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Als die erste Handgranate auf dem Hof detonierte, warf sich die Frau flach auf die Steinfliesen des Hausflurs. Sie hörte das Poltern vom Tor her und vernahm auch den Fall, aber sie sah den Soldaten erst nach einiger Zeit, als sie den Kopf hob. Er lag im Hof und blutete aus der Schulter. Er bewegte sich nur sehr matt, und sein Stahlhelm scharrte dabei über den Boden. Die Maschinenpistole war ihm aus der Hand gefallen, als er über den Zaun setzte. Sie war im Hof aufgeschlagen, und der Kolben war abgebrochen.

Mit einem Male wurden die Geräusche schwächer. Die Schießerei verzog sich weiter auf das Dorf zu. Ein paarmal rasselten Panzer vorbei, dann war es still um das Gehöft. Da raffte sich Anna auf und lief quer über den Hof zu dem Russen, der ihr mit verbissenem Gesicht entgegensah und sich aufzurichten versuchte.

Sie prallte zurück, als er sie auf deutsch anschrie: »Weg da!« Aber sie sah auch, daß er bleich im Gesicht war und eine Menge Blut verloren hatte. Sie merkte, daß seine Kräfte nachließen und das Blitzen in seinen Augen schwächer wurde.

»Sprechen Sie denn Deutsch?« fragte sie ratlos.

»Weg da!«

»Sie sind verwundet…«

»Rühren Sie mich nicht an«, warnte der Mann sie drohend, »ich habe noch genug Kraft, um zehn solche Faschisten wie Sie zu töten!«

Dann sank er zurück. Er war bewußtlos geworden.

Wie sie ihn ins Haus geschleppt hatte, konnte sie nachher nicht mehr genau sagen. Sein Blut beschmutzte ihr Kleid. Aber sie hatte nur den einen Gedanken, daß er nicht sterben durfte. Sie tat es, ohne zu überlegen, und sie hätte genau das gleiche getan, wenn dieser Verwundete nicht ein Russe, sondern ein Deutscher gewesen wäre. Sie zog ihn aus und verband seine Wunde an der Schulter. Es war ein großes, tiefes Loch; das Geschoß mußte ihn in dem Augenblick getroffen haben, als er sich auf den Holzzaun schwang. Es gelang ihr, das Blut zu stillen und den Soldaten für kurze Zeit ins Bewußtsein zurückzurufen. Aber er war zu sehr ausgeblutet, und von seinen Lippen kam nur ein undeutliches Lallen.

Als eine Patrouille später die Häuser durchsuchte und auch zu Anna kam, führte sie die Soldaten zu dem Verwundeten. Sie stellten Anna mißtrauisch mit dem Gesicht zur Wand auf und durchsuchten das Haus. Einer lief ins Dorf und holte einen Offizier, der ein paar Worte Deutsch verstand. Er verhörte Anna und fragte sie ein dutzendmal immer wieder dasselbe. Wie sie dazu gekommen sei, ihn zu verbinden und im Haus unterzubringen. Warum sie nicht geflüchtet sei. Wer ihr Mann wäre.

Der Offizier war ein Jude, und er sagte ihr das auch. Er beobachtete ihr Gesicht scharf.

»Ich habe einmal bei einem Juden gearbeitet«, sagte Anna leise. Sie stand noch immer an der Wand, aber nun mit dem Gesicht zur Stube, und sie sah den Offizier an. Zugleich sah sie den anderen auf dem Bett liegen und unruhig atmen, bei geschlossenen Augen.

»Bis sie ihm alles zerschlugen und ihn abholten, habe ich bei ihm gearbeitet«, sagte sie, »bis zur letzten Minute war ich bei ihm. Er war der einzige Mensch, der gut zu mir gewesen ist.«

Der Offizier biß sich auf die Lippen. Er sagte leise, wie um den Verwundeten nicht zu stören: »Bis zur letzten Minute. Und dann hast du seinen Schmuck genommen und sein Geld und bist gegangen. Wir wissen alles.«

»Nein«, sagte sie. »Ihr wißt nicht alles.«

Aber er herrschte sie böse an: »Still! Ich habe noch keinen Deutschen getroffen, der für das geradestehen will, was die Deutschen verbrochen haben!«

Der Verletzte murmelte ein paar undeutliche russische Worte.

»Geben Sie ihm Wasser!« befahl der Offizier.

Er ließ einen Posten bei dem Verwundeten, denn sie konnten ihn nicht transportieren, und es waren noch keine Sanitätsautos im Dorf. Der Posten hockte sich neben das Bett und hielt die Maschinenpistole schußbereit in den Händen. Er beobachtete Anna, und wenn sie dem fiebernden Verwundeten Wasser gab, mußte sie zuerst selbst davon trinken.

Die Flieger kamen, zwei Stunden bevor die Deutschen das Dorf wieder angriffen. Sie heulten über die Felder und schossen auf alles, was sich bewegte. In der Ferne rumpelten ein paar Panzermotoren. Das waren deutsche.

Anna kam nie dahinter, ob sie den Verletzten einfach vergessen hatten oder ob es keine Möglichkeit gab, ihn fortzuschaffen. Der Posten machte eine drohende Gebärde und lief ins Dorf. Sie vermutete, daß er ein Fahrzeug holen wollte, das den Verletzten wegbringen sollte. Aber er kam nicht weit, denn die Flieger kreisten über der Straße, und auf halbem Wege zwischen Annas Gehöft und dem Dorf stieß eine der gescheckten Maschinen herab, und der Posten blieb am Straßenrand liegen. Zu dieser Zeit heulten schon die ersten Panzergranaten über das Gehöft hinweg und schlugen im Dorf ein. Ein paar Stunden lang tobte das Gefecht, aber die deutsche Einheit war stärker als die sowjetische, die das Dorf erobert hatte, und die nächste Patrouille, die in Annas Gehöft kam, war eine deutsche. Anna ging ihnen auf dem Hof entgegen. Sie glotzten sie an wie ein Gespenst, und dann fragten sie nach Russen. Anna schüttelte den Kopf. Sie wage es nicht, dem Führer der Patrouille in die Augen zu blicken, aber der faßte das wesentlich anders auf und verzichtete darauf, das Haus zu durchsuchen. Er sagte nur mitfühlend zu Anna: »Arme Frau, Sie haben bestimmt viel gelitten. Wenn Sie Hilfe brauchen, kommen Sie ins Dorf. Wir werden sehen, was wir tun können.«

Sie hatte nicht darauf geachtet, daß sie die Tür zu der Stube, in der der Verletzte lag, offengelassen hatte. Als die Patrouille verschwunden war und sie zu dem Russen zurückging, lag er mit offenen Augen da und fragte leise: »Warum haben Sie das getan? Wissen Sie, was das für Sie bedeutet?«

»Wollen Sie Wasser?« fragte sie ihn. »Ich habe Früchte im Keller und Kirschsaft. Wollen Sie?«

»Man wird Sie erschießen.«

»Schmerzt Ihre Wunde noch stark?« fragte sie.

»Die Leute im Dorf werden Sie anzeigen…«

»Es ist niemand außer mir in diesem Dorf«, sagte sie eigensinnig. »Legen Sie sich hin, Sie dürfen sich nicht so anstrengen.«

Er betrachtete sie einen Augenblick lang, dann verlangte er: »Geben Sie mir meine Uniform. Wo haben Sie meine Uniform gelassen?«

Sie deutete auf den Schrank. »Es braucht nicht jeder gleich zu sehen, wer hier liegt.«

Sie brachte ihm seine Kleidung, und er zog aus einer Tasche die Pistole und steckte sie unter das Kopfkissen.

»Wann werden Ihre Leute zurückkommen?« erkundigte sie sich nach einer Weile. »Wie lange wird das dauern?«

»Ich weiß es nicht.«

»Sie sprechen so gut Deutsch. Man könnte Sie für einen Deutschen halten.«

»Ich habe einmal diese Sprache gelehrt«, sagte er langsam, »als noch kein Krieg war. Ich habe sie jungen, wißbegierigen Menschen bei uns zu Hause beigebracht, damit sie Marx und Engels im Original lesen konnten.«

Sie sah ihn an. Sie sah, daß auf seiner Stirn Schweißtropfen standen.

»Wer sind Marx und Engels?« fragte sie.

Er antwortete nach einem langen Schweigen. »Es waren Deutsche«, sagte er, »vorhin habe ich geglaubt. Sie würden wenigstens ihre Namen kennen.«

»Nein«, sagte sie kopfschüttelnd, »ich kenne sie nicht. Wollen Sie nicht etwas essen? Sie müssen zu Kräften kommen.«

»Ich habe in meiner Tasche eine Handvoll Sonnenblumenkerne«, sagte er, »die können Sie mir geben. Wir Russen essen gern Sonnenblumenkerne.«

Sie gab sie ihm, aber er war zu schwach, die Kerne zu knacken. Sie fielen ihm aus der Hand, und als sie es sah, brach sie die Schalen mit den Fingern auf und steckte ihm die Kerne zwischen die Lippen.