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Nach einer Minute sangen sie einen Schlager, der mit »Oho, Senorita…« anfing und etwas mehr als acht Minuten später mit »…komm zu mir in die kleine Gondola!« aufhörte. Der Gesang war wie das Krähen stimmbrüchiger Kinder. Aber Timm drehte sich nicht mehr um. Der Leutnant fragte ihn: »Wie ist die Stimmung?«

»Leidlich«, antwortete Timm. »Nicht besonders, aber das wird wieder besser.«

»Wenn wir mehr Zeit hätten!« sagte Alf. »Man muß sich mehr mit den Leuten beschäftigen.«

Timm nickte. Dann sagte er: »Denen fehlt was anderes. Es gibt keine Mädchen hier. Das müssen wir ändern. Sie werden uns sonst bockig.«

»Mädchen…«, sagte Alf peinlich berührt, »das ist ein kompliziertes Problem. Man kann da nicht so einfach…«

»Eben«, unterbrach ihn Timm, »und deshalb muß man dafür sorgen, daß sie auf irgendeine Weise wieder mal an Mädchen kommen. Ich kenne das. Es wirkt Wunder. Ich habe meine Erfahrung.«

»Es gibt noch Schnaps heute mittag«, teilte ihm Alf mit.

Timm nickte zustimmend: »Das wirkt auch Wunder.«

Hinten fragte Zado einen der Russen: »Habt ihr wenigstens schon mal ein Messer in der Hand gehabt?«

Der Russe blickte ihn mißtrauisch an und sagte dabei: »Messer, ja. Schon gehabt.«

»Zu Hause? Oder jetzt bei uns?«

»Jetzt. Und zu Hause.«

»Zu Hause?«

»Ja. Zu Hause«, der Russe nickte, »gutes Messer. Hat Miliz abgenommen. War eiserner Griff. So was man in Deutschland sagt Schlagring. Zusammen mit Messer. Kombination. Schade. Sehr gutes Messer.«

»Na also«, brummte Zado. Er spuckte geräuschvoll aus. »Dann seid ihr ja bei uns richtig. Sogar goldrichtig. Unsere Kompanie ist nämlich die Elite der Division. Und unser Haufen hier ist die Elite der Kompanie.«

»Großes Ehre«, sagte der Russe. »Sehr großes Ehre.«

»Eben!« knurrte Zado. »Ich habe mein ganzes Leben von so großes Ehre geträumt. Mein ganzes Lehen…«

Der nächste Morgen war fahl und grau. Es hatte in den frühen Tagesstunden ein wenig geschneit, aber es war nur dünner, körniger Schnee gewesen. Er hatte die Spuren der vergangenen Nacht zugedeckt, und die weiße Decke auf dem Land zwischen den Fronten schien unberührt. Stellenweise lag Stacheldraht, aber es gab große Lücken, denn es schien keinen Stacheldraht mehr in Deutschland zu geben. Der Nachschub konnte keinen auftreiben.

Die Vögel waren noch nicht wach. Sonst hörten die Soldaten sie jeden Morgen, aber heute war es noch zu früh für sie. Es waren Krähen, die sich über Nacht in das Geäst einiger bereifter Bäume hockten und am Morgen unter mißtönendem Gekrächze aufflogen, wohl um Nahrung zu suchen. Es gab Soldaten, die Angst vor diesen Krähen hatten, und manchmal schossen sie nach ihnen. Es hieß, daß sie den Leichen die Augen aushackten und überhaupt das verwesende Fleisch fraßen. Der Posten in dem Flankenloch der Stellung, die sich auf der Höhe des Dörfchens Haselgarten dahinzog, war müde. Er war einer von denen, die vor den Krähen Angst hatten. Er hieß Puhlwitz und war von Anfang an dabei. Fünf Jahre hatten ihn die Krähen nicht gestört, aber nun begann er sie zu fürchten. Er beobachtete in der farblosen Dämmerung einen Baum, der unweit seines Loches stand. Dort hockten ein halbes Dutzend, regungslos, zusammen geduckt und still.

In einer halben Stunde fangen sie an zu lärmen, dachte der Soldat. Aber bei Gott, ich knalle ihnen heute zur Begrüßung eins dazwischen, daß sie diesen Baum den ganzen Tag meiden werden wie die Pest! Schrot müßte man haben. Eine Krähe mit dem Karabiner zu schießen ist lächerlich. Da könnte man ebensogut mit dem Granatwerfer Maulwürfe bekämpfen. Mit einer Handgranate kriegt man sie nicht. Die hören sie kommen, und ehe sie detoniert, sind die aufgeflogen. Das ist nicht so wie bei den Fischen.

Himmel, was haben wir damals in Polen mit Handgranaten Fische gefangen! Aber das ist vorbei! Wer weiß, ob es überhaupt noch einmal so eine ruhige Zeit gibt, in der man Fische fangen kann. Es sieht jedenfalls nicht danach aus.

Er gähnte und schlug die Füße zusammen. Es war kalt. Er griff nach dem Karabiner und fuhr ein paarmal gedankenlos über den kalten Lauf. Sie haben noch nicht einmal für die Flanke ein Maschinengewehr, dachte er. Was soll hier werden, wenn es losgeht? Ich mit meinem Karabiner und den sechs Handgranaten, und dann die Russen! Links liegt hundert Meter niemand, und dann kommt ein Maschinengewehr von der Nachbarkompanie. Wenn die Russen hier loslegen, bleibt kein Auge trocken! Hoffentlich schicken sie dann wenigstens von hinten noch Leute. Wenn nicht, gibt’s bloß eins: Boden gewinnen! Aber die freie Fläche dahinten, bis an den Wald?

Er griff nach einer Zigarette und zündete sie an. Er trug einen Übermantel und den Kopfschützer unter dem Stahlhelm. Sie hatten ihm am Abend zwei Panzerfäuste in das Loch gebracht, und seitdem fühlte er sich darin nicht mehr wohl. Diese Panzerfäuste sind unberechenbar, dachte er: Weiß man, ob sie nicht doch losgehen, wenn man sie aus Versehen zu hart aufsetzt? Oder ob sie schon losgehen, wenn man das Visier hochklappt? Nebenan hat neulich einer eine Handgranate abgezogen, und sie ist ihm in der Hand explodiert. Aber die anderen haben gesagt, er hätte den Zünder selbst eingesetzt, und es war bestimmt einer mit der blauen Kappe für die Verzögerung. Was ist, wenn man einen blauen Zünder einsetzt, und er hat trotzdem keine Verzögerung? Sie haben die Kappe nicht mehr gefunden, da drüben, und den Mann konnten sie auch nicht fragen. Aber sie hatten dieser Tage gar keine gelben Zünder.

So geht man drauf, dachte der Soldat. Entweder so oder wenn die Russen kommen. Wir kommen hier nicht weg. Es ist unmöglich. Er stützte sich auf den Gewehrlauf und beobachtete das Niemandsland. Es rührte sich nichts. Ein Streifen Land, in dem ein paar verlorene Ausrüstungsgegenstände lagen, zerhackt von den Granatwerfern, längst zugeschneit. Dann kam die Linie der Russen. Wenn man genau hinsah, konnte man die Schneeaufwürfe an den Löchern erkennen. Die Russen hatten ihre Stellung direkt vor dem Wald angelegt. Sie können sich das leisten, dachte der Soldat, sie wissen,

daß wir hier keine Artillerie haben. Wo haben wir überhaupt welche? Er spähte zu dem Wald hinüber. Ich wollte, ich wäre so eine dreckige Krähe und könnte mich da umsehen. Was mögen sie alles dahinten stehen haben? Er blies den Rauch der Zigarette nach unten, Das Loch war eng. Wenn er sich umdrehte, stieß er an die Panzerfäuste. Bewegte er die Füße, trat er auf die Handgranaten.

Verdammt, dachte er, ein Glück, daß sie endlich diesen Staubsaugervertreter eingezogen haben, der nebenan wohnt. Die Luise ist zwar nicht gerade das, was man als eine Schönheit bezeichnet, aber weiß man denn, ob dieser Bruder nicht doch anzubändeln versucht? Daß er ein windiger Bursche war, konnte man sehen. Diese Vertreter überhaupt! Und die Luise ist schon auf eine ganze Menge Männer ’reingefallen, bevor ich kam. Weiß man, was so eine Frau anstellt, wenn man jahrelang nicht nach Hause kommt? Es wird verdammt Zeit, daß dieser Scheißkrieg zu Ende geht. Er hat lange genug gedauert, und jetzt ist sowieso nichts mehr zu gewinnen. Jetzt ist bloß noch zu verlieren.

Er legte das Gewehr auf die Brüstung und zielte gelangweilt nach den Krähen. Aber er dachte nicht daran, auf sie zu schießen. Es war Morgen, und morgens war Ruhe an der Front. Ein Schuß würde alles in Aufregung versetzen, und dann würde das Gemecker der Maschinenpistolen von drüben und das Gewehrfeuer und alles das eine halbe Stunde lang nicht abreißen. Lieber Ruhe halten, dachte er. Ruhe ist gut. Man müßte so einen Posten hinten beim Stab haben. Die wissen, was Ruhe ist. Himmel, warum ist man nicht Kraftfahrer geworden. Die Brüder haben ein Leben…

Er horchte auf. Weit hinter der Front der Russen war ein Abschuß zu hören. Er blickte schnell auf die Uhr und schüttelte den Kopf. Es war zu früh für das bißchen Feuer, das immer gegen Morgen kam. Da hörte er die Granate weit rechts heranjaulen. Er zog instinktiv den Kopf ein, und das letzte, was er wahrnahm, bevor er sich in das Loch duckte, waren die Krähen, die wie auf ein Kommando aufflogen. Die Granate schlug ein paar hundert Meter weiter rechts ins Niemandsland.