»Sibirien hat heiße Sommer und eiskalte Winter«, sagte der Russe, »aber der Rest Ihres Lebens dürfte erheblich länger sein als der Rest von Leben, der dem Hitlersystem verbleibt.«
»Sie geben sich viel Mühe, mir Ihre Ideen zu erklären. Weshalb eigentlich? Ich bin Soldat. In Ihren Augen bin ich sogar ein unmittelbarer Feind. Sie wissen, warum ich Sie nicht ausliefern kann. Aber glauben Sie denn, ich hätte es nicht getan, wenn die Dinge auch nur ein klein wenig anders gelegen hätten?«
»Ich bin überzeugt, daß Sie es getan hätten«, antwortete der Russe. »Aber trotzdem halte ich Sie für einen Menschen, bei dem es sich lohnt, ihm zu erklären, daß er für eine unrechte Sache kämpft. Erinnern Sie sich an den Abend, an dem Sie versuchten, mit Ihrem Messer die Fleischbüchse zu offnen? Sie sind einer von denen, die noch nicht an Hitlers Gift zugrunde gegangen sind. Sie sind ein kluger Mensch. Die Anstrengungen, die Sie für eine schlechte Sache unternehmen, sind einer besseren wert. Sie sollten rechtzeitig aufhören, einer verlorenen Sache zu dienen, und sich einer besseren zuwenden.«
»Und wenn ich das nicht tue?«
»Ich habe versucht, Ihnen einen Rat zu geben.«
Nach einer Weile fügte er hinzu: »Aber über Ihr Leben und Ihre Zukunft entscheiden Sie natürlich selbst.«
Bindig brannte sich eine neue Zigarette an. Er blickte über den Hof und sah die Häuser des Dorfes weit hinten sich in den Schnee ducken. Eine U 2 tuckerte von Osten her auf das Dorf zu. Sie flog nicht hoch. Beim Dorf angelangt, zog sie eine Kurve und schoß eine Trommel aus dem Maschinengewehr leer.
»Jetzt schießen sie schon am hellen Tag in die Häuser«, murmelte Bindig undeutlich.
Der Russe schien es verstanden zu haben, aber er ließ sich nichts anmerken. Nach einer Weile fragte er unvermittelt: »Haben Sie einmal Schiller gelesen?«
»In der Schule. Es ist eine Weile her.«
»Sie sollten ihn jetzt lesen.«
»Ich könnte ihn mir in der Frontbuchhandlung kaufen«, sagte Bindig, »für eine Mark fünfundneunzig. Die Feldpostausgabe von ausgewählten Werken Schillers. Was versprechen Sie sich davon, wenn ich das jetzt lese?«
Der Russe zuckte mit den Schultern und schwieg.
»Hören Sie«, sagte Bindig nachdenklich, »als ich ausgebildet wurde, hatte ich einen Offizier, der Bücher las. Der erfuhr, daß ich mir auch etwas aus Büchern mache. Da empfahl er mir, wenn ich einmal an der Front sein würde, immer zwischen zwei schweren Gefechten in einer ruhigen Stunde Schiller zu lesen. Das würde mir Kraft und Mut geben. Ich habe es unterlassen, das zu tun.«
Der Russe folgte schweigend mit seinem Blick der U2, die hoch über dem Dorf eine Schleife zog und mit den Tragflächen wackelte. Dann sagte er: »In unserer Armee gibt es Leute, die Schiller lesen, um sich von ihm Kraft dafür zu holen, die Deutschen von Hitler und seinem System zu befreien.«
Bindig bewegte leicht die Hand. »Lassen wir das«, sagte er, »es führt zu nichts. Warum haben Sie eigentlich nie den Versuch gemacht, über die Front zu Ihren Truppen zurückzukommen?«
Der Russe schwieg eine Zeitlang. Er war nicht verlegen. Er beobachtete die U 2, die aus der Höhe herabglitt und mit surrendem Motor über dem Dorf kreiste, ab und zu ein paar Schüsse abfeuernd.
»Da…«, sagte er schließlich, auf das Flugzeug deutend. »Unsere Piloten nehmen Maß…«
An einem der nächsten Tage war es, als bei der Kompanie die fünf Russen eintrafen. Sie kamen eines Morgens zu Fuß anmarschiert, die Mantelkragen mit dem Reif ihres Atems bedeckt, müde, aber mit flinken Augen. Kleine, nicht mehr junge Männer mit breiten Gesichtern. Sie meldeten sich bei Alf. Einer von ihnen sprach Deutsch, aber auch die anderen verstanden die Kommandos und eine Anzahl anderer geläufiger Ausdrücke. Der deutsche Gefreite, der sie begleitete, lieferte sie bei Alf ab und entfernte sich wieder. Er schlug den Weg ein, den er mit den Russen gekommen war, und er marschierte durch das Dorf in Richtung auf die Straße, die nach Westen führte. Zado war unterwegs gewesen. Er hatte Kaffee geholt und Brot empfangen. Er stand mit einem Arm voller Brote vor seinem Quartier, als der Gefreite herankam. Zuerst merkte er nicht, daß sich ihm von hinten Timm näherte. Aber dann hörte er die Schritte des Unteroffiziers und drehte sich zu ihm um. Timm hatte die Russen von seinem Quartier aus über die Straße marschieren sehen.
Er hatte sofort gemerkt, daß es Russen waren, obgleich sie deutsche Uniformen trugen. Er rief den Gefreiten an, der unwillig stehenblieb: »He, was bringst du da für Beutegermanen angeschleppt?«
»Fünf Mann«, gab der Gefreite Zurück, »sind bei eurem Chef.«
»Das habe ich gesehen«, brummte Timm ärgerlich, »oder meinst du, ich könnte nicht zählen?«
Der Gefreite grinste. »Zählen können ist heutzutage wichtig. Zum Beispiel die paar Zigaretten, die es zur Verpflegung gibt.«
»Reg mich nicht auf!« fauchte Timm. Aber er griff in die Tasche und warf dem Gefreiten eine Zigarette zu. Es war ein alter Mann, der nicht sehr gerade ging, und sein Gesicht war wie braunes Leder. »Russen«, sagte er, als er die Zigarette angebrannt hatte, »damit euer Haufen endlich mal lernt, wie Krieg geführt wird.«
»Jesus Maria«, knurrte Timm gereizt, »spätestens bei der nächsten solchen Antwort verlierst du ein paar Backenzähne, wenn du noch welche hast! Was sollen die Kerle hier?«
»Schwager«, sagte der Gefreite gemütlich, »ich bin nicht Jesus, und ich weiß nicht alles. Ich hab sie nur hierhergebracht. Was sie hier sollen, weiß euer Chef. Die Zigarette ist gut. Habt ihr mehr davon?«
»Verschwinde!« riet ihm Timm wütend. »Hau ab, ehe dich die Schweine beißen!« Dann schlug er den Weg zu Alf ein, und Zado stieß mit dem Ellenbogen die Tür zur Unterkunft auf. Er ließ die Brote auf den Tisch fallen und stellte das Geschirr mit dem Kaffee daneben. Dann sagte er zu Bindig: »Es geht wieder los, Kleiner. Eben sind fünf Wlassow-Russen angekommen. Das gibt wieder eine Himmelfahrt. Wenn ich bei dem Einsatz krankschieben könnte, wäre mir wohler…«
Eine Stunde später standen sie angetreten, und Timm blätterte in seinem Notizbuch. Er las vor: Zadorowski, Bindig, Paniczek…« Danach las er noch sieben andere Namen.
»Raustreten!« befahl er dann. »An der Schreibstube auf mich warten.«
Sie stapften davon, während er den Rest der Kompanie zum Dienst einteilte.
Vor der Schreibstube spuckte Zado geräuschvoll in den Schnee und schob sich die Mütze ins Genick. Während er sich das verfilzte Haar kratzte, sagte er gleichgültig zu den anderen: »Jungens, seht euch unser Nest noch einmal genau an. Mir scheint, wir unternehmen eine Reise mit wenig Gepäck. Wenn wir nicht zurückkommen und tot sind, dann sind wir in der verkehrten Richtung gefahren.«
Timm kam wenige Augenblicke später. Er rief schon von weitem: »Los, los, steht nicht da herum wie die Kaffern! Antreten ! Oder glaubt ihr, ich will Geburtstag mit euch feiern?«
Die zehn stellten sich auf, und Timm lief an ihnen vorbei in das Haus.
Alf saß in der Schreibstube und sprach mit den fünf Russen. Sie beherrschten alle ein paar Brocken Deutsch und verstanden vor allem die militärischen Kommandos. Einer von ihnen dolmetschte, was die anderen nicht verstanden. Es waren Männer, die im Vergleich zu den Soldaten der Aufklärungskompanie sehr alt zu sein schienen. Timm versuchte, während er sie musterte, zu ergründen, was hinter dem eigenartigen Ausdruck ihrer Gesichter steckte. Es waren keine ängstlichen, auch keine mißtrauischen Gesichter, und doch waren sie beides zugleich.
Timm überlegte insgeheim, was diese Männer zu leisten imstande wären.
Wartet, dachte er, ich werde mir euch genau ansehen! Ich werde euch hetzen, bis ihr die Lunge aus dem Hals verliert, und wenn ihr nicht ohne Lunge weiterrennt, könnt ihr wieder hingehen, wo ihr hergekommen seid, so wahr ich Klaus Timm heiße!
»Fertig?« fragte Alf. Timm legte die Hand vorschriftsmäßig an die Mütze und erwiderte: »Fertig, Herr Leutnant. Die zehn Mann sind draußen angetreten.«