»Danke.« Alf wandte sich wieder an den Russen, der den anderen dolmetschte: »Sie werden nun in eine Gruppe der Kompanie eingegliedert und machen heute Ihren ersten Dienst mit. Auf Abruf werden wir zum Übungsplatz fahren und von dort aus zum Einsatz.« Der Russe übersetzte es den anderen. Sie zeigten keine Bewegung.
»Versuchen Sie«, sagte Alf, »mit den übrigen Soldaten der Gruppe bekannt zu werden, so gut es geht. Sie werden aufeinander angewiesen sein. Es ist gut, wenn einer den anderen kennt. Vereinbaren Sie untereinander einige Worte, mit denen Sie sich in bestimmten Fällen schnell verständigen können. Unteroffizier Timm wird Ihnen dabei Anleitung geben. Die übrigen Soldaten, mit denen zusammen Sie eingesetzt werden, sind erfahrene Leute. Achten Sie immer darauf, was sie tun, sie werden nicht zum ersten Male eingesetzt. Sie kennen sich aus.«
Der Russe übersetzte wieder. Dann fragte Alf: »Haben Sie noch irgendwelche Nachrichten an jemand zurückzulassen, bevor Sie zum Einsatz gehen?«
»Nein«, antwortete der Russe, »wir haben niemand etwas zu bestellen.«
»In Ordnung.« Alf erhob sich. »Dann treten Sie draußen mit den übrigen Soldaten zusammen an.«
Als sie die Stube verlassen hatten, erkundigte sich Timm familiär: »Leutnant, was sind das für Figuren? Sie machen mir den Eindruck, als ob sie entweder große Ganoven sind oder reingefallene Drückeberger.«
Alf lächelte mit einem gelangweilten Ausdruck im Gesicht. Er ging auf Timm zu und blieb vor ihm stehen.
»Ehrlich gesagt, beneide ich Sie nicht um diesen Einsatz.«
»Wo kommen die her?« wollte Timm wissen. Er steckte die Daumen hinter das Koppel und sah Alf fragend an. »Und wozu brauchen wir sie?«
»Sie kommen von diesem Wlassow-Haufen«, gab Alf zurück. »Ich habe nur eine kurze Mitteilung von der Division. Ehemalige Häftlinge, die hei uns Dienst leisten. Sind von uns befreit worden und tun das aus Dankbarkeit oder Haß gegen den Bolschewismus, ich weiß es nicht.«
»Häftlinge?« fragte Timm gedehnt, »Politische?«
Alf zuckte die Schultern. »Man gibt uns darüber keine so genaue Auskunft. Vermutlich weiß die Division das selbst nicht so genau. Es ist wohl kaum noch zu kontrollieren. Kann uns auch gleich sein. Die Tatsache, daß es sich um Leute handelt, die von den Bolschewiken strafrechtlich verfolgt wurden, gibt uns die Sicherheit, daß sie auf Biegen und Brechen zuschlagen werden.«
»Strafrechtlich verfolgt ist gut!« bemerkte Timm grinsend. »Und was sollen ausgerechnet wir mit ihnen anstellen?«
»Abwarten«, riet ihm Alf, »spätestens heute abend ist der Einsatzbefehl zu erwarten. Ich vermute, daß es eine Sache ist, bei der wir Leute brauchen, die Russisch sprechen.«
Wieder grinste Timm. »Das habe ich mir beinahe gedacht. Aber da schickt man sie uns erst einen Tag vorher?«
»Nehmen Sie die Brüder heute noch einmal richtig ’ran«, sagte Alf, »verlangen Sie etwas von ihnen.«
»Darauf können Sie sich verlassen!« grinste Timm gemütlich. »Ich werde ihnen die Knochen weich machen. Die werden noch mit Sehnsucht an ihre Zellen zurückdenken!«
Er trat mit Alf vor die Tür, und die Männer standen still. Timm musterte sie eine Weile, dann fauchte er ganz plötzlich und unerwartet; »Hinlegen!«
Die Russen waren die letzten, die sich zu Boden warfen. Sie hatten das kurze, scharfe Kommando nicht verstanden und erst reagiert, als sie sahen, daß sich die deutschen Soldaten in den Schnee fallen ließen. Timm stemmte beide Arme in die Seiten. Dann sagte er ganz leise: »Auf!«
Als sie standen, ging er dicht an die Reihe der Männer heran und sagte drohend: »Ihr seid lahm geworden. Zu lange gebummelt. Wollt ihr eigentlich zu einem Tanzabend mit Nachrichtenmädchen, oder wollt ihr zum Einsatz, he?«
Es blieb still. Da fuhr Timm blitzschnell herum und schrie den Dolmetscher der Russen an: »Vielleicht machen Sie Ihr Maul auf und erklären den anderen, was ich sage! Oder haben Sie mich auch nicht verstanden?« »Jawohl«, sagte der Russe forsch.
»Jawohl… jawohl…«, äffte Timm ihn nach. »Hat der Mensch Töne? Wie heißt das?« »Jawohl, Herr Unteroffizier.«
»Das üben wir noch!« versprach Timm. »Los, übersetzen Sie schon!« Der Russe sprach zu den anderen. Sie hörten ihm unbewegt zu.
Alf stand ein paar Schritte entfernt und sah mit auf dem Rücken verschränkten Armen zu. Als der Russe mit dem Übersetzen fertig war, wandte sich Alf an Timm und sagte: »Ich komme nachher zu Ihnen. Rücken Sie ab.«
»Jawohl, Herr Leutnant!« erwiderte Timm. »Rechts um, ohne Tritt marsch. Richtung Flußufer.«
Er ließ sie auf der verschneiten Wiese am Fluß halten und blieb selbst zwanzig Schritt entfernt stehen. Dann befahl er Zado zu sich. Der lief heran und baute sich vor ihm auf. Die anderen waren zu weit entfernt, um verstehen zu können, was Timm sagte. Er grinste Zado an und sagte leise: »Um zu vermeiden, daß ihr mich für übergeschnappt haltet: Ich werde heute was mit euch anstellen. Wir haben die Russen dabei, die müssen dressiert werden. Ihr habt Pech, das ihr mitmachen müßt. Aber das gleichen wir später aus. Verstanden?«
»Wie immer!« grinste Zado. »Fliegen die mit?«
»Wenn sie nicht in den nächsten paar Stunden sterben, ja«, sagte Timm. »Und du sagst den anderen Bescheid. Strengt euch an. Verstanden?«
»Verstanden«, antwortete Zado. Timm warf einen Blick auf die Soldaten, die abwartend am Ufer standen. Dann brüllte er Zado plötzlich an: »Hinlegen!«
Zado ließ sich gehorsam in den Schnee fallen. Als Timm ihn aufstehen ließ, war er von oben bis unten weiß.
»Wie heißt das?« brüllte Timm.
»Verstanden, Herr Unteroffizier!« brüllte Zado zurück.
»Eintreten!«
Zado lief zu den anderen zurück, und Timm zog die Trillerpfeife aus der Rocktasche. Er schlenderte langsam auf die Soldaten zu. Als er vor ihnen stand, erklärte er mit seiner hellen Stimme:
»Herrschaften! Ihr seid die Gruppe, die den nächsten Einsatz macht. Es wird ein harter Einsatz, das weiß ich jetzt schon, und es werden harte Männer gebraucht, keine Waschlappen. Ihr habt lange Ruhe gehabt, und die Knochen sind eingerostet. Unterwegs brauchen wir aber anständige Knochen, und die werde ich euch heute noch schnell machen, bevor es abgeht. Harte Knochen und eine starke Lunge. Wenn ihr die nicht habt, werdet ihr drüben liegenbleiben, und keiner kann euch helfen. Ihr werdet mir noch dankbar für das sein, was wir heute machen. Und wenn sich einer über die Behandlung beschweren will, dann soll er das schriftlich tun und bei mir abgeben. Ich leite es an den Kompaniechef weiter. Der früheste Termin, eine Beschwerde abzugeben, ist übermorgen abend. Noch Fragen?«
Der Russe übersetzte gedämpft. Timm wartete, bis er damit fertig war. Dann sagte er ruhig: »Stahlhelm auf. Handschuhe aus. Laufschritt…«
Er ließ sie im Kreis laufen. Nach einer halben Stunde setzte er zum erstenmal das Fernglas an und betrachtete ihre Gesichter. Es war neun Uhr. Er ließ die Gasmasken aufsetzen.
Zado murmelte, während er die Maske umband, zu Bindig, der neben ihm stand: »Bis zum Mittagessen sind wir fertig.«
Timm ließ sie mit aufgesetzten Masken durch den Schnee kriechen. Er achtete darauf, daß sie immer durch frischen, unberührten Schnee krochen, der noch nicht festgetrampelt war. Er erwischte nacheinander drei, die ihre Gasmaskenfilter gelockert hatten. Es waren zwei Russen dabei. Er bestimmte drei andere, unter ihnen auch Bindig, und befahclass="underline" »Ihr seid verwundet.« Dann ließ er die Männer, die ihre Filter gelockert hatten, um besser Luft zu bekommen, die drei anderen auf den Rücken nehmen und tragen. Der erste brach nach zwanzig Schritten zusammen, aber er raffte sich wieder auf und schleppte seine Last weiter. Nach weiteren zwanzig Schritten torkelte er gegen einen anderen, und sie stürzten in den Schnee. Der dritte blieb keuchend bei ihnen stehen und setzte seine lebende Last ab.