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Bindig schüttelte den Kopf. Er sagte unwillig: »Mit dir kann man über solche Dinge nicht sprechen. Wenn es sich um Frauen handelt, bist du ein Schwein.«

»Das ehrt mich«, sagte Zado. »Würdest du einen Schnaps mit mir trinken?«

Bindig sagte nichts. Er wußte, daß man mit Zado nicht über Frauen sprechen konnte. Er wußte auch, warum das so war. Es kränkte ihn nicht, daß Zado Anna mit den gleichen Augen betrachtete wie die Huren, mit denen er sich abgegeben hatte. Aber er bedauerte es, daß er überhaupt mit niemandem über das sprechen konnte, was zwischen ihm und Anna war. Er sah, wie Zado aus seinem Gepäck eine Flasche hervorzog und Schnaps in zwei Trinkbecher einschenkte.

»Wo hast du den französischen Kognak her?« fragte er. »Habt ihr welchen bekommen?«

Zado hielt ihm einen der Becher hin und grinste. »Mein lieber Junge, im letzten Stadium dieses grandiosen Krieges, ganz kurz vor dem Endsieg, wird an einfache Soldaten kein Kognak mehr ausgegeben. Das müßtest du wissen. Das würde den Sieg verzögern. Um diese Zeit gibt es echten germanischen Zuteilungsschnaps und ein Produkt, das man fälschlicherweise als Rotwein bezeichnet, das aber viel besser als Rotwein ist, weil man es nämlich nicht trinken kann und sich deshalb die Füße damit wäscht. Das härtet die Füße ab, und dieser Umstand erhöht die Marschleistung einer Truppe ganz beträchtlich. Prost!«

Sie tranken. Dann sagte Bindig: »Du hast dich überhaupt nicht verändert.«

Zado nickte. Er hatte den Becher zur Hälfte ausgetrunken und fühlte, wie der Kognak im Magen brannte. »Ich freue mich, daß dir das auffällt«, sagte er. »Ich bin überhaupt froh, daß du wieder da bist. Ich war regelrecht einsam.« Während sie tranken, rührte sich Paniczek. Er wälzte sich auf die andere Seite und murmelte ein paar leise Worte im Schlaf.

»Wie ist das überhaupt passiert?« wollte Zado wissen. Er war nur zweimal bei Bindig gewesen. Einmal hatte er im Fieber dagelegen, und beim zweitenmal war er noch zu schwach gewesen, um viel zu sprechen.

»Ich weiß auch nicht«, sagte Bindig nachdenklich, »mit einemmal war es eben zu Ende. Ich denke, es wird sich nicht so schnell wiederholen.«

Zado musterte ihn eine Weile. Dann fragte er: »Was war los mit dieser Harmonika? Du hast im Fieber fortwährend von einer Harmonika phantasiert.«

»Habe ich das? Wer hat es dir erzählt?«

»Wer schon! Anna.«

Sie hatte ihm selbst nichts davon gesagt. Nicht einmal, daß er überhaupt phantasiert hatte. Er wurde unsicher, aber er faßte sich schnell. Zado war nicht Timm.

»Du kannst das nicht wissen«, sagte er langsam. »Ich hatte keine Gelegenheit, es dir überhaupt zu erzählen. Wir haben eine Mine gelegt und einen Wagen hochgehen lassen.«

»Das weiß ich. Das hat mir Timm erzählt. Er ist sehr stolz darauf. Er hat gesagt, du hättest sehr geistesgegenwärtig gehandelt.«

»Hat er noch etwas erzählt?«

»Nein. Nur das. Er bekam gestern die goldene Nahkampfspange. Ich wette, er ist jetzt noch blau. Deine bronzene ist auch da. Vielleicht verleihen sie sie dir heute.«

»Das mit der Harmonika war so«, begann Bindig, »in dem Lastwagen saß eine Frau. Die spielte Harmonika, als die Mine den Wagen zerriß.«

»Habt ihr sie gefunden?«

»Ja. Nachher fanden wir sie.«

»Tot?«

Bindig schüttelte den Kopf. Er konnte jetzt wieder darüber sprechen. Es war vorbei. Es schien überwunden zu sein.

»Nein, nicht tot«, sagte er. Zado kratzte sich am Kopf. Er begann zu begreifen, was geschehen war.

»Und?« erkundigte er sich vorsichtig.

»Sie war schwer verletzt«, sagte Bindig.

Zado nickte. Er fragte, ohne Bindig anzusehen: »Wer hat sie erschossen? Timm oder du?«

»Sie bekam ihre Pistole in die Hand«, sagte Bindig, »und sie wollte auf Timm schießen.«

»Ich verstehe«, nickte Zado, »jetzt ist mir das klar.«

»Nicht ganz.« Bindig blickte in den Trinkbecher, in dem noch ein Rest Kognak war. Er sagte: »Timm sah das genauso wie ich. Aber er ließ die Hände in den Hosentaschen und fragte nur, ob ich zusehen wolle, wie sie meinen Unteroffizier abknalle. So war das.«

Er trank den Rest Kognak und brannte sich eine neue Zigarette an.

Zado blickte düster auf die schmutzigen Dielen. Dann nickte er und sagte: »So ungefähr habe ich es mir auch vorgestellt. Jetzt ist mir klar, was dir gefehlt hat, als du zurückkamst.«

Er goß neuen Kognak in die Becher. Dann sagte er angeekelt: »Klaus Timm – dafür bekam er die goldene Spange. Er hat sie sich ehrlich verdient.«

Bindig fügte hinzu: »Und ich werde die bronzene dafür bekommen. Jedesmal, wenn ich sie ansehe, werde ich mich daran erinnern müssen.«

»Junge«, sagte Zado bedächtig, »du bist zu weich. Du bist nicht für diesen Krieg gemacht. Du bist zwar ein leidlicher Soldat, aber du wirst trotzdem daran kaputtgehen. Ich kenne dich gut, du bist nicht der Mann dafür.«

»Möglich«, gab Bindig leise zurück, »und du?«

»Ich«, sagte Zado, »ich glaube, ich habe das hinter mir, was dich drückt. Bei mir ist es anders. Ich kann es auswischen. Einfach wie einen Satz, den der Lehrer in der Schule an die Tafel geschrieben hat. Es fällt mir nicht mehr schwer. Ich bin darüber hinweg. Aber du wirst es nicht schaffen.«

»Vielleicht geht es mir einmal ebenso«, meinte Bindig zögernd. »Manchmal glaube ich, daß ich auch eines Tages über gar nichts mehr werde nachdenken müssen.«

Aber Zado schüttelte den Kopf. »Du nicht. Du bist dafür nicht verdorben genug. Du bist einer von denen, die ihr Gefühl nicht ausschalten können. Ich weiß nicht, ob ich dich dazu beglückwünschen oder ob ich dich bedauern soll. Ich glaube, ich sollte dich beglückwünschen.

Sie haben wieder eine Gruppe drüben«, sagte er dann schnell. »Irgendetwas geht vor sich. Sie wollen unbedingt einen Gefangenen aus einem Stab im Hinterland haben. Mir kommt es so vor, als wollten sie fünf Minuten vor Toresschluß schon ganz genau die Leute kennenlernen, die von hier aus nach Berlin marschieren.«

»Und uns?« fragte Bindig. »Ob sie uns wieder einsetzen?«

Zado bewegte leicht die Schultern. »Sie werden erst wieder was unternehmen, wenn diese Gruppe zurück ist. Aber ich habe das Gefühl, als hätten sie einen Plan für eine ganz verrückte Sache. Timm weiß noch nichts, sonst hätte ich vielleicht ein paar Bemerkungen darüber aufgeschnappt. Aber jedenfalls haben sie etwas vor. Du wirst es sehen.«

Bindig sah nach der Uhr am Handgelenk. Der Tag war angebrochen.

Er fragte Zado: »Was gibt es für Dienst?«

»Leichte Sachen«, gab Zado zurück, »das sicherste Zeichen dafür, daß sie uns für ein verrücktes Ding brauchen.«

Bindig atmete tief. »Wie viele solche Dinge wird es noch geben?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Zado leise, »aber die Russen wissen es. Ich wette, sie wissen heute schon den Termin, zu dem sie Berlin einnehmen werden.«

Paniczek walzte sich wieder auf die andere Seite. Er hatte die Decke bis zum Hals gezogen. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Der Mund war offen, und ein dünner Speichelfaden lief auf den Strohsack. Dann, als er sich herumgewälzt hatte, murmelte er halblaut: »Barbara… und wird schon… ich… habe Barbara… komm schon her…«

»Halt die Fresse, du Trottel!« rief Zado ihn an. Als Paniczek sich regte, sagte er: »Du bist doch der größte Idiot in diesem ganzen Laden!«

»Ich…« Paniczek richtete sich verschlafen auf und blinzelte in das Licht der Kerze. »Das war so…«

»Ach«, sagte Zado, und Bindig wußte nicht, ob er wütend war oder scherzte, »das war deine Barbara! Hör auf damit. Sie schläft um diese Zeit gerade mit einem Leutnant von der Heimatflak oder mit einem uk. gestellten Parteibonzen. Sie kriegt bloß den Schluckauf, wenn du dauernd an sie denkst. Das ist in solchen Situationen verflucht peinlich, du solltest das wissen I«