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Aus dem Nebenhaus kam das Geräusch einer zuschlagenden Tür. Dann knirschten Schritte über den Schnee, und der Posten, der die Tür aufriß, raunzte heiser: »Los! Auf, ihr Brüder! Hoch die Ärsche!«

Alf verlieh Bindig die Nahkampfspange persönlich. Er sagte ein paar Worte über seinen Mut, und dann heftete er ihm die Auszeichnung an die Uniform und drückte ihm die Hand.

Die Kompanie war angetreten, und die Soldaten froren, weil sie während der ganzen Zeit stillstehen mußten. Alf zog schnell die Handschuhe wieder über. Ein wenig leiser, so daß es die angetretenen Soldaten nicht hörten, erkundigte er sich, ob Bindig wieder völlig gesund sei.

Bindig hob ein wenig den Kopf und antwortete: »Jawohl, Herr Leutnant. Ich fühle mich gesund.«

»Eine Art Fieber, was Sie da hatten. Haben Sie das öfter?«

»Ich hatte es zum erstenmal, Herr Leutnant.«

»Keine Nachwirkungen?«

»Ich denke nicht.«

»Ich will es hoffen. Sie werden gebraucht. Wir haben große Pläne.«

Am Nachmittag zog Timm mit seinem Zug ein paar hundert Meter hinter das Dorf zu einer Übung. Es hatte noch einige Nächte hindurch geschneit, und der Schnee war jetzt tief und weich. Er deckte die Felder völlig zu, so daß es nirgendwo mehr einen Fleck kahler Erde in dem weißen Einerlei der Landschaft gab. Darunter war der Boden steinhart gefroren.

Einmal hatte es getaut, aber nur einen halben Tag lang, und dann war der Frost wiedergekommen. Er hatte die letzte Feuchtigkeit aus den Ästen der Bäume gepreßt und sie mit einer dicken Schicht Reif überzogen. Die Krähenschwärme krächzten heiser über den verschneiten Feldern, und die Tiere hockten zuweilen in dichten Scharen am Boden. Mittags, wenn die Sonne den Schnee aufleuchten ließ, daß sein Glanz die Augenschmerzen machte, kamen die Flieger.

Sie waren nahezu unangreifbar, denn es gab kaum Flakgeschütze, nur ein paar verstreut aufgestellte Zweizentimeterkanonen. Aber die hüteten sich, auf die schnellen silbernen Vögel mit dem roten Stern unter den Tragflächen zu schießen, denn die Flieger wußten die Sonne auszunutzen. Hatten sie erst einmal Leben auf der Erde ausgemacht, dann stießen sie, mit der Sonne im Rücken, herab und schossen jede Abwehr zusammen. Niemand war sicher vor ihnen.

Sie griffen die Nachschubkolonnen an und die Postholer, sie ließen Raketen auf Artilleriestellungen und Etappendörfer herabzischen. Sie machten Jagd auf Maschinengewehrnester und selbst auf einzelne Melder, die sie auf der weiß verschneiten Ebene unter sich erkannten. Timm verlangte an diesem Nachmittag nicht viel von seinem Zug. Er ließ ausschwärmen und laufen und die Männer eine Stunde lang das lautlose Kriechen durch den lockeren Schnee üben. Er zog mit ihnen in ein Wäldchen, wo sie auf eiserne Kippscheiben schossen, und war zufrieden, wenn sie mit der Pistole bei drei Schüssen zwei Treffer aufzuweisen hatten. Er hetzte sie nicht und legte mehr Rauchpausen ein als gewöhnlich. Er ließ sogar eine Flasche billigen deutschen Wacholder, der nach Medizin und Kampfer schmeckte, reihum gehen und beendete den Dienst früher, als es im Plan vorgesehen war, den Alf aufgestellt hatte.

Das änderte sich auch in den folgenden Tagen nicht. Manchmal zogen sie nicht erst aus dem Dorf hinaus, sondern bekamen in einer Scheune, deren Dach halb abgerissen war, Unterricht im Minenlegen oder im Anbringen von Sprengkörpern.

Die Tage verflossen, ohne daß es größere Ereignisse gab. Es schien, als sei die Front eingefroren, als bestünde keine Aussicht darauf, daß sie in absehbarer Zeit an dieser Stelle zum Leben erwachen könnte.

Die Infanterie schoß wenig, und die schweren Geschütze brüllten nur selten auf. Am späten Nachmittag tasteten die sowjetischen Granatwerfer die deutschen Stellungen ab. Es waren immer einzelne Schüsse, die sie abgaben, und die Unerfahrenen schenkten ihnen keine Beachtung. Andere allerdings, die nicht das erste Jahr an der Front verbrachten, wußten, was diese vereinzelten Schüsse der Granatwerfer zu bedeuten hatten. Die Rote Armee schoß sich auf die deutschen Stellungen ein. Sie markierte ihre Ziele in der Hauptkampflinie und auf den Verbindungswegen, sie maß die Stellungen der deutschen Geschütze an und die nächsten Etappenorte. Die einzelnen Granaten krepierten wie zufällig in der Nähe von Abstellplätzen oder nicht weit von der Stelle entfernt, wo Panzer parkten.

In der klaren Luft über dem schneebedeckten Land kurvte die U2, jenes langsame Doppeldeckermaschinchen mit dem blubbernden Motor, von dem man glaubte, daß er jeden Augenblick aussetzen müsse. Der Beobachter machte seelenruhig seine Aufnahmen aus dem Flugzeug, und dann und wann schwenkte er das Maschinengewehr auf dem Drehkranz herum und schoß eine Garbe zur Erde. Die Soldaten schossen nicht mehr nach ihm. Es war schwer, die Maschine zu treffen. Sie kam auch nachts, und dann war sie unberechenbar. Sie warf kleine Bomben, die manchmal nicht zündeten, und die Leuchtspur ihres Maschinengewehrs fiel wie eine grünliche Perlenschnur zur Erde. Sie nannten sie UvD. Aber es gab welche, die wußten, was es bedeutete, wenn diese Maschine Tag und Nacht mit dieser Beharrlichkeit über der Front kreiste und wenn zu gleicher Zeit die Granatwerfer sich einschossen und man hinter den russischen Schützenlinien das Gerumpel schwerer Motoren hörte.

In den ersten Löchern der deutschen Linie bekamen die älteren Soldaten besorgte Gesichter. Sie sahen sich nach einem Rückzugs- weg um, und dabei merkten sie, daß die glatte Ebene hinter ihnen keinen Schutz und keine Deckung bot. Es gab vereinzelt Bäume und nur ab und zu ein paar Büsche. Erst weit hinten begann der Wald. Aber bis man dort war, hatten einen die Granatwerfer oder die Stalinorgeln schon erwischt. Die Soldaten in den zugewehten Löchern hatten keinen Zweifel mehr darüber, daß der Angriff von drüben zu jeder Stunde beginnen konnte. Und dieser Angriff bedeutete für sie Rückzug. Aber es waren sehr schlechte Rückzugsmöglichkeiten in dem Gelände zwischen der Front und dem Dörfchen Haselgarten.

Um diese Zeit gab es in der Aufklärungskompanie kaum einen, der nicht wußte, daß es in wenigen Tagen einen Großeinsatz geben würde. Bindig, der sich abends meist bei Anna aufhielt, sagte ihr nichts davon. Aber Georgi kannte die Angriffstaktik seiner Armee. Es war tiefer Winter, und über Nacht konnte es große Schneefälle geben. Dazu kamen die U2-Maschinen, die ununterbrochen das Gebiet überflogen, und es kamen die vereinzelten Einschläge dazu, die Georgi von Haselgarten aus wahrnehmen konnte, weil es still war und nichts weiter an Geräuschen gab als diese einzelnen Detonationen,

Er hockte auf den Stufen zur Haustür, als Bindig kam. Er wollte ihm ausweichen. Aber Bindig hielt ihn zurück.

»Was ist los, Georgi?« fragte er ihn. »Warum sitzen Sie hier draußen?« Der Russe gab nur zögernd Antwort. Er hatte seit dem Zusammentreffen in seiner Kammer nur wenig mit Bindig gesprochen. Er hatte es vermieden, ihm zu begegnen.

Bindig hatte eines Tages noch erfahren, daß er Offizier gewesen war. Es hatte ihn nicht sonderlich überrascht, denn nicht nur der Umstand, daß dieser Russe die deutsche Sprache beherrschte, sprach dafür, daß er eine hohe Bildung besaß.

»Ich habe hier die beste Gelegenheit nachzudenken«, sagte er zu Bindig. »Man denkt über manches nach.«

Bindig zog aus seiner Hosentasche zwei Päckchen Zigaretten. Es waren billige »Möwe«, denn es gab seit einiger Zeit keine guten Zigaretten mehr für die Kompanie. Er hielt Warasin eine der Packungen hin und sagte: »Nehmen Sie. Oder rauchen Sie nicht mehr?«

Der Russe schüttelte den Kopf. Er lächelte ein wenig, als er sagte: »Doch, ich rauche schon.«

Er griff nicht zu, und Bindig legte ihm die Zigaretten einfach auf die Schulter. Da nahm er sie. Sie rauchten gemeinsam, vor dem Haus stehend. Anna hatte noch nicht bemerkt, daß Bindig da war.