicht, was nun kommen würde.

Auf der Straße platzten schnell hintereinander ein paar Handgranaten. Eine heisere Stimme schrie laut: »Dawai… Dawai!« Sie hörte das Wort zum erstenmal, und sie wußte nicht, was es hieß. Aber es jagte ihr einen Schauer über den Rücken, als sie es so hinter dem Bretterzaun hörte, der das Gehöft zur Straße abschloß. Dann prasselten Kugeln durch das Holz, und Anna duckte sich. Sie stopfte sich den Zipfel des Tuches in den Mund, um nicht aufzuschreien. Draußen wurde gekämpft, das begriff sie. Also mußten doch noch Soldaten im Dorf sein, die auf die Russen schossen.