»Worüber denken Sie nach?« fragte Bindig. »Über zu Hause?«
»Auch über zu Hause«, sagte Warasin einsilbig.
»Moskau?«
»Sie wissen, daß ich aus Moskau bin?«
»Ich habe es mir gedacht«, sagte Bindig, »zufällig stimmt es. Haben Sie Familie?«
»Ich bin verheiratet.«
Bindig sah ihn an, und Warasin fügte hinzu: »Meine Frau ist auch in der Armee. Ich weiß nicht, an welcher Front.«
Die Harmonika, dachte Bindig, so eine wie diese Frau, die dich mit Augen ansieht, die du mit dir herumschleppst, bis du alt und grau bist oder bis du jung krepierst. Das sind ihre Frauen. Er stäubte nervös die Asche von der Zigarette und wußte nicht, was er sagen sollte. Er wollte mit diesem Russen sprechen, aber immer, wenn er dazu ansetzte, spürte er die unsichtbare Mauer, die sich zwischen ihnen auftürmte.
Da stand Bindig, der zu Anna kam, um für ein paar Stunden Ruhe bei ihr zu suchen, bis er sich wieder von ihr trennen mußte, um das Handwerk weiterzuführen, zu dem sie ihn ausgebildet hatten. Und da stand ihm gegenüber Warasin, der ohne nennenswerte Erregung sagte, daß seine Frau in der Armee diente und er noch nicht einmal genau sagen könnte, an welcher Front. Er versuchte es, Warasin näherzukommen. Er sagte leise: »Es ist nicht gut, daß sie bei Ihnen die Frauen in den Krieg schicken. Es ist…«
Er hatte es ganz anders sagen wollen, aber es gelang ihm nicht, denn in diesem Augenblick sah er so deutlich wie damals in der Nacht die großen schwarzen Augen der Harmonikaspielerin und verstummte.
Warasin bewegte leicht die Schultern. Dabei sagte er: »Sie schicken die Frauen nicht. Die Frauen gehen selbst, Es ist sehr nötig, daß alle gehen, die den Mut haben.«
»Frauen gehören nicht an die Front«, beharrte Bindig eigensinnig, »das ist kein Handwerk für Frauen. Sie kommen um dabei.«
Warasin widersprach ihm nicht. Er sagte nur nach einer Weile, dem Rauch seiner Zigarette nachblickend: »Ich glaube, eine Frau, die bei der Armee steht, hat mehr Aussichten, am Leben zu bleiben, als eine, die in ihrem Heimatort die deutsche Besatzung ertragen muß.«
»Das glauben Sie?«
»Es ist erwiesen«, sagte Warasin. »Es lohnt nicht, darüber zu streiten, denn es gibt Leute genug, die sich in den Gebieten umgesehen haben, die einmal von den Deutschen besetzt waren.«
»Haben Sie es selbst gesehen?«
»Ich bin durch ganz Belorußland gekommen. Sie werden nach dem Krieg Gelegenheit haben, Dokumente darüber zu sehen.«
»Nach dem Krieg?« sagte Bindig. »Für Sie ist das Ende des Krieges bereits beschlossen. Ist das nicht voreilig?«
Warasin bewegte leicht den Kopf. »Es ist sicher, daß dieser Krieg zu Ende geht. Die deutsche Armee wird zusammenbrechen. Das ist das Ende des Krieges und das Ende Hitlers. Ich hoffe, es mitzuerleben. Ich habe hart dafür gekämpft.«
»Sie können es hier abwarten«, sagte Bindig mit einer Nuance Spott, »Sie sind dann sicher, daß Ihnen bis dahin nichts geschieht. Oder stimmt es, daß man in Ihrer Armee diejenigen zum Tode verurteilt, die sich in Gefangenschaft begeben?«
Warasin warf den Zigarettenstummel in den Hof. Er blickte Bindig an. »Ich habe mich nicht ergeben«, sagte er. »Ich kann das, was ich getan habe, zu jeder Zeit vor meiner Heimat verantworten. Und überdies scheinen Ihre Offiziere nicht viel von unserer Armee zu wissen. Sie würden Ihnen sonst nicht solchen Unsinn erzählen.«
Bindig hörte Anna im Flur mit den Stalleimern klappern. Er wartete, bis sie wieder in der Küche war. Dann sagte er: »Es interessiert mich nicht besonders stark. Aber Sie werden sicher bald Gelegenheit haben, Ihre Leute hier zu begrüßen. Oder glauben Sie, daß Ihre Armee sich in den Stellungen, die sie hier angelegt hat, für die Ewigkeit einzurichten gedenkt?«
Zum erstenmal lächelte Warasin. »Ich bin überzeugt, daß sie kommen werden«, sagte er. »Es gibt nichts auf der Welt, was so sicher ist.«
»Alles ist bei Ihnen sicher«, sagte Bindig. »Es gibt nichts, was Sie nicht ganz sicher wissen und voraussagen können. Manchmal kommt mir das eigenartig vor.«
Warasin lehnte sich an die Tür und hob die Schultern. Er sagte: »Es ist gar nicht so eigenartig. Wir haben unser Bild von der Welt. Wir wissen, was wir wollen, und wir wissen auch, woran unsere Gegner zugrunde gehen werden.«
»Sie meinen Deutschland?«
»Ja, Deutschland.« Warasin fügte nach einer Weile hinzu: »Das Deutschland Hitlers.«
»Es wird zugrunde geben?«
»Ich sagte es bereits.«
»Woran?«
Warasin lächelte. »Daran, daß wir es besiegen werden. Wir werden es gründlich tun.«
Er zeigte keine Überraschung, als Bindig sagte: »Möglich. Ich weiß es nicht. Sie haben die stärkeren Waffen, Sie haben mehr Menschen und den längeren Atem.«
»Das ist eine militärische Frage«, sagte Warasin ruhig. »Sie ist sicher eine entscheidende Frage, aber sie ist von einigen Dingen abhängig, die Sie nicht berücksichtigen. Oder vielleicht wollen Sie nichts davon wissen. Sie haben die Menschen nicht hinter sich.«
»Sie meinen, Hitler hat die Menschen nicht hinter sich.«
»Ich stimme Ihnen zu«, antwortete Warasin. »Es scheint, daß Sie sich von Hitler distanzieren wollen.«
»Hören Sie«, sagte Bindig, »Sie sind Russe, und ich bin Deutscher. Wir haben Krieg miteinander. Die Frage nach Hitler kommt erst ein wenig später.«
»Ganz recht, aber Hitler hat den Krieg begonnen.«
»Mag sein, daß Sie auch darin recht haben. Aber wie kommen Sie zu der Überzeugung, daß unsere Menschen nicht hinter Hitler stehen? Unsere Menschen führen schließlich diesen Krieg.«
»Leider. Aber ich bin trotzdem der Meinung, daß die Mehrzahl der Deutschen nicht hinter Hitler steht.«
»Das ist eine gewagte Behauptung«, sagte Bindig. »Bewahren Sie sich vor Illusionen.«
Warasin nickte. Dann fragte er plötzlich sehr leise: »Stehen Sie hinter Hitler?«
Bindig schwieg. Die Frage überraschte ihn nicht. Sie hatte kommen müssen, das Gespräch hatte sich auf sie zu bewegt. Aber er wußte trotzdem nicht, wie er antworten sollte. Schließlich sagte er: »Ich bin Soldat. Ich kämpfe gegen Ihre Armee. Zu wem ich stehe, spielt dabei absolut keine Rolle.« Er sah in das lächelnde Gesicht Warasins, der ihm antwortete: »Ich halte Sie für einen Menschen, der zwar in Hitlers Armee kämpft, aber mit Hitlers Kriegszielen nichts gemein hat. Ich habe erst, seit ich mich hier aufhalte, begriffen, daß es so etwas gibt. Früher habe ich mir das ein wenig anders vorgestellt. Ich habe geglaubt, daß es eine unzerstörbare Einheit zwischen dem System Hitlers und den Leuten gibt, die den Krieg für dieses System ausfechten. Aber ich habe begreifen gelernt, daß diese Einheit eine sehr brüchige Angelegenheit ist. Es gibt so etwas wie eine gewisse Trägheit des Denkens unter Ihnen. Sie hindert solche Menschen wie Sie daran, einfach mit dem System, für das sie kämpfen, zu brechen. Und dann gibt es die Vorstellungen, die man Ihnen über unser Land und unsere Menschen eingehämmert hat. Wenn es die Deutschen fertigbrächten, selbst zu denken und sich von dem, was sie glauben, und von der Richtigkeit dessen, was sie tun, selbst zu überzeugen, dann täten sie sehr gut daran.«
Bindig hörte ihm unbewegt zu. Insgeheim bewunderte er den Russen, denn es gehörte Mut dazu, in seiner Situation derartiges zu sagen. Doch vielleicht war das gar kein Mut, sondern nur die Sicherheit:, die in der Überzeugung ihren Ursprung hatte, daß Bindig ihn nicht verraten konnte, ohne Anna zu gefährden.
»Was wollen Sie?« fragte er. »Wollen Sie mich dazu bewegen, daß ich zur Sowjetarmee, überlaufe?«
Der Russe sagte höflich: »Ich wünschte, ich könnte das.«
»Wenn es nach Ihnen ginge, dann sollte ich den Rest meines Lebens unter der Aufsicht eines Kommissars in Sibirien verbringen?«