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Aber noch bevor sie detonierte, begann hinter der Front der Roten Armee ein Grollen von vielen Abschüssen, das nicht abzureißen schien. Puhlwitz lauschte mit weit aufgerissenen Augen. Er hörte die ersten Granaten herankommen. Sie lagen näher. Wenn sie detonierten, gab es einen kreischenden, metallischen Laut, wie wenn zwei Stahlplatten aneinander schlugen. Und die klare, kalte Luft verlieh diesem Laut etwas Dröhnendes. Es war wie bei einem Gewitter, wenn der Blitz mit dem Donner zusammenfällt. Puhlwitz zog den Kopf immer mehr ein. Sein Gesicht bekam einen angstvollen, ratlosen Ausdruck, denn der Soldat Puhlwitz wußte aus Erfahrung, daß diese Art Feuer nur geschossen wurde, wenn man angriff.

Er lebte noch, als die Granatwerfer in das Feuer eingriffen. Zuerst waren es die großkalibrigen, deren Geschosse gurgelnd und zischend fast senkrecht aus großer Höhe herabfielen. Und dann gab es ganz in der Nähe den ersten prasselnden Schlag eines Salvengeschützes. Da hob Puhlwitz blitzschnell den Kopf und sah hinüber zur Gegenseite. Er hatte richtig vermutet.

Auf den Brüstungen der Schützenlöcher erblickte er die Stahlhelme. In jedem Loch mindestens drei. Er zog den Kopf schnell wieder ein, denn neben seinem Loch prasselte die letzte Reihe einer Serie Salvengranaten in den Schnee. Zweiunddreißig Einschläge, dachte er. Oder sind es mehr? Der nebenan ist hin. Der muß schon mehr Glück als Verstand haben, wenn er das überlebt. Diese Granaten haben ziemlich kleine Zwischenräume. Sie fallen dicht wie Regen. Sie explodieren nur wenig über dem Boden und verspritzen eine Unmenge Splitter. Mein Gott, dachte Puhlwitz, die machen uns fertig! Wie komme ich bloß hier ’raus? Nach den Granatwerfern fiel eine Batterie Raketengeschütze ein, die größere Kaliber verschossen. Die Raketen kamen heulend heran, mit einem grausigen, erschreckenden Laut, der etwas Menschliches zu haben schien. Es war, als krepierten sie mit einem Aufschrei. Aber das Heranheulen war schlimmer als der Einschlag. Puhlwitz merkte, wie er zu schwitzen begann, und riß sich den Kopfschützer herunter. Er wagte nicht mehr, den Kopf über die Brüstung zu stecken, denn die Gegend schien unter den Einschlägen zu kochen. Das Gedröhn riß nicht mehr ab, und die Einschläge verschmolzen miteinander. Er verlor das Gefühl dafür, ob eine einzelne Granate unmittelbar auf ihn zukam.

Nach einer halben Stunde begannen die großen Geschütze zu schweigen. Nur die Werfer schossen noch. Und plötzlich hörte Puhlwitz zwischen den Abschüssen der Werfer und den Einschlägen, wie drüben Motoren anliefen. Er konnte es ganz deutlich wahrnehmen, denn es wurden viele Motoren zugleich angeworfen. Panzer! Puhlwitz war lange genug im Osten, um das herauszuhören. Einen T 34 erkennt man von weitem am Klang seines Motors und an seinem Auspuffgeräusch.

Das Feuer schwieg nicht, aber es wurde schwächer, und die schweren Waffen schossen jetzt auf Ziele, die weiter hinten, im Wald oder hinter dem Wald, liegen mußten. Hinter Puhlwitz lief jemand durch den zerwühlten Schnee und schrie langgezogen: »Paaanzer von vooorn!« Es war der Leutnant, der den Abschnitt kommandierte. Er war schmutzig, und im Gesicht hatte er eine blutige Schramme. Er lief von Loch zu Loch und schrie nach Panzerfäusten. Puhlwitz legte die beiden Panzerfäuste, die in seinem Loch waren, mit unsicheren Griffen auf die Deckung. Er warf einen Blick hinüber, und im gleichen Augenblick zog er blitzschnell den Kopf ein. Sie hatten drüben begonnen, mit den Maschinenpistolen zu schießen. Er kam ganz langsam wieder mit dem Kopf hoch, um zu sehen, was geschah. Nur seine Augen waren über der Deckung. Aber das genügte, um den ersten Panzer zu sehen, der aus dem Wald brach. Es war ein weißgestrichener, stählerner Koloß, und er walzte ein paar Bäume nieder, als er ins Freie fuhr. Die Kanone war nach vorn gekurbelt, beinahe waagerecht. Der Panzer machte einen Satz über eine verschneite Bodenwelle und fuhr schaukelnd auf die Schützenlöcher zu. Hinter ihm stiebte der Schnee, den die Ketten hochwarfen. In dem Nebel von aufgewirbeltem Schnee erkannte Puhlwitz die kleinen braunen Gestalten, die hinter dem Turm hockten. Er bekam es fertig, die Visiere der beiden Panzerfäuste ordnungsgemäß hochzuklappen. Als er aufblickte, rollte der Panzer bereits zwischen den sowjetischen Schützenlöchern, und aus dem Wald brachen die anderen hervor. Die Motoren kreischten. In das Geblubber der Auspuffrohre mischte sich das Gewehrfeuer. Dann zuckte aus der Kanone des Führungspanzers der erste lange gelblichblaue Feuerstrahl, und die Granate fauchte heran. So breit, wie sich der Wald drüben dehnte, war die Kette der Panzer. Und aus den Kanonen aller dieser Panzer zuckten im gleichen Augenblick die Mündungsflammen. Die Panzer mochten fünfzig oder sechzig Meter entfernt sein, als Puhlwitz sich aufrichtete und eine Panzerfaust abschoß. Er schoß nur die eine ab, denn als ihr Geschoß neben dem Führungspanzer in den Schnee fiel und sich ein paarmal überschlug, zuckte aus der Kanone dieses Panzers die Granate, die Puhlwitz eine halbe Sekunde später tötete.

Bindig hockte neben dem Telefonisten und hämmerte mit den Fäusten auf den Tisch, auf dem die drei Apparate standen. Er war so, wie er vom Übungsgelände weggelaufen war, in der durchnäßten Kombination, den Stahlhelm auf dem Kopf und die Maschinenpistole quer über der Brust.

Der Telefonist zündete sich mit Bedacht eine neue Zigarette an. Das Streichholz ausblasend, sagte er zu Bindig: »Schlechte Aussichten. Wenn sich ein Haufen so lange nicht meldet, ist irgendetwas faul. Du mußt dich schon gedulden, bis die Vermittlung wiederkommt…«

Es war Abend. Am Nachmittag hatte Bindig erfahren, daß vor Haselgarten ein massierter Angriff stattgefunden hatte. Kein Mensch konnte ihm sagen, wie die Lage war. Sie hatten ihre Übung abgeschlossen. Diese Nacht war der Abflug vorgesehen. Aber Bindig war mit keinem Gedanken bei dem Einsatz, der ihm bevorstand und der ganz ohne Zweifel ein Himmelfahrtskommando war. Er dachte nur noch an Anna.

»Los!« forderte er den Telefonisten ungeduldig auf, »ruf die Vermittlung noch mal. Die müssen doch wissen, was los ist!«

Der Telefonist war ein langweiliger, unlustiger Gefreiter. Er zog an seiner Zigarette und sagte: »Gleich. Aber nicht so schnell hintereinander. Die schnauzen mich sonst an. Vielleicht ist deine Frau längst evakuiert.«

»Wer soll sie wohl evakuieren!« fuhr Bindig ihn an. »Du hast vermutlich noch keinen russischen Angriff erlebt, Das Dorf liegt einen Katzensprung von der Front entfernt.«

»Lag!« sagte der Gefreite. »Schon blöd von deiner Frau, sich so nahe bei der Front hinzusetzen. Meine sitzt in Bayern. Da wissen sie überhaupt noch nicht, daß Krieg ist.«

Bindig wollte etwas sagen, aber in diesem Augenblick klingelte es in einem der Telefonkästen, und der Telefonist schob die Kopfhörer über die Ohren.

»Schwalbenschwanz«, sagte er in die Muschel, die an einem Riemen auf seiner Brust hing, »wo bleibt Siebenschläfer? Kommt? Ich küsse deine Hand, Liebling!« Er machte eine linkische Verbeugung vor dem Mädchen, das durch den Draht sprach. Dann hielt er die Hand über die Muschel und sagte zu Bindig: »Jetzt ist’s soweit. Habt ihr eigentlich eure Schokolade schon bekommen?«

Aus dem Kopfhörer kam eine ferne Stimme. Dann ein Knacken, und dann war die Stimme lauter. Der Telefonist konnte sie gut verstehen und fragte: »Siebenschläfer? Hier Schwalbenschwanz. Ich bitte Sie um Auskunft über den Angriff von heute morgen.«

Er betätigte schnell einen Knopf an einem der anderen Apparate und deutete auf ein Paar Kopfhörer, die daneben auf dem Tisch lagen. Bindig nahm sie hoch, aber er hatte den Stahlhelm auf, und das merkte er erst jetzt, als er den Bügel der Kopfhörer überstreifen wollte. Mit einer hastigen Bewegung riß er den Helm vom Kopf und warf ihn hinter sich. Dann kam die Stimme so deutlich durch den Draht, als wäre sie nur ein paar Häuser weit entfernt.